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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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35.

Den ganzen Abend war ich voll Unruhe, schloß die ganze Nacht kein Auge und wußte inmitten so vieler Bedenklichkeiten nicht, wozu ich mich entschließen sollte. Noch vor Sonnenaufgang sprang ich aus dem Bette, trat an das Fenster und betete. In schwierigen Lagen muß man sich vertrauensvoll mit Gott beraten, seine Eingebungen vernehmen und sich daran halten.

Dies tat ich und verließ nach einem langen Gebete das Fenster, verjagte die Mücken, strich mit den Händen über meine zerstochenen Backen – mein Entschluß war gefaßt: Tremerello meine Bedenken äußern, daß aus diesem Briefwechsel für ihn ein Nachteil erwachsen könne; sobald er schwankte, darauf verzichten; darauf eingehen, wenn die Befürchtungen ihn nicht abschreckten.

Ich ging so lange auf und ab, bis ich ihn singen hörte: »Mir träumt', ich wär' ein Kätzchen, und du hättst mich gestreichelt.« Tremerello brachte mir den Kaffee.

Ich teilte ihm meine Bedenken mit und sparte keine Worte, um ihm Furcht einzuflößen. Aber ich fand ihn fest entschlossen, uns zu dienen, zweien so trefflichen Herren, wie er sich ausdrückte. Diese Entschlossenheit stand mit diesem Gesicht eines furchtsamen Hasen ganz im Widerspruche und mit dem Namen Tremerello, den wir ihm gaben. Deswegen war auch ich entschieden.

»Ihr sollt meinen Wein haben,« sagte ich zu ihm; »liefert mir das zu dieser Korrespondenz nötige Papier, und verlaßt Euch darauf, wenn ich die Schlüssel klirren höre, ohne Euer Lied zu vernehmen, so werde ich immer jeden geheimen Gegenstand augenblicklich vernichten.«

»Da, hier haben Sie gleich ein Blatt; ich werde Ihnen welches bringen, solange Sie wollen, und verlasse mich gänzlich auf Ihre Vorsicht.«

Ich verbrannte mir fast den Gaumen, weil ich den Kaffee zu heiß verschlang. Tremerello ging hinaus, und ich schickte mich an zu schreiben.

Tat ich wohl daran? War mir der Entschluß, den ich faßte, wirklich von Gott eingegeben? War es nicht vielmehr ein Triumph der mir angeborenen Kühnheit oder einer mir eigentümlichen Neigung, das, was mir gefiel, zu ergreifen, anstatt mir ein schmerzliches Opfer aufzuerlegen? ein Gemisch von hochmütigem Wohlgefallen an der Achtung, welche mir der Unbekannte bezeigte, und von Furcht kleinmütig zu erscheinen, wenn ich ein kluges Schweigen einem etwas gefahrvollen Briefwechsel vorzog?

Wie waren diese Zweifel zu lösen? Ich setzte sie meinem Mitgefangenen in der Antwort offen auseinander und fügte sogar hinzu, meine Ansicht sei, wenn einer mit guten Gründen und ohne offenen Widerspruch des Gewissens zu handeln glaube, daß er dann vor einem Vergehen nicht mehr zurückschrecken dürfe. Er möge indes gleichfalls mit allem Ernste über das von uns unternommene Wagnis nachdenken und mir offen sagen, mit welchem Grade von Ruhe oder Unruhe er sich dazu entschlösse. Wenn ihm aber nach einer reiflichen Erwägung das Unternehmen zu gewagt erschiene, wollten wir es über uns gewinnen, auf den Trost zu verzichten, den wir uns aus dem Briefwechsel versprochen und uns damit begnügen, nur durch den Austausch weniger, aber unauslöschlicher Worte, welche die Bürgschaft inniger Freundschaft enthielten, miteinander bekannt geworden zu sein.

Vier Seiten schrieb ich, die von den aufrichtigsten Gefühlen erwärmt waren, deutete kurz die Veranlassung meiner Gefangenschaft an, sprach weitläufig und mit Herzlichkeit von meiner Familie und von anderen persönlichen Verhältnissen und war bemüht, ihn ganz in das Innere meiner Seele blicken zu lassen.

Am Abend ward der Brief fortgetragen. Da ich die vorige Nacht gar nicht geschlafen, so war ich sehr müde! der Schlaf ließ nicht auf sich warten, und am folgenden Morgen erwachte ich gestärkt, vergnügt und mit klopfendem Herzen bei dem süßen Gedanken, im nächsten Augenblicke vielleicht die Antwort meines Freundes zu erhalten.

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