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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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34.

Jeder Leser, der nur ein bißchen Phantasie besitzt, wird leicht begreifen, daß ein derartiges Blatt auf einen armen Gefangenen gleichsam eine elektrisierende Wirkung ausüben mußte, zumal auf einen Gefangenen, dessen Gemütsart nichts weniger als unempfindlich und dessen Herz für Liebe wohl empfänglich war. Mein erster Gedanke war, diesen Unbekannten liebzuhaben, sein Mißgeschick zu bedauern und für das Wohlwollen, das er mir bewies, dankbar zu sein. – Ja, rief ich aus, gern gehe ich auf deinen Vorschlag ein, edler Mann. Möchten meine Briefe dir ebensoviel Trost gewähren, als mir die deinigen bereiten werden, und wie ich ihn schon aus diesem ersten schöpfe!

Immer wieder las ich diesen Brief, wie ein Knabe jubelnd, hundertmal segnete ich den, der ihn geschrieben, und in jedem Ausdrucke schien mir ein aufrichtiges und edles Herz sich zu offenbaren.

Die Sonne ging unter; es war die Stunde meines Gebetes. Ach, wie empfand ich Gott! wie dankte ich ihm dafür, daß er mich immer neue Gelegenheit finden ließ, um die Kräfte meines Verstandes und meines Herzens vor Erschlaffung zu bewahren! wie lebte das Andenken an alle seine köstlichen Gaben in mir auf!

Ich stand an dem großen Fenster, die Arme hielt ich durch die Eisenstangen, die Hände hatte ich gefaltet: die Markuskirche lag unter mir, eine zahllose Menge herrenloser Tauben buhlte, flatterte, nistete auf diesem Dache von Blei; der prachtvollste Himmel wölbte sich über mir; ich beherrschte diesen ganzen Teil von Venedig, der von meinem Gefängnisse aus zu übersehen war: ein fernes Geräusch von Menschenstimmen traf sanft mein Ohr. An dieser unglückseligen, aber doch so wunderbaren Stelle unterhielt ich mich mit dem, dessen Augen allein mich sahen, ihm empfahl ich meinen Vater, meine Mutter und nacheinander alle mir teuren Personen, und mir war es, als antworte er mir: Vertraue auf meine Güte! und ich rief aus: Ja, auf deine Güte will ich vertrauen!

Gerührt, getröstet schloß ich mein Gebet, wenig bekümmert um die Stiche, welche die Mücken unterdessen keck mir beigebracht hatten.

An demselben Abende, als nach einem solchen Entzücken meine Einbildungskraft sich allmählich beruhigte, die Mückenstiche mir wieder unerträglich wurden, und das Bedürfnis, Hände und Gesicht zu umwickeln, sich mir wieder fühlbar machte, da stieg plötzlich ein gemeiner und boshafter Gedanke in meinem Kopfe auf und machte mich stutzig, ich wollte ihn verscheuchen und konnte es doch nicht.

Tremerello hatte mir einen schändlichen Verdacht gegen Zanze angedeutet: sie sollte meine Geheimnisse haben ausforschen wollen, sie, die reine Seele! die nichts von Politik wußte! die nichts davon wissen wollte!

An ihr zu zweifeln war mir unmöglich; aber fragte ich mich: habe ich dieselbe Gewißheit hinsichtlich Tremerellos? Wenn dieser Schurke das Werkzeug hinterlistiger Nachforschungen wäre? Wenn der Brief von irgendwem abgefaßt wäre, um mich zu verleiten, dem neuen Freunde wichtige Geheimnisse anzuvertrauen? Vielleicht existiert der angebliche Gefangene, der mir schreibt, nicht einmal; – vielleicht existiert er und ist ein Verräter, der sich in den Besitz meiner Geheimnisse zu setzen sucht, um durch deren Entdeckung sich selber die Freiheit zu verschaffen; – vielleicht ist er ein anständiger Mann, aber der Verräter ist Tremerello, der uns beide zugrunde richten will, um eine Verbesserung seines Gehaltes zu erlangen.

O wie häßlich, aber doch nur allzu natürlich für den, welcher im Gefängnis seufzt, überall Feindschaft und Betrug zu fürchten! Derartige Zweifel ängstigten mich und benahmen mir den Mut. Nein, in bezug auf Zanze hatte ich niemals einen Moment Zweifel hegen können! Gleichwohl, seitdem Tremerello in betreff ihrer jenes Wort hatte fallen lassen, ward ich doch von einem halben Verdachte gequält, nicht ihretwegen, sondern gegen diejenigen, welche sie hatten zu mir gehen lassen. Sollten sie ihr aus eignem Amtseifer oder auf höheren Wunsch das Geschäft übertragen haben, zu spionieren? O, wenn dies der Fall gewesen, wie schlecht waren sie bedient worden!

Aber was war mit dem Briefe des Unbekannten anzufangen? Sollte ich mich an die strengen, armseligen Ratschläge der Furcht, welche sich den Namen Klugheit beilegt, halten? den Brief an Tremerello zurückgeben und ihm sagen: Ich wünsche meinen Frieden nicht auf das Spiel zu setzen! – Und wenn nun kein Betrug dahinter steckte? Wenn der Unbekannte ein Mann wäre, der meiner Freundschaft vollkommen würdig ist, der es durchaus verdient, daß ich etwas für ihn wage, um ihm die Qualen der Einsamkeit zu mildern? Feigling! Du bist vielleicht kaum zwei Schritte von dem Tode entfernt, das Todesurteil kann von einem zum anderen Tage über dich ausgesprochen werden, und du wolltest es von dir weisen, jemandem noch einen Liebesdienst zu tun? Antworten muß ich, ich muß antworten! – Aber wenn es das Unglück wollte, daß man unseren Briefwechsel entdeckte, selbst wenn niemand mit gutem Gewissen uns ein Verbrechen daraus machen könnte, ist es nicht immerhin sicher, daß auf den armen Tremerello eine harte Züchtigung fallen würde? Reicht diese Erwägung nicht hin, es mir zur unumgänglichen Pflicht zu machen, daß ich diesen geheimen Briefwechsel unterlasse?

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