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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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32.

Nichts hienieden ist von Bestand! Zanze fing an zu kränkeln. In den ersten Tagen ihres Unwohlseins besuchte sie mich und beklagte sich über die heftigsten Kopfschmerzen. Sie sing an zu weinen, ohne mir den Grund ihrer Tränen enthüllen zu wollen. Sie stammelte nur einige Klagen gegen ihren Geliebten. »Er ist ein Bösewicht« rief sie aus, »aber Gott möge ihm verzeihen!«

So dringend ich sie auch bat, mir, wie sie früher getan, ihr Herz auszuschütten, so konnte ich doch nicht erfahren, was sie in solchem Grade betrübte.

»Ich werde morgen früh wiederkommen,« sagte sie eines Abends zu mir. Aber am folgenden Tage wurde mir der Kaffee von ihrer Mutter gebracht, dann die übrigen Tage von den Secondini, Zanze lag schwer erkrankt danieder.

Die Aufseher sagten mir zweideutige Dinge von der Liebschaft dieses Mädchens, worüber sich mir die Haare sträubten. Eine Verführung? – Aber vielleicht waren es bloß Verleumdungen. Ich gestehe, daß ich ihren Reden Glauben schenkte, und wurde tief betrübt über ein solches Unglück. Gleichwohl hegte ich daneben die stille Hoffnung, daß sie die Unwahrheit sagen möchten.

Nachdem die Krankheit über einen Monat gedauert, wurde die Ärmste aufs Land gebracht, und ich sah sie nicht wieder.

Wie sehr ich diesen Verlust beseufzte, vermag ich nicht zu beschreiben. Ach, wievielmal furchtbarer ward mir die Einsamkeit! Ach, wieviel hundertmal schrecklicher als die Trennung von ihr war mir der Gedanke, daß das gute Geschöpf unglücklich wäre! Sie hatte mich in meinem Elende mit ihrer sanften Teilnahme so sehr getröstet, und meine Teilnahme brachte ihr so wenig Nutzen! Aber gewiß wird sie überzeugt sein, daß ich sie beweinte; daß ich zu nicht geringen Opfern bereit gewesen, um ihr, wenn es möglich, doch einigen Trost darzureichen; daß ich nicht aufhören würde, sie zu segnen und für ihr Wohl zu beten!

Als Zanze noch da war, als ihre, wenn auch immer nur kurzen, Besuche die Einförmigkeit meines fortgesetzten Nachdenkens und stillen Studierens angenehm unterbrachen, wo sie ihre Ideen mit den meinen verwebte, wo sie manche sanfte Empfindung in mir zu erwecken wußte, da ward mein Ungemach in Wahrheit durch sie verschönert und mein Leben empfand ich doppelt.

Nachher aber ward das Gefängnis wieder für mich ein Grab. Viele Tage lang ward ich in einem solchen Maße von Traurigkeit niedergedrückt, daß ich nicht einmal mehr am Schreiben Freude fand, übrigens war diesmal meine Betrübnis eine sanfte, im Vergleich zu den heftigen Aufregungen, die ich früher erfahren hatte. War dies ein Zeichen, daß ich schon mehr an das Mißgeschick gewöhnt war? daß ich mehr Philosoph, mehr Christ geworden? oder wirkte bloß die erstickende Hitze meines Zimmers dahin, sogar die Gewalt meines Schmerzes niederzuhalten? Ach! nicht die Gewalt des Schmerzes! Wohl erinnere ich mich noch, daß ich ihn tief im Innersten meiner Seele empfand – und vielleicht weit tiefer, darum weil ich nicht Lust hatte, ihn durch Schreien und Toben auszulassen.

Sicher hatte mich die lange Lehrzeit zum Dulden fähiger gemacht, weil ich mich in Gottes Willen fügte: So oft hatte ich mir gesagt, »sich beklagen ist Feigheit«, daß ich zuletzt die Klagen, die eben hervorbrechen wollten, zurückzuhalten vermochte, und mich schämte, daß sie eben hatten hervorbrechen wollen.

Die Übung, meine Gedanken hinzuschreiben, hatte dazu beigetragen, meinen Mut wieder zu stärken, mich über alle Eitelkeiten zu belehren, und den größten Teil meiner Betrachtungen auf folgende Schlüsse zurückzuführen: Es gibt einen Gott: folglich eine unfehlbare Gerechtigkeit: folglich ist alles, was eintritt, zum besten Zwecke angeordnet: folglich dienen alle Leiden des Menschen auf der Erde zum Besten des Menschen.

Auch die Bekanntschaft mit Zanze war wohltätig für mich gewesen, sie hatte mein Gemüt milder gestimmt. Ihr wohltuender Beifall war für mich ein Antrieb gewesen, daß ich monatelang die einem jeden Menschen obliegende Pflicht, über das Schicksal sich zu erheben, also geduldig zu sein, nicht vergaß, und einige Monate der Beharrlichkeit führten mich zur Ergebung.

Nur zweimal sah mich Zanze in Zorn geraten. Das eine Mal habe ich schon erwähnt, es geschah wegen des schlechten Kaffees; das andere Mal war bei folgender Veranlassung: Alle zwei oder drei Wochen überbrachte mir der Gefängniswärter einen Brief von den Meinigen, jeder dieser Briefe war erst durch die Hände der Kommission gegangen und durch Striche mit der schwärzesten Tinte unbarmherzig verstümmelt. Eines Tages traf sich's, daß sie, anstatt bloß einige Stellen auszustreichen, den abscheulichen Strich über den ganzen Inhalt des Briefes gezogen hatten, so daß nur die Worte übrigblieben: »Liebster Silvio,« welche zu Anfang standen, und der Gruß zum Schluß: »Wir umarmen dich alle von Herzen.«

Ich war darüber so wütend, daß ich in Zanzes Gegenwart in ein Geschrei ausbrach, und ich weiß nicht wen alles verwünschte. Das arme Mädchen bedauerte mich, zu gleicher Zeit schalt sie mich aus, weil ich meinen Grundsätzen untreu würde. Ich sah ein, daß sie recht hatte, und verfluchte niemand mehr.

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