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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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30.

Diese Blätter würden ohne Zweifel anziehender sein, wenn Zanze in mich verliebt gewesen wäre, oder wenn ich wenigstens für sie geschwärmt hätte. Mir jedoch galt diese Art einfachen Wohlwollens, das uns verband, höher als die Liebe. Und wenn ich bisweilen besorgte, daß es in meinem törichten Herzen sich ändern könnte, war ich ernstlich darüber betrübt.

Einmal befürchtete ich, dieser Fall wäre eingetreten; es machte mich trostlos, daß ich sie – durch welchen Zauber wußte ich nicht – hundertmal schöner fand, als sie mir zu Anfang vorgekommen; voll Überraschung wegen der Schwermut, die ich bisweilen, von ihr ferne, empfand, und über die Freude, die mir ihre Gegenwart bereitete, nahm ich mir vor, zwei Tage lang den Mürrischen zu spielen, indem ich meinte, sie sollte sich die mit mir eingegangene Vertraulichkeit etwas abgewöhnen. Dies Mittel half wenig: das Mädchen war so geduldig, so mitleidig! Sie stützte ihren Ellbogen auf das Fenster und blickte mich schweigend an. Dann sagte sie zu mir: »Mein Herr, mir scheint es, als belästige ich Sie durch meine Gesellschaft; dennoch würde ich, wenn ich könnte, den ganzen Tag hierbleiben, gerade weil ich sehe, daß Sie der Zerstreuung bedürfen. Diese üble Laune ist die natürliche Folge der Einsamkeit. Aber versuchen Sie etwas zu schwatzen, und die schlechte Laune wird vergehen. Und wenn Sie nicht schwatzen wollen, so will ich es tun.«

»Von deinem Liebhaber, nicht?«

»Nicht doch! nicht immer von ihm; ich kann auch von anderen Dingen reden.« Und in der Tat fing sie an, von ihren kleinen häuslichen Angelegenheiten zu erzählen, von der Härte ihrer Mutter, von der Gutmütigkeit ihres Vaters, von den dummen Streichen ihrer Brüder; und ihre Erzählungen waren schlicht und anmutig. Aber ohne dessen gewahr zu werden, kam sie dann auf das Lieblingsthema, ihre unglückliche Liebe, zurück.

Ich ließ nicht ab, den Mürrischen zu spielen, weil ich hoffte, daß sie dadurch aufgebracht würde. Sie dagegen, sei es nun aus Unachtsamkeit oder Verstellung, tat so, als ob sie es nicht beachtete, und so blieb mir schließlich nichts übrig als wieder heiter zu werden, zu lächeln, mich rühren zu lassen und ihr für ihre sanfte Geduld mit mir zu danken.

Die undankbare Absicht, sie aufgebracht zu machen, gab ich auf, und allmählich beruhigten sich meine Befürchtungen. Denn wahrhaftig, ich war nicht in sie verliebt. Lange prüfte ich meine Bedenken; ich schrieb meine Betrachtungen über diesen Gegenstand nieder, und das Nachdenken darüber nützte mir sehr.

Bisweilen läßt der Mensch sich durch leere Schreckbilder einschüchtern. Um sie zuletzt nicht mehr zu fürchten, muß er sie mit größerer Aufmerksamkeit und aus größerer Nähe betrachten.

Und was lag denn Strafbares darin, wenn ich mit zärtlicher Ungeduld mich nach ihrem Besuche sehnte, wenn ich eine große Annehmlichkeit darin fand, wenn ich erfreut war, Mitleid bei ihr zu finden, ihre Teilnahme mit Teilnahme zu vergelten, da ja unsere Gefühle gegeneinander rein waren, wie die reinsten Gefühle der Kindheit, da selbst ihre Händedrücke und ihre zärtlichen Blicke, auch wenn sie mich verwirrten, mich doch mit heilsamer Ehrfurcht erfüllten?

Eines Abends schüttete sie über einen großen Verdruß, der ihr zugestoßen, gegen mich ihr Herz aus, dabei umschlang die Unglückliche meinen Hals mit ihren Armen und überschüttete mein Gesicht mit ihren Tränen. In dieser Umarmung lag auch nicht der geringste unlautere Gedanke. Eine Tochter kann ihren Vater nicht mit mehr Ehrfurcht umarmen.

Nur nachdem es geschehen, blieb meine Einbildungskraft zu sehr davon ergriffen. Diese Umarmung fiel mir oft wieder ein, und dann konnte ich an nichts anderes mehr denken.

Als sie sich ein andermal einem ähnlichen Ausbruch ihrer kindlichen Vertraulichkeit hingab, entzog ich mich rasch ihren teuren Armen, ohne sie an mich zu drücken, ohne sie zu küssen, und sagte stotternd: »Ich bitte dich, Zanze, umarme mich nicht wieder; das geht nicht an.«

Sie blickte mir fest ins Gesicht, schlug darauf die Augen nieder, errötete; – und gewiß war dies das erstemal, wo sie in meiner Seele die Möglichkeit las, daß ich eine Schwachheit in Rücksicht auf sie begehen könnte. Ihre Vertraulichkeit gegen mich ward zwar von jener Zeit an nicht geringer, aber doch zeigte sie sich etwas zurückhaltender; dies entsprach meinem eignen Wunsche mehr, und ich war ihr dafür dankbar.

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