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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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2.

Vor drei Monaten hatte ich einen Besuch in Turin gemacht; hatte nach mehreren Jahren der Trennung meine teuren Eltern wiedergesehen, einen meiner Brüder und meine beiden Schwestern. Stets hatte in unserer Familie eine so große gegenseitige Liebe gewaltet! Keinen von den Söhnen aber hatten Vater und Mutter mit so vielen Wohltaten überhäuft als mich! Als ich die ehrwürdigen Eltern wiedersah, ach, wie sehr war ich bewegt, da sie sichtlich weit mehr gealtert hatten, als ich mir vorgestellt! Wie gern hätte ich sie damals nie wieder verlassen, wie gern ganz mich ihnen widmen mögen, um ihnen durch meine Fürsorge die Lasten des Alters zu erleichtern! Wie betrübte es mich, daß während der wenigen Tage, die ich zu Turin verweilte, etliche Geschäfte mich aus dem elterlichen Hause fortzogen, und daß ich einen nur so kleinen Teil meiner Zeit meinen geliebten Verwandten schenken konnte! Mit schmerzlicher Bitterkeit hatte die arme Mutter gesagt: »Ach, unser Silvio ist nicht unsertwegen nach Turin gekommen!« Den Morgen, als ich wieder nach Mailand abreiste, war der Abschied höchst schmerzlich gewesen. Mein Vater stieg mit in den Wagen und begleitete mich eine Meile weit; dann kehrte er ganz allein zurück. Ich wendete mich um, ihm nachzusehen, ich weinte und drückte auf einen Ring, den mir die Mutter geschenkt, einen Kuß; noch nie fühlte ich mich so beklommen, wenn ich von meinen Eltern Abschied nahm. Obwohl nicht an Ahnungen glaubend, erschrak ich doch, daß ich meinen Schmerz nicht bewältigen konnte, und war gezwungen, es ängstlich auszusprechen: Woher nur diese ungewöhnliche Unruhe? Es war mir eben, als sähe ich ein schweres Unglück voraus.

Jetzt, im Gefängnisse, fiel mir diese Beklommenheit, diese Angst wieder ein; ich gedachte aller einzelnen Worte, die ich vor drei Monaten von meinen Eltern gehört. Die Klage meiner Mutter: »Ach, unser Silvio ist nicht unsertwegen nach Turin gekommen!« fiel mir wie eine Zentnerlast auf die Seele. Ich machte mir Vorwürfe, daß ich mich nicht tausendmal zärtlicher gegen sie bewiesen hatte. – So sehr liebe ich sie, und daß ich ihnen dies nur so matt geäußert habe! Nie sollte ich sie mehr wiedersehen, und habe mich so wenig an ihrem teuren Anblicke gesättigt! so karg war ich mit den Beweisen meiner Liebe! – Diese Gedanken zerrissen mir das Herz. Ich schloß das Fenster, ging eine Stunde auf und ab, ich glaubte, die ganze Nacht keine Ruhe haben zu können. Ich legte mich auf das Bett und schlief vor Ermattung ein.

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