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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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28.

Diesem Heftchen gehörten ebenfalls einige meiner Stunden an, manchmal widmete ich ihm auch einen ganzen Tag oder eine ganze Nacht. Darauf wurden schönwissenschaftliche Sachen geschrieben. Damals verfaßte ich die Esther von Engaddi, die Iginia von Asti, und die Gedichte, welche überschrieben sind: Tancreda, Rosilde, Eligi und Valafrida, Adello; ferner machte ich etliche Entwürfe zu Trauerspielen und anderen Dichtungen, hierzu gehört zum Beispiel der Plan zu einem Gedichte auf die lombardische Liga und zu einem anderen auf Christoph Kolumbus.

Wenn aber das eine Heftchen zu Ende war, dann ging es nicht so leicht und schnell, ein neues zu erhalten, deshalb machte ich den ersten Entwurf jeder Dichtung zuerst auf dem Tische oder auf dem schlechten Papier, in dem ich mir getrocknete Feigen oder andere Früchte bringen ließ. Manchmal gab ich auch einem der Secondini mein Mittagessen, indem ich ihm vorredete, daß ich keinen Hunger hätte; dadurch bewog ich ihn dann, mir ein Blatt Papier zu schenken. Das fand jedoch nur in bestimmten Fällen statt, wenn der Tisch voll geschrieben war und ich mich noch nicht entschließen konnte, das darauf Stehende abzukratzen. Dann litt ich Hunger, und obwohl der Gefängniswärter Geld für mich in Verwahrung hatte, so verlangte ich doch den ganzen Tag nichts zu essen, damit er einesteils nicht auf den Verdacht käme, daß ich mein Mittagessen weggegeben, und damit der Secondino auf der anderen Seite nicht bemerkte, daß ich ihn belogen, wenn ich ihn versicherte, keinen Appetit zu haben. Abends half ich mir mit einem starken Kaffee auf und bat ausdrücklich, daß ihn Fräulein Zanze kochen möchte. Dies war nämlich die Tochter des Gefängniswärters, und diese kochte ihn dann gewöhnlich, wenn sie ihn ohne Beisein der Mutter bereiten konnte, außerordentlich stark, so daß er mir bei der Leere meines Magens eine Art schmerzlosen Kampfes verursachte, der mich die ganze Nacht wach erhielt.

In diesem Zustande eines milden Rausches fühlte ich meine Geisteskräfte sich verdoppeln, ich dichtete, philosophierte und betete bis Tagesanbruch mit wunderbarem Vergnügen. Dann befiel mich plötzliche Müdigkeit: ich warf mich aufs Bett und genoß trotz der Mücken, die sich durch keine Einhüllung meines Körpers hindern ließen, mir das Blut auszusaugen, ein oder zwei Stunden eines recht tiefen Schlafes.

Solche Nächte, welche ich infolge des bei leerem Magen genossenen Kaffees aufgeregt und in so süßer Begeisterung verbrachte, erschienen mir zu angenehm, als daß ich sie mir nicht öfter hätte verschaffen sollen. Deswegen entschloß ich mich, auch ohne daß ich Papier von dem Aufseher gebraucht hätte, nicht selten, nicht einen Bissen zu Mittag zu kosten, um mir für den Abend die erwünschte Bezauberung des magischen Trankes zu verschaffen. Glücklich war ich, wenn ich mein Ziel erreichte. Mehr als einmal aber traf es sich, daß der Kaffee nicht von der mitleidigen Zanze gekocht war, dann war er eine dünne Brühe ohne Wirkung. Der Streich verursachte mir alsdann ein wenig üble Laune. Statt in Verzückung zu geraten, wurde ich matt, gähnte, fühlte den Hunger, warf mich auf das Bett und konnte nicht schlafen.

Wenn ich mich dann bei Zanze darüber beschwerte, bedauerte sie mich. Als ich sie eines Tages deswegen heftig anfuhr, als wenn ich von ihr hintergangen worden sei, sagte mir die Ärmste unter Tränen: »Ach mein Herr, noch nie habe ich jemand betrogen, und doch werfen mir alle Falschheit vor.«

»Alle? O, da kann man sehen, daß ich nicht der einzige bin, der sich über diese Brühe ärgert.«

»Das meine ich nicht, mein Herr. Ach, wenn Sie wüßten! ... Wenn ich Ihnen mein Herz ausschütten dürfte! ...«

»Aber weine doch nur nicht so! Was zum Henker hast du? Ich bitte dich um Verzeihung, wenn ich dich ungerecht gescholten habe. Gern will ich glauben, daß du nicht daran schuld bist, wenn der Kaffee schlecht war.«

»Ach, deshalb weine ich gar nicht, mein Herr.«

Meine Eigenliebe blieb dadurch etwas verletzt, aber ich mußte doch lächeln.

»Du weinst also nicht wegen meiner Heftigkeit, sondern aus einem anderen Grunde?«

»Ja, ganz wahrhaftig.«

»Wer hat dir denn Falschheit vorgeworfen?«

»Mein Geliebter.« Dabei ward sie über das ganze Gesicht rot. Und in ihrer offenherzigen Zutraulichkeit erzählte sie eine traurig ernste Idylle, die mich rührte.

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