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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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27.

Wird es dem Menschen wirklich so schwer, sich aufrichtig zu demütigen? sich als Sünder zu erkennen? Ist es nicht wahr, daß wir im allgemeinen die Jugend in Eitelkeiten leichtsinnig verbringen und anstatt alle Kräfte anzuwenden, auf der Bahn des Guten fortzuschreiten, einen großen Teil derselben dazu verbrauchen, um uns herabzuwürdigen? Es mag Ausnahmen geben: aber ich bekenne, daß sie meine unbedeutende Person nicht betreffen. Auch sehe ich kein Verdienst darin, mit mir unzufrieden zu sein: wenn man aber bemerkt, daß eine Lampe mehr Rauch als Licht von sich gibt, dann bedarf es keiner großen Aufmerksamkeit, um zu sagen, sie brennt nicht wie sie sollte.

Jawohl, ohne mich selbst herabzusetzen und ohne voller Bedenklichkeiten wie ein Betbruder zu sein, so oft ich mich mit aller möglichen Geistesruhe prüfte, ward ich doch gewahr, daß ich die Züchtigungen Gottes verdient hatte. Eine innere Stimme sagte mir: diese Züchtigungen hast du, wenn auch nicht durch diesen, so doch durch jenen Fehltritt verschuldet; möchten sie dazu dienen, dich zu dem zurückzuführen, der vollkommen ist, und dem alle Sterblichen, soweit es in ihren beschränkten Kräften steht, nachzuahmen berufen sind. Während ich genötigt war, mich selbst wegen tausendfacher Untreue gegen Gott zu verdammen, mit welchem Rechte hätte ich mich zu beklagen, wenn einige Menschen mir gemein und andere ungerecht erschienen, wenn die Glücksgüter dieser Welt mir entrissen waren, wenn ich im Kerker verschmachten oder eines gewaltsamen Todes sterben mußte?

Ich bemühte mich, meinem Herzen diese gerechten und tief empfundenen Ergebnisse meiner Betrachtungen einzuprägen; und nachdem dies geschehen, sah ich ein, daß die notwendige Konsequenz für mich sein müsse, mein Leben nach ihnen einzurichten, und daß dies auf keine andere Weise geschehen könne, als indem ich die gerechten Gerichte Gottes priese, sie liebgewänne und in mir jeden Willen, der ihnen widerstrebte, unterdrückte.

Um mich in diesem Vorsatze noch mehr zu befestigen, kam ich auf den Gedanken, von jetzt an alle meine Erkenntnisse und Einsichten mit Sorgfalt schriftlich zu entwickeln. Dabei war nur der Übelstand, daß die Kommission mir zwar erlaubte, Schreibzeug und Papier zu haben, daß sie mir aber die einzelnen Blätter zuzählte, mit dem ausdrücklichen Verbote, eins davon zu zerreißen, und mit dem Vorbehalte, prüfen zu dürfen, wozu ich sie verbraucht hätte. Um diesem Mangel an Papier abzuhelfen, nahm ich zu dem unschuldigen Kunstgriffe meine Zuflucht, daß ich meinen unpolierten, rauhen Tisch mit einem Glasscherben glättete, darauf schrieb ich dann jeden Tag weitläufige Betrachtungen über die Pflichten der Menschen und insbesondere über die meinigen nieder.

Die Stunden, welche ich auf diese Weise verwendete, waren – das kann ich, ohne zu übertreiben, sagen – für mich bisweilen ganz köstliche, trotz der Beschwerlichkeit, welche mir die ungeheure Hitze beim Atemholen verursachte, und trotz der äußerst schmerzlichen Mückenstiche. Um diesen letzteren so viel als möglich zu entgehen, war ich ungeachtet der großen Hitze genötigt, Kopf und Füße gut zu verwahren, und nicht allein mit Handschuhen zu schreiben, sondern auch mit Binden um die Gelenke, damit die Mücken nicht in die Ärmel eindrängen.

Meine Betrachtungen aber hatten einen mehr biographischen Charakter. Ich entwarf eine Beschreibung von all dem Guten und Bösen, das sich von meiner Kindheit an in mir ausgebildet, dabei ging ich ernstlich mit mir selbst zu Rate, bestrebte mich, jeden Zweifel zu lösen, und entwickelte alle meine Kenntnisse, alle meine Vorstellungen von jeglicher Sache so gut als möglich in einer bestimmten Ordnung.

Wenn dann die ganze hierzu brauchbare Oberfläche des Tisches vollgeschrieben war, las ich das Geschriebene wiederholt durch, überlegte das schon Durchdachte von neuem und entschloß mich zuletzt (oftmals nicht ohne Verdruß), alles mit dem Scherben wieder abzuschaben, damit die Tischfläche aufs neue geeignet wäre, meine Gedanken aufzunehmen.

Alsdann setzte ich meine Lebensgeschichte fort, die stets durch Abschweifungen jeder Art, durch Erörterungen bald über diesen, bald über jenen Punkt der Metaphysik, der Moral, der Politik, Religion durchsetzt war: und wenn dann alles voll war, las ich dasselbe wieder mehrmals durch, dann wurde es weggekratzt.

Da ich durch nichts darin gestört zu werden wünschte, daß ich mir selber alle meine Erlebnisse, die mir in Erinnerung waren, und meine Ansichten mit aufrichtigster Treue vorhielt, und da doch auch möglicherweise ein Inspektionsbesuch stattfinden konnte, so schrieb ich alles in einer Art von Chiffernschrift, das heißt mit Versetzung der Buchstaben und mit Abkürzungen, an die ich mich sehr gewöhnt hatte. Doch trat niemals ein solcher Besuch für mich ein, und kein Mensch ward gewahr, daß ich meine trübselige Zeit so angenehm verbrachte. Sobald ich den Kerkermeister oder sonst jemand die Tür öffnen hörte, deckte ich das Tischtuch über den Tisch, setzte das Schreibzeug darauf und legte das gesetzlich erlaubte Heftchen Papier daneben.

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