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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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26.

Als ich diese Kämpfe überstanden und nun von mir glaubte, daß ich von neuem in der Gewohnheit fest geworden sei, in all meinem Wollen mir die Ehre Gottes zur Richtschnur zu nehmen, da kostete ich eine Zeitlang den süßesten Frieden. Die Verhöre, denen ich alle zwei oder drei Tage durch die Kommission unterworfen wurde, verursachten mir, so peinigend sie waren, doch keine dauernde Unruhe mehr. Ich war in dieser schwierigen Lage nur darauf bedacht, den Pflichten der Ehre und Freundschaft treu zu bleiben, und pflegte dann zu sagen: Das übrige möge Gott tun!

Ich fing an, jenes Geschäft wieder pünktlich zu üben, daß ich mich täglich auf jede Überraschung, jede Erschütterung, jedes Unheil vorbereitete, und diese Übung kam mir aufs neue gar sehr zu statten.

Meine Einsamkeit nahm indessen mehr und mehr zu. Die beiden Knaben des Kerkermeisters, welche mir anfangs hin und wieder Gesellschaft geleistet, wurden in die Schule geschickt, und da sie jetzt nur wenig zu Hause waren, kamen sie nicht mehr zu mir. Die Mutter und die Schwester waren, wenn die Knaben sie begleiteten, manchmal ebenfalls länger geblieben, um mit mir zu plaudern, jetzt aber ließen auch diese sich nur sehen, um mir den Kaffee zu bringen, darauf entfernten sie sich schnell wieder. Was die Mutter angeht, so bedauerte ich dies wenig, weil sie nur geringe Teilnahme für andere zeigte. Aber die Tochter hatte doch, obwohl sie häßlich war, in ihren Mienen und Worten eine gewisse Sanftmut, die auf mich eine angenehme Wirkung ausübte. So oft sie mir den Kaffee brachte und dabei sagte: Ich habe ihn gekocht, dann kam er mir immer vortrefflich vor; sagte sie aber: die Mutter hat ihn gekocht, so war er wie warmes Wasser.

Da ich nun menschliche Wesen so selten zu sehen bekam, so widmete ich einigen Ameisen, die auf mein Fenster kamen, meine Sorgfalt, ich fütterte sie verschwenderisch; diese holten dann ein ganzes Heer von Genossen herbei; und bald wimmelte das Fenster von diesen Tierchen. Ebenso wandte ich meine Pflege einer schönen Spinne zu, welche die eine meiner Wände mit Geweben überzog. Diese fütterte ich mit Fliegen und Mücken, und so vertraut ward sie gegen mich, daß sie auf mein Bett und meine Hand kam, um die Beute aus meinen Fingern in Empfang zu nehmen.

Wären dies nur die einzigen Insekten gewesen, die mich besuchten! Das Frühjahr war noch nicht vorüber, und schon vermehrten sich die Mücken, ich kann geradezu sagen, auf eine gräßliche Weise. Der Winter war außerordentlich gelinde gewesen, und nachdem kurze Zeit im März der Wind geweht, trat die Hitze ein. Es ist gar nicht zu beschreiben, welch furchtbare Glut die Luft in der Höhle, die ich bewohnte, annahm. Diese lag direkt gegen Mittag, unter einem Bleidache, mit dem Fenster auf das ebenfalls mit Blei gedeckte Dach der Markuskirche sehend, von dem die Sonnenstrahlen fürchterlich zurückprallten; fast glaubte ich ersticken zu müssen. Von einer so drückenden Hitze hatte ich nie eine Vorstellung gehabt. Zu dieser Marter gesellten sich die Mücken in einer so zahllosen Menge, daß ich davon bedeckt war, so sehr ich mich auch bewegte und davon zu befreien suchte: Bett, Tisch, Stuhl, Fußboden, Wände, Decke, alles war damit bedeckt, und der umgebende Luftkreis enthielt noch unzählige andere, die beständig durch das Fenster hinaus und herein zogen und ein höllisches Gesumme anstimmten. Die Stiche dieser Tiere sind schmerzhaft, und wenn man dieselben vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen auszustehen hat und dazu die dauernde Anstrengung, Mittel zu erdenken, wie man ihre Zahl vermindere, dann leidet man in der Tat körperlich und geistig furchtbar.

Da als ich diese schreckliche Plage in ihrer ganzen Furchtbarkeit kennen lernte und es dennoch nicht erlangen konnte, daß ich ein anderes Gefängnis erhielt, da trat wohl die Versuchung an mich heran, mir das Leben zu nehmen; manchmal sogar fürchtete ich, verrückt zu werden. Aber Gott sei gedankt, diese Anfälle waren nur von kurzer Dauer, und die Religion erhielt mich auch hier aufrecht. Sie überzeugte mich, daß der Mensch dulden und standhaft dulden muß; sie ließ mich eine gewisse Lust im Schmerze empfinden, das Wohlgefallen darüber, nicht zu unterliegen, alles zu überwinden.

Ich sagte: Je schmerzvoller mein Leben sich gestaltet, desto weniger werde ich erschrecken, wenn ich mich, obwohl noch in jungen Jahren, zum Tode verurteilt sehen werde. Ohne diese vorangehenden Martern würde ich vielleicht feige gestorben sein. Und ferner: Besitze ich Tugenden von der Art, daß ich Glückseligkeit verdiene? Wo sind sie?

Dann fand ich nach einer strengen und gerechten Prüfung in den von mir durchlebten Jahren nur wenige einigermaßen lobenswerte Züge; alles übrige waren törichte Leidenschaften, Abgöttereien, hochmütige und falsche Tugend. – Wohlan denn, schloß ich, dulde, Unwürdiger! Wenn die Menschen und die Mücken dich auch aus Wut und gegen das Recht umbringen sollten, so erkenne in ihnen Werkzeuge der göttlichen Gerechtigkeit und schweige!

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