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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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20.

Diese Geschichte erzählte er mit einem überraschenden Anschein von Wahrheit. Obwohl ich ihm nicht glauben konnte, so bewunderte ich ihn doch. Alle Ereignisse der französischen Revolution waren ihm genau bekannt; er erzählte davon mit vieler natürlichen Beredsamkeit und wußte bei jeder Gelegenheit die merkwürdigsten Anekdoten zu berichten. In seiner Art zu sprechen lag etwas Militärisches, aber ohne daß ihm jene Eleganz, welche der Verkehr in seiner Gesellschaft zu verleihen pflegt, abging.

»Sie werden mir gestatten,« sagte ich zu ihm, »daß ich Sie ohne Umstände behandle, daß ich Ihnen keinen Titel beilege.«

»Das ist gerade, was ich wünsche,« versetzte er. »Aus meinem Mißgeschick habe ich wenigstens den einen Gewinn für mich gezogen, daß ich über alle Eitelkeiten zu lächeln vermag. Ich versichere Sie, daß ich weit mehr Wert darauf lege, ein Mensch als ein König zu sein.«

Morgens und abends unterhielten wir uns lange, und abgesehen von dem, was ich für Komödie an ihm hielt, schien er mir ein gutes, reines, nach jedem sittlichen Gute verlangendes Herz zu haben. Mehrmals war ich nahe daran, ihm zu sagen: Verzeihen Sie, zwar möchte ich gern glauben, daß Sie Ludwig XVII. wären, doch muß ich Ihnen aufrichtig gestehen, daß die Überzeugung vom Gegenteile in mir vorherrscht: bekennen Sie es offen und verzichten Sie auf diese Einbildung. – Schon überdachte ich mir im stillen eine hübsche Predigt, die ich ihm über die Nichtigkeit einer jeden, auch der anscheinend unschädlichsten Lüge halten wollte.

Ich verschob es von einem Tage zum andern; ich wartete immer, unsere Vertraulichkeit sollte erst einen noch höheren Grad erreichen, aber niemals hatte ich den Mut, mein Vorhaben auszuführen.

Wenn ich mir über diesen Mangel an Mut Rechenschaft ablege, so entschuldige ich ihn manchmal als eine unerläßliche Höflichkeit, als eine wohlgemeinte Scheu, andere zu kränken, und was weiß ich sonst noch. Aber diese Entschuldigungen stellen mich nicht zufrieden, und ich kann nicht verhehlen, es würde mir eine größere Beruhigung sein, wenn mir diese durchdachte Predigt nicht im Halse steckengeblieben wäre. Sich zu stellen, als schenke man einem Betruge Glauben, ist Kleinmütigkeit: es will mir vorkommen, als würde ich es nicht wieder tun.

Jawohl, Kleinmut! So sehr man sich auch in einen Wust umschreibender Höflichkeitsformeln hüllen mag, sicher ist es hart, jemandem zu sagen: »Ich glaube Ihnen nicht.« Er wird aufgebracht werden, wir werden das Vergnügen des freundschaftlichen Verkehrs mit ihm verlieren, vielleicht wird er uns sogar mit Beleidigungen überhäufen. Allein jeglicher Verlust ist ehrenvoller als zu lügen. Und wer weiß, ob der Unglückliche, der uns mit Beleidigungen überhäuft, wenn er gesehen, daß man seine Betrügereien nicht als Wahrheit hinnimmt, nicht nachher im stillen unsere Aufrichtigkeit bewundert, und ob dieselbe ihn nicht vielleicht zu Betrachtungen veranlassen möchte, die ihn auf den besseren Weg zurückführten.

Die Secondini waren geneigt zu glauben, daß er wirklich Ludwig XVII. wäre, und da sie schon die verschiedensten Schicksalswechsel erlebt hatten, so verzweifelten sie nicht daran, daß diesem Manne beschieden sei, eines Tages den Thron Frankreichs zu besteigen, und daß er sich dann ihrer untertänigsten Dienste erinnern würde. Dies eine ausgenommen, daß sie seine Flucht nicht begünstigten, behandelten sie ihn mit aller Rücksicht, die er wünschte.

Diesem Umstande verdankte ich die Ehre, die hohe Persönlichkeit sehen zu dürfen. Er war von kleiner Statur, vierzig bis fünfzig Jahre alt, etwas beleibt, auch hatte er die den Bourbons eigentümliche Physiognomie. Wahrscheinlich hatte ihn eine zufällige Ähnlichkeit mit den Bourbons auf den Gedanken gebracht, diese traurige Rolle zu spielen.

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