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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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18.

Es lag nicht viel Böswilligkeit darin, wenn ich mich über die Abscheulichkeit meiner Zelle beklagte, in die man mich gebracht hatte. Zum Glück stand eine bessere leer, und man bereitete mir die angenehme Überraschung mir dieselbe zu geben. Hatte ich nicht allen Grund, bei einer solchen Ankündigung höchst zufrieden zu sein? Und doch – um es offen zu sagen, nicht ohne Verdruß konnte ich an Magdalenen denken. Welche Kinderei! sich immer in etwas verlieben zu müssen! und noch dazu aus Beweggründen, welche wahrhaftig nicht allzu stark sind! Im Begriffe, diese elende Kammer zu verlassen, ließ ich noch einmal meinen Blick auf die Wand fallen, an die ich mich so oft gelehnt hatte, während drüben, vielleicht nur eine Spanne weit von mir, die arme Sünderin sich an die entgegengesetzte Seite lehnte. So gern hätte ich noch einmal die zwei rührenden Verse gehört:

Wer bringt das verlorne Glück
Der Verstoßenen zurück?

Eitler Wunsch! Das war wieder eine Trennung mehr in meinem unheilvollen Leben. Ich will mich nicht lange dabei aufhalten, um nicht wieder Lachen über mich zu erregen; aber ein Heuchler würde ich sein, wollte ich nicht eingestehen, daß ich mehrere Tage darüber betrübt war.

Als ich fortging, grüßte ich zwei von den armen Räubern, welche am Fenster waren, meine Nachbarn. Der Hauptmann war nicht da, aber auf den Ruf seiner Gefährten lief er herbei, und auch er erwiderte meinen Gruß. Dann begann er das Liedchen zu trällern: Wer bringt das verlorne Glück usw. Sollte das ein Spott gegen mich sein? – Ich wette, wenn ich diese Frage fünfzig Personen vorlegte, neunundvierzig davon würden darauf antworten: Ganz gewiß. Trotz einer solchen Stimmenmehrheit bin ich dennoch geneigt, anzunehmen, daß der gute Räuber mir eine Höflichkeit zu bezeigen meinte. Wenigstens nahm ich es als eine solche an und warf ihm noch einen Blick des Dankes zu; und er streckte den Arm durch die Eisen vor dem Fenster, schwenkte die Mütze mir noch zum Gruße, worauf ich mich umwandte und die Treppe hinabstieg.

Als ich auf den Hof trat, hatte ich einen Trost: der Taubstumme stand unter dem Säulengange. Er sah mich, erkannte mich wieder und wollte mir entgegenlaufen. Das Weib des Kerkermeisters faßte ihn – wer weiß warum? – beim Kragen und trieb ihn ins Haus. Es verdroß mich, ihn nicht umarmen zu können, aber die kleinen Sprünge, die er machte, um auf mich zuzulaufen, machten einen wohltuenden Eindruck auf mich. Es ist so süß geliebt zu sein!

Es war ein Tag voll wichtiger Erlebnisse. Zwei Schritte weiter von jener Stelle kam ich an dem Fenster meines früheren Zimmers vorbei, in dem sich jetzt Gioja befand. »Guten Tag, Melchior!« rief ich im Vorübergehen. Er erhob das Haupt, wandte sich nach mir und rief: »Guten Tag, Silvio!«

Ach es war mir nicht vergönnt, nur einen Augenblick stillzustehen. Ich trat unter das hohe Tor, stieg eine Treppe hinauf und ward in ein reinliches Zimmer gebracht, gerade über dem von Gioja.

Nachdem mein Bett hereingeschafft worden und die Aufseher mich allein gelassen, war mein erstes Geschäft, die Mauern zu besichtigen. Denksprüche waren darauf eingeschrieben, welche mit Bleifeder, andere mit Kohle, wieder andere mit einem spitzen Gegenstande eingekratzt. Hübsch fand ich zwei französische Strophen und bedaure jetzt, sie nicht auswendig gelernt zu haben. Darunter stand: Der Herzog von der Normandie. Ich fing an, dieselben zu singen, indem ich sie, so gut es anging, der Melodie meiner armen Magdalena anpaßte; da plötzlich sang ganz in der Nähe eine Stimme sie nach einer anderen Weise. Als das Lied zu Ende war, rief ich: »Bravo!« Jener grüßte mich höflich und fragte, ob ich ein Franzose wäre.

»Nein, ich bin ein Italiener und heiße Silvio Pellico.«

»Der Verfasser der Francesca da Rimini?«

»Derselbe.«

Hier äußerte er einige Höflichkeiten und natürlich sein Bedauern, daß ich im Gefängnis wäre.

Dann fragte er mich, aus welcher Gegend Italiens ich gebürtig sei.

»Aus Piemont,« entgegnete ich; »ich bin in Saluzzo geboren.«

Wieder einige Artigkeiten über Charakter und Geist der Bewohner Piemonts, besondere Erwähnung verdienter Männer aus Saluzzo, namentlich Bodonis.

Diese wenigen Lobsprüche geschahen mit einer Feinheit, wie sie nur ein Mann von guter Erziehung ausdrücken kann.

»Nun, mein Herr,« fuhr ich fort, »sei es mir erlaubt, zu fragen, wer Sie sind.«

»Sie haben eins meiner Liedchen gesungen.«

»Die beiden schönen Strophen, welche an der Wand stehen, sind von Ihnen?«

»Ja, mein Herr.«

»Sie sind also ...«

»Der unglückliche Herzog von der Normandie.«

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