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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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16.

Es verflossen einige Tage, die Stimmung meines Gemüts blieb dieselbe, das heißt, eine sanfte Wehmut durchdrang dasselbe und erfüllte mich mit Frieden und mit religiösen Gedanken. So meinte ich über jede Schwachheit triumphiert zu haben und von jetzt ab für jegliche Unruhe unzugänglich zu sein. Törichte Einbildung! Wohl soll der Mensch nach der vollkommsten Standhaftigkeit streben, aber wirklich erlangen wird er sie niemals auf dieser Erde. Was beunruhigte mich von neuem? – Der Anblick eines unglücklichen Freundes, der Anblick meines guten Piero, der wenige Spannen von mir entfernt auf der Galerie vorüberging, während ich am Fenster stand. Man hatte ihn aus seiner Höhle hervorgezogen, um ihn in die Kriminalgefängnisse zu bringen.

Er und seine Begleiter gingen so rasch vorüber, daß mir kaum Zeit blieb, ihn zu erkennen, den Wink zum Gruße von ihm zu sehen und zurückzugeben.

Armer Jüngling! In der Blüte des Lebens, ausgestattet mit Anlagen, die zu den glänzendsten Hoffnungen berechtigten, mit einem ehrenwerten, zartfühlenden, höchst liebenswürdigen Charakter, dazu geschaffen, das Leben ruhmvoll zu genießen, und jetzt wegen politischer Dinge in den Kerker geworfen, in einem Zeitpunkte, wo du sicherlich den härtesten Schlägen des Gesetzes nicht entgehen wirst!

Ihn nicht loskaufen, ihn nicht wenigstens mit meiner Gegenwart oder mit meinen Worten trösten zu können, dies erfüllte mich mit so viel Mitleid, mit so viel Kummer, daß nichts imstande war, mir auch nur ein wenig Ruhe wiederzugeben. Ich wußte, wie sehr er seine Mutter, seinen Bruder, seine Schwestern, seinen Schwager und seine kleinen Neffen liebte, wie sehr er bestrebt war, zu ihrem Glücke beizutragen, und wie sehr er von diesen teuren Wesen wieder geliebt ward. Ich fühlte, wie groß für einen jeglichen von ihnen die Betrübnis über solches Mißgeschick sein müsse. Ich finde keine Ausdrücke, um den rasenden Schmerz zu schildern, der sich meiner bemächtigte. Und diese furchtbare Aufregung währte so lange an, daß ich die Hoffnung aufgab, sie wieder zu besänftigen.

Auch diese Befürchtung war nur eingebildet. All ihr Betrübten, die ihr einem unbezwingbaren, schrecklichen, immer zunehmenden Schmerze verfallen zu sein glaubt, geduldet euch eine Weile, und ihr werdet einsehen, daß es bloß eine Täuschung von euch war! Weder der tiefste Seelenfriede noch die höchste Aufregung können hienieden von langer Dauer sein. Es ist gut, sich von dieser Wahrheit zu überzeugen, damit der Mensch in glücklichen Stunden sich nicht überhebe, in denen der Trauer nicht verzage.

Auf die lange Erregtheit folgte Ermattung und Abspannung. Aber auch die Abspannung währte nicht lange, und schon fürchtete ich, von jetzt ab rettungslos abwechselnd aus dem einen in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen. Bei der Aussicht auf eine solche Zukunft schauderte ich, und auch diesmal nahm ich zu einem inbrünstigen Gebete meine Zuflucht. Ich flehte zu Gott, daß er meinem armen Piero beistehe wie mir, seiner Familie wie der meinen. Allein durch die Wiederholung dieser Bitten konnte ich in Wahrheit wieder Ruhe finden.

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