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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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12.

So endete meine Liebesgeschichte mit jener Unglücklichen, der ich übrigens für einige Wochen die angenehmsten Empfindungen zu danken hatte. Oft in meiner Schwermut heiterte ihre Stimme mich auf; oft wenn ich an die Gemeinheit und den Undank der Menschen dachte, von Zorn gegen sie erfüllt war und die ganze Welt haßte, dann war es wieder Magdalenens Stimme, die mein Herz dem Mitleid und der Nachsicht zugänglich machte.

Möchtest du doch, o unbekannte Sünderin, nicht zu einer harten Strafe verurteilt sein! Oder, zu welcher Strafe du auch verurteilt worden, möchtest du daraus Gewinn ziehen und wieder ehrlich werden und im Herrn selig leben und sterben! Möchtest du bei allen, die dich kennen, Mitleid und Achtung finden, wie du bei mir sie fandest, der ich dich nicht kannte! Möchtest du jedem, der dich sieht, Geduld, Sanftmut, Verlangen nach Tugend, Vertrauen auf Gott einflößen, wie du sie dem einflößtest, der dich geliebt hat, ohne daß er dich sah! Meine Einbildung kann sich täuschen, wenn sie dir körperliche Schönheit beilegt, aber deine Seele, dessen bin ich gewiß, war schön. Deine Gefährtinnen führten grobe Reden im Munde, Sittsamkeit und Anstand lag in den deinigen; sie lästerten, du priesest Gott, sie haderten und du hast ihren Streit geschlichtet. Hat dir einer die Hand geboten, um dich von der Bahn der Schande abzuziehen, hat er voll Zartgefühl dir Gutes erwiesen, hat er deine Tränen getrocknet, so mögen alle Tröstungen reichlich über ihn kommen, über seine Kinder und Kindeskinder!

An mein Gefängnis stieß ein anderes, welches von mehreren Männern besetzt war. Auch sie konnte ich sprechen hören. Einer von ihnen übte ein gewisses Ansehen über die anderen aus, vielleicht nicht infolge davon, daß er besseren Verhältnissen angehörte, sondern weil er größere Beredtheit und Kühnheit besaß. Dieser gab, wie man zu sagen pflegt, den Ton an. Mit gebieterischer Stimme und mit heftigen Worten schalt und verwies er die Streitenden zum Schweigen; er schrieb ihnen vor, was sie denken und fühlen sollten; und diese gaben ihm nach kurzem Sträuben in allem recht.

Die Elenden! Nicht einer unter ihnen, der es verstanden, die Widerwärtigkeiten der Gefangenschaft durch irgendeine Äußerung von sanfter Empfindung, durch eine Spur von Gottergebenheit und Liebe zu mildern!

Der Hauptmann von diesen meinen Nachbarn grüßte mich, und ich erwiderte den Gruß. Er fragte mich, wie ich dies »verfluchte Leben« hinbrächte. Ich sagte ihm, für mich sei keine Art zu leben, wenn sie schon traurig wäre, eine verfluchte, und daß man bis zum Tode danach streben müsse, sich den Genuß des Vergnügens, welches Nachdenken und Lieben einem gewähren, zu verschaffen.

»Erklären Sie, mein Herr, erklären Sie sich deutlicher.«

Ich sprach mich deutlicher aus, ohne verstanden zu werden. Als ich, nach einer kunstvollen und weitläufigen Vorrede, mir den Mut faßte, wie zum Beispiele auf die weichen und zärtlichen Gefühle hinzudeuten, welche Magdalenens Stimme in mir erweckt hatte, brach der Hauptmann in ein furchtbares Gelächter aus.

»Was ist los? Was ist los?« schrien seine Genossen. Der gefühllose Mensch wiederholte ihnen mit allerhand Übertreibungen, was ich gesagt hatte, nun erhob sich im Chore ein schallendes Gelächter, und ich spielte dabei vollständig die Rolle des Abgeschmackten.

Im Gefängnis geht es gerade wie in der Welt zu. Diejenigen, welche ihre Weisheit darein setzen, zu toben, sich zu beklagen, alles gering zu schätzen, erachten es als Torheit, wenn man Mitgefühl und Liebe hegt, wenn man in schönen Bildern der Phantasie, wodurch das Menschengeschlecht und sein Schöpfer geehrt werden, Trost sucht.

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