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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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11.

Auf der Galerie, die unter meinem Fenster, in gleicher Höhe mit meinem Gefängnisse lag, gingen vom Morgen bis zum Abend andere Gefangene, von Aufsehern begleitet, hin und her; sie wurden ins Verhör geführt und dann zurückgebracht. Meist waren es Leute niederen Standes. Hier und da sah ich jedoch auch einige aus anständig bürgerlichen Verhältnissen. Obschon ich sie nicht scharf ins Auge fassen konnte, weil sie zu hastig vorübergingen, so zogen sie doch meine Aufmerksamkeit auf sich; alle aber, der eine mehr, der andere weniger, stimmten mich zum Mitleid. Dies traurige Schauspiel vermehrte in den ersten Tagen meinen Schmerz; aber allmählich gewöhnte ich mich daran, und schließlich trug es auch dazu bei, die Schrecken meiner Einsamkeit zu vermindern.

Auch viele verhaftete Frauen gingen an meinen Augen vorüber. Von jener Galerie aus nämlich ging es durch einen gewölbten Gang über einen anderen Hof, wo die Kerker für die Frauen und das Lazarett für die Syphilitischen waren. Nur eine Mauer, die noch dazu sehr dünn war, trennte mich von einer der weiblichen Zellen. Oft genug betäubten die Gesänge dieser Elenden, manchmal auch ihr Gezanke meine Ohren. Abends spät noch, wenn der übrige Lärm verstummt war, hörte ich, wie sie sich unterhielten. – Wenn ich gewollt hätte, konnte ich mich mit ihnen in ein Gespräch einlassen. Aber ich vermied es; aus welchem Grunde weiß ich nicht. War es Schüchternheit? war es Stolz? oder kluge Vorsicht, mit gesunknen Frauenzimmern kein Verhältnis anzuknüpfen? Möglich, daß es aus allen dreien Beweggründen zugleich geschah. Das Weib, wenn es das ist, was es sein soll, ist für mich ein so erhabenes Wesen! Es zu sehen, es zu hören, mit ihm zusprechen, bereichert mein Gemüt mit edlen Vorstellungen; aber erniedrigt, verworfen macht es mich verstimmt und niedergeschlagen und treibt alle Poesie aus meinem Herzen hinweg. Aber ... (diese Aber sind unentbehrlich, wenn man den Menschen schildern will, dessen Wesen so verwickelter Natur ist) unter diesen Weiberstimmen gab es auch welche, die sanfter waren, und diese – warum soll ich es verschweigen? – waren mir angenehm. Und eine darunter war weit sanfter als die übrigen, sie war seltner zu hören und äußerte niemals gemeine Gedanken. Sie sang wenig, meistens bloß diese beiden rührenden Zeilen:

Wer bringt das verlorne Glück
Der Verstoßenen zurück?

Manchmal sang sie auch andächtige Lieder. Dabei ward sie von ihren Gefährtinnen begleitet, aber ich hatte doch den Genuß Magdalenens Stimme neben den anderen herauszuhören, welche nur allzusehr bemüht schienen, mir die ihrige zu rauben.

Ja, jene Unglückliche hieß Magdalena. So oft ihre Gefährtinnen von ihrem Mißgeschick erzählten, äußerte sie ihnen ihr Mitleid, seufzte und wiederholte die Worte: Mut, meine Liebe, der Herr verläßt niemand!

Was konnte mich hindern, sie mir schön, mehr unglücklich als schuldig vorzustellen, für die Tugend geschaffen und fähig, den Weg zu ihr wieder zu finden, wenn sie ihn verlassen? Wer dürfte mich tadeln, daß ihre Stimme mich rührte, daß ich ihr mit Andacht zuhörte und mit besonderer Inbrunst für sie betete?

Die Unschuld ist der Achtung und Verehrung wert, wie sehr verdient sie aber auch die Reue! Der beste der Menschen, der Gottmensch, hat er es verschmäht, mitleidvoll den Blick auf die Sünderinnen zu heften, ihre Beschämung zu achten, sie den Seelen beizuzählen, die er am meisten liebhatte? Weshalb verachten wir das in Schande versunkene Weib so sehr?

Indem ich solche Betrachtungen anstellte, kam ich hundertmal in Versuchung, meine Stimme zu erheben und Magdalenen meine brüderliche Liebe zu bekennen. Einmal hatte ich schon die erste Silbe ihres Namens ausgesprochen: Mag...!« Sonderbar! Das Herz klopfte mir wie einem verliebten Burschen von fünfzehn Jahren, und doch zählte ich schon dreißig, ein Alter, das mit diesem kindischen Herzklopfen nichts mehr zu tun hat. Ich konnte nicht weiter. Wieder fing ich an: »Mag...! Mag...!« Es war unnütz. Ich kam mir lächerlich vor und schrie vor Ärger: »Narr, und nicht Mag!«

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