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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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10.

Auf meiner neuen Kammer, die so düster, so schmutzig war, wo ich die Gesellschaft des lieben Stummen entbehrte, drückte mich die Traurigkeit schwer nieder. Stundenlang stand ich an dem Fenster, das auf eine Galerie hinaus lag, über diese hinweg sah man das äußerste Ende des Hofes und das Fenster meines früheren Zimmers. Wer war dort mein Nachfolger geworden? Ich erblickte einen Mann, welcher viel auf und ab ging mit der Hast jemandes, der mit einer heftigen Aufregung kämpft. Zwei oder drei Tage später sah ich, daß man ihm Schreibmaterialien gegeben hatte, von da an saß er den ganzen Tag am Tische.

Endlich erkannte ich ihn. In Begleitung des Kerkermeisters verließ er das Zimmer: er ging zum Verhör. Es war Melchiorre Gioja!

Das Herz ward mir zusammengepreßt. – Auch du, treue Seele, auch du bist hier! (Er war glücklicher als ich. Nach einigen Monaten der Haft ward er wieder in Freiheit gesetzt).

Der Anblick eines guten Wesens tröstet mich, ergreift mich, gibt mir Veranlassung zum Nachdenken. Ach, Nachdenken und Lieben ist ein großes Gut. Mein Leben würde ich hingegeben haben, um Gioja aus dem Gefängnisse zu retten; bloß ihn zu sehen, gewährte mir Erleichterung.

Nachdem ich ihn längere Zeit beobachtet hatte, um aus seinen Bewegungen zu entnehmen, ob sein Gemüt ruhig oder unruhig wäre, um dann für ihn zu beten, da fühlte ich größere Stärke, größeren Reichtum an Gedanken in mir, größere Zufriedenheit mit mir selber. Daraus kann man sehen, daß der Anblick eines menschlichen Wesens, zu dem man Liebe fühlt, hinreicht, die Einsamkeit zu mildern. Vorher hatte mir ein armes stummes Kindchen diese Wohltat erwiesen, jetzt tat es die entfernte Erscheinung eines Mannes von hohem Verdienste.

Wahrscheinlich hatte einer von den Aufsehern ihm gesagt, wo ich wäre. Eines Morgens öffnete er das Fenster und winkte mit dem Taschentuche zum Zeichen des Grußes. Ich antwortete mit demselben Zeichen. Ach, welche Freude durchdrang mein Herz in diesem Augenblicke! Die Entfernung, die uns trennte, schien mir verschwunden, mir war es, als wären wir beisammen. Das Herz klopfte mir wie einem Verliebten, der die Geliebte wiedersieht. Wir machten Gebärden, ohne uns zu verstehen, aber mit demselben Eifer, als verständen wir uns, oder vielmehr wir verstanden uns wirklich. Diese Gebärden wollten alles das sagen, was unsere Herzen fühlten, und das eine wußte recht wohl, was das andere empfand.

Welchen Trost sollten uns diese Begrüßungen nach meiner Meinung in der Zukunft gewähren! Die Zukunft kam, aber jene Grüße wurden nicht wiederholt! So oft ich Gioja am Fenster wiedersah, ließ ich mein Taschentuch wehen. Umsonst! Die Aufseher sagten mir, ihm wäre verboten, meine Gebärden herauszufordern oder zu beantworten. Doch schaute er oft zu mir herüber und ich zu ihm, und so sagten wir uns noch mancherlei.

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