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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 100
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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99.

Buffalora gegenüber liegt San Martino. Hier sprach der lombardische Wachtmeister mit den piemontesischen Karabiniers, dann empfahl er sich mir und ging über die Brücke zurück.

»Es geht nach Novara!« rief ich dem Kutscher zu.

»Haben Sie die Güte einen Augenblick zu warten,« sagte einer von den Karabiniers.

Ich sah, daß ich noch nicht frei war, und dies betrübte mich, denn ich fürchtete, meine Ankunft im väterlichen Hause würde irgendeinen Aufschub zu erleiden haben.

Nach einer guten Viertelstunde erschien ein Herr, der mich um Erlaubnis bat, mit mir nach Novara fahren zu dürfen. Er habe keine andere Gelegenheit finden können: gegenwärtig sei kein anderes Fuhrwerk vorhanden als das meinige; er schätze sich glücklich, daß ich ihm gestatte, davon Gebrauch zu machen und so weiter und so weiter.

Dieser verkleidete Karabinier zeigte die liebenswürdigste Laune und leistete mir bis Novara gute Gesellschaft. Als wir die Stadt erreicht hatten, tat er so, als wollte er das Fuhrwerk nach einem Gasthofe fahren lassen, ließ es aber nach der Kaserne der Karabiniers lenken, und hier erhielt ich den Bescheid, daß in dem Zimmer eines Wachtmeisters ein Bett für mich bereitstehe, und daß ich dort höhere Befehle abzuwarten hätte.

Ich glaubte, am anderen Tage weiterfahren zu können, legte mich ins Bett, und nachdem ich noch mit meinem Wirte, dem Wachtmeister, etwas geplaudert hatte, sank ich in einen tiefen Schlummer. Seit langer Zeit hatte ich nicht so gut geschlafen.

Gegen Morgen erwachte ich, stand eiligst auf, und die ersten Stunden kamen mir sehr lang vor. Ich frühstückte, plauderte, ging auf dem Gange hin und her, warf einen Blick auf die Bücher meines Wirtes; endlich wird mir ein Besuch angemeldet.

Ein höflicher Offizier erschien, um mir Nachrichten von meinem Vater zu überbringen, und sagte mir, daß zu Novara von ihm ein Brief für mich da sei, der mit sogleich überbracht werden würde. Ich war ihm für diese liebenswürdige Gefälligkeit äußerst verbunden.

Es vergingen einige Stunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, endlich erschien der Brief.

Ach, wie groß war meine Freude, da ich die geliebten Schriftzüge wiedersah! welche Freude, zu hören, daß meine Mutter, meine beste Mutter noch lebte! daß auch meine beiden Brüder und meine ältere Schwester noch lebten! Ach, die jüngere, mein Mariechen, die im Kloster von Mariä Heimsuchung Nonne geworden war, über die ich im Gefängnis heimlich Kunde erhalten, sie hatte erst vor neun Monaten aufgehört zu sein!

Es ist ein süßes Gefühl für mich zu glauben, daß ich meine Freiheit allen denen verdanke, die mich liebten und ohne Aufhören sich bei Gott für mich verwendeten, insbesondere aber einer Schwester, welche mit den Beweisen höchster Frömmigkeit starb: Gott möge ihr allen Kummer vergelten, den ihr Herz wegen meines Mißgeschicks erlitten!

Die Tage verstrichen. Aber die Erlaubnis, von Novara abzureisen, kam nicht. Endlich am Morgen des 16. September erhielt ich dieselbe, und jede Beaufsichtigung durch die Karabiniers hörte auf. Ach, seit wie vielen Jahren war es mir nicht begegnet, daß ich ohne Begleitung von Wachen, wohin mir beliebte, gehen durfte!

Ich nahm einiges Geld auf, empfing einen höflichen Besuch von seiten eines Bekannten meines Vaters und reiste gegen drei Uhr nachmittags ab. Meine Reisegefährten waren eine Dame, ein Kaufmann, ein Kupferstecher und zwei junge Maler, von denen der eine taubstumm war. Die Maler kamen von Rom her, und es machte mir Vergnügen, zu hören, daß sie mit der Familie Maroncellis bekannt wären. Es ist so angenehm über diejenigen, welche wir lieben, mit jemand sprechen zu können, denen sie nicht gleichgültig sind!

Zu Vercelli übernachteten wir. Der glückliche Tag, der 17. September, brach an. Wir setzten unsere Reise fort. Ach, wie langsam fahren die Wagen! Erst am Abend trafen wir in Turin ein.

Wer könnte, wer vermöchte jemals die Freude meines Herzens und die Freude der von mir geliebten Herzen zu beschreiben, da ich Vater, Mutter, Brüder wiedersah und wieder umarmte? ... Meine liebe Schwester Josephine war nicht zugegen, ihre Pflicht hielt sie zu Chieri zurück; aber sobald sie von meinem Glücke gehört, machte sie sich auf, für einige Tage nach Hause zu kommen. Nachdem ich diesen fünf geliebten Gegenständen meiner Zärtlichen Liebe wiedergegeben war, war ich, bin ich der beneidenswerteste unter den Sterblichen!

Ach, für alle vergangenen Leiden und für die Freude in der Gegenwart, wie für jedes Glück und Unglück, das mir für die Zukunft aufbewahrt sein wird, sei die Vorsehung gepriesen, in deren Hand Menschen und Dinge, mit oder ohne ihren Willen, wunderbare Werkzeuge sind, welche sie zu Zwecken zu verwenden weiß, wie sie ihrer würdig sind.

Ende.

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