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Meine Gefängnisse

Silvio Pellico: Meine Gefängnisse - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorSilvio Pellico
titleMeine Gefängnisse
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorF. Zschech
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071105
projectid417b3774
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9.

O mein armes Herz! Du liebst so schnell und so warm, ach, zu wie vielen Trennungen bist du schon verurteilt worden! Sicherlich war diese am wenigsten schmerzlich; um so lebhafter empfand ich sie, als meine neue Wohnung äußerst traurig war. Ein finsteres, schmutziges Stübchen, mit einem Fenster, dessen Scheiben nicht von Glas, sondern von Papier waren; die Wände mit rohen Malereien besudelt, für deren Farbe ich keinen Ausdruck gebrauchen mag; an den Stellen, die nicht bemalt waren, standen Inschriften. Viele trugen einfach Namen, Zunamen und Vaterland irgendeines Unglücklichen, mit dem Datum des unheilvollen Tages seiner Verhaftung. Bei anderen waren Ausbrüche gegen falsche Freunde zugefügt, Verwünschungen gegen sich selber, gegen ein Weib, gegen den Richter usw. Andere waren kurze Lebensskizzen. Wieder andere enthielten moralische Sätze. Da standen folgende Worte Pascals: »Diejenigen, welche die Religion bekämpfen, sollten wenigstens vorher lernen, was sie ist, ehe sie dieselbe angreifen. Wenn diese Religion von sich rühmte, eine klare Anschauung von Gott zu haben und ihn unverhüllt zu besitzen, so würde man ihr damit entgegentreten können, daß man sagte, nichts auf der Welt nimmt man wahr, was ihn mit so augenscheinlicher Gewißheit offenbart. Aber da sie vielmehr sagt, daß die Menschen in Finsternis wandeln und von Gott, der sich vor ihrer Erkenntnis verborgen hält, fern sind, und der Name, welchen er sich in der Heiligen Schrift beilegt, sei gerade ›der verborgene Gott‹ ... was können jene Gegner damit gewinnen, wenn sie bei ihrer offen bekannten Gleichgültigkeit, mit der sie sich der Erforschung der Wahrheit gegenüber verhalten, ein Geschrei erheben, daß die Wahrheit ihnen nicht dargetan werde?«

Weiter unten stand geschrieben (ein Zitat aus demselben Schriftsteller): »Es handelt sich hier nicht um das unwichtige Interesse einer fremden Person; vielmehr handelt es sich um uns selbst und um unser ganzes Sein. Die Unsterblichkeit der Seele ist ein Gegenstand von solcher Wichtigkeit, der uns so tief berührt, daß man den gesunden Sinn völlig verloren haben muß, wenn man gleichgültig darin ist, zu erfahren, was sie sei.«

Eine andere Inschrift lautete: »Ich segne das Gefängnis, denn es hat mich den Undank der Menschen, mein Elend und Gottes Güte erkennen gelehrt.«

Neben diesen demütigen Worten standen die heftigsten und frechsten Verwünschungen eines Menschen, der sich einen Atheisten nannte und gegen Gott ereiferte, als wenn er gar nicht daran dächte, daß er das Dasein Gottes eben geleugnet.

Nach einer Reihe solcher Gotteslästerungen folgte eine zweite voller Schmähungen »gegen die feigen Memmen«, so nannte der Schreiber nämlich diejenigen, welche das Unglück der Gefangenschaft fromm macht.

Ich zeigte diese Ruchlosigkeiten einem der Aufseher und fragte ihn, wer sie geschrieben hätte. – »Es freut mich,« sagte er, »diese Inschrift gefunden zu haben; da stehen so viele, und ich habe so wenig Zeit, darunter nachzusuchen.«

Darauf schickte er sich ohne weiteres an, mit einem Messer an der Mauer zu kratzen, um sie wegzutilgen.

»Weshalb tun Sie das?« fragte ich.

»Der arme Teufel, der es geschrieben, ist wegen vorbedachten Mordes zum Tode verurteilt worden und hat nachträglich Reue darüber empfunden, deswegen ließ er mich bitten, ich möchte ihm diese Gefälligkeit erweisen.«

»Gott verzeihe ihm!« rief ich aus. »An wem beging er den Mord?« »Weil er einen seiner Feinde nicht umbringen konnte, so rächte er sich damit, daß er ihm den Sohn, das schönste Kind, das es auf der Welt gab, ermordete.«

Ich schauderte. So weit kann die Rachsucht gehen? Und ein solches Scheusal durfte die freche Sprache eines Mannes annehmen, der über den menschlichen Schwächen erhaben ist. Einen Unschuldigen zu ermorden! Ein Kind!

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