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Mein Weggenosse und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Mein Weggenosse und andere Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleMein Weggenosse und andere Erzählungen
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
year1960
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060529
modified20161027
projectidf040e838
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8

Wir gingen durch das Terekgebiet. Schakro war erstaunlich abgerissen und zerzaust und teuflisch böse, obwohl er jetzt nicht mehr hungerte, weil es hier genug Verdienstmöglichkeiten gab. Er zeigte sich unfähig zu irgendwelcher Arbeit. Einmal versuchte er, bei einer Dreschmaschine das Stroh wegzuräumen, mußte aber die Arbeit schon nach einem halben Tag aufgeben, da er sich mit dem Rechen blutige Schwielen in die Hände gerieben hatte. Ein anderes Mal rodeten wir Kreuzdornbäume aus, und er riß sich bei dieser Arbeit mit der Spitzhackte ein Stück Haut vom Halse ab.

Wir gingen recht langsam; zwei Tage arbeiteten wir und den dritten Tag gingen wir. Schakro war im Essen äußerst unmäßig, und dank seiner Gefräßigkeit konnte ich unmöglich so viel Geld zusammensparen, um ihm wenigstens ein neues Kleidungsstück zu kaufen. Alle seine Kleidungsstücke waren aber nichts als eine Ansammlung verschiedener Löcher, wild kombiniert mit bunten Flicken. Ich ermahnte ihn, er solle doch nicht in den Wirtshäusern in den Kosakendörfern einkehren und dort seinen Lieblingswein trinken, er aber schenkte meinen Worten nicht die geringste Beachtung.

Einmal stahl er mir in einem Kosakendorfe aus meinem Quersack die fünf Rubel, die ich mit großer Mühe ohne sein Wissen, aber doch für ihn zusammengespart hatte, und kam dann gegen Abend in das Haus, wo ich im Gemüsegarten arbeitete, betrunken, in Begleitung eines dicken Kosakenweibes, das mich mit folgenden Worten begrüßte: »Guten Tag, verdammter Ketzer!«

Als ich, erstaunt über diese Bezeichnung, fragte, warum ich ein Ketzer sei, antwortete sie mit Nachdruck: »Weil du, Teufel, dem Burschen verbietest, das weibliche Geschlecht zu lieben! Darfst du es verbieten, wo es doch vom Gesetz erlaubt ist? . . . Du Verdammter . . .!«

Schakro stand neben ihr und nickte zustimmend mit dem Kopfe. Er war ganz betrunken, und wenn er eine Bewegung machte, wankte er, wie wenn er aus dem Leim gegangen wäre. Seine Unterlippe hing herab. Die trüben Augen starrten mich ganz dumm und unverwandt an. »Nun, du, was glotzt du uns so an? Gib doch sein Geld heraus!« schrie das tapfere Weib.

»Was für Geld?« fragte ich erstaunt.

»Gib es nur her! Sonst bringe ich dich auf die Gemeindekanzlei! Gib ihm die hundertfünfzig Rubel, die du ihm in Odessa abgenommen hast!«

Was war da zu machen? Das betrunkene Teufelsweib war imstande, wirklich auf die Gemeindekanzlei zu gehen, und dann würde uns die Obrigkeit des Kosakendorfes, die gegen jedes wandernde Volk sehr streng ist, verhaften. Wer weiß, was für Folgen eine solche Verhaftung für mich und Schakro haben könnte! Und so versuchte ich, das Weib diplomatisch herumzukriegen, was natürlich nicht allzuviel Mühe kostete. Mit Hilfe von drei Flaschen Wein besänftigte ich sie einigermaßen. Sie fiel auf die Erde zwischen die Wassermelonen und schlief ein. Ich legte auch Schakro schlafen, und am nächsten Morgen zogen wir aus dem Kosakendorfe und ließen das Weib bei den Melonen liegen. Halbkrank von Katzenjammer, mit mitgenommenem und aufgedunsenem Gesicht, spuckte Schakro jeden Augenblick aus und seufzte schwer. Ich versuchte, ihn in ein Gespräch zu ziehen, er gab mir aber keine Antworten und schüttelte nur seinen struppigen Kopf wie ein müdes Pferd.

Der Tag wurde heiß, und die Luft war erfüllt von den Ausdünstungen des feuchten Bodens, der mit hohem, dichtem Gras, das uns fast bis an die Schultern reichte, bewachsen war. Das grünsamtene Meer umgab uns von allen Seiten und atmete in den glühenden Himmel seine saftigen Düfte, von denen uns der Kopf schwindelte. Um den Weg abzukürzen, gingen wir einen schmalen Fußpfad, auf dem kleine rote Schlangen hin und her huschten und sich uns zu Füßen wanden. Rechts von uns, am Horizonte, zog sich eine Wolkenkette hin, die in der Sonne silbern schimmerte: das war der Bergrücken von Dagestan. Die Stille, die ringsum herrschte, schläferte uns ein und versetzte uns in eine träumerische und müde Stimmung. Am Himmel folgten uns langsam schwarze, dicke Wolkenscharen. Miteinander zusammenfließend, bedeckten sie den ganzen Himmel hinter uns, der vorn noch heiter war, obwohl schon einige Wolkenfetzen vorausgelaufen waren und lustig vorwärts eilten, uns überholend und den Himmel immer dichter bedeckend. Irgendwo in der Ferne grollte der Donner, und seine zürnenden Töne klangen immer näher. Dicke Regentropfen fingen an zu fallen und auf das Gras zu schlagen. Das Gras rauschte metallisch. Wir konnten uns nirgends schützen. Es war schon dunkel geworden, und das Rauschen des Grases klang zwar lauter, aber irgendwie erschrocken. Ein Donnerschlag – und die Wolken erbebten, von einem blauen Feuer umfangen. Dann wurde es ganz finster, und die silberne Bergkette verschwand in der Finsternis. Es regnete in Strömen, und die Donnerschläge rollten drohend und ununterbrochen über die leere Steppe. Das von den Windstößen und vom Regen niedergebeugte Gras legte sich auf die Erde und rauschte bleich. Und alles zitterte und bebte. Die Blitze blendeten die Augen und rissen die Wolken entzwei. In ihrem blauen Scheine erstand in der Ferne die Bergkette, in blauen Lichtern glänzend, silbern und kalt, und wenn die Blitze erloschen, verschwand sie, wie in einen finstern Abgrund versinkend. Alles dröhnte, bebte, warf die Töne zurück und erzeugte neue. – Es war, als wollte sich der trübe und zornige Himmel durch das Feuer vom Staub und allem Unrat reinigen, der zu ihm von der Erde aufgestiegen war, und als bebte die Erde aus Angst vor seinem Zorne.

Schakro zitterte und knurrte wie ein erschrockener Hund. Mir aber war es lustig zumute, und ich fühlte mich über das Alltägliche erhoben, als ich das mächtige und düstere Schauspiel des Gewitters in der Steppe beobachtete. Das herrliche Chaos riß mich hin und stimmte mich heroisch, meine Seele mit schrecklichen und wilden Harmonien umfangend.

Und mir kam der Wunsch, mich an dieser Harmonie zu beteiligen, das mich erfüllende Gefühl des Entzückens vor dieser geheimnisvollen Macht, die die Finsternis und die Wolken zerschmetterte, irgendwie auszudrücken. Die blauen Flammen, die den Himmel umfingen, brannten gleichsam auch in meiner Brust; und wie hätte ich meine große Erregung und mein Entzücken vor diesem großartigen Schauspiele der Natur äußern sollen . . .? Ich fing zu singen an, laut, aus vollem Halse. Der Donner brüllte, die Blitze zuckten, das Gras rauschte, ich aber sang und fühlte mich allen diesen Tönen eng verwandt . . . Ich gebärdete mich wie wahnsinnig; das war verzeihlich, denn es schadete niemand außer mir. Ich war erfüllt von dem Wunsche, soviel als möglich von der lebendigen und mächtigen Schönheit und Kraft, die in der Steppe tobte, zu umfassen, in mich aufzunehmen und ihr möglichst nahe zu kommen . . . Ein Sturm auf dem Meere und ein Gewitter in der Steppe! – ich kenne keine großartigeren Erscheinungen in der Natur.

So schrie ich vor mich hin, fest überzeugt, daß ich durch solches Benehmen niemand störend und niemand in die Notwendigkeit versetzen würde, meine Handlungsweise einer strengen Kritik zu unterziehen. Plötzlich packte mich aber jemand fest an den Beinen, und ich setzte mich unwillkürlich und buchstäblich in eine Pfütze . . .

Schakro sah mir mit ernsten und zornigen Augen ins Gesicht.

»Bist du von Sinnen? Nicht von Sinnen? Nicht? Nun, dann schweig! Schreie nicht! Ich zerreiße dir sonst die Kehle! Verstehst du?«

Ich war erstaunt und fragte ihn zuerst, womit ich ihn störe . . .

»Du erschreckst mich! Hast du es verstanden? Der Donner dröhnt – Gott spricht, und du brüllst . . . Was denkst du dir eigentlich?«

Ich erklärte ihm, daß ich das Recht hätte zu singen, wann es mir einfiele, ebenso wie er.

»Aber ich will nicht!« sagte er kategorisch.

»Dann singe nicht!« stimmte ich zu.

»Auch du sollst nicht singen!« entgegnete Schakro streng.

»Nein, ich will schon lieber singen . . .«

»Hör mal, was denkst du dir eigentlich?« begann Schakro zornig. »Wer bist du? Hast du ein Haus? Hast du eine Mutter? Einen Vater? Hast du Verwandte? Ländereien? Was bist du auf der Erde? Du glaubst wohl, du bist ein Mensch? Ich bin ein Mensch! Ich habe alles . . .!« Er tippte sich auf die Brust. »Ich bin ein Fürst . . .! Und du . . . bist nichts! Du hast nichts! Du sagst: ich bin das und und das . . .! Wer wird das noch sagen?! Mich aber kennt Kutaïß, Tiflis! Verstehst du es? Erhebe dich nicht gegen mich! Du dienst mir? Sei zufrieden! Ich werde dir das Zehnfache bezahlen! Was tust du mir? Du kannst gar nicht anders tun; du hast mir selbst gesagt, daß Gott allen befohlen hat, ohne Lohn zu dienen! Ich werde dich belohnen! Warum quälst du mich? Warum belehrst du mich, erschreckst mich? Du willst, daß ich so sei wie du? Das ist nicht gut! Man darf nicht einen anderen sich selbst ähnlich machen . . .! Ach, ach, ach . . .! Pfui, pfui . . .!«

Als er das sprach, schmatzte er, schnaubte und seufzte . . . Ich blickte ihm ins Gesicht, den Mund vor Erstaunen weit geöffnet. Offenbar schüttete er vor mir alle Empörung, alle Kränkungen und seine ganze Unzufriedenheit mit mir aus, die sich in ihm während unserer Reise angesammelt hatten. Um mich noch mehr zu überzeugen, tippte er mich mit dem Finger vor die Brust und schüttelte mich an den Schultern; bei besonders kräftigen Stellen fiel er mit seinem ganzen Körper über mich her. Uns begoß der Regen, über uns dröhnte ununterbrochen der Donner, und Schakro brüllte, damit ich ihn verstehe, aus vollem Halse. Das Tragikomische meiner Lage kam mir deutlicher als alles zum Bewußtsein und zwang mich, laut aufzulachen . . . Schakro spie aus und wandte sich von mir weg.

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