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Mein Weggenosse und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Mein Weggenosse und andere Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleMein Weggenosse und andere Erzählungen
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
year1960
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060529
modified20161027
projectidf040e838
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7

»Worüber lachst du denn?« fragte ich ihn.

Ich war entzückt über den alten Schafhirten und seine Lebensmoral; ich war entzückt über den frischen Morgenwind, der uns direkt in die Brust wehte, und darüber, daß der Himmel von Wolken gesäubert war, daß es bald tagen mußte, daß die Sonne am heiteren Himmel erscheinen und ein strahlender, schöner Tag anbrechen würde . . . Schakro blinzelte mir schlau mit dem einen Auge zu und fing noch lauter zu lachen an. Auch ich lächelte, als ich sein lustiges, gesundes Lachen hörte. Die zwei oder drei Stunden, die wir am Feuer der Schafhirten verbracht hatten, und das schmackhafte Brot mit dem Speck hatten uns nach der anstrengenden Reise nur noch ein leichtes Ziehen in den Knochen hinterlassen; aber auch dieses Gefühl mußte vom Gehen bald verschwinden.

»Nun, was lachst du denn? Bist du froh, daß du am Leben geblieben bist, ja? Du lebst und bist auch noch satt dazu!«

Schakro schüttelte verneinend den Kopf, stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite, machte eine Grimasse, lachte wieder auf und sagte endlich in seiner gebrochenen Sprache:

»Du verstehst nicht, warum ich lache? Nein? Gleich wirst du es wissen! Weißt du, was ich getan hätte, wenn man uns zu diesem Amtmann oder Zollmann gebracht hätte? Du weißt es nicht? Ich hätte von dir gesagt: ›Er hat mich ertränken wollen!‹ Und ich hätte angefangen zu weinen. Sie hätten Mitleid mit mir gehabt und mich nicht ins Gefängnis gesperrt! Verstehst du es?«

Ich wollte es anfangs als einen Scherz auffassen, aber ach! – er verstand es, mich vom Ernst seiner Absicht zu überzeugen. Er erklärte es mir so überzeugend und klar, daß ich, statt über ihn und seinen naiven Zynismus wütend zu werden, von einem Gefühl tiefen Mitleids mit ihm – bei dieser Gelegenheit auch mit mir selbst – ergriffen wurde. Kann man denn auch etwas anderes einem Menschen gegenüber empfinden, der dir mit dem heitersten Lächeln und im aufrichtigsten Tone erzählt, daß er dich hat ermorden wollen? Was soll man mit ihm anfangen, wenn er dieses Vorhaben als einen netten und geistreichen Scherz ansieht?

Ich fing mit großem Eifer an, ihm die ganze Unmoralität seines Vorhabens zu beweisen. Er erwiderte mir darauf sehr einfach, daß ich seine Vorteile nicht begreife und wohl vergessen hätte, daß er einen fremden Paß habe und daß so was nicht gerne gesehen werde.

Plötzlich kam mir ein grausamer Gedanke.

»Wart«, sagte ich, »glaubst du denn, daß ich dich wirklich ertränken wollte?«

»Nein . . .! Als du mich ins Wasser stießest, glaubte ich es, als du aber selbst ins Wasser gingst, glaubte ich es nicht mehr!«

»Gott sei Dank!« rief ich aus. »Nun, dafür wenigstens danke ich dir!«

»Nein, sage nicht ›danke‹! Ich werde dir ›danke‹ sagen! Dort am Feuer hast du es kalt gehabt, auch ich habe es kalt gehabt. Der Mantel ist dein, du aber nahmst ihn nicht für dich. Du hast ihn getrocknet und mir gegeben. Dir selbst hast du nichts genommen. Darum danke ich dir! Du bist ein sehr guter Mensch, das verstehe ich. Wenn wir nach Tiflis kommen, wirst du deinen Lohn bekommen. Ich will dich zu meinem Vater bringen. Ich werde dem Vater sagen: Das ist ein Mensch! Gib ihm zu essen und zu trinken, mich aber sperre zu den Mauleseln in den Stall! So werde ich ihm sagen! Du wirst bei uns leben, wirst Gärtner sein, wirst Wein trinken, wirst essen, was du willst! ach, ach, ach! Du wirst ein gutes Leben haben! Sehr einfach! . . . Trink und iß aus einer Schüssel mit mir . . .!«

Er malte mir lange und ausführlich die Reize des Lebens aus, das er mir bei sich in Tiflis einrichten wollte. Ich aber dachte, während er sprach, an das große Unglück jener Menschen, die, mit der neuen Moral und neuen Wünschen ausgerüstet, einsam vorausgegangen sind, sich im Leben verirrt haben und auf ihrem Wege Weggenossen treffen, die ihnen fremd sind und sie nicht verstehen können . . . Schwer ist das Leben solcher Einsamen! Willenlos treiben sie in der Luft herum. Doch sie treiben wie die Samen einer guten Saat, obwohl sie auch nicht selten in fruchtbarem Boden zugrunde gehen.

Es tagte. Die Ferne des Meeres glänzte schon in rosigem Gold.

»Ich will schlafen!« sagte Schakro.

Wir machten halt. Er legte sich in ein Loch, das der Wind im trockenen Sande nicht weit vom Ufer ausgehöhlt hatte, hüllte den Kopf in den Mantel und schlief bald ein. Ich saß neben ihm und blickte auf das Meer hinaus. Das Meer lebte sein eigenes weites Leben, voller mächtiger Bewegung. Ganze Scharen von Wellen rollten brausend auf das Ufer und zerschellten am Sande, der, das Wasser aufsaugend, leise zischte. Die vordersten Wellen schlugen, die weißen Mähnen schüttelnd, mit der Brust gegen das Ufer und prallten, von ihm zurückgeschlagen, zurück; ihnen begegneten aber neue, welche auszogen, um ihnen beizustehen. Sich in Schaum und Wasserstaub fest umarmend, rollten sie wieder ans Ufer und schlugen es, vom Wunsche beseelt, die Grenzen ihres Lebens zu erweitern. Vom Horizont bis zum Ufer, auf der ganzen Ausdehnung des Meeres, wurden diese biegsamen und kräftigen Wellen geboren, und sie kamen immer in dichter Masse, durch die Gemeinsamkeit des Zieles eng aneinandergebunden. Die Sonne beschien immer leuchtender ihre Rücken, und bei den fernen Wellen am Horizonte erschienen sie blutrot. Kein einziger Tropfen ging spurlos verloren in dieser titanischen Bewegung der Wassermassen, die gleichsam von einem bewußten Ziel beseelt waren und dieses mit ihren breiten, rhythmischen Schlägen zu erreichen schienen. Bezaubernd war die schöne Kühnheit der vordersten Wellen, die kampflustig auf das schweigsame Ufer sprangen, und es war herrlich zu sehen, wie ihnen ruhig und einträchtig das ganze Meer folgte, das mächtige Meer, schon gefärbt von der Sonne in alle Farben des Regenbogens und vom ruhigen Bewußtsein seiner Schönheit und Macht erfüllt.

Hinter der Landzunge kam, die Wellen durchschneidend, ein riesiges Dampfschiff zum Vorschein; majestätisch auf dem wogenden Schoße des Meeres schaukelnd, zog es über die Rücken der Wellen dahin, die sich rasend auf seine Bordseiten stürzten. Schön und stark, mit seinem Metall in der Sonne glänzend, hätte es in mir zu einer anderen Zeit vielleicht den Gedanken an das stolze Schaffen der Menschen, die die Elemente knechten, wecken können . . . Aber neben mir lag ein Mensch, der selbst wie ein Element war.

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