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Mein Weggenosse und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Mein Weggenosse und andere Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleMein Weggenosse und andere Erzählungen
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
year1960
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060529
modified20161027
projectidf040e838
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6

Drei riesengroße zottige Hunde, die irgendwo aus der Finsternis herausgesprungen waren, stürzten uns entgegen. Schakro, der die ganze Zeit krampfhaft geschluchzt hatte, heulte auf und fiel zu Boden. Ich warf den nassen Mantel gegen die Hunde und bückte mich, um auf dem Boden einen Stein oder Stock zu finden. Es war aber nichts da, nur das Gras stach mir die Hände. Die Hunde sprangen einträchtig gegen uns los. Ich pfiff, so laut ich konnte, indem ich zwei Finger in den Mund steckte. Die Hunde sprangen zurück, und gleich darauf ließen sich die Schritte und Stimmen von laufenden Menschen vernehmen. Nach einigen Minuten standen wir vor einem Feuer, im Kreise von vier kleinrussischen Schafhirten, die in Schafspelze, mit der Wolle nach außen, gehüllt waren. Sie sahen uns schweigend und mißtrauisch an und hörten meinen Bericht.

Zwei saßen auf der Erde, rauchten und ließen den Rauch in großen Wolken aufsteigen; ein Großer mit dichtem schwarzem Vollbart, in hoher Lammfellmütze, wie sie die Kosaken tragen, stand hinter uns und stützte sich auf einen Stock, der an einem Ende einen riesengroßen Wurzelknoten hatte; der vierte, ein junger blonder Bursch, half dem weinenden Schakro sich entkleiden.

Ein jeder von ihnen hatte in seiner Nähe einen respekteinflößenden Stock liegen. Etwa fünf Klafter vor uns war die Erde weit mit einer dichten Schicht von etwas Dickem, Grauem, Welligem bedeckt, das an den schon zu schmelzen beginnenden Schnee im Frühling gemahnte. Nur wenn man lange und scharf hinblickte, konnte man die einzelnen Schafe unterscheiden, die dicht aneinandergedrängt standen. Es waren ihrer mehrere zehntausend Stück, die hier vom Schlaf und dem Dunkel der Nacht zu einer dicken, dichten, warmen Schicht zusammengepreßt waren, welche die Steppe bedeckte. Zuweilen blökten sie jämmerlich und voller Angst . . . Ich trocknete den Mantel am Feuer und sprach mit dem Schafhirten ganz aufrichtig; ich erzählte ihm auch, auf welche Weise ich mir das Boot verschafft hatte.

»Wo ist es jetzt, das Boot?« fragte mich der strenge grauhaarige Alte, ohne von mir die Augen zu wenden.

Ich sagte es ihnen.

»Geh mal hin, Michal, such nach . . .!«

Michal, der mit dem schwarzen Vollbart, nahm den Stock auf die Schulter und ging zum Ufer.

Der Mantel war trocken. Schakro wollte ihn über den nackten Leib ziehen, aber der Alte sagte: »Geh! Lauf erst herum, damit dir das Blut warm wird! Lauf um das Feuer herum, na!«

Schakro verstand es anfangs nicht, riß sich aber dann von der Stelle los und fing an, nackt wie er war, einen unbeschreiblich wilden Tanz aufzuführen; er sprang wie ein Ball über das Feuer, drehte sich auf einer Stelle, stampfte mit den Beinen, schrie aus vollem Halse und fuchtelte mit den Armen. Es war ein unsagbar komischer Anblick. Zwei von den Schafhirten kugelten sich auf der Erde, aus vollem Halse lachend; doch der Alte bemühte sich, ernsten, unbeweglichen Gesichtes, mit der Hand den Takt zu schlagen, konnte aber den Rhythmus nicht treffen, so aufmerksam er auch den Tanz Schakros verfolgte. Er schüttelte den Kopf, bewegte den Schnurrbart und schrie immer in tiefem Baß: »Hai-ha! So, so! Hai-ha! Butz, butz!«

Der vom Feuerscheine übergossene Schakro wand sich wie eine Schlange, nahm die verschiedensten Posen an, hüpfte auf einem Beine, trommelte mit beiden Beinen auf den Boden, und sein im Feuer glänzender Körper bedeckte sich mit dicken Schweißtropfen. Diese Tropfen erschienen im Feuerscheine rot wie Blut.

Nun klatschten schon alle drei Schafhirten in die Hände; ich aber trocknete mich, vor Kälte zitternd, am Feuer und dachte mir, daß dieses Abenteuer einen Verehrer von Cooper und Jules Verne wohl glücklich machen könnte; es war alles da: ein Schiffbruch, gastfreundliche Eingeborene und der Tanz von Wilden um ein Feuer. Während ich mir das dachte, war ich sehr darum besorgt, wie die schönste Stelle des Abenteuers, nämlich der Schluß, ausfallen würde.

Schakro saß schon auf der Erde, in den Mantel eingewickelt, und verzehrte irgendwas, mich mit seinen schwarzen Augen anblickend, in denen etwas funkelte, was in mir ein unangenehmes Gefühl weckte. Seine Kleider trockneten, auf Stöcke aufgehängt, die man in die Erde neben dem Feuer gesteckt hatte. Auch mir gab man zu essen, Brot und gesalzenen Speck.

Michal kam zurück und setzte sich schweigend neben den Alten.

»Nun?« fragte der Alte.

»Das Boot ist da!« sagte Michal kurz.

»Wird es nicht weggespült werden?«

»Nein!«

Und wieder schwiegen alle und sahen mich an.

»Nun«, fragte Michal, ohne sich an jemand Bestimmten zu wenden, »soll man sie nicht ins Dorf zum Amtmann bringen? Oder vielleicht gleich zu den Zollwächtern?« – So ist also der Schluß! – dachte ich mir. Niemand gab Michal Antwort. Schakro aß und schwieg.

»Man kann sie zum Amtmann bringen . . . man kann sie auch zu den Zollwächtern bringen . . . das eine ist gut, und auch das andere ist gut«, sagte der Alte nach einem Schweigen. »Wenn sie eine Sache, die dem Staate gehört, gestohlen haben, so müssen sie dafür einen ordentlichen Denkzettel kriegen.«

»Wart, Großvater . . .« fing ich an.

Er aber schenkte mir nicht die geringste Beachtung.

»Du sollst nicht stehlen! Jawohl! Wenn man ihnen keinen Denkzettel gibt, so stellen sie bald wieder etwas an.« Der Alte sprach mit einer empörenden Gleichgültigkeit, und als er fertig war, nickten seine Genossen schweigend mit den Köpfen.

»So ist es! Hast du gestohlen, mußt du büßen, wenn man dich erwischt hat . . . ja! Michal! Dieses Ding . . . das Boot, liegt es dort?«

»Ja, es liegt dort.«

»Nun . . . wird das Wasser es nicht wegspülen?«

»Nein . . . es wird es nicht wegspülen.«

»Dann soll es dort liegen bleiben. Wenn morgen die Bootsleute nach Kertsch fahren, werden sie es mitnehmen. Warum sollen sie auch ein leeres Boot nicht mitnehmen? Was?«

»Na ja . . . Und jetzt . . . ihr Lumpen . . . was wollte ich noch sagen? Habt ihr euch beide gar nicht gefürchtet? Nein? So, so! Noch eine halbe Werst, und ihr wäret im Meere. Was hättet ihr getan, wenn es euch ins Meer weggetrieben hätte? Wie? Ersoffen wäret ihr wie zwei Beile . . . Jawohl! Ersoffen wäret ihr und fertig!«

Der Alte schwieg und fing an, mich mit einem spöttischen Lächeln zu betrachten.

»Was schweigst du, Bursche?« fragte er mich.

Ich hatte seine Betrachtungen satt, die ich nicht recht verstand und für eine Verhöhnung hielt.

»Nun, ich höre dir doch zu!« sagte ich recht unwirsch.

»Nun, und?« fragte der Alte interessiert.

»Nun, und nichts.«

»Was neckst du mich dann? Ist es eine Art, einen zu necken, der älter ist als du?«

Ich schwieg, da ich einsah, daß es wirklich keine Art war.

»Willst du nicht mehr essen?« fuhr der Alte fort.

»Ich will nicht.«

»Nun, iß nicht. Wenn du nicht willst, so iß nicht. Willst du vielleicht für die Reise ein Stück Brot mitnehmen?«

Ich fuhr vor Freude zusammen, verriet mich aber nicht.

»Für die Reise würde ich schon etwas mitnehmen . . .« sagte ich ruhig.

»Aha! . . . Gebt ihnen also für die Reise Brot und Speck. Ist vielleicht noch etwas da? Dann gebt ihnen auch davon.«

»Werden sie denn weggehen?« fragte Michal.

Die beiden anderen richteten ihre Augen auf den Alten.

»Was sollen wir denn mit ihnen anfangen?«

»Wir sollten sie doch zum Amtmann bringen . . . oder zu den Zollwächtern . . .« erklärte Michal entäuscht.

Schakro rückte am Feuer hin und her und streckte den Kopf neugierig aus dem Mantel hervor. Er schien ruhig.

»Was haben sie beim Amtmann zu suchen? Vielleicht haben sie bei ihm nichts zu suchen. Später können sie zu ihm gehen . . . wenn sie wollen.«

»Und was ist mit dem Boot?« frage Michal, der nicht nachgeben wollte.

»Mit dem Boot?« wiederholte der Alte. »Was soll mit dem Boot sein? Liegt es noch dort?«

»Es liegt noch dort . . .« antwortete Michal.

»Nun, dann soll es liegen. Morgen früh wird es Iwaschko zum Hafen treiben . . . von dort wird man es nach Kertsch mitnehmen. Sonst ist mit dem Boot nichts anzufangen.«

Ich sah den Alten aufmerksam an und konnte in seinem phlegmatischen, sonnenverbrannten und verwitterten Gesicht, über das die Schatten vom Feuer huschten, nicht die geringste Bewegung entdecken.

»Daß es nur keine Scherereien gibt . . .« begann Michal nachzugeben.

»Wenn du deine Zunge im Zaume hältst, so wird es vielleicht auch keine Scherereien geben. Wenn man sie aber zum Amtmann bringt, so werden wir und auch sie genug auszustehen haben. Wir müssen unsere Arbeit tun, und sie müssen gehen. He! Habt ihr noch weit zu gehen?« fragte der Alte, obwohl ich ihm schon gesagt hatte, wie weit.

»Bis Tiflis . . .«

»Ein weiter Weg! Nun siehst du, der Amtmann wird sie aber aufhalten; und wenn er sie aufhält, wann werden sie dann ankommen? Sollen sie also gehen, wohin ihr Weg führt. Wie?«

»Warum auch nicht? Sollen sie gehen!« stimmten die Genossen des Alten zu, als er mit seiner langsamen Rede fertig war, die Lippen fest zusammenpreßte und sie alle fragend anblickte, indem er seinen grauen Bart mit den Fingern drehte.

»Nun, geht also mit Gott, Burschen!« sagte der Alte und winkte mit der Hand. »Das Boot werden wir schon an Ort und Stelle schaffen. Nicht?«

»Ich danke dir, Großvater!« sagte ich und nahm meine Mütze ab.

»Wofür dankst du denn?«

»Ich danke dir, Bruder, ich danke!« wiederholte ich erregt.

»Wofür dankst du? Ist das sonderbar! Ich sage: ›Geht mit Gott‹, und er sagt mir: ›Danke!‹ Hast du denn gefürchtet, daß ich dich zum Teufel schicken werde, wie?«

»Ich muß mich schämen, ich habe es gefürchtet!« sagte ich.

»Oh . . .!« Und der Alte zog die Augenbrauen in die Höhe. »Warum soll ich einen Menschen auf einen schlechten Weg schicken? Ich schicke ihn lieber auf einen guten, den ich selbst gehe. Vielleicht treffen wir uns noch mal wieder, dann werden wir schon Bekannte sein. Vielleicht wird mal einer dem andern helfen müssen . . . Auf Wiedersehen . . .!«

Er nahm seine zottige Lammfellmütze vom Kopf und verbeugte sich vor uns. Auch seine Genossen verbeugten sich. Wir erkundigten uns nach dem Wege nach Anapa und gingen los. Schakro lachte über etwas . . .

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