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Mein Weggenosse und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Mein Weggenosse und andere Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleMein Weggenosse und andere Erzählungen
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
year1960
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060529
modified20161027
projectidf040e838
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4

Feodossia hatte unsere Erwartungen getäuscht. Als wir hinkamen, befanden sich dort schon an die vierhundert Mann, die wie wir auf Arbeit warteten und gleich uns gezwungen waren, sich mit der Rolle von Zuschauern beim Bau der Mole zu begnügen. Hier arbeiteten Türken, Griechen, Georgier, Bauern aus Smolensk und Poltawa und Barfüßler. Überall in der Stadt und in der Umgegend irrten scharenweise die grauen bekümmerten Gestalten der Hungernden und trieben sich wie die Wölfe Barfüßler aus Azow und Taurien herum.

Sie hielten uns anfangs auch für »Hungernde« und versuchten, sich an uns zu bereichern: im Gedränge stahl jemand Schakro den Mantel von den Schultern, den ich ihm gekauft hatte, und jemand anders schnitt mir meinen Quersack ab; aber nach einigem Wortwechsel gab man uns die Sachen wieder zurück, da man eine geistige und soziale Verwandtschaft zwischen sich und uns erkannte; die Barfüßler sind aber ein edles Volk, wenn auch geriebene Bestien . . .

Als wir sahen, daß wir hier nichts zu tun hatten und daß man die Mole ohne uns bauen wollte, fühlten wir uns gekränkt und gingen nach Kertsch.

Mein Weggenosse hielt Wort und ließ mich in Ruhe; aber er war furchtbar hungrig und so düster wie die Schlucht von Darjal. Er klapperte ganz wie ein Wolf mit den Zähnen, wenn er jemand essen sah, und machte mir Angst durch die Beschreibung der Menge verschiedener Speisen, die zu verschlingen er imstande wäre. Seit einiger Zeit fing er auch an, von Weibern zu reden. Anfangs nur nebenbei, mit Seufzern des Bedauerns, dann immer öfter, mit dem gierigen Lächeln eines Orientalen, und schließlich kam er so weit, daß er keine Person weiblichen Geschlechts, welchen Alters und welchen Aussehens sie auch sein mochte, an sich vorbeigehen lassen konnte, ohne mir irgendeine praktisch-philosophische schmutzige Bemerkung über diese oder jene Eigentümlichkeit ihres Körperbaus mitzuteilen. Er redete über die Frauen so frei, mit solcher Sachkenntnis und sah sie von einem so erstaunlich primitiven Standpunkt an, daß ich nur ausspucken konnte . . . Einmal versuchte ich, ihm zu beweisen, daß die Frau als Geschöpf durchaus nicht geringer sei als er selbst; als ich aber sah, daß er sich durch meine Ansichten nicht nur verletzt fühlte, sondern sogar nahe daran war, wegen der Erniedrigung, die ich ihm seiner Ansicht nach zufügte, wütend zu werden, gab ich meine Versuche auf bis zu einer Zeit, wo er, Schakro, satt sein würde.

Nach Kertsch gingen wir nicht mehr am Ufer entlang, sondern, um den Weg abzukürzen, durch die Steppe. In unserem Sacke hatten wir nur ein Gerstenbrot von etwa drei Pfund, das wir von einem Tataren für unsere letzten fünf Kopeken gekauft hatten. Aus diesem traurigen Grunde waren wir nach unserer Ankunft in Kertsch nicht nur nicht imstande, Arbeit zu suchen, sondern konnten auch kaum die Beine bewegen. Schakros Versuche, in den Dörfern um Brot zu betteln, führten zu nichts, denn überall gab man ihm die kurze Antwort: »Eurer sind so viel . . .!« Das war eine große Wahrheit: in jenem schweren Jahre gab es in der Tat erschreckend viel Menschen, die ein Stück Brot suchten. Sie gingen zu Fuß in Gruppen von drei bis zwanzig und mehr, gingen mit Kindern, die sie auf den Armen trugen und an den Händen führten, und es waren lauter durchsichtige Geschöpfe mit bläulicher Haut, unter der kein Blut, sondern eine ungesunde, faulige, trübe Flüssigkeit zu fließen schien . . . Und ihre Knochen ragten so vielsagend unter der abgetragenen Haut hervor, daß beim bloßen Anblick das Herz von einem dumpfen Gram überfallen wurde und sich unerträglich und schmerzvoll zusammenkrampfte. Diese hungrigen, halbnackten und vom Wege ermüdeten Kinder schrien sogar nicht; sie schauten nur mit ihren scharfen, verschiedenfarbigen Augen, die beim Anblick eines Gemüsefeldes oder eines noch nicht geschnittenen Weizenfeldes gierig funkelten; wenn sie aber ihre Blicke traurig auf die Gesichter der Erwachsenen richteten, schienen sie zu fragen, warum man sie in die Welt gesetzt habe . . . Zuweilen fuhr ein Bauernwagen vorbei, in dem eine zu einem Skelett abgemagerte Alte saß und das Pferd lenkte; um sie herum ragten aber diese Kinderköpfchen mit den traurigen Augen, die beim Anblick des fremden Landes ausdrucksvoll schwiegen. Das knochige und abgetriebene Pferd bewegt kaum die Beine und schüttelt kläglich den struppigen Kopf mit der verfilzten Mähne . . . Neben dem Wagen und hinter ihm gehen aber in langer Reihe die Erwachsenen. Ihre Köpfe sind gesenkt, die Arme hängen wie Peitschenschnüre herab, und die trüben zerstreuten Augen glänzen nicht einmal vor Hunger und sind nur von einem unsagbaren, erschütternd traurigen Gefühl erfüllt. Das alles bewegte sich schleichend, still und langsam über die fremde Erde, als fürchteten sich diese vom Unglück aus ihrer Bahn geschleuderten Menschen, durch ihre Gegenwart die Ruhe der Glücklicheren zu stören, zu denen sie kamen . . . Wir begegneten vielen solchen Leichenzügen ohne Leichen.

Wenn sie uns oder wir sie einholten, fragten sie uns leise und scheu: »Ist es noch weit bis zum Dorfe, Burschen?«

Und wenn wir antworteten, seufzten sie und sahen uns schweigend an.

Mein Weggenosse konnte diese unbesiegbaren Konkurrenten im Betteln nicht leiden. Sein Vorrat an Lebenskräften, den er trotz der Beschwerlichkeiten der Reise und der schlechten Ernährung noch hatte, erlaubte ihm nicht, ein so heruntergekommenes und elendes Aussehen anzunehmen wie das, auf das die andern mit Recht, sogar wie auf einen gewissen Vorzug, stolz sein durften; und wenn er sie von weitem sah, sagte er: »Wieder gehen sie! Pfui, pfui, pfui! Was gehen sie herum? Was fahren sie? Ist denn Rußland eng? Ich verstehe es nicht! Ein furchtbar dummes Volk ist in Rußland!«

Als ich ihm die Gründe erklärte, die das dumme russische Volk bewogen, durch die Krim zu gehen und zu fahren, schüttelte er ungläubig den Kopf und erwiderte: »Ich verstehe es nicht! Wie ist es möglich . . .! Bei uns in Georgien gibt es solche Dummheiten nicht!«

So kamen wir sehr müde und hungrig nach Kertsch. Wir kamen spät am Abend an und mußten unter der am Ufer für die Dampfer angebrachten Landungsbrücke übernachten. Es schadete uns nicht, uns zu verstecken: wir wußten, daß man aus Kertsch kurz vor unserer Ankunft alles überflüssige Volk, alle Barfüßler abgeschoben hatte, und wir fürchteten, von der Polizei erwischt zu werden; da Schakro mit einem fremden Passe reiste, hätte das zu gefährlichen Verwicklungen in unserem Schicksal führen können.

Die Wellen der Meerenge überschütteten uns die ganze Nacht ausgiebig mit ihren Spritzern, und als wir beim Morgengrauen unter der Landungsbrücke herauskamen, waren wir durchnäßt und durchfroren. Den ganzen Tag gingen wir auf dem Ufer auf und ab, und alles, was wir verdienen konnten, war ein Zehnkopekenstück, das ich von einer Popenfrau bekam, weil ich ihr einen Sack Melonen vom Markte nach Hause trug.

Nun galt es, über die Meerenge nach Tamanj zu kommen. Kein einziger Bootsmann wollte uns als Ruderer zum anderen Ufer mitnehmen, so sehr ich auch darum bat. Alle waren gegen die Barfüßler erbost, die hier kurz vor unserer Ankunft viele Heldentaten vollbracht hatten, uns aber rechnete man nicht ohne Grund zu dieser Kategorie.

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