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Mein Weggenosse und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Mein Weggenosse und andere Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleMein Weggenosse und andere Erzählungen
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
year1960
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060529
modified20161027
projectidf040e838
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3

Nun waren wir in der Krim. Wir passierten Ssimferopol und näherten uns Jalta.

Ich ging in stummem Entzücken vor der Naturschönheit dieses herrlichen, von allen Seiten vom Meere umschmeichelten Stückes Erde. Der Fürst seufzte, jammerte, warf traurige Blicke um sich und versuchte, seinen leeren Magen mit allerlei sonderbaren Beeren zu füllen. Die Versuche, ihren Nährwert kennenzulernen, liefen nicht immer gut für ihn ab, und er sagte mir oft mit boshaftem Humor:

»Wenn sich mein Magen ganz nach außen umdreht, wie soll ich dann weitergehen? Wie? Sag doch!«

Uns bot sich gar keine Möglichkeit, etwas zu verdienen, und wir nährten uns, da wir keinen Groschen in der Tasche hatten, von Obst und Hoffnungen auf die Zukunft. Fürst Schakro machte mir aber Vorwürfe wegen meines Mangels an Unternehmungslust, Faulheit und »Gafferei«, wie er sich ausdrückte. Überhaupt war er recht unangenehm geworden; am meisten erdrückte er mich aber mit seinen Erzählungen von seinem fabelhaften Appetit. Es stellte sich heraus, daß er, nachdem er um zwölf Uhr »ein kleines Schäfchen« nebst drei Flaschen Wein als Frühstück zu sich genommen hatte, schon um zwei Uhr imstande war, ohne besondere Mühe drei Teller von einer gewissen »Tschachachbili« oder »Tschichirtma«, eine ganze Schüssel Pilaf, einen ganzen Bratspieß mit Schaschlyk und »soviel du willst« Tolma und noch eine Menge anderer kaukasischer Gerichte zu verzehren und dazu Wein »soviel er wollte« zu trinken. Tagelang erzählte er mir von seinen gastronomischen Neigungen und Kenntnissen, erzählte es schmatzend, mit brennenden Augen, fletschte dabei die Zähne, knirschte mit ihnen und schlürfte laut den Speichel, der ihm vor Hunger reichlich aus seinem beredten Munde floß. In solchen Augenblicken flößte er mir Ekel ein, den ich nur mit Mühe vor ihm verbergen konnte.

Einmal, in der Gegend von Jalta, übernahm ich es, einen Garten von den abgeschnittenen Ästen zu säubern, ließ mir den ganzen Tageslohn vorauszahlen und kaufte mir für die ganzen fünfzig Kopeken Brot und Fleisch. Als ich mit den Einkäufen zurückkam, rief mich der Gärtner; ich übergab meine Einkäufe Schakro, der sich unter dem Verwände von Kopfweh geweigert hatte, mitzuarbeiten, und folgte dem Rufe. Als ich nach einer Stunde zurückkam, überzeugte ich mich, daß Schakro, als er von seinem Appetit erzählte, die Grenzen der Wahrheit nicht überschritten hatte: von allem, was ich gekauft hatte, war nicht ein Krümchen übriggeblieben. Das war kein kameradschaftliches Benehmen, aber ich schwieg; wie es sich später zeigte, zu meinem Unglück.

Schakro merkte mein Schweigen und nutzte es auf seine Art aus. Von dieser Zeit an begann etwas furchtbar Dummes. Ich arbeitete, er aber drückte sich unter allen möglichen Vorwänden um die Arbeit herum, aß, schlief und trieb mich zu größerem Fleiß an. Ich bin kein Tolstojaner. Es war mir traurig und lächerlich, diesen kräftigen Burschen anzusehen, der mich gierig anblickte, wenn ich nach meiner Arbeit müde zu ihm zurückkehrte, während er mich in irgendeinem schattigen Winkel erwartete; aber noch trauriger und kränkender war es für mich zu sehen, daß er mich auslachte, weil ich arbeitete. Er lachte, weil er das Betteln gelernt hatte und weil ich in seinen Augen eine Art leblose Vogelscheuche war. Wenn er zu betteln anfing, genierte er sich anfangs vor mir; als wir uns aber einem Tatarendörfchen näherten, fing er vor meinen Augen an, sich zum Betteln vorzubereiten. Zu diesem Zwecke stützte er sich auf einen Stock und schleppte beim Gehen das eine Bein nach, als ob es ihn schmerzte, denn er wußte, daß die geizigen Tataren einem gesunden Burschen nichts geben würden. Ich stritt mit ihm und suchte ihm die Schändlichkeit einer solchen Beschäftigung zu beweisen . . . Er lachte nur.

»Ich verstehe nicht zu arbeiten!« entgegnete er mir kurz. Er bekam nur spärlich Almosen. Um jene Zeit fing ich zu kränkeln an. Der Weg wurde von Tag zu Tag beschwerlicher und mein Verhältnis zu Schakro unangenehmer. Jetzt forderte er schon hartnäckig, daß ich ihn ernähre. »Du führst mich? Also führe mich! Kann ich denn so weit zu Fuß gehen? Wie? Ich bin es nicht gewohnt. Ich kann davon sterben! Warum quälst du mich, warum mordest du mich? Wenn ich sterbe, wie wird es dann? Die Mutter wird weinen, der Vater wird weinen, die Freunde werden weinen! Wieviel Tränen sind das?«

Ich hörte solche Reden an, ärgerte mich aber über sie nicht. Damals keimte in mir ein seltsamer Gedanke, der mich bewog, alles zu ertragen. Manchmal saß ich, wenn er schlief, neben ihm, betrachtete sein ruhiges, unbewegliches Gesicht und wiederholte vor mich hin, als ginge mir ein neuer Gedanke auf: »Mein Weggenosse . . . Mein Weggenosse . . .«

In meinem Bewußtsein dämmerte zuweilen der Gedanke, daß Schakro nur von seinem Rechte Gebrauch machte, wenn er von mir so selbstbewußt und dreist Hilfe und Fürsorge verlangte. In diesem Fordern war eine Kraft, ein Charakter. Er knechtete mich, ich ergab mich ihm und studierte ihn; ich beobachtete jedes Zucken in seinem Gesicht und versuchte zu ergründen, wo und bei welchem Punkt er in diesem Prozeß der Vergewaltigung einer fremden Persönlichkeit stehenbleiben würde. Er aber fühlte sich sehr wohl, sang, schlief und lachte über mich, wenn es ihm gerade paßte. Manchmal gingen wir für zwei, drei Tage nach verschiedenen Richtungen auseinander; ich gab ihm Brot und Geld, wenn ich welches hatte, mit und sagte ihm, wo er mich erwarten solle. Wenn wir uns dann wieder trafen, empfing er, der sich von mir so argwöhnisch, traurig und ärgerlich getrennt hatte, mich freudig und triumphierend und sagte jedesmal lachend: »Ich dachte schon, du seiest mir weggelaufen, hättest mich verlassen. Ha, ha, ha . . .!«

Ich gab ihm zu essen und erzählte ihm von den schönen Gegenden, die ich gesehen; als ich einmal von Bachtschissarai sprach, erzählte ich ihm von Puschkin und zitierte seine Verse. Dies alles machte auf ihn nicht den geringsten Eindruck.

»Ach, Verse! Das sind Lieder und keine Verse! Ich kannte einen Mann, einen Georgier, namens Mato Leschaw, der verstand Lieder zu singen! Das waren Lieder . . .! Wenn der zu singen anfing – ai, ai, ai! . . . Laut . . . sehr laut sang er! Als ob man ihm in der Kehle einen Dolch umdrehte! Er hat einen Schenkwirt erstochen und kam dafür nach Sibirien . . .«

Nach jeder Rückkehr sank ich immer tiefer in seiner Meinung, und er verstand es nicht vor mir zu verbergen. Unsere Geschäfte gingen schon längst nicht gut. Ich fand nur mit Mühe Gelegenheit, einen bis anderthalb Rubel in der Woche zu verdienen, und das war für uns beide selbstverständlich weniger als wenig. Was Schakro zusammenbettelte, hatte nicht die geringste Wirkung auf unsere Ernährung. Sein Magen war ein kleiner Abgrund, der alles wahllos verschlang: Trauben, Melonen, gesalzene Fische, Brot, Dörrobst – und dieser Abgrund nahm mit der Zeit an Umfang zu und forderte immer mehr Opfer.

Schakro fing an mich zu drängen, die Krim zu verlassen, indem er recht vernünftig erklärte, daß der Herbst nicht mehr fern sei, wir aber noch weit zu gehen hätten. Ich mußte ihm zustimmen. Außerdem hatte ich diesen Teil der Krim schon gesehen, und wir gingen nach Feodossia, in der Hoffnung, »ein paar Groschen« zu verdienen, die uns immerhin fehlten. Wieder mußten wir uns von Obst und Hoffnungen auf die Zukunft nähren . . .

Die arme Zukunft! Unter der Last der Hoffnungen, die auf sie gesetzt werden, verliert sie sofort ihren ganzen Reiz, sobald sie zur Gegenwart wird!

Nachdem wir etwa zwanzig Werst von Aluschta aus zurückgelegt hatten, machten wir halt, um zu übernachten. Ich hatte Schakro überredet, am Ufer entlangzugehen, obwohl dieser Weg der längere war, aber ich wollte Seeluft atmen. Wir machten uns ein Feuer an und lagerten uns daneben. Der Abend war herrlich. Das dunkelgrüne Meer brandete gegen die Felsen unter uns; über uns schwieg majestätisch der blaue Himmel, und rings um uns her rauschten die duftenden Büsche und Bäume. Der Mond ging auf. Das durchbrochene Laub der Ahorne warf Schatten, und diese huschten auf den Steinen. Irgendein Vogel sang laut und herausfordernd. Die silbernen Triller schmolzen in der Luft, die vom leisen und freundlichen Rauschen der Wellen erfüllt war, und wenn sie verstummten, hörte man das nervöse Zirpen irgendeines Insekts. Das Feuer flackerte lustig, und seine Flamme glich einem großen lodernden Strauß roter und gelber Blumen. Auch das Feuer erzeugte Schatten, und diese Schatten sprangen lustig um uns herum, als prahlten sie mit ihrer Lebendigkeit vor den trägen Schatten des Mondes. Ab und zu erklangen in der Luft sonderbare Töne. – Der weite Horizont des Meeres war leer, der Himmel über ihm wolkenlos, und ich fühlte mich, als läge ich am Rande der Erde und schaute in die grenzenlosen Räume, dieses Rätsel, das die Seele bezaubert . . . Berauscht von der feierlichen Schönheit der Nacht, versank ich gleichsam in der herrlichen Harmonie der Farben, Töne und Düfte, das scheue Gefühl der Nähe von etwas Großem erfüllte meine Seele, und mein Herz bebte und erstarb vor der Freude am Leben . . .

Schakro lachte plötzlich laut auf: »Ha – ha – ha . . . Was hast du für eine dumme Fratze? Ganz wie ein Hammel! Ha – ha – ha . . .!«

Ich erschrak, als ob über mir plötzlich ein Donnerschlag erdröhnte. Es war aber noch schlimmer. Es war komisch, aber zugleich so kränkend . . .! Schakro weinte vor Lachen; auch ich war bereit, zu weinen, doch aus einem anderen Grunde. Mir war es, als steckte mir in der Kehle ein Stein, ich konnte nicht sprechen und sah ihn mit wilden Augen an, womit ich ihn noch mehr zum Lachen reizte. Er kugelte sich auf der Erde und hielt sich den Bauch; ich aber konnte mich nach der mir zugefügten Beleidigung noch immer nicht erholen, denn es war mir eine schwere Beleidigung zugefügt worden, und die wenigen, die es hoffentlich verstehen werden – weil sie vielleicht selbst etwas Ähnliches erfahren haben –, werden diese Schwere in ihren Seelen nachempfinden.

»Hör auf!« schrie ich wütend.

Er erschrak, fuhr zusammen, konnte sich aber noch immer nicht beherrschen; die Lachkrämpfe ergriffen ihn immer von neuem, er blähte die Backen, glotzte mit den Augen und brach dann wieder in Lachen aus. Nun stand ich auf und ging von ihm weg. Ich ging lange, ohne zu denken, fast besinnungslos, vom brennenden Gift der Vereinsamung und Kränkung erfüllt. Ich umarmte die ganze Natur und gestand ihr stumm, mit ganzer Seele meine Liebe, die glühende Liebe eines Menschen, der ein wenig Dichter ist . . . sie aber hatte mich in der Person Schakros wegen meiner Verzückung ausgelacht! Wenn ich eine Anklageschrift gegen die Natur, gegen Schakro und alle Lebensordnung abfassen wollte, wäre ich noch weit gekommen, aber hinter mir ertönten schnelle Schritte.

»Sei nicht böse!« sagte Schakro verlegen, indem er leise meine Schultern berührte. »Hast du gebetet? Ich selbst bete nie . . .«

Er sprach im scheuen Tone eines Kindes, das etwas Dummes angestellt hat, und ich konnte trotz meiner Aufregung nicht umhin, sein unglückliches Gesicht zu sehen, das sich vor Verlegenheit und Angst komisch verzerrte. »Ich rühre dich nicht mehr an. Wahrhaftig! Niemals . . .!« Er schüttelte verneinend den Kopf.

»Ich sehe, du bist ein stiller Mensch. Du arbeitest. Du zwingst mich nicht dazu. Ich frage mich: warum?«

Damit wollte er mich trösten! Damit wollte er sich vor mir entschuldigen! Natürlich, nach solchen Tröstungen und Entschuldigungen blieb mir nichts anderes übrig, als ihm zu verzeihen, und zwar nicht nur das Vergangene, sondern auch die Zukunft.

Eine halbe Stunde später schlief er schon fest, und ich saß an seiner Seite und sah ihn an. Selbst ein starker Mensch erscheint im Schlafe hilflos und schutzlos, Schakro aber sah einfach elend aus. Seine dicken Lippen waren halb geöffnet und verliehen seinem Gesicht zusammen mit den hochgezogenen Augenbrauen den kindlichen Ausdruck eines scheuen Erstaunens. Er atmete gleichmäßig und ruhig, bewegte sich aber zuweilen und sprach im Schlafe flehend und hastig ganze Sätze auf georgisch. Um uns herum herrschte jene gespannte Stille, von der man immer etwas erwartet und die, wenn sie lange dauerte, den Menschen durch ihre gänzliche Ruhe und den Mangel jedes Tones, dieses grellen Schattens einer Bewegung, verrückt machen könnte. Das leise Rauschen der Wellen erreichte uns nicht; wir lagen in einer Grube, die von zähem Gesträuch bewachsen war und wie der zottige Rachen eines versteinerten Tieres aussah. Ich sah Schakro an und dachte mir: Das ist mein Weggenosse . . . Ich kann ihn wohl hier verlassen, aber ich kann ihm doch nicht entrinnen, denn sein Name ist Legion . . . Das ist der Weggenosse meines ganzen Lebens . . . er wird mich bis zum Grabe begleiten . . .

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