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Mein Weggenosse und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Mein Weggenosse und andere Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleMein Weggenosse und andere Erzählungen
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
year1960
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060529
modified20161027
projectidf040e838
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2

Als wir nach Chersson kamen, kannte ich meinen Weggenossen schon als einen naiven und wilden, äußerst ungebildeten Burschen, lustig, wenn er satt, und traurig, wenn er hungrig war, ganz wie ein starkes und gutmütiges Tier.

Unterwegs erzählte er mir vom Kaukasus, vom Leben der georgischen Gutsbesitzer, von ihren Belustigungen und von ihrem Verhältnis zu den Bauern. Seine Berichte waren interessant und von einer eigentümlichen Schönheit, zeigten mir aber den Erzähler selbst in einem für ihn äußerst ungünstigen Lichte. So erzählte er mir unter anderem folgende Geschichte: Zu einem reichen Fürsten waren die Nachbarn zu einem Schmause zusammengefahren; sie tranken Wein, aßen Tschurek, Schaschlyk, Lawasch, Pilaf und sonstige Nationalgerichte, und dann führte der Fürst seine Gäste in den Pferdestall. Man sattelte die Pferde. Der Fürst nahm sich das beste und sprengte damit über das Feld. Das war ein feuriges Pferd! Die Gäste lobten seine Statur und seine Schnelligkeit, der Fürst sprengte noch einmal dahin, plötzlich aber erschien auf dem Felde ein Bauer auf einem weißen Pferde, er überholte den Fürsten und lachte stolz. Der Fürst schämte sich vor seinen Gästen! . . . Er runzelte streng die Brauen, winkte den Bauern zu sich heran, und als jener herangeritten kam, schlug er ihm mit einem einzigen Säbelhiebe den Kopf ab, tötete das Pferd durch einen Revolverschuß ins Ohr und meldete dann seine Tat den Behörden. Und er wurde zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt . . .

Schakro erzählte mir das im Tone des Mitleides mit dem Fürsten. Ich versuchte ihm zu beweisen, daß der Fürst kein Mitleid verdiente, er aber antwortete mir belehrend: »Es gibt wenig Fürsten und viel Bauern. Wegen eines Bauern darf man einen Fürsten nicht verurteilen. Was ist der Bauer? Da!« und er zeigte mir einen Klumpen Erde. »Ein Fürst ist aber wie ein Stern!«

Wir streiten, und er ärgert sich. Wenn er sich ärgert, fletscht er die Zähne wie ein Wolf, und seine Gesichtszüge werden spitz.

»Schweig, Maxim! Du kennst das kaukasische Leben nicht!« schreit er mir zu.

Alle meine Gründe sind machtlos gegen seine Ursprünglichkeit, und was mir klar ist, erscheint ihm lächerlich. Meine Logik berührte sein Gehirn nicht, und wenn ich ihn nach langer Mühe durch den Beweis der Richtigkeit und der Vortrefflichkeit meiner Anschauungen entwaffnete, dachte er nicht lange nach, sondern sagte mir: »Geh nach dem Kaukasus und wohne dort. Du wirst sehen, daß ich die Wahrheit spreche. Alle machen es so, also muß es so sein. Warum soll ich dir glauben, wenn du allein sagst, es sei nicht so, und tausend andere sagen, es sei so?« Nun verstummte ich, denn ich sah ein, daß man einem Menschen, der daran glaubt, daß das Leben, so wie es ist, vollkommen gesetzmäßig und gerecht sei, nicht mit Worten, sondern mit Tatsachen beikommen müsse. Ich schwieg, und er triumphierte, da er an seine Weltkenntnis unerschütterlich glaubte und sie für wahr, gerecht und unwankbar hielt. Mein Schweigen gab ihm aber das Recht, in seinen Erzählungen vom kaukasischen Leben, voller wilder Schönheit, Feuer und Eigenart, einen immer höheren Ton anzuschlagen. Diese Erzählungen interessierten und fesselten mich, empörten mich aber zugleich und machten mich rasend durch ihre Roheit, durch den Respekt vor Reichtum und Macht und durch den vollständigen Mangel dessen, was man die für alle Menschen verbindliche Moral nennt. Einmal fragte ich ihn zufällig, ob er die Lehre Christi kenne.

»Gewiß!« antwortete er achselzuckend.

Als ich ihn aber ausfragte, zeigte es sich, daß er nur so viel wußte: es war einmal ein Christus, der sich gegen die jüdischen Gesetze empört hatte und dafür von den Juden gekreuzigt worden war. Er war aber ein Gott und starb darum nicht am Kreuze, sondern fuhr in den Himmel und gab den Menschen ein neues Lebensgesetz . . .

»Was für eins?« fragte ich ihn. Er sah mich spöttisch und erstaunt an und fragte: »Bist du ein Christ? Nun! Auch ich bin Christ. Auf der Erde sind fast alle Menschen Christen. Nun, was fragst du dann? Du siehst, wie alle leben . . . Das ist das Gesetz Christi.«

Ich war aufgeregt und fing an, ihm vom Leben Christi zu erzählen. Er hörte mir erst mit Interesse zu, dieses wurde aber allmählich schwächer und brach schließlich mit einem Gähnen ab.

Als ich merkte, daß sein Herz mir nicht zuhörte, wandte ich mich an seinen Verstand und erzählte ihm von den Vorteilen der gegenseitigen Hilfe, von den Vorteilen des Wissens, von den Vorteilen der Gesetzmäßigkeit, von Vorteilen, nur von Vorteilen . . .

»Wer stark ist, der ist sich selbst Gesetz! Er braucht nicht zu lernen; selbst wenn er blind ist, findet er seinen Weg«, antwortete mir Fürst Schakro träge.

Er verstand es, sich selbst treu zu sein. Das weckte in mir einen Respekt vor ihm; aber er war wild und grausam, und ich fühlte, wie in mir zuweilen ein Funken von Haß gegen den Fürsten Schakro aufflammte. Aber ich gab noch nicht die Hoffnung auf, einen Berührungspunkt zwischen uns und einen Boden zu finden, auf dem wir uns näherkommen und einander verstehen könnten.

Ich begann mit dem Fürsten einfacher zu sprechen, um mich ihm auf diese Weise zu nähern. Er sah meine Versuche, faßte sie aber als Eingeständnis seiner Überlegenheit über mich auf und nahm daher im Gespräche mit mir einen herablassenden und gönnerhaften Ton an. Ich litt, als ich sah, wie alle meine Gründe an der steinernen Mauer seiner Weltanschauung zu Staub zerschellten . . . Wir passierten die Landenge von Perekop und näherten uns den Bergen der Krim. Schon seit zwei Tagen sahen wir sie am Horizonte. Sie waren hellblau und glichen leichten Wolkenreihen. Ich bewunderte sie aus der Ferne und träumte vom Südufer der Krim. Der Fürst aber brummte seine georgischen Weisen vor sich hin und war finster. Unser ganzes Geld war aufgebraucht, und es gab nirgends Gelegenheit, etwas zu verdienen. Wir strebten Feodossia zu, wo gerade die Arbeiten am Hafenbau begonnen hatten.

Der Fürst sagte mir, daß auch er arbeiten wolle und daß wir, wenn wir Geld verdient hätten, mit dem Schiff nach Batum fahren würden. In Batum habe er viele Bekannte, und er würde mir dort sofort die Stelle – eines Hausknechtes oder Wächters verschaffen. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte gönnerhaft, süß mit der Zunge schnalzend: »Ich werde dir dort so ein Leben verschaffen! Zze, zze! Wirst Wein trinken, soviel du willst, wirst Hammelfleisch essen, soviel du willst! Wirst eine Georgierin heiraten, eine dicke Georgierin, zze, zze, zze! . . . Die wird dir Lawasch backen, Kinder gebären, viel Kinder, zze, zze!« Dieses »Zze, zze!« wunderte mich anfangs, fing mich dann zu reizen an und brachte mich schließlich in stille Wut. In Rußland lockt man mit diesen Lauten die Schweine, auf dem Kaukasus aber drückt es Entzücken, Bedauern, Vergnügen und Kummer aus.

Schakro hatte seinen modernen Anzug stark abgetragen, und seine Schuhe waren an verschiedenen Stellen geplatzt. Den Hut und den Spazierstock hatten wir in Chersson verkauft. Statt des Hutes hatte er sich eine alte Eisenbahnermütze angeschafft.

Als er sie zum erstenmal aufsetzte, und zwar ganz schief, fragte er mich: »Steht sie mir? Ist es schön?«

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