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Mein Weggenosse und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Mein Weggenosse und andere Erzählungen - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleMein Weggenosse und andere Erzählungen
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
year1960
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060529
modified20161027
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In der Steppe

Wir verließen Perekop in der übelsten Laune: hungrig wie Wölfe und auf die ganze Welt wütend. Ganze zwölf Stunden lang hatten wir erfolglos versucht, alle unsere Talente und Bemühungen aufzubieten, um etwas zu stehlen oder zu verdienen, und als wir endlich eingesehen, daß uns weder das eine noch das andere gelingen wollte, hatten wir uns entschlossen, weiterzugehen. Wohin? Nun, überhaupt weiter.

Wir waren bereit, auch in jeder anderen Beziehung den Lebensweg weiterzugehen, den wir schon längst gingen – dieser Entschluß war von jedem von uns stillschweigend gefaßt worden und leuchtete im düsteren Glanze unserer hungrigen Augen.

Wir waren unser drei: wir hatten uns vor kurzem kennengelernt, nachdem wir uns zu Chersson in einer kleinen Wirtschaft am Dnjeprufer begegnet waren.

Der eine von uns war ehemaliger Soldat im Eisenbahnbataillon und – angeblich – späterer Bahnmeister an einer der Eisenbahnen im Weichselgebiet, ein rothaariger, muskulöser Mensch mit kalten, grauen Augen; er konnte deutsch sprechen und verfügte über genaue Kenntnisse des Gefängnislebens.

Unsereins spricht nicht gerne von seiner Vergangenheit, da er immer mehr oder weniger triftige Gründe hat, über sie zu schweigen; darum glaubten wir alle einander, wenigstens äußerlich; denn innerlich glaubte ein jeder nicht einmal sich selbst.

Wenn unser zweiter Genosse, ein trockenes kleines Männchen mit immer skeptisch zusammengedrückten dünnen Lippen, von sich behauptete, daß er ein ehemaliger Student der Moskauer Universität sei, nahmen es ich und der Soldat als eine Tatsache hin. Im Grunde genommen war es uns absolut gleichgültig, ob er Student, Spitzel oder Dieb war; wichtig war uns nur, daß er, als wir uns kennenlernten, uns gleich war: er hungerte, genoß besonderes Interesse bei der Polizei in den Städten und Mißtrauen bei den Bauern in den Dörfern, haßte die eine und die anderen mit dem Hasse eines gehetzten hungrigen Tieres und sehnte sich nach einer universellen Rache an allem und allen – mit einem Worte, er war wie seiner Stellung unter den Fürsten der Schöpfung und Beherrschern des Lebens, so auch seiner Stimmung nach vom gleichen Holze wie wir.

Der Dritte war ich. Aus Bescheidenheit, die mir seit frühester Kindheit eigen ist, werde ich kein Wort von meinen Tugenden sagen und, um nicht naiv zu erscheinen, auch meine Mängel verschweigen. Als Material zu meiner Charakteristik will ich höchstens noch sagen, daß ich mich immer für besser als alle anderen hielt und daran auch heute noch mit Erfolg festhalte.

Wir verließen also Perekop und gingen weiter; an diesem Tage spekulierten wir auf die Schafhirten, die man immer um Brot bitten kann und die es den armen Wanderern nur selten abschlagen.

Ich ging neben dem Soldaten, der »Student« schritt hinter uns her. Er hatte an den Schultern etwas, was an ein Jackett erinnerte, hängen; auf seinem spitzen, eckigen, kurzgeschorenen Kopf ruhte der Rest eines breitkrempigen Hutes; eine graue Hose voller bunter Flicken umspannte seine dünnen Beine, und an seinen Sohlen waren mit Schnüren, die er sich aus dem Unterfutter seines Anzuges gedreht hatte, Stücke eines auf der Straße gefundenen Stiefelschaftes befestigt: diese Konstruktion nannte er Sandalen. Er ging schweigend einher, wirbelte sehr viel Staub auf und blinzelte mit seinen grünen kleinen Augen. Der Soldat trug ein rotes baumwollenes Hemd, das er, nach seinen eigenen Worten, in Chersson »eigenhändig« erworben hatte; über dem Hemde trug er eine warme wattierte Weste; auf dem Kopfe eine nach militärischer Vorschrift auf das rechte Ohr geschobene Soldatenmütze von undefinierbarer Farbe; an den Beinen baumelten weite kleinrussische Pluderhosen. Die Füße waren bloß. Auch ich war ähnlich gekleidet.

Wir gingen unseren Weg, und um uns dehnte sich nach allen Richtungen in mächtigem Schwunge die Steppe; von der blauen, glühenden Kuppel des wolkenlosen Sommerhimmels überwölbt, lag sie da wie ein riesengroßer, runder, schwarzer Teller. Die graue, staubige Landstraße, die sie als breiter Streif durchschnitt, versengte uns die Sohlen. Hie und da lagen als borstige Streifen die abgemähten Felder, die eine auffallende Ähnlichkeit mit den lange nicht rasierten Wangen des Soldaten hatten.

Der Soldat marschierte und sang mit heiserer Baßstimme: ». . . Und deine heilige Auferstehung preisen wir.« Während seiner Dienstzeit war er eine Art Küster an der Bataillonskirche gewesen und kannte eine Unmenge von Kirchengesängen; diese Kenntnisse mißbrauchte er, sooft unsere Unterhaltung nicht recht in Fluß kommen wollte. Vor uns am Horizonte erhoben sich sanft umrissene Gebilde in den freundlichsten Farben von lila bis blaßrosa. »Offenbar sind das die Berge der Krim«, sagte der »Student« mit trockener Stimme.

»Berge?« rief der Soldat. »Du hast sie zu früh erblickt, Bruder. Wolken sind es . . . ganz einfach Wolken. Siehst doch, wie sie sind: ganz wie Moosbeerenmus mit Milch . . .«

Ich bemerkte, daß es im höchsten Grade angenehm wäre, wenn die Wolken tatsächlich aus Mus bestünden. Dies weckte sofort unseren Hunger.

»Ach, Teufel!« fluchte der Soldat und spuckte aus. »Wenn uns doch wenigstens eine einzige Menschenseele in den Weg käme! Niemand da . . . Man muß wie ein Bär im Winter an seinen eigenen Pfoten saugen.«

»Ich habe doch gesagt, daß man durch bewohnte Gegenden gehen soll«, erklärte belehrend der »Student«.

»Du hast es gesagt!« empörte sich der Soldat. »Darum bist du auch so gelehrt, um so was zu sagen. Was gibt es hier für bewohnte Gegenden? Weiß der Teufel, wo die sind!«

Der »Student« preßte die Lippen zusammen und verstummte. Die Sonne ging unter, und die Wolken am Horizont spielten in den verschiedensten Farben, für die es keine Worte gibt. Es roch nach Erde und Salz.

Dieser trockene, appetitreizende Geruch vergrößerte noch unseren Hunger.

Im Magen sog es. Es war eine eigentümliche und unangenehme Empfindung, als ob die Säfte aus allen Muskeln herausliefen und verdunsteten und die Muskeln ihre lebendige Elastizität verlören. Das Gefühl einer stechenden Trockenheit erfüllte die Mundhöhle und die Kehle, der Kopf schwindelte, und vor den Augen entstanden und wirbelten in einem fort dunkle Flecken. Zuweilen nahmen sie die Form von dampfenden Fleischstücken und Brotlaiben an; die Erinnerung versah diese stummen Visionen der Vergangenheit mit den ihnen eigenen Gerüchen, und dann war es uns, als ob sich im Magen ein Messer umdrehte.

Wir gingen dennoch weiter, wobei wir einander unsere Empfindungen beschrieben und scharf nach den Seiten spähten, ob nicht irgendwo eine Schafherde auftauche, und lauschten, ob nicht das laute Knarren eines mit Obst zum Armeniermarkt fahrenden Tatarenkarrens ertöne.

Die Steppe war aber leer und lautlos.

Am Vorabend dieses schweren Tages hatten wir zu dritt vier Pfund Roggenbrot und an die fünf Stück Wassermelonen verzehrt; darauf waren wir gegen vierzig Werst gegangen, und die Ausgaben entsprachen in keiner Weise den Einnahmen . . . Wir waren auf dem Marktplatze von Perekop eingeschlafen und vor Hunger erwacht.

Der »Student« gab uns den vernünftigen Rat, nicht einzuschlafen und während der Nacht zu versuchen, ob wir nicht . . . Es ist aber in anständiger Gesellschaft nicht üblich, laut von Projekten zu sprechen, die auf die Verletzung des Privateigentums abzielen; darum verschweige ich, was er uns riet. Ich will nur die Wahrheit sagen, und es ist nicht in meinem Interesse, roh zu sein. Ich weiß, daß die Menschen in unserer hochzivilisierten Zeit immer weichherziger werden und selbst, wenn sie ihren Nächsten an der Gurgel packen, mit dem offensichtlichen Ziel, ihn zu erwürgen, sie es mit der größtmöglichen Liebenswürdigkeit und unter Wahrung aller in diesem Falle angebrachten Anstandsregeln tun. Die Erfahrung mit meiner eigenen Gurgel veranlaßt mich, diesen Fortschritt in den Sitten zu konstatieren, und ich bestätige mit dem angenehmen Gefühl von Gewißheit, daß in dieser Welt sich alles entwickelt und vervollkommnet. Speziell findet dieser beneidenswerte Fortschritt seine Bestätigung in der alljährlichen Zunahme von Gefängnissen, Branntweinschenken und öffentlichen Häusern.

Indem wir also hungrig den Speichel schluckten und uns bemühten, durch freundschaftliche Gespräche die Schmerzen im Leibe zu unterdrücken, gingen wir durch die leere und stumme Steppe, gingen in den roten Strahlen der scheidenden Sonne, von dunklen Hoffnungen auf etwas erfüllt; vor uns versank die Sonne langsam in weiche, von ihren Strahlen gefärbte Wolken, während rechts und links und hinter uns ein bläulicher Nebel von der Steppe in den Himmel stieg und den uns umgebenden unfreundlichen Horizont einengte.

»Brüder, sammelt Material für ein Feuer«, sagte der Soldat, indem er von der Straße ein Holzscheit aufhob. »Wir werden in der Steppe nächtigen müssen . . . es wird Tau geben. Nehmt jeden Zweig, Kuhmist, alles, was ihr findet!«

Wir bogen von der Straße ab und fingen an, trockenes Steppengras und alles, was nur brennen konnte, aufzulesen. Sooft ich mich zur Erde bückte, fühlte ich im ganzen Körper ein leidenschaftliches Verlangen, auf sie hinzufallen, unbeweglich auf ihr zu liegen, sie, die schwarze und fette Erde zu essen, bis zur Erschöpfung zu essen und dann einzuschlafen. Wenn auch für ewig einzuschlafen, aber nur essen, kauen und fühlen, wie der warme und dicke Brei aus dem Munde durch die eingetrocknete Speiseröhre langsam in den lechzenden, eingeschrumpften Magen hinabfließt, der vom Wunsche brennt, irgend etwas in sich aufzunehmen.

»Wenn wir doch wenigstens irgendwelche Wurzeln finden könnten . . .« seufzte der Soldat. »Es gibt solche eßbare Wurzeln.«

Aber in der schwarzen gepflügten Erde gab es keinerlei Wurzeln. Die südliche Nacht senkte sich schnell herab, und kaum war der letzte Sonnenstrahl erloschen, als am dunkelblauen Himmel schon die Sterne aufleuchteten und um uns her dunkle Schatten immer dichter zusammenflossen, die unendliche Weite der Steppe einengend.

»Brüder«, sagte leise der »Student«, »dort links liegt ein Mensch . . .«

»Ein Mensch?« zweifelte der Soldat. »Was soll er dort liegen?«

»Geh und frag. Er hat gewiß Brot bei sich, wenn er sich in der Steppe niedergelegt hat . . .« erklärte der »Student«. Der Soldat blickte auf die Stelle, wo der Mensch lag, spuckte aus und sagte entschlossen: »Gehen wir zu ihm!«

Nur die scharfen grünen Augen des »Studenten« vermochten zu unterscheiden, daß der dunkle Haufen, der an die fünfzig Klafter links von der Straße lag, ein Mensch war. Wir gingen schnell auf ihn zu, über die Schollen des Ackers schreitend, und fühlten, wie die in uns erwachte Hoffnung, etwas zu essen zu bekommen, die Schmerzen des Hungers verschärfte. Wir waren schon ganz nahe – der Mensch rührte sich nicht.

»Vielleicht ist es gar kein Mensch«, sagte der Soldat düster, unseren gemeinsamen Gedanken aussprechend.

Unser Zweifel zerstreute sich aber im gleichen Moment, denn der Haufen auf der Erde regte sich und wuchs, und wir sahen, daß es ein wirklicher lebendiger Mensch war, der auf den Knien lag und uns die Hand entgegenstreckte. Er sagte mit dumpfer, zitternder Stimme: »Kommt nicht näher, ich schieße!«

In der trüben Luft erklang ein kurzes, trockenes Knacken. Wir blieben wie auf Kommando stehen und schwiegen einige Sekunden, von diesem unfreundlichen Empfang überrascht.

»Ist das ein Schurke!« brummte der Soldat ausdrucksvoll.

»Tja«, versetzte nachdenklich der »Student«. »Mit einem Revolver zieht er herum, der Fisch hat offenbar viel Rogen . . .«

»He!« rief der Soldat, der offenbar etwas beschlossen hatte. Der Mensch änderte seine Stellung nicht und schwieg. »He, du! Wir tun dir nichts . . . gib uns nur Brot . . . hast wohl welches? Gib's, Bruder, um Christi willen . . .! Verflucht sollst du werden!«

Die letzten Worte brummte der Soldat in den Bart.

Der Mensch schwieg.

»Hörst du!« begann der Soldat wieder mit vor Bosheit und Verzweiflung zitternder Stimme. »Gib uns Brot. Wir kommen nicht näher . . . wirf es uns zu . . .«

»Gut . . .« sagte der Mensch kurz.

Er hätte uns auch »meine geliebten Brüder« sagen können; wenn er aber in diese drei christlichen Worte auch die heiligsten und reinsten Gefühle hineingelegt hätte, so hätten sie uns unmöglich so erregen und zu Menschen machen können, wie dieses dumpfe und kurze: »Gut!«

»Fürchte dich nicht, Freund«, begann der Soldat sanft und mit einem süßen Lächeln, obwohl der Mensch dieses Lächeln gar nicht sehen konnte, da er von uns zwanzig Schritte entfernt war.

»Wir sind friedliche Leute . . . wandern aus Rußland nach Kubanj . . . haben unterwegs das ganze Geld und alles verzehrt . . . und haben schon den zweiten Tag nichts gegessen . . .«

»Fang auf!« sagte der Mensch und holte mit der Hand aus. Ein schwarzes Stück flog durch die Luft und fiel nicht weit von uns auf den Acker. Der »Student« stürzte zu ihm hin.

»Fang noch einmal! Noch! Mehr habe ich nicht . . .«

Als der »Student« die originelle Spende eingesammelt hatte, zeigte es sich, daß wir vier Pfund trockenes Weizenbrot hatten. Es war mit Erde beschmutzt und sehr hart. Trockenes Brot sättigt besser als frisches und enthält weniger Feuchtigkeit.

»So . . . und so . . . und so!« sagte der Soldat, indem er die Stücke sorgfältig verteilte. »Halt . . . es stimmt nicht! Man muß von deinem Stück etwas abknipsen, du Gelehrter, sonst hat er zu wenig . . .«

Der »Student« fügte sich widerspruchslos dem Verluste eines Stückchens Brot von zwei Lot; ich bekam dieses und stopfte es mir in den Mund.

Ich begann zu kauen, langsam zu kauen und konnte nur mit Mühe die krampfhafte Beweglichkeit der Kiefer unterdrücken, die bereit wären, einen Stein zu zermalmen. Es war mir ein brennender Genuß, die krampfhaften Zuckungen der Speiseröhre zu fühlen und sie ganz langsam, stückweise zu befriedigen. Ein Bissen nach dem anderen, warm und unsagbar, unbeschreiblich schmackhaft, drangen mir in den Magen, wo sie sich, wie es mir schien, sofort in Blut und Hirn umsetzten. Eine Freude; eine eigentümliche stille und belebende Freude erwärmte mir das Herz in dem Maße, als sich der Magen füllte, und mein allgemeiner Zustand ähnelte einem Halbschlaf. Ich hatte die verfluchten Tage des chronischen Hungers vergessen, hatte meine Genossen vergessen und war ganz in das Genießen der Empfindungen, die ich durchkostete, vertieft. Als ich aber die letzten Brotkrümel von der Handfläche in den Mund tat, fühlte ich, daß ich einen mörderischen Hunger hatte.

»Der Verdammte hat noch Speck oder Fleisch . . .« brummte der Soldat, auf der Erde mir gegenüber sitzend und sich mit den Händen den Bauch reibend.

»Gewiß, denn das Brot roch nach Fleisch . . . Ich meine, er hat auch noch Brot . . .« sagte der »Student« und fügte leise hinzu: »Wenn nicht der Revolver . . .«

»Wer mag er wohl sein? Wie?«

»Wohl ein Vagabund wie wir . . .«

»Der Hund!« sagte der Soldat.

Wir saßen eng aneinandergedrängt und schielten nach der Stelle, wo unser Wohltäter mit dem Revolver saß. Von dort drang zu uns kein Ton, kein Lebenszeichen.

Die Nacht sammelte ringsum ihre dunklen Heere. Eine Grabesstille herrschte in der Steppe, wir hörten einander atmen. Ab und zu ertönte irgendwo das melancholische Pfeifen einer Steppenmaus . . . Die Sterne, die lebendigen Blumen des Himmels, leuchteten über uns . . . Wir wollten essen.

Ich sage es mit Stolz: ich war weder besser noch schlechter als meine Genossen in dieser eigentümlichen Nacht. Ich schlug ihnen vor, aufzustehen und an diesen Menschen heranzugehen. Wir brauchten ihn doch nicht anzurühren, wir würden nur alles verzehren, was wir bei ihm fänden. Er wird schießen – soll er nur! Er kann ja nur einen von dreien treffen, wenn er überhaupt trifft; und selbst dann kann so eine Revolverkugel wohl kaum töten.

»Gehen wir!« sagte der Soldat und sprang auf.

Der »Student« erhob sich etwas langsamer.

Wir gingen, oder liefen fast hin. Der »Student« hielt sich in einiger Entfernung hinter uns.

»Genosse!« rief ihm der Soldat vorwurfsvoll zu.

Wir hörten vor uns ein dumpfes Murmeln und das Knacken eines Revolverhahns. Ein Flämmchen blitzte auf, dann kam ein trockener Knall.

»Gefehlt!« rief der Soldat freudig aus, indem er mit einem Sprung den Mann erreichte. »Wart, Teufel, ich werde dir schon zeigen . . .«

Der »Student« stürzte sich über den Quersack.

Aber der »Teufel« fiel von den Knien auf den Rücken, warf die Arme nach rechts und links und röchelte . . .

»Der Teufel auch!« wunderte sich der Soldat, der schon ein Bein erhoben hatte, um diesem Menschen einen Fußtritt zu versetzen. »Hat er sich gar selbst niedergeknallt?! Du! Was ist mit dir? He! Hast du dich erschossen oder was?«

»Es ist Fleisch dabei, auch irgendein Gebäck, und Brot . . . es ist viel, Brüder!« jubelte der »Student«.

»Nun, hol' dich der Teufel, verrecke nur . . . Wollen wir essen, Freunde!« rief der Soldat. Ich nahm den Revolver aus der Hand des Menschen, der nicht mehr röchelte und unbeweglich da lag. Im Magazin war noch eine Patrone. Wir aßen wieder, wir aßen schweigend. Der Mann lag auch da und schwieg und rührte kein Glied. Wir schenkten ihm keine Beachtung.

»Brüder, habt ihr wirklich nur das Brot haben wollen?« ertönte plötzlich eine heisere und zitternde Stimme.

Wir fuhren alle zusammen. Dem »Studenten« blieb sogar ein Bissen in der Kehle stecken, er blickte sich zur Erde und begann zu husten.

Der Soldat kaute seinen Bissen zu Ende und begann zu fluchen.

»Du Hundeseele, zerspringen sollst du, wie ein trockener Klotz! Meinst du vielleicht, daß wir dir deine Haut abschinden? Was brauchen wir sie? Du dumme Schnauze, du unsauberer Geist! Hat man so was gesehen: hat sich bewaffnet und schießt auf Menschen! Verdammter, du . . .«. Er fluchte und aß weiter, und seine Flüche büßten daher ihre Ausdruckskraft ein . . .

»Wart, wenn wir fertig gegessen haben, rechnen wir schon mit dir ab«, drohte der »Student«.

Nun erklang in der Stille der Nacht ein Schluchzen, das uns erschreckte.

»Brüder . . . hab' ich es denn gewußt? Ich schoß . . . weil ich mich fürchte. Ich gehe aus dem Neuen Athos-Kloster ins Smolensker Gouvernement . . . ach, Gott! Das Fieber bringt mich um . . . sobald die Sonne untergeht – das ist mein Unglück! Wegen dieses Fiebers bin ich aus dem Kloster gegangen . . . ich habe dort Tischlerarbeit gemacht . . . Tischler bin ich . . . Daheim habe ich eine Frau . . . zwei Mädelchen . . . drei Jahre habe ich sie nicht gesehen . . . Brüder! Eßt alles auf . . .«

»Wir werden schon aufessen, brauchst uns nicht zu bitten«, sagte der »Student«.

»Herrgott! Wenn ich wüßte, daß ihr friedliche, gute Menschen seid . . . würde ich dann schießen? Ich bin doch hier in der Steppe, Brüder, es ist Nacht . . . ist es meine Schuld? Wie?«

Er sprach und weinte oder gab vielmehr eigentümliche zitternde, ängstliche Töne von sich.

»Wie der winselt!« sagte der Soldat verächtlich.

»Er muß Geld bei sich haben«, erklärte der »Student«.

Der Soldat kniff die Augen zusammen, sah ihn an und lächelte.

»Du bist aber schlau . . . Nun wollen wir ein Feuer anmachen und schlafen . . .«

»Und er?« erkundigte sich der »Student«.

»Hol' ihn der Teufel! Sollen wir ihn vielleicht braten oder was?«

»Das sollte man«, sagte der »Student«, indem er seinen spitzen Kopf schüttelte.

Wir holten das gesammelte Brennmaterial, das wir dort liegen gelassen, wo uns der Tischler mit seinem Schrei überrascht hatte, und saßen bald um das Feuer herum. Es brannte still in der windlosen Nacht und erleuchtete das Stück Raum, wo wir saßen. Wir waren alle schläfrig, obwohl wir gut noch einmal zu Abend hätten essen können.

»Brüder!« rief uns der Tischler an. Er lag nur drei Schritte von uns, und zuweilen kam es mir vor, als ob er etwas flüsterte.

»Ja?« sagte der Soldat.

»Darf ich zu euch . . . zum Feuer? Mein Tod kommt . . . alle meine Knochen tun weh . . . Gott! Ich komme wohl nicht mehr nach Hause . . .«

»Kriech her«, erlaubte der »Student«.

Der Schreiner rückte langsam, als fürchtete er, einen Arm oder ein Bein zu verlieren, ans Feuer. Er war ein langer und furchtbar magerer Mensch; alles schien an ihm zu hängen, und seine großen trüben Augen spiegelten den Schmerz, der ihn verzehrte. Sein verzerrtes Gesicht war knochig und hatte selbst im Scheine des Feuers eine gelblich-graue, tote Farbe. Er zitterte am ganzen Leibe und erregte verächtliches Mitleid. Er streckte seine langen mageren Hände zum Feuer aus und rieb sich seine knochigen Finger, deren Gelenke sich langsam und träge bogen. Zuletzt war es uns wieder widerlich, ihn anzusehen. »Was gehst du denn wirklich in diesem Zustand zu Fuß? Ist es vielleicht der Geiz?« fragte der Soldat düster.

»Man gab mir den Rat . . . fahr nicht, sagte man mir, mit dem Wasser . . . sondern geh zu Fuß durch die Krim, die Luft, sagte man mir . . . Ich kann aber nicht gehen . . . ich sterbe, Brüder! Ich werde allein in der Steppe sterben . . . die Vögel werden meinen Leib zerreißen, und niemand wird es erfahren . . . Mein Weib . . . die Töchter werden warten, ich hab' ihnen geschrieben . . . aber meine Knochen wird der Regen in der Steppe waschen . . . Gott, Gott!« Er heulte traurig wie ein angeschossener Wolf.

»Teufel!« fuhr der Soldat wütend auf, indem er aufsprang. »Was winselst du? Was gibst du uns keine Ruhe? Du verreckst? Also verreck und schweig . . . Wer braucht dich? Schweig!«

»Gib ihm eins auf den Kopf«, schlug der »Student« vor.

»Legen wir uns doch schlafen«, sagte ich. »Und wenn du am Feuer bleiben willst, so heul doch wirklich nicht . . .«

»Hast du es gehört?« sagte der Soldat wütend. »Merk es dir. Du glaubst wohl, daß wir dich bemitleiden und uns mit dir viel abgeben werden, weil du uns mit Brot beworfen und auf uns geschossen hast? Du saurer Teufel! Andere an unserer Stelle . . . pfui . . .«

Der Soldat verstummte und streckte sich auf der Erde aus. Der »Student« lag schon. Auch ich legte mich hin. Der eingeschüchterte Tischler rollte sich zusammen, rückte nahe an das Feuer heran und begann schweigend in die Flammen zu starren. Ich lag rechts von ihm und hörte, wie seine Zähne klapperten. Der »Student« legte sich links von ihm hin und schlief wohl sofort ein. Der Soldat lag, die Hände im Nacken, mit dem Gesicht nach oben und blickte auf den Himmel.

»Ist das eine Nacht! Was? So viele Sterne . . . und wie warm . . .« wandte er sich nach einer Weile an mich. »Was für ein Himmel: eine Bettdecke ist es und kein Himmel. So gern habe ich dieses Vagabundenleben, Freund. Man leidet zwar Kälte und Hunger, dafür aber diese Freiheit . . . Man hat keine Obrigkeit über sich . . . man ist selbst Herr seines Lebens . . . Kannst dir selbst den Kopf abbeißen – niemand wird dir ein Wort sagen . . . Herrlich . . . So viel gehungert habe ich in diesen Tagen, hab' mich so viel ärgern müssen . . . und jetzt liege ich da und schau' in den Himmel . . . Die Sterne blinzeln mir zu, als wollten sie sagen: Tut nichts, Lakutin, wandere nur auf der Erde herum und ergib dich niemand . . . Ja . . . und so wohl ist's mir ums Herz . . . Und du . . . wie heißt du? He, Tischler! Sei mir nicht böse und fürchte dich nicht . . . Daß wir dein Brot aufgegessen haben, macht doch nichts: du hast Brot gehabt, und wir nicht, darum haben wir deines aufgegessen . . . Was schießt du auch mit Kugeln, du wilder Mensch . . .! Verstehst du denn nicht, daß man mit einer Kugel einem Menschen schaden kann? Großen Zorn habe ich vorhin auf dich gehabt, Bruder, und wärest du nicht hingefallen, so hätte ich dich für deine Frechheit verprügelt. Und was das Brot betrifft, so kommst du morgen nach Perekop und kaufst dir welches – Geld hast du ja, das weiß ich . . . Ist es lange her, daß du dir dein Fieber geholt hast?«

Lange noch klangen in meinen Ohren die Baßstimme des Soldaten und die zitternde Stimme des kranken Tischlers. Die dunkle, fast schwarze Nacht senkte sich immer tiefer auf die Erde herab, und die frische, feuchte Luft strömte in die Brust.

Das Feuer verbreitete gleichmäßiges Licht und belebende Wärme . . . Die Augen fielen mir zu.

 

»Steh auf! Schneller! Wir gehen!«

Erschrocken schlug ich die Augen auf und sprang schnell auf die Beine, wobei mir der Soldat half, indem er mich am Arme heftig in die Höhe zog.

»Nun, schneller, marsch!«

Sein Gesicht war ernst und besorgt. Ich sah mich um. Die Sonne ging auf, und ein rosa Strahl lag schon auf dem regungslosen und blauen Gesicht des Tischlers. Sein Mund stand offen, die Augen waren aus ihren Höhlen weit hervorgetreten und blickten glasig und entsetzt. Seine Kleidung war an der Brust ganz zerfetzt, und er lag in einer unnatürlich verrenkten Pose. Der »Student« war nicht da.

»Nun, hast dich vergafft! Geh, sag ich dir!« sagte der Soldat eindringlich, mich an der Hand fortziehend.

»Ist er gestorben?« fragte ich, vor der Frische des Morgens zusammenschauernd.

»Gewiß. Wenn man dich erwürgt, wirst du auch sterben«, erklärte der Soldat.

»War es der . . . ›Student‹?« rief ich aus.

»Wer denn sonst? Vielleicht du? Oder ich? Ja . . . Da haben wir den Gelehrten . . . Schön hat er den Menschen zugerichtet . . . und seine Freunde hereingelegt. Wenn ich's gestern gewußt hätte, hätt' ich den Studenten erschlagen. Ich hätte ihn mit einem einzigen Hieb erschlagen. Mit der Faust auf die Schläfe . . . und schon ist der Schurke nicht mehr auf der Welt! Verstehst du, was er getan hat? Jetzt müssen wir so wandern, daß uns in der Steppe kein Menschenauge sieht. Hast du's verstanden? Denn man wird den Tischler heute finden und sehen, daß er erwürgt und ausgeplündert ist. Und man wird auf unsereins aufpassen . . . wo kommst du her? wo hast du übernachtet? Nun, und sie werden uns fangen . . . Obwohl wir nichts bei uns haben . . . aber seinen Revolver hab' ich im Busen! Eine Bescherung!«

»Wirf ihn weg«, riet ich dem Soldaten. .

»Wegwerfen?« sagte er nachdenklich. »Das Ding hat doch einen Wert . . . Vielleicht wird man uns auch nicht fangen . . . Nein, ich werf ihn nicht weg . . . wer weiß, daß der Tischler einen Revolver gehabt hat? Ich werf ihn nicht weg . . . Er ist wohl seine drei Rubel wert. Eine Kugel ist auch noch drin . . . ach, ja! Wenn man diese Kugel unserem lieben Freund ins Ohr schießen könnte! Wieviel Geld mag wohl der Hund gestohlen haben? Der Verdammte!«

»Da haben wir die Tischlerstöchter . . .« sagte ich.

»Töchter? Was für Töchter? Ach so, die von jenem . . . Nun, die werden heranwachsen, uns wird man sie nicht zu Frauen geben, davon ist keine Rede . . . Komm, Bruder, schneller . . . Wo wollen wir hin?«

»Ich weiß nicht . . . Es ist gleich.«

»Auch ich weiß es nicht und weiß, daß es gleich ist. Gehen wir nach rechts, dort muß das Meer liegen.«

Wir gingen nach rechts.

Ich sah mich um. Fern von uns ragte in der Steppe ein dunkler Hügel, und über ihm leuchtete die Sonne.

»Du schaust, ob er nicht auferstanden ist? Hab keine Angst, er wird uns nicht einholen . . . Der Gelehrte ist wohl ein geübter Bursche, hat die Sache gründlich besorgt . . . Ein guter Freund! Ordentlich hat er uns hereingelegt! Ach, Bruder! Die Menschen werden immer schlechter, von Jahr zu Jahr werden sie verdorbener!« sagte traurig der Soldat.

Die Steppe, stumm und leer, ganz von der hellen Morgensonne übergossen, dehnte sich um uns und floß am Horizont mit dem Himmel zusammen, mit einem so heiteren, so liebesvollen und so freigebig sein Licht spendenden Himmel, daß jede schwarze und ungerechte Tat in den weiten Räumen dieser freien Ebene unter der blauen Kuppel des Himmels unmöglich schien.

»So furchtbar will ich fressen, Bruder!« sagte mein Genosse, indem er sich eine Zigarette drehte.

»Was werden wir heute essen, wo und wie?«

Eine schwierige Frage!

 

So schloß der Erzähler, mein Bettnachbar im Krankenhause, seinen Bericht. Dann sagte er mir: »Das ist alles. Ich befreundete mich mit diesem Soldaten, und wir kamen zusammen bis in die Gegend von Kars. Er war ein gutmütiger und sehr erfahrener Kerl, ein typischer Barfüßler. Ich achtete ihn sehr. Bis nach Kleinasien gingen wir zusammen, und dort verloren wir uns aus den Augen.«

»Denken Sie noch manchmal an den Tischler?« fragte ich.

»Wie Sie es eben gesehen oder vielmehr gehört haben.«

»Und das . . . macht Ihnen nichts?«

Er lachte.

»Was soll ich dabei empfinden? Ich bin unschuldig daran, daß es mit ihm so gekommen ist, wie auch Sie unschuldig sind, daß es mir so gegangen ist . . . Niemand hat schuld, denn wir sind alle die gleichen Tiere.«

 

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