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Mein Weggenosse und andere Erzählungen

Maxim Gorki: Mein Weggenosse und andere Erzählungen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorMaxim Gorki
titleMein Weggenosse und andere Erzählungen
publisherWilhelm Goldmann Verlag
addressMünchen
year1960
translatorAlexander Eliasberg
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060529
modified20161027
projectidf040e838
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9

Je mehr wir uns Tiflis näherten, um so konsternierter und mürrischer wurde Schakro. Sein abgemagertes, aber noch immer unbewegliches Gesicht zeigte einen neuen Ausdruck. Nicht weit von Wladikawkas kamen wir in ein tscherkessisches Dorf und fanden Arbeit bei der Kukuruzernte.

Nachdem wir zwei Tage unter den Tscherkessen, die fast kein Wort Russisch sprachen und uns ununterbrochen auslachten und in ihrer Sprache beschimpften, gearbeitet hatten, entschlossen wir uns, von der unter den Dorfleuten gegen uns ständig anwachsenden feindseligen Stimmung erschreckt, das Dorf zu verlassen. Als wir etwa zehn Werst vom Dorfe entfernt waren, holte Schakro plötzlich aus dem Busen eine Rolle lesginischen Tülls, zeigte sie mir mit Triumph und rief aus: »Wir brauchen nicht mehr zu arbeiten! Wir verkaufen es und kaufen uns dann alles! Das langt uns bis Tiflis! Verstehst du?«

Ich war empört bis zur Raserei, entriß ihm den Tüll, warf ihn auf die Seite und sah mich um. Die Tscherkessen verstehen keinen Spaß. Kurz vorher hatten wir von den Kosaken folgende Geschichte gehört: Ein Barfüßler hatte beim Weggehen aus dem Dorfe, in dem er gearbeitet hatte, einen eisernen Löffel mitgenommen. Die Tscherkessen holten ihn ein, durchsuchten ihn, fanden bei ihm den Löffel, schlitzten ihm mit den Dolchen den Bauch auf, steckten den Löffel tief in die Wunde, ritten ruhig davon und ließen ihn in der Steppe liegen, wo ihn die Kosaken später halbtot auffanden. Er erzählte ihnen das und starb auf dem Wege nach dem Kosakendorfe. Die Kosaken hatten uns mehr als einmal und sehr eindringlich vor den Tscherkessen gewarnt, indem sie uns solche und ähnliche lehrreiche Geschichten erzählten, an deren Wahrhaftigkeit zu zweifeln ich keinen Grund hatte.

Ich fing an, Schakro an diese Geschichte zu erinnern. Er stand vor mir, hörte mir zu und stürzte plötzlich stumm, die Zähne fletschend, mit zusammengekniffenen Augen, wie eine Katze auf mich los. An die fünf Minuten balgten wir uns ordentlich, und schließlich rief mir Schakro wütend zu: »Genug . . .!«

Wir schwiegen lange, ermattet einander gegenübersitzend. Schakro blickte schmerzvoll dorthin, wo ich den roten Tüll hingeworfen hatte, und sagte: »Warum haben wir uns geprügelt? Pfui, pfui, pfui . . .! Sehr dumm. Habe ich ihn denn dir gestohlen? Was tut es dir leid? Du tust mir leid, darum habe ich gestohlen. Du arbeitest, ich aber kann nicht . . . Was soll ich tun? Ich wollte dir helfen . . . Zze, zze . . .!«

Ich versuchte ihm zu erklären, was ein Diebstahl ist . . .

»Ich bitte, schweig! Du hast einen Kopf wie aus Holz . . .« sagte er mir verächtlich und erklärte: »Wenn du sterben wirst, wirst du doch stehlen. Nun! Ist das ein Leben? Schweig!«

Da ich ihn nicht wieder reizen wollte, schwieg ich. Das war schon der zweite Diebstahl. Schon früher, als wir am Schwarzen Meere waren, hatte er bei den griechischen Fischern eine Taschenwaage stibitzt. Auch damals hatten wir uns beinahe geprügelt.

»Nun, wollen wir weitergehen?« sagte er, als wir uns beide etwas beruhigt, versöhnt und ausgeruht hatten.

Wir gingen weiter. Er wurde von Tag zu Tag finsterer und sah mich sonderbar mürrisch an. Als wir schon die Schlucht von Darjal passiert hatten und den Gutaur herabstiegen, sagte er einmal: »Ein Tag vergeht, zwei Tage vergehen, und wir sind in Tiflis. Zze, zze!« Er schnalzte mit der Zunge und blühte vor Behagen förmlich auf. »Ich komme nach Hause; wo warst du? Ich bin herumgereist! Ich gehe ins Bad . . . ah! Ich werde viel essen . . . ach, soviel! Ich werde der Mutter sagen: Ich will essen. Ich werde dem Vater sagen: Vergib mir! Ich habe viel Kummer gesehen und habe das Leben gesehen, habe Verschiedenes gesehen! Die Barfüßler sind ein gutes Volk! Wenn ich mal einen treffe, gebe ich ihm einen Rubel, führe ihn ins Wirtshaus und sage ihm: Trink Wein, ich bin selbst Barfüßler gewesen! Ich werde dem Vater auch von dir erzählen . . . Da ist ein Mensch, der war wie ein älterer Bruder. Er hat mich gelehrt. Er hat mich geschlagen, der Hund . . . Er gab mir zu essen. Gib ihm dafür auch zu essen, werde ich sagen. Ernähre ihn ein ganzes Jahr. Ein ganzes Jahr. Ja, so lange! Hörst du, Maxim?«

Ich hörte gerne zu, wenn er so sprach; in solchen Augenblicken hatte er etwas Einfaches und Kindliches. Diese Worte interessierten mich auch darum, weil ich in Tiflis keinen Menschen kannte, der Winter aber schon nahe war; auf dem Gutaur waren wir in einen Schneesturm gekommen. Ich hoffte ein wenig auf Schakro.

Wir gingen schnell. Da ist schon Mzchet, die alte Hauptstadt Iberiens. Morgen kommen wir nach Tiflis.

Schon von weitem, aus der Entfernung von fünf Werst erblickte ich die zwischen zwei Bergen eingezwängte Hauptstadt Kaukasiens. Unser Weg war zu Ende! Ich freute mich über etwas, Schakro war aber gleichgültig. Mit stumpfsinnigen Augen blickte er vor sich hin, spuckte hungrig zur Seite und faßte sich jeden Augenblick mit schmerzvoller Grimasse an den Bauch. Er hatte unvorsichtigerweise rohe Mohrrüben gegessen, die er unterwegs ausgerupft hatte.

»Du glaubst, daß ich, ein georgischer Edelmann, am hellen Tage, so wie ich bin, abgerissen und schmutzig in meine Stadt gehen werde? Nein . . .! Wir wollen bis Abend warten. Halt!«

Wir setzten uns vor die Mauer irgendeines leeren Gebäudes, drehten uns die letzten Zigaretten und begannen, vor Kälte zitternd, zu rauchen. Von der Georgischen Heerstraße kam ein schneidender, starker Wind. Schakro saß da und summte durch die Zähne ein trauriges Lied . . . Ich dachte an ein warmes Zimmer und an andere Vorzüge eines seßhaften Lebens vor einem Nomadenleben.

»Gehen wir!« sagte Schakro, indem er sich mit entschlossener Miene erhob.

Es war schon dunkel geworden. Die Stadt entzündete ihre Lichter. Es war sehr schön: die Flämmchen sprangen allmählich, eins nach dem anderen, von irgendwoher in die Finsternis, die das Tal, in dem die Stadt versteckt lag, einhüllte.

»Hör! Gib mir diesen Baschlyk, damit ich mir mein Gesicht verhülle . . . sonst erkennen mich vielleicht meine Bekannten . . .«

Ich gab ihm den Baschlyk. Wir gehen durch die Olgastraße. Schakro pfeift entschlossen vor sich hin.

»Maxim! Siehst du die Station der Straßenbahn – die Werabrücke? Setz dich her und warte! Ich bitte dich, warte . . .! Ich will in ein Haus gehen und einen Freund nach den Meinigen, nach Vater und Mutter fragen . . .«

»Du kommst doch gleich?«

»Sofort! Nur einen Moment . . .!«

Er schlüpfte schnell in eine dunkle enge Gasse und verschwand in ihr . . . für immer.

Nie wieder begegnete ich diesem Menschen, meinem Weggenossen während fast vier Monaten meines Lebens, aber ich gedenke seiner oft mit warmem Gefühl und lustigem Lachen.

Er hat mich vieles gelehrt, was man nicht in den dicken, von Weisen geschriebenen Folianten finden kann, denn die Weisheit des Lebens ist immer tiefer und weiter als die Weisheit der Menschen.

 

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