Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Claude Tillier >

Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/tellier/onkelben/onkelben.xml
typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20110411
projectid873ee358
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Wie mein Onkel einen Marquis küßte

Den folgenden Samstag schlief mein Onkel in Corvol. Man brach am andern Morgen mit Sonnenaufgang auf. Herr Minxit war von allen seinen Leuten und mehreren Freunden begleitet, unter denen sich auch der Amtsgenosse Fata befand. Es war einer jener prächtigen Tage, die der mürrische Winter wie ein Kerkermeister, der lächelt, von Zeit zu Zeit der Erde schenkt; der Februar schien vom Mai seine Sonne geliehen zu haben; der Himmel war durchsichtig, und der Südwind erfüllte die Luft mit einer wohligen Lauigkeit; der Fluß rauschte von weitem zwischen den Weiden; der weiße Morgenreif hing in Tröpfchen an den Zweigen der Büsche; die Schäferbuben sangen zum erstenmal im Jahre auf den Wiesen, und die Bächlein, die vom Flezgebirge niedersteigen, schwatzten, von der Sonne erweckt, am Fuß der Hecken. »Herr Fata«, sagte mein Onkel, »ein schöner Tag! Soll man den zwischen dem nassen Gezweig der Wälder verbringen?«

»Das ist nicht meine Meinung, Kollega«, antwortete dieser. »Wenn Sie mit zu mir kommen wollen, zeige ich Ihnen ein Kind mit vier Köpfen, das ich in ein Glas gesetzt habe.

Herr Minxit bietet mir hundert Taler dafür.«

»Sie täten gut, es ihm abzulassen«, sagte mein Onkel, »und das Glas mit Johannisbeerlikör zu füllen.«

Da er indessen gut zu Fuß war und Varzy nur zwei kleine Meilen entfernt, entschloß er sich, dem Amtsbruder zu folgen. Sie verließen also, Fata und er, das Gros der Jäger und schlugen sich in einen Seitenweg, der sich auf die Wiesen verlor. Bald befanden sie sich Saint Pierre du Mont gegenüber. Dieser Saint Pierre du Mont aber ist ein großer Hügel, am Wege von Clamecy nach Varzy gelegen. Sein Fuß ist von Wiesen umzogen und überall von Quellen durchrieselt, sein Gipfel jedoch ist nackt und kahl. Man könnte ihn als einen großen Erdhaufen bezeichnen, den ein ungeheurer Maulwurf mitten in der Ebene emporgeworfen hat. Auf seinem haarlosen, grindigen Schädel saß damals ein Rest von altem Feudalschloß, der heute einem schmucken Landhaus Platz gemacht hat, das ein Viehmäster bewohnt; denn so zersetzen und ersetzen sich wieder in unmerklicher Wandlungsarbeit die Werke der Menschen wie der Natur.

Die Mauern dieser Burg waren baufällig, ihre Zinnen an manchen Stellen ausgebrochen; die Türme sahen aus, als hätte man sie in der Mitte heruntergeschlagen; sie waren nicht mehr als Stümpfe; ihre halbausgetrockneten Gräben waren mit hohem Gras und einem Wald von Schilf überwuchert, und ihre Fallbrücke war durch einen steinernen Übergang ersetzt. Der fremdartige Schatten dieser alten Trümmer des Feudalismus gab der ganzen Gegend etwas Finster-Trauriges. Alle Hütten waren vor ihm zurückgewichen: die einen waren auf die benachbarte Anhöhe gewandert, um das Dorf Flez zu bilden, die andern ins Tal hinabgestiegen, um sich zu einem Weiler längs der Straße zusammenzufinden.

Der Herr dieses alten Edelmannssitzes war damals ein gewisser Marquis von Kambyses. Herr von Kambyses war groß, beleibt, aus grobem Holz gehauen und hatte Hünenkräfte. Man hätte ihn eine alte Rüstung aus Fleisch nennen können. Er war gewalttätig, aufbrausend, empfindlich bis dort hinaus und im übrigen auf seinen Adel so versessen, daß er sich einbildete, die Kambysen seien etwas außer allem Vergleich in der Schöpfung.

Er war eine Zeitlang Offizier bei der Königlichen Schloßwache, ich weiß nicht, von welcher Farbe, gewesen, aber er fühlte sich unbehaglich bei Hofe; sein Eigenwille war da unterdrückt, seine Gewalttätigkeit hatte keine Luft, und er erstickte förmlich in der Staubwolke von Schranzen, die um den Thron wirbelten und sich drehten. Er war auf seine Besitzungen zurückgekehrt und lebte dort wie ein kleiner Monarch. Die Zeit hatte die alten Vorrechte des Adels, eines nach dem anderen, weggeräumt; er aber, er hatte sie sich tatsächlich noch zu wahren gewußt und übte sie in ihrem ganzen Umfang aus. Er war noch unumschränkter Herrscher, nicht nur auf seinen Domänen, sondern auch rings im Lande. Bis auf den alten Rundschild war er ein richtiger feudaler Edelmann. Er prügelte die Bauern, nahm ihnen ihre Weiber weg, wenn sie hübsch waren, brach mit seiner Meute in ihre Felder, trat ihre Ernten mit seinen Knechten nieder und tat den Bürgersleuten, die sich von ihm im Umkreis seines Berges betreffen ließen, tausend Plackereien an.

Er machte in Despotismus und Gewalt aus Laune, zum Zeitvertreib und besonders aus Eitelkeit. Um die hervorragendste Person im Lande zu sein, hatte er es sich in den Kopf gesetzt, die bösartigste zu sein. Er wußte kein besseres Mittel, seine Überlegenheit über die Menschen zu beweisen, als sie zu peinigen. Um berühmt zu sein, hatte er sich berüchtigt gemacht. Er war, den Umfang abgerechnet, wie der Floh, der seine Anwesenheit zwischen den Leintüchern nicht anders bemerkbar machen kann, als indem er sticht. Obwohl reich, hatte er Gläubiger. Aber er machte sich eine Ehre daraus, sie nicht zu bezahlen. So groß war der Schrecken seines Namens, daß man keinen Gerichtsvollzieher im Lande gefunden hätte, um ihn deshalb vorzuladen. Ein einziger, der alte Ballivet, hatte gewagt, ihm eine Ladung zu eigenen Händen und in persönlicher Zustellung zu übergeben, aber er hatte sein Leben dabei aufs Spiel gesetzt. Ehre sei ihm also, dem Papa Ballivet, Königlichem Gerichtsboten, der sein Amt ausübte über die ganze Welt und noch zwei Meilen darüber hinaus, wie die Schlechten-Witze-Reißer im Lande sagten, um den Ruhm dieses großen Gerichtsboten zu schmälern.

Dieser hatte sich übrigens folgendermaßen verhalten: Er hatte seinen Zettel in ein halbes Dutzend perfid versiegelter Papiere verpackt und ihn so dem Herrn von Kambyses als ein vom Schlosse Vilaine kommendes Paket überreicht. Während der Marquis die Zustellung auspackte, hatte er sich still aus dem Staube gemacht, das Schloßtor gewonnen und sein Pferd, das er in einiger Entfernung an einen Baum gebunden hatte, zwischen die Beine genommen. Als der Marquis von dem Inhalt des Pakets Kenntnis genommen, befahl er, in Wut, von einem Gerichtsboten überlistet zu sein, seinen Leuten, ihn zu verfolgen; aber Papa Ballivet war schon außer ihrem Bereich und verhöhnte sie mit einer Gebärde, die ich hier nicht wiedergeben kann.

Übrigens machte sich Herr von Kambyses nicht mehr Gewissen daraus, seine Flinte auf einen Bauern als auf einen Fuchs abzudrücken. Er hatte ihrer schon zwei oder drei übel zugerichtet, die man im Lande nur die Krüppel des Herrn von Kambyses nannte, und einige Quasi-Notabilitäten von Clamecy waren die Opfer seiner schlechten Späße geworden. Obgleich er noch nicht alt war, hatte das Leben dieses ehrenwerten Herrn blutige Vergehungen genug für zwei Galeerensträflinge auf Lebenszeit aufzuweisen; aber seine Familie hatte Einfluß bei Hofe, die Gönnerschaft seiner adeligen Vettern entzog ihn jeder Verfolgung. Und schließlich nimmt jeder sein Vergnügen, wo er es findet. Der gute König Ludwig XV., der in Versailles so nett und fröhlich saß und den Edelleuten seines Hofes Feste gab, er wollte nicht, daß seine Edelleute in der Provinz sich auf ihren Besitzungen langweilten; es wäre ihm sehr gegen den Strich gegangen, wenn sie nicht hinlänglich Bauern zu prügeln und Städter zu ärgern gehabt hätten. Ludwig, genannt der Vielgeliebte, hielt darauf, stets die Liebe auch zu verdienen, die seine Untertanen ihm zukommen ließen. So ist es denn wohl zu verstehen, daß der Marquis von Kambyses unverletzlich war wie ein konstitutioneller König und daß es für ihn kein Gericht und keine Polizei gab. Benjamin liebte es, gegen Herrn von Kambyses loszuziehen; er nannte ihn den Geßler der Gegend und gab oft genug den Wunsch kund, ihm einmal gegenüberzustehen. Sein Begehren sollte nur zu bald erfüllt werden, wie man gleich sehen wird.

Mein Onkel, als ein Philosoph, der er war, erging sich in Betrachtungen vor dem alten, schwarzen und düstern Gemäuer, das das Blau des Himmels zerriß.

»Herr Rathery«, sagte sein Kollege, ihn am Ärmel ziehend, »es ist nicht gut sein in der Nähe dieses Schlosses, das sage ich Ihnen.«

»Wie, Herr Fata, auch Sie haben Angst vor einem Marquis?«

»Aber, Herr Rathery, ich bin ja doch ein Arzt in Perücke!«

»Da hat man's; so sind sie alle!« rief mein Onkel aus, indem er seinem Unwillen freien Lauf ließ; »sie sind dreihundert Bürgerliche gegen einen Adligen und leiden, daß ihnen ein Adliger über den Bauch spaziert; sie machen sich noch platt, sosehr sie können, daß ja der hochgeborne Herr nicht stolpert!«

»Was wollen sie, Herr Rathery, gegen die Gewalt ...«

»Aber ihr habt sie ja doch, die Gewalt, ihr Ärmsten! Ihr gleicht dem Ochsen, der sich von einem Kind aus seiner grünen Wiese zur Schlachtbank führen läßt. Oh, das Volk ist feige, feige! Ich sag es mit Bitterkeit, wie eine Mutter sagt, ihr Kind sei schlecht. Immer überantwortet es dem Henker die, die sich für es geopfert haben; und wenn es an einem Strick fehlt, sie zu hängen, so besorgt es ihn. Zweitausend Jahre sind über der Asche der Gracchen dahingegangen, siebzehnhundertfünfzig Jahre über dem Richtkreuz Christi, und es ist immer dasselbe Volk. Es hat bisweilen Mutanfälle und schnaubt Feuer aus Mund und Nase; aber die Knechtschaft ist sein normaler Zustand, in den es jedesmal zurückkommt wie ein abgerichteter Gimpel in seinen Käfig. Wenn man den Gießbach dahinbrausen sieht, den ein plötzliches Gewitter angeschwellt hat, so hält man ihn für einen Strom. Kommt man am folgenden Tag wieder, so findet man nicht mehr als ein verschämtes Wässerchen, das sich unter den Pflanzen an seinen Ufern versteckt und von seinem Hochgang nichts übriggelassen hat als einige Strohhalme in den Zweigen der Büsche. Es ist stark, wenn es stark sein will; aber, gebt acht, seine Stärke ist nur von der Dauer eines Augenblicks. Die, die sich das Volk zur Stütze nehmen, bauen ihr Haus auf die übereiste Fläche eines Sees.«

In diesem Augenblick kreuzte ein Mann in reichem Jagdanzug, gefolgt von lautgebenden Hunden und einem langen Schwanz von Knechten, die Straße. Fata erbleichte.

»Herr von Kambyses!« stammelte er, zu meinem Onkel gewandt, und er grüßte tief. Wogegen Benjamin kerzengerade und bedeckten Hauptes stehenblieb wie ein spanischer Grande.

Nichts war indessen geeigneter, den schrecklichen Marquis aufzubringen, als diese Überhebung eines hergelaufenen Burschen, der ihm die gewöhnlichste Ehrbezeugung versagte, und das an der Grenze seines Reichs und im Angesicht seines Schlosses. Außerdem war es ein sehr schlechtes Beispiel und konnte ansteckend wirken.

»Lümmel!« sagte er zu meinem Onkel, wie sich's für einen Edelmann gehört, »warum grüßt du mich nicht?«

»Und du selbst«, antwortete mein Onkel und bestrich ihn von oben bis unten mit seinem grauen Auge, »warum grüßt du mich nicht?«

»Weiß du nicht, daß ich der Marquis von Kambyses bin, Herr dieses ganzen Landes?«

»Und du, weißt du nicht, daß ich Benjamin Rathery bin, Doktor der Medizin in Clamecy?«

»Wahrhaftig«, sagte der Marquis, »bist du Bader? Ich mache dir mein Kompliment; einen schönen Titel hast du da!«

»Das ist ein Titel, der wohl soviel wert ist wie deiner! Um ihn zu erwerben, mußte ich mich langen und ernsten Studien unterziehen. Aber du, das Von vor deinem Namen, was hat dich das gekostet? Der König kann zwanzig Marquis an einem Tage machen; aber er soll mit all seiner Allmacht einen Arzt machen! Ein Arzt hat seinen Nutzen, du wirst es vielleicht später einmal erfahren; aber ein Marquis, wozu dient der?« Der Herr Marquis von Kambyses hatte gut gefrühstückt. Er war guter Laune.

»Das ist einmal ein spaßiger Kauz«, sagte er zu seinem Haushofmeister; »ich bin lieber ihm begegnet als einem Rehbock. Und der«, fügte er hinzu und zeigte mit dem Finger auf Fata, »wer ist das?«

»Fata aus Varzy, zu dienen, Euer Durchlaucht«, sagte dieser und machte eine zweite Kniebeuge.

»Fata«, sagte mein Onkel, »Sie sind ein Tropf, ich dachte mir's; aber ich werde Sie für dieses Verhalten zur Rechenschaft ziehen.«

»Was«, sagte der Marquis zu Fata, »kennst du denn diesen Menschen?«

»Sehr wenig, Herr Marquis, ich schwöre es Ihnen; ich kenne ihn nur daher, weil ich mit ihm bei Herrn Minxit diniert habe; aber mit dem Augenblick, wo er es an dem schuldigen Respekt gegen den hohen Adel fehlen läßt, kenne ich ihn nicht mehr.«

»Und ich«, sagte mein Onkel, »fange an, dich zu kennen.«

»Wie, Herr Fata aus Varzy«, fragte der Marquis weiter, »Sie dinieren bei diesem Narren, diesem Minxit?«

»Oh, ganz zufällig, edler Herr, eines Tages, als ich durch Corvol kam! Ich weiß wohl, daß dieser Minxit kein Umgang ist; ein hirnverbrannter Kerl, ganz gestochen von seinem Reichtum, der glaubt, er sei soviel wie ein Edelmann. – Au, au! Wer tritt mich da hinterwärts?«

»Ich«; sagte Benjamin, »in Stellvertretung für Herrn Minxit.«

»Jetzt«, sagte der Marquis, »haben Sie hier nichts mehr zu suchen, Herr Fata; lassen Sie mich mit Ihrem Weggenossen allein. – Also«, wandte er sich an meinen Onkel, »du weigerst dich noch immer, mich zu grüßen?«

»Wenn du mich zuerst grüßt, will ich dich zu zweit grüßen«, sagte Benjamin.

»Ist das dein letztes Wort?«

»Ja.«

»Du bist dir klar, was du tust?«

»Höre«, sagte mein Onkel, »ich will mich gebührlich gegen deinen Titel betragen und dir beweisen, wie kulant ich in allem bin, was Etikette betrifft.«

Darauf zog er einen Kupfer aus seiner Tasche und ließ ihn durch die Luft wirbeln.

»Kopf oder Wappen«, sagte er zum Marquis, »Arzt oder Edelmann; wen das Los bezeichnet, soll den andern zuerst grüßen; dann gibt es keine Ausrede.«

»Unverschämt!« sagte der dicke, aufgeblasene Haushofmeister, »sehen Sie nicht, daß Sie in skandalösester Weise den Respekt gegen Seine Durchlaucht verletzen? Wenn ich an seiner Stelle wäre, ich hätte Sie längst durchgeprügelt.« »Mein Freund«, antwortete Benjamin, »kümmern Sie sich um Ihre Ziffern. Ihr Herr bezahlt Sie, damit Sie ihn bestehlen, und nicht, um ihm Ratschläge zu geben.«

In diesem Augenblick trat ein Jagdhüter hinter meinen Onkel und schlug ihm mit der Hand seinen Dreispitz vom Kopf, der in den Schmutz fiel. Benjamin hatte ungewöhnliche Kräfte; er wandte sich um, während der Jagdhüter noch das breite Grinsen auf den Lippen hatte, das sein Streich dort hervorrief. Mit einem Schlag seiner Eisenfaust sandte mein Onkel den Mann mit dem Bandelier halb in den Graben, halb in die Hecke, die den Weg einfaßte. Seine Kameraden wollten ihn aus dieser amphibischen Lage, in der er festgehalten war, befreien; aber Herr von Kambyses widersetzte sich dem.

»Der Kerl soll lernen«, sagte er, »daß das Recht der Unverschämtheit nicht dem gemeinen Volk zusteht.«

Ich begreife wirklich meinen Onkel nicht, der doch sonst so sehr Philosoph war, daß er nicht gutwillig der Notwendigkeit wich. Ich weiß sehr wohl, daß es für einen stolzen Bürger des Volkes, der sich seines Wertes bewußt ist, ärgerlich ist, einen Marquis grüßen zu müssen. Aber wenn wir unter dem Druck der Gewalt sind, ist unsre freie Meinung aufgehoben; dann ist das keine Handlung mehr, die man vollzieht, sondern ein Ereignis, das eintritt. Wir sind nicht mehr als eine Maschine, die für ihr Tun nicht verantwortlich ist; der Mensch, der uns Gewalt antut, ist der einzige, dem man es vorwerfen kann, wenn etwas Schimpfliches oder Schuldhaftes in unsrer Handlung liegt. So habe ich den unbesieglichen Widerstand der Märtyrer gegen ihre Verfolger immer als eine Hartnäckigkeit angesehen, die sehr wenig würdig war, von der Kirche heiliggesprochen zu werden. Ihr, Antiochus, Ihr wollt mich in siedendes Öl werfen lassen, wenn ich mich weigere, Schweinefleisch zu essen? Ich muß Euch zunächst darauf aufmerksam machen, daß man einen Menschen nicht brät wie einen Gründling; aber wenn Ihr auf Euern Forderungen beharrt, so werde ich Euer Ragout essen, ja ich werde es mit Vergnügen essen, wenn es gut zubereitet ist; denn Euch allein, Euch, Antiochus, wird es schlecht bekommen. – Sie, Herr Kambyses, verlangen, indem Sie Ihre Flinte auf meine Brust richten, daß ich Sie grüßen soll? Gewiß! Herr Marquis, ich habe die Ehre. Ich weiß aber sehr wohl, daß Sie nach dieser Förmlichkeit keinen Deut mehr wert sind und ich keinen Deut weniger. Es gibt nur einen Fall, wo wir, was auch kommen mag, uns gegen die Gewalt stemmen müssen: wenn man uns zwingen will, einen die Nation bindenden für sie verderblichen Schritt zu tun; denn wir haben nicht das Recht, unser persönliches Interesse über das öffentliche zu setzen.

Aber kurz: das war nicht meines Onkels Meinung; da er auf seiner Weigerung bestand, ließ ihn Herr von Kambyses von seinen Leuten festnehmen und befahl, man solle auf das Schloß zurückkehren. Benjamin, von vorne gezogen und von hinten gestoßen, in seinen Degen verwickelt, wehrte sich mit aller Kraft gegen die ihm angetane Gewalt und fand noch Zeit, rechts und links einige Püffe auszuteilen. Wohl waren in den benachbarten Feldern Bauern bei der Arbeit; mein Onkel rief sie zu seiner Hilfe herbei; aber sie hüteten sich, seiner Aufforderung nachzukommen, und lachten sogar über sein Martyrium, um dem Marquis den Hof zu machen.

Als man im Schloßhof angelangt war, befahl Herr von Kambyses, das Tor zu schließen. Er ließ alle seine Leute zusammenrufen; man brachte zwei Sessel, einen für ihn und einen für den Haushofmeister, und es begann zwischen diesen beiden Menschen etwas wie eine Beratung über das Schicksal meines armen Onkels. Er selbst hielt sich, vor diese Parodie eines gerichtlichen Verfahrens gestellt, durchaus stolz und bewahrte sogar seine geringschätzige und spöttische Miene.

Der wackere Haushofmeister stimmte für fünfundzwanzig Peitschenhiebe und achtundvierzig Stunden Gefängnis im alten Turm; aber der Marquis war guter Laune, er hatte sogar, wie es scheint, einen kleinen Schwips von Sillery im Kopf.

»Hast du etwas zu deiner Verteidigung anzuführen?« sagte er zu Benjamin.

»Komme mit deinem Degen dreißig Schritte vor dein Schloß hinaus, und ich werde dir meine Verteidigungspunkte auseinandersetzen.«

Hierauf erhob sich der Marquis und sprach:

»Nach stattgehabter Beratung verurteilt das Gericht das hier anwesende Individuum, den Herrn Marquis von Kambyses, Herrn aller dieser Länder ringsum, Exleutnant der Königlichen Schloßwache, Jagdherrn der Amtmannschaft Clamecy, usw. usw., zu küssen, und dies auf eine Stelle, welche ihm besagter Herr von Kambyses bezeichnen wird.«

Zu gleicher Zeit knöpfte er seine Hosen auf. Das Dienervolk, das seine Absicht verstand, begann aus allen Kräften Beifall zu klatschen und rief: »Hoch lebe der Herr Marquis von Kambyses!«

Was meinen armen Onkel anlangt, so brüllte er vor Zorn; er sagte später, er habe einen Schlaganfall gefürchtet. Zwei Jagdhüter hielten auf ihn angeschlagen und hatten vom Marquis den Befehl erhalten, auf sein erstes Zeichen abzudrücken.

»Eins, zwei ...« sagte dieser.

Benjamin wußte, daß der Marquis ein Mann war, seine Drohungen auszuführen, er wollte nicht die Gefahr einer Flintenkugel laufen, und einige Sekunden später war der Urteilsspruch vollstreckt.

»Sehr gut«, sagte Herr von Kambyses, »ich bin mit dir zufrieden; du kannst dich jetzt rühmen, einen Marquis geküßt zu haben.«

Er ließ ihn von zwei bewaffneten Jagdhütern bis an das Hoftor führen; Benjamin floh wie ein Hund, dem ein Tunichtgut einen Holzpantoffel an den Schwanz gebunden hat; es war der Weg nach Corvol, und er nahm sich nicht die Zeit, die Richtung zu ändern, sondern landete geradeswegs bei Herrn Minxit.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.