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Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/tellier/onkelben/onkelben.xml
typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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projectid873ee358
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Sechstes Kapitel

Herr Minxit

Herr Minxit empfing meinen Onkel und meine Großmutter aufs beste. Herr Minxit war Arzt, ich weiß nicht, warum. Er hatte seine schöne Jugend nicht im Umgang mit Leichen zugebracht. Die Heilkunde war ihm eines schönen Tages im Kopf aufgeschossen wie ein Champignon; wenn er etwas von ihr verstand, so war es, weil er sie erfunden hatte. Seine Eltern hatten ihn niemals seine Reifeprüfung machen lassen; er kannte nur das Latein seiner Büchsen, und selbst wenn er nach den Etiketten gegangen wäre, hätte er oft genug Petersilie statt Schierling gegeben. Er hatte eine sehr schöne Bibliothek, aber er steckte niemals die Nase in seine Bücher. Er pflegte zu sagen, seit der Zeit, da diese Scharteken geschrieben wären, hätte sich das Temperament des Menschen geändert. Einige behaupteten sogar, daß alle diese wertvollen Werke nichts weiter seien als Pappdeckel, die wie Bücher aussahen und auf deren Rücken er in goldenen Buchstaben die berühmten Namen seiner Wissenschaft habe drucken lassen. Was sie in dieser Meinung bestärkte, war der Umstand, daß jedesmal, wenn man Herrn Minxit bat, er möge einem seine Bibliothek zeigen, er den Schlüssel verloren hatte. Übrigens war Herr Minxit ein Mann von Geist; er war mit einer guten Dosis Intelligenz begabt und hatte, in Ermangelung gedruckter Wissenschaft, viel Wissen von den Dingen des Lebens. Da er nichts gelernt hatte, so begriff er, daß er, um vorwärtszukommen, die Menge überzeugen müsse, er verstehe mehr als seine Amtsgenossen, und so gab er sich den Geheimnissen der Urinbeschau hin. Nach zwanzigjähriger Übung in dieser Wissenschaft war er dazu gelangt, die trüben von den klaren zu unterscheiden, was ihn nicht hinderte, jedem, der es hören wollte, zu sagen, er könne einen großen Mann, einen König, einen Minister an seinem Urin erkennen. Da es keine Könige, keine Minister, keine großen Männer im Umkreis gab, fürchtete er nicht, beim Wort genommen zu werden.

Herr Minxit war von eindrücklichem Gebaren. Er sprach laut, viel und unaufhaltsam; er erriet die Worte, die Eindruck auf die Bauern machen mußten, und verstand sie in seinen Wendungen gehörig ins Licht zu setzen. Er hatte das Talent, auf die Menge zu wirken; ein Talent, das in etwas Ungreifbarem besteht, das weder zu beschreiben noch zu lehren, noch nachzuahmen ist; ein unerklärliches Talent, das dem einfachen Anwender einen Strom von Batzen in seine Kasse fließen läßt, das dem großen Mann Schlachten gewinnt und Throne errichten hilft; ein Talent, das bei vielen das Genie ersetzt hat; das Napoleon von allen Menschen im höchsten Grade besaß und das ich gemeinhin Scharlatanismus nenne. Es ist nicht meine Schuld, wenn das Mittel, mit dem man Schweizerpillen verkauft, dasselbe ist, mit dem man sich einen Thron erobert. In der ganzen Umgegend wollte man nur von Herrn Minxits Hand sterben. Dieser übrigens trieb keinen Mißbrauch mit diesem Privileg, er war kein vielfältigerer Mörder als seine Amtsbrüder, nur machte er mehr Geld mit seinen Kolben in allen Farben als sie mit ihren Lebensregeln. So hatte er sich ein sehr hübsches Vermögen erworben, und übrigens hatte er auch das Talent, sein Geld auf gute Art loszuwerden. Er gab immer mit einer Miene, als ob das alles nichts kostete, und die Klienten, die ihm zuliefen, fanden stets offene Tafel.

Eigentlich mußten mein Onkel und Herr Minxit Freunde sein, sobald sie sich begegneten. Diese beiden Naturen ähnelten sich vollkommen, sie glichen sich wie zwei Weintropfen oder, um mich eines weniger unehrerbietigen Ausdrucks meinem Onkel gegenüber zu bedienen, wie zwei in derselben Form gegossene Gefäße. Sie hatten die gleichen Gelüste, den gleichen Geschmack, dieselben Leidenschaften, dieselbe Anschauungsweise, dieselben politischen Meinungen. Sie kümmerten sich beide wenig um jene tausend kleinen Zufälligkeiten, um diese tausend mikroskopischen Katastrophen, aus denen wir anderen Narren so große Schicksalsschläge machen. Wer inmitten der Jämmerlichkeiten hienieden keine Philosophie hat, ist ein Mensch, der barhäuptig durch einen Platzregen geht. Der Philosoph hingegen hat über dem Kopf einen guten Regenschirm, den er dem Wetter hinhält. Das war ihre Meinung. Sie betrachteten das Leben als eine Posse, und sie spielten ihre Rolle darin so lustig wie möglich. Sie hatten eine souveräne Verachtung für die schlechtberatenen Leute, die aus ihrem Dasein einen langen Seufzer machen. Sie wollten, daß das ihre ein frisches Lachen sei. Das Alter hatte keinen Unterschied zwischen sie gelegt, außer einigen Falten. Sie waren zwei Bäume gleicher Art, von denen der eine alt ist und der andere voll in Saft und Kraft steht, die sich aber mit den gleichen Blüten schmücken und die gleichen Früchte tragen. So brachte der künftige Schwiegervater seinem Schwiegersohn eine überströmende Freundschaft entgegen, und der Schwiegersohn hielt große Stücke auf den Schwiegervater, seine Arzneikolben ausgenommen. Nichtsdestoweniger dachte mein Onkel nur mit Widerstreben an eine Verschwägerung mit Herrn Minxit, nur vermöge eines besonderen Zwanges seiner Vernunft und um seine liebe Schwester nicht zu kränken.

Herr Minxit, weil er Benjamin liebte, fand es nur natürlich, daß dieser auch von seiner Tochter geliebt wurde. Denn jeder Vater, so gut er sein mag, liebt sich selbst in der Person seiner Kinder; er betrachtet sie als Wesen, die zu seinem Wohlbefinden beizutragen haben; wenn er sich einen Schwiegersohn wählt, so tut er das zunächst und zumeist für sich, dann erst und ein wenig für seine Tochter. Wenn er geizig ist, so überantwortet er sie einem Halsabschneider; wenn er adlig ist, so schweißt er sie an ein Wappenschild; wenn er das Schach liebt, so gibt er sie einem Schachspieler, denn es gehört sich auf seine alten Tage, daß er jemanden hat, mit dem er seine Partie machen kann. Seine Tochter, das ist ein unteilbares Besitztum, das ihm mit seiner Frau zusammen eignet. Ob das Besitztum mit einer blühenden Hecke oder einer hohen häßlichen Steinmauer umgeben wird, ob man es Rosen oder Raps tragen läßt, das geht es nichts an. Es hat dem erfahrenen Ackerherrn, der es bebaut, nichts dreinzureden; es ist unfähig, den Samen zu wählen, der ihm am besten bekommt. Wenn nur die guten Eltern nach ihrer Seele und ihrem Gewissen die Tochter glücklich finden, das genügt. Sie mag sehen, wie sie sich schickt. Jeden Abend, wenn die Frau ihre Papilloten dreht und der Mann seine Nachtmütze aufsetzt, beglückwünschen sie sich gegenseitig, ihr Kind so gut verheiratet zu haben. Sie liebt ihren Mann nicht, aber sie wird sich daran gewöhnen, ihn zu lieben: mit Geduld geht alles. Sie wissen nicht, was das für eine Frau bedeutet, ein Mann, den sie nicht liebt: das ist ein brennender Splitter, den sie nicht aus ihrem Auge reißen kann, ein tobender Zahnschmerz, der ihr nicht einen Augenblick Ruhe läßt. Einige töten sich in ihrem Schmerz, andere gehen anderswo die Liebe suchen, die sie bei dem Kadaver, an den man sie gekettet hat, nicht finden. Diese lassen dann wohl sachte ein Quentchen Arsenik in die Suppe des glücklichen Gatten gleiten und setzen auf sein Grab die Inschrift, er hinterlasse eine untröstliche Witwe. Das ist es, was aus der angemaßten Unfehlbarkeit und dem verkappten Egoismus der lieben Eltern herauskommt.

Wenn das junge Mädchen einen Affen heiraten wollte, der als Mensch und Franzose naturalisiert ist, so würden Vater und Mutter dazu ihre Einwilligung verweigern, und sicher müßte Jocko ihnen eine notarielle Abforderung zustellen lassen. Ihr sagt natürlich: die guten Eltern, sie wollen nicht, daß ihre Tochter sich unglücklich macht. Ich sage: abscheuliche Egoisten. – Nichts ist lächerlicher, als eure Empfindungsweise an die Stelle einer fremden zu setzen: das besagt, euern Organismus dem fremden unterschieben wollen. Der Mann hier will sterben: er wird seine Gründe dafür haben. Das Fräulein hier will einen Affen heiraten: sie hat eben einen Affen lieber als einen Menschen. Warum ihr die Möglichkeit nehmen, nach ihrer Vorstellung glücklich zu werden? Wer hat das Recht, wenn sie sich glücklich fühlt, ihr vorzuhalten, sie sei es nicht? Der Affe wird sie kratzen, wenn er sie liebkost. Was tut das euch? Sie zieht es vor, gekratzt zu werden als geliebkost. Und übrigens, wenn sie der Mann kratzt, so ist es doch nicht die Backe der Mama, die davon blutet. Wer findet etwas darin, daß die Wasserjungfer lieber im Schilf umherflattert als in den Rosenbeeten? Wirft der Hecht seinem Gevatter, dem Aal, vor, daß er sich immer im Grundwasser aufhält, anstatt in das fließende Wasser zu kommen, das an der Oberfläche des Flusses seine Strudel dreht?

Wißt ihr, warum jene guten Eltern ihrer Tochter und deren Jocko ihren Segen verweigern? Der Vater, weil er einen Schwiegersohn will, der zumindest Wähler ist, damit er sich mit ihm über Literatur und Politik unterhalten kann; die Mutter, weil sie einen hübschen jungen Mann braucht, der ihr den Arm reicht, der sie ins Schauspiel führt und der sie auf der Promenade begleitet. –

Nachdem Herr Minxit mit Benjamin einigen seiner besten Flaschen den Hals gebrochen hatte, führte er ihn im Hause herum, im Keller, in den Speichern, in den Ställen; er spazierte mit ihm in seinem Garten umher und nötigte ihn zu einem Rundgang um eine große Wiese, die eine lebendige Quelle durchlief und die mit Obstbäumen bepflanzt war; sie erstreckte sich hinter dem Wohnhause, und an ihrem Ende bildete der Bach einen Fischweiher. Das alles war sehr verlockend; aber unglücklicherweise gewährt das Schicksal nichts umsonst, und als Gegenleistung für all die schönen Dinge hieß es die Jungfer Minxit ehelichen.

Im ganzen genommen, war die Jungfer Minxit so gut wie eine andere; sie war wirklich nicht mehr als zwanzig Zoll zu lang; sie war weder braun noch weiß, weder blond noch rot, weder dumm noch geistreich. Sie war ein Frauenzimmer, wie es fünfundzwanzig unter dreißig gibt; sie wußte sehr gebührlich über tausend kleine unbedeutende Dinge zu reden und bereitete treffliche Rahmkäse. Sie selber war meinem Onkel viel weniger zuwider als die Heirat im allgemeinen; und wenn sie ihm von Anfang an mißfiel, so war es, weil er sie unter der Form einer schweren Kette sah.

»Nun hast du meinen Besitz gesehen«, sagte Herr Minxit; »wenn du erst mein Schwiegersohn bist, wird er uns gemeinsam gehören, und wenn ich nicht mehr bin...«

»Verstehen wir uns recht«, warf mein Onkel ein, »sind Sie auch sicher, daß Arabella keinerlei Abneigung gegen diese Heirat hat?«

»Warum sollte sie? Du läßt dir nicht Gerechtigkeit widerfahren, Benjamin. Bist du nicht einer der hübschesten Burschen? bist du nicht liebenswürdig, wenn du willst und wann du willst, und bist du nicht ein Mann von Geist obendrein?«

»Es ist etwas Wahres an dem, was Sie sagen, Herr Minxit, aber die Weiber sind launenhaft, und ich habe mir sagen lassen, die Jungfer Arabella habe eine Neigung zu einem Edelmann hierherum, einem gewissen von Brückenbruch.«

»Ein Junker«, sagte Minxit, »eine Art von Schloßkompanieoffizier, der in teuern Pferden und gestickten Fräcken die schönen Domänen verzehrt hat, die ihm von seinem Vater hinterlassen waren! Er hat bei mir, die Wahrheit zu sagen, um Arabella angehalten, aber ich habe ihn mit seiner Werbung gehörig abfahren lassen; in weniger als zwei Jahren hätte er mein Vermögen aufgefressen. Du begreifst, daß ich meine Tochter keinem derartigen Wesen geben konnte. Zudem ist er duellwütig. Eines Tages würde er, so als Entschädigung, Arabella von seiner adligen Person befreit haben.«

»Sie haben recht, Herr Minxit; aber wenn Arabella dieses Wesen nun liebt...«

»Pfui, Benjamin! Arabella hat zuviel von meinem Blut in ihren Adern, um sich in einen Vicomte zu vernarren. Was ich brauche, ist ein Kind des Volkes, einen Mann wie du, Benjamin, mit dem ich lachen kann, trinken und philosophieren; einen tüchtigen Arzt, der mit mir meine Kundschaft bearbeitet und durch sein Wissen das ersetzt, was uns die Urinbeschau nicht enthüllen kann.«

»Einen Augenblick«, sagte mein Onkel, »ich erkläre Ihnen im voraus, Herr Minxit, daß ich nicht Urin beschauen will.«

»Und warum das, mein Herr, warum wollen Sie nicht Urin beschauen? Pah, Benjamin, es war ein Mann von großem Verstand, jener Kaiser, der zu seinem Sohn sagte: ›Riechen diese Goldstücke etwa nach Urin?‹ Wenn du wüßtest, wieviel Geistesgegenwart, Einbildungskraft, Scharfblick und selbst Logik das Urinbeschauen erfordert, du wolltest dein Lebtag kein anderes Handwerk treiben. Man wird dich vielleicht einen Scharlatan nennen; aber was ist ein Scharlatan? Ein Mann, der mehr Geist besitzt als die Menge. Und ich frage dich, ist es der gute Wille, ihre Kunden zu täuschen, der den meisten Ärzten fehlt, oder der dazu nötige Witz? – Halt, da kommt mein Pfeifer, der mir wahrscheinlich die Ankunft eines Urinkolbens meldet. Ich werde dir gleich eine Probe meiner Kunst geben.«

»Nun, Pfeifer«, sagte Herr Minxit zu dem Musikanten, »was gibt es Neues?«

»Es ist ein Bauer da, der Sie konsultieren will.«

»Und Arabella, hat sie ihn schon schwatzen lassen?«

»Jawohl, Herr Minxit; er bringt Ihnen Urin von seiner Frau, die auf einem Treppenabsatz gefallen und vier oder fünf Stufen heruntergerollt ist. Jungfer Arabella erinnert sich der Zahl nicht genau.«

»Teufel«, sagte Herr Minxit, »das ist sehr ungeschickt von Arabella! Einerlei, ich werde dem abhelfen. Benjamin, geh in die Küche, und erwarte mich mit dem Bauern; es wird dir aufgehen, was das ist, ein Arzt, der Urin beschaut.«

Herr Minxit trat durch die kleine Gartentür in sein Haus zurück, und fünf Minuten später erschien er in der Küche, erschöpft und durchfroren, eine Reitpeitsche in der Hand und in einem Mantel, bespritzt bis an den Kragen.

»Uff«, sagte er und warf sich auf einen Stuhl, »was für entsetzliche Wege! Ich bin fertig! Ich habe heute vormittag mehr als fünfzehn Meilen gemacht; man ziehe mir schleunigst die Stiefel aus und wärme mir mein Bett!«

»Herr Minxit, ich bitte Sie!« sagte der Bauer, indem er ihm seinen Kolben hinreichte.

»Geh zum Teufel«, sagte Minxit, »mit deinem Kolben! Du siehst doch, daß ich nicht mehr kann. So seid ihr aber alle; immer gerade, wenn ich von über Land komme, kommt ihr mich konsultieren.«

»Vater«, sagte Arabella, »der Mann ist auch müde; nötigen Sie ihn nicht, morgen noch einmal den Weg zu machen.«

»Na denn, laß deinen Kolben sehen«, sagte Herr Minxit äußerst mißvergnügt, und sich dem Fenster nähernd: »das ist Urin von deiner Frau, ist's nicht so?«

»Das ist wahr, Herr Minxit«, sagte der Bauer.

»Sie ist gefallen«, fuhr der Arzt fort, indem er das Glas aufs neue betrachtete.

»Ganz richtig, man kann es nicht genauer erraten.«

»Auf einer Vortreppe, nicht wahr?«

»Aber Sie sind wirklich ein Hexenmeister, Herr Minxit.«

»Und sie ist vier Stufen hinuntergerollt.«

»Diesmal sind Sie nicht ganz dabei, Herr Minxit; sie ist volle fünf hinuntergerollt.«

»Geh doch, das ist unmöglich; zähle die Stufen deiner Treppe noch einmal, und du wirst sehn, daß es nicht mehr als vier sind.«

»Ich versichere, Herr, daß es fünf sind und daß sie keine ausgelassen hat.«

»Das ist erstaunlich«, sagte Herr Minxit und untersuchte das Glas von neuem, »hier sind nur vier Stufen drin. Da fällt mir ein; hast du mir allen Urin gebracht, den deine Frau dir gab?«

»Ich habe etwas weggeschüttet, weil das Glas zu voll war.«

»Nun wundre ich mich nicht mehr, wenn ich nicht meine Rechnung fand; da haben wir ja das Defizit; es ist die fünfte Stufe, die du weggegossen hast, Tolpatsch! Also werden wir deine Frau behandeln als fünf Stufen von einer Vortreppe herabgefallen.« Und er gab dem Bauern fünf kleine Päckchen und ebensoviel Arzneiflaschen, alles mit lateinischen Zetteln.

»Ich hätte geglaubt«, sagte mein Onkel, »Sie würden ihr zunächst einen gehörigen Aderlaß verordnen.«

»Wenn es ein Sturz vom Pferde gewesen wäre, vom Baum, auf der Straße, ja; aber ein Sturz auf einer Vortreppe wird immer so behandelt.«

Nach dem Bauer kam ein junges Mädchen.

»Nun, wie geht es deiner Mutter?« fragte der Doktor.

»Viel besser, Herr Minxit; aber sie kommt nicht wieder zu Kräften, und ich möchte fragen, was sie tun soll.«

»Du fragst mich, was man mit ihr tun soll, und ich wette, ihr habt keinen Heller, um Kräftigungsmittel anzuschaffen!«

»Ach ja, lieber Herr Minxit, denn mein Vater hat seit acht Tagen keine Arbeit.«

»Warum, zum Teufel, läßt sich dann die Mutter einfallen, krank zu werden?«

»Seien Sie nicht in Sorge, Herr Minxit; sobald mein Vater wieder Arbeit hat, werden wir Ihre Besuche bezahlen; er hat mir besonders aufgetragen, Ihnen das zu sagen.«

»Gut, das ist eine weitere Dummheit! Er ist doch verrückt, dein Vater, mir meine Besuche bezahlen zu wollen, wenn er nicht einmal Brot hat!... Für wen hält er mich denn, dein Schwachkopf von Vater? Du kommst heute abend mit deinem Esel und holst dir einen Sack Mehl in meiner Mühle und einen Korb alten Wein, und ein Hammelviertel nimmst du gleich mit; das ist's für den Augenblick, was deine Mutter braucht. Wenn in zwei oder drei Tagen ihre Kräfte nicht wiederkehren, läßt du mich's wissen. Geh, mein Kind.«

»Nun«, sagte Minxit zu Benjamin, »wie findest du die Urinheilkunst?«

»Sie sind ein braver und edler Mann, Herr Minxit, das entschuldigt Sie. Aber Teufel, Sie werden mich nie herumkriegen, einen Sturz von der Treppe anders zu behandeln als mit einem Aderlaß.«

»Dann bist du nicht mehr als ein Rekrut in der Kunst; du weißt also nicht, daß der Bauer Arzneien haben muß, sonst glaubt er, du vernachlässigst ihn? Gut denn: du wirst also nicht Urin beschauen; das ist schade, denn du hättest ein hübsches Bild abgegeben.«

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