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Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Mein Onkel tut ein Wunder

Mein Onkel wollte gerade seine Vorstellung aufheben, als er ein hübsches Bauernmädel gewahrte, das sich einen Weg durch die Menge zu bahnen suchte. Da er die jungen Mädchen mindestens so liebte wie Christus die kleinen Kinder, machte er ein Zeichen, man solle sie zu ihm kommen lassen. »Ich möchte wohl wissen«, sagte die junge Moulotanerin mit ihrem schönsten Knix, dem Knix, den sie dem Amtmann zu machen pflegte, wenn sie ihm den Rahm brachte und er ihr selbst die Tür öffnete, »ich möchte wissen, ob das, was die alte Guste sagt, wirklich wahr ist: sie behauptet, daß Ihr Wunder tätet.«

»Ohne Zweifel«, antwortete mein Onkel, »wenn sie nicht zu schwer sind.«

»Dann könntet Ihr am Ende meinen Vater, der seit heute morgen krank ist, kein Mensch weiß woran, durch ein Wunder heilen?«

»Warum nicht?« sagte mein Onkel; »aber vor allem, schönes Kind, mußt du mir erlauben, daß ich dich küsse; ohne das würde das Wunder nichts nützen.« Und er küßte die junge Moulotanerin auf beide Wangen, der verdammte Sünder, der er war.

»Ei«, rief hinter ihm eine Stimme, die er sehr wohl wiedererkannte, »küßt denn der Ewige Jude die Weiber?«

Er wandte sich um und gewahrte Manette. »Gewiß, schöne Frau! Gott hat mir erlaubt, drei im Jahr zu küssen; dies ist die zweite, die ich dieses Jahr küsse, und wenn Sie wollen, werdet Ihr die dritte sein.«

Der Gedanke, ein Wunder zu tun, entflammte den Ehrgeiz Benjamins; sich für den Ewigen Juden auszugeben, selbst in Moulot, war viel, war ungeheuer, war, um alle schönen Geister von Clamecy eifersüchtig zu machen. Er würde damit ohne weiteres Rang und Stelle unter den berühmtesten Spaßvögeln aller Zeiten einnehmen, und der Advokat Page würde nicht mehr wagen, ihm so oft von seinem in einen Feldhasen verwandelten Kaninchen zu prahlen. Wer könnte sich in Kühnheit und Unerschöpflichkeit der Einbildungskraft mit Benjamin Rathery vergleichen, wenn er ein Wunder getan hätte? Ja, wer weiß, vielleicht konnte ein zukünftiges Geschlecht die Sache für Ernst nehmen. Wenn er heiliggesprochen würde, wenn man aus ihm einen großen Heiligen in rotem Holz machte, wenn man ihm ein Amt, eine Nische, einen Platz im Kalender, ein Ora pro nobis in den Litaneien gäbe! Wenn er der Schutzpatron einer guten Gemeinde würde, wenn man ihn alle Jahre zu seinem Namenstag mit Weihrauch beräucherte, ihn mit Blumen bekränzte, mit Bändern schmückte, ihm eine reife Traube in die Hand steckte! Wenn man seinen roten Frack in einen Reliquienschrein legte! Wenn er einen Küster hätte, der ihn jede Woche abwaschen müßte! Wenn er von der Pest und der Hundswut kurierte! – Aber alles lag daran, es gut zu machen, das Wunder; wenn er nur schon welche hätte tun sehen! Wie sollte er es anpacken? Und wenn es mißglückte, würde er entehrt, verhöhnt; beschimpft, vielleicht verprügelt; er verlöre allen Ruhm dieser Fopperei, die sich so schön angelassen hatte... »Ah bah!« sagte mein Onkel und schüttete ein großes Glas Wein hinunter, um sich zu begeistern; »die Vorsehung wird sorgen; audaces fortuna juvat, und außerdem: jedes verlangte Wunder ist ein halb getanes Wunder.«

So folgte er denn der jungen Bäuerin, wobei er wie ein Komet einen langen Schweif von Moulotanern hinter sich herzog. Als er in das Haus getreten war, sah er auf seiner Pritsche einen Bauern, dem das Maul schief stand und Appetit nach dem Ohr zu haben schien; er fragte, wie das Unglück geschehen und ob es nicht nach einem tüchtigen Gähnen oder Lachen aufgetreten sei.

»Es ist ihm heute Morgen beim Frühstück passiert«, antwortete die Bauersfrau, »als er eine Nuß mit den Zähnen knacken wollte.«

»Sehr wohl«, sagte mein Onkel, dessen Gesicht sich aufhellte, »und haben Sie jemanden zugezogen?«

»Wir haben Herrn Doktor Arnold geholt, der erklärt hat, es sei eine Lähmung.«

»Man könnte es nicht besser sagen. Ich sehe, daß der Doktor Arnold die Lähmung kennt, als ob er sie gemacht hätte; und was hat er verordnet?«

»Die Arznei dort in dem Kolben.«

Mein Onkel untersuchte die Arznei, fand, daß es ein Brechmittel sei, und warf den Kolben auf die Straße. Seine Sicherheit brachte eine glänzende Wirkung hervor.

»Ich sehe wohl, Herr Jude«, sagte die gute Frau, »daß Sie imstande sind, das Wunder zu vollbringen, was uns not tut.«

»Wunder wie dieses«, antwortete Benjamin, »täte ich hundert am Tag, wenn man sie mir lieferte.«

Er ließ sich einen eisernen Löffel bringen und umwickelte den Stiel mit mehreren Umgängen feiner Leinwand; dieses improvisierte Instrument führte er in den Mund des Patienten, hob den Unterkiefer, der über den oberen hinausgelangt hatte, von diesem ab und versetzte ihn an seinen gehörigen Ort und Platz. Denn die ganze Krankheit des Moulotaners war nichts als ein ausgerenkter Unterkiefer, was mein Onkel mit seinem grauen Blick, der sich in alles einbohrte wie ein Nagel, sofort erkannt hatte. Der Gelähmte vom Morgen erklärte, er sei völlig geheilt, und machte sich wie ein Berserker an eine Krautsuppe, die für die Familie zu Mittag gekocht war.

Mit Blitzesschnelle verbreitete sich in der Menge das Gerücht, daß der Vater Pintot Krautsuppe äße. Die Kranken und alle die, deren Formen die Natur ein wenig abgeändert hatte, flehten die Gnade meines Onkels an. Die Mutter Pintot, ganz stolz, daß das Wunder in ihrer Familie geschehen sei, stellte meinem Onkel einen ihrer Vettern zum Ebnen vor, der eine linke Schulter hatte wie einen Schinken. Aber mein Onkel, der seinen Ruf nicht aufs Spiel setzen wollte, antwortete ihr, alles, was er tun könne, sei, den Buckel von der linken nach der rechten Schulter wandern zu lassen; dies sei übrigens ein sehr schmerzhaftes Wunder, und von zehn Buckligen fänden sich kaum zwei, die die Kraft hätten, es auszuhalten.

Dann erklärte er den Bewohnern von Moulot, daß er untröstlich sei, nicht länger bei ihnen verweilen zu können, doch wage er nicht, die Jungfrau Maria länger warten zu lassen. Und er gesellte sich seiner Schwester zu, die sich in der Schenke am Markt die Füße wärmte und inzwischen ihren Esel ein Mäßchen hatte fressen lassen.

Mein Onkel und meine Großmutter hatten die größte Mühe, sich von der Menge loszumachen, und man läutete die Glocke, solange sie auf der Landstraße in Sicht waren. Meine Großmutter zankte nicht mit Benjamin; sie war im Grunde mehr befriedigt als geärgert; die Art, wie sich Benjamin aus der Patsche gezogen hatte, schmeichelte ihrem schwesterlichen Stolze, und sie sagte sich, ein Mann wie er sei wohl der Jungfer Minxit wert, selbst mit zwei- oder dreitausend Francs Rente obendrein.

Das Signalement des Ewigen Juden und der Heiligen Jungfrau, sogar das des Esels, war schon in La Chapelle angekommen. Als sie in dem Flecken einzogen, knieten die Weiber vor den Türen ihrer Häuser, und Benjamin, der alles möglich machte, erteilte ihnen den Segen.

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