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Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Wie sich mein Onkel für den Ewigen Juden ausgab

Mittlerweile hatte meine Großmutter ihr taubenschillerndes seidenes Kleid angelegt, das sie nur an den vier großen heiligen Festtagen des Jahres aus dem Schranke zog; sie hatte um ihre runde Haube ihr schönstes Band gesteckt, ein kirschrotes, das handbreit war und darüber; sie hatte ihre Mantille von schwarzem Taft instand gesetzt, die mit einer gleichfarbigen Spitze eingefaßt war, und sie hatte ihren wolfspelzenen Muff, den ihr Benjamin zum Namenstag geschenkt und dem Kürschner noch schuldig war, aus seinem Futteral gezogen. Als sie so herausgeputzt war, befahl sie einem ihrer Kinder, den Esel des Herrn Durand zu holen, ein schönes Eselein, das auf dem letzten Markt in Billy drei Pistolen gekostet hatte und sich um sechsunddreißig Pfennig teurer vermietete als das gemeine Eselvolk.

Dann rief sie Benjamin. Als dieser herunterkam, war der Esel des Herrn Durand mit seinen beiden Körben an den Flanken, inmitten derer sich ein großes schneeweißes Kissen blähte, vor der Tür angebunden und fraß seine Ration Kleie, die man ihm in einem Körbchen auf einem Stuhl servierte.

Benjamin beunruhigte sich zunächst darüber, ob Beißkurz da wäre, um mit ihm ein Glas Weißen zu trinken. Seine Schwester sagte ihm, daß er ausgegangen sei.

»Da hoffe ich wenigstens, meine gute Schwester«, erwiderte Benjamin, »daß Sie mir die Liebe antut, ein Gläschen Ratafia mit mir zu nehmen«; – denn der Magen meines Onkels wußte sich dem Gehaben aller Mägen anzupassen.

Meine Großmutter hatte keine Abneigung gegen den Ratafia; im Gegenteil, sie billigte den Vorschlag Benjamins und erlaubte ihm, die Karaffe zu holen. Endlich, nachdem sie meinem Vater, der der Älteste war, eingeschärft hatte, seine Brüder nicht zu schlagen, dem Premoins, der unwohl war, sich zu melden, wenn er gewisse Bedürfnisse habe, und nachdem sie der Surgia ihre Strickarbeit gegeben hatte, bestieg sie ihr Eselchen.

Potz Blitz! die Nachbarn waren unter die Türen getreten, um sie abreiten zu sehen; denn eine Frau aus dem Mittelstand an einem andern Tag in Staat zu sehen als sonntags, das war ein Ereignis damals, davon jeder der Zuschauer die Ursachen zu ergründen suchte und über das er ein System aufstellte.

Benjamin, wohl rasiert und überreichlich gepudert, rot übrigens wie ein Mohn, der sich nach einer Gewitternacht in der Morgensonne entfaltet, ging hinterdrein, indem er von Zeit zu Zeit ein kräftiges Hüh hervorstieß und den Esel mit der Spitze seines Degens stachelte.

Der Esel des Herrn Durand, von meines Onkels Degen in die Weichen gestoßen, ging sehr gut; er ging sogar zu gut für den Geschmack meiner Großmutter, die auf ihrem Kissen auf und nieder hüpfte wie ein Federball auf seinem Schläger. Aber in einiger Entfernung von dem Punkt, wo der Weg nach Moulot sich von der Straße nach La Chapelle trennt, um sich seiner niedrigen Bestimmung zuzuwenden, bemerkte sie, daß der Eifer ihres Esels nachließ wie ein glühender Metallstrom, der immer steifer und langsamer wird, je mehr er sich vom Ofen entfernt; sein Glöckchen, das bis dahin ein so stolzes Klingkling von sich gegeben hatte, so energisch betont, stieß nur noch abgebrochene Seufzer aus wie eine Stimme, die erstirbt. Meine Großmutter wandte ihren Kopf, um bei Benjamin darüber klagbar zu werden; aber dieser war verschwunden, geschmolzen wie ein Schneeball, weggezaubert, futsch, verloren wie eine Mücke im Raum; niemand konnte ihr Nachricht von ihm geben. Man kann sich den Ingrimm meiner Großmutter vorstellen, den sie bei diesem plötzlichen Verschwinden Benjamins empfand. Sie sagte sich, daß er nicht die Mühe verdiene, die man sich um sein Glück gebe; daß sein Leichtsinn unheilbar sei; daß er noch einmal daran zugrunde ginge; daß er in einem Sumpf sei, dessen Gewässer man nicht in Fluß setzen könne. Sie hatte einen Augenblick Lust, ihn seinem Schicksal zu überlassen und ihm selbst nicht mehr die Hemden zu fälteln; aber ihr königlicher Charakter gewann die Oberhand: sie hatte es begonnen, sie mußte es zu Ende führen. Sie schwur, Benjamin wiederzufinden und ihn zu Herrn Minxit zu bringen, und wenn sie ihn an den Schwanz ihres Esels hätte anbinden müssen. Diese Festigkeit des Entschlusses ist es, die die großen Unternehmungen zum Ziele führt.

Ein kleiner Bauer, der am Knotenpunkt der beiden Straßen seine Hämmel hütete, sagte ihr, daß der rote Mann, den sie suche, vor etwa einer Viertelstunde nach dem Dorf hinuntergegangen sei. Meine Großmutter stieß ihren Esel in diese Richtung, und ihr Unwille gab ihr eine solche Macht über diesen Vierfüßler, daß er von selbst zu traben begann, aus reiner Ergebenheit vor seiner Reiterin und gleichsam, um ihrem großen Charakter Ehre anzutun. Das Dorf Moulot bot den Anblick einer ganz ungewöhnlichen Bewegung; die Moulotaner, sonst so gesetzt und in ihren Hirnen von nicht mehr Gärung heimgesucht, als in einem Rahmkäse vor sich geht, schienen alle das Fieber zu haben. Die Bauern kletterten eilig die Hänge herab; Weiber und Kinder rannten und schrien sich zu; alle Kunkeln waren verlassen, und alle Spinnräder standen still. Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Grund dieser Bewegung; man sagte ihr, der Ewige Jude sei gerade in Moulot angekommen und frühstücke auf dem Platz. Sie begriff sogleich, daß der angebliche Jude niemand anderes sei als Benjamin, und in der Tat gewahrte sie ihn alsbald von der Höhe ihres Esels inmitten eines Kreises von Maulaffen.

Über dem beweglichen Band schwarzer und weißer Köpfe erhob sich der Giebel seines Dreispitzes majestätisch zum Himmel, wie die schieferbedeckte Turmspitze einer Kirche über den moosbewachsenen Dächern eines Dorfes. Man hatte ihm mitten auf dem Marktplatz ein Tischchen gedeckt, auf dem er sich eine halbe Flasche Wein und ein kleines Brot hatte vorsetzen lassen. Er schritt mit der Würde eines Hohenpriesters davor auf und ab, bald einen Schluck von seinem Wein, bald ein Stückchen von seinem kleinen Brot nehmend.

Meine Großmutter trieb ihren Esel mitten durch die Menge und befand sich bald in der vordersten Reihe.

»Was machst du da, Nichtsnutz?« sagte sie zu meinem Onkel und machte ihm eine Faust.

»Sie sehen es, Madame: ich irre; ich bin Ahasver, gewöhnlich der irrende oder Ewige Jude genannt. Da ich auf meinen Reisen schon viel von der Schönheit dieses kleinen Dorfs und von der Liebenswürdigkeit seiner Bewohner habe reden hören, habe ich mich dazu entschlossen, hier zu frühstücken.« Dann trat er an sie heran und sagte leise: »In fünf Minuten komme ich dir nach; aber kein Wort mehr, bitte; das Unheil wäre nicht wiedergutzumachen; diese Schwachköpfe wären imstande, mich totzuschlagen, wenn sie entdeckten, daß ich mich über sie lustig mache.«

Das Lob Moulots, das Benjamin in die Antwort an seine Schwester einzuschalten gewußt hatte, ließ den üblen Eindruck, den ihre unvorsichtige Anrede ihm einbringen mußte, nicht aufkommen, und ein selbstgefälliges Gemurmel ging durch die Versammlung.

»Herr Ewiger Jude«, fragte ein Bauer, dem noch ein kleiner Zweifel geblieben war, »wer ist die Dame, die Euch da eben die Faust zeigte?«

»Mein guter Freund«, antwortete mein Onkel, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, »das ist die Jungfrau Maria, die der liebe Gott mir auf ihrem Eselein wallfahrend nach Jerusalem zu bringen befohlen hat. Sie ist im Grunde eine gute Frau, nur etwas redselig; sie ist heut schlecht aufgelegt, weil sie am Morgen ihren Rosenkranz verloren hat.«

»Und warum ist das Jesuskindlein nicht bei ihr?«

»Gott litt nicht, daß sie es mitnahm, denn er hat gerade die Wasserblattern.«

Jetzt hagelte es Einwendungen gegen Benjamin; aber mein Onkel war nicht der Mann, sich von den Dickschädeln Moulots Angst machen zu lassen; die Gefahr elektrisierte ihn, und er parierte alle Hiebe, die auf ihn geführt wurden, mit einer bewundernswerten Behendigkeit, was ihn nicht hinderte, von Zeit zu Zeit mit einem Schluck Weißen sich die Kehle anzufeuchten – und, um die Wahrheit zu sagen, er war schon bei seiner siebenten halben Flasche.

Der Schulmeister des Ortes, in seiner Eigenschaft als Gelehrter, erschien als erster auf dem Plan.

»Wie kommt es denn, Herr Ewiger Jude, daß Sie keinen Bart haben? In der Brüsseler Reimchronik heißt es, daß Sie sehr bärtig seien, und überall stellt man Sie mit einem langen weißen Bart dar, der Ihnen bis zum Gürtel reicht.«

»Das war zu schmutzig, Herr Schulmeister. Ich habe den lieben Gott um die Erlaubnis gebeten, diesen großen häßlichen Bart nicht länger tragen zu brauchen, und er hat ihn in meinen Zopf verwandelt.«

»Aber«, forschte der Bartwütige weiter, »wie machen Sie's denn, um sich zu rasieren, da Sie doch nicht stillhalten können?«

»Gott hat vorgesorgt, mein lieber Herr Schulmeister. Jeden Morgen schickt er mir den Schutzpatron der Perückenmacher in Gestalt eines Schmetterlings, der mich mit dem Rand seiner Flügel rasiert; alles, indem er um mich herumschwebt.«

»Aber Herr Jude«, verfolgte der Schulmeister die Sache, »war der liebe Gott nicht recht knauserig gegen Sie, indem er Ihnen jedesmal nur fünf Sous auf einmal aussetzte?«

»Mein Freund«, versetzte Benjamin und kreuzte die Arme über der Brust, wobei er sich tief verneigte, »segnen wir die Ratschlüsse Gottes; wahrscheinlich hatte er nicht mehr in der Tasche.«

»Ich möchte wohl wissen«, sagte der alte Schneider des Ortes, »wie man es gemacht hat, Ihnen Ihren Frack anzumessen, der Ihnen gleichwohl wie ein Handschuh sitzt, da Sie doch nie in Ruhe sind?«

»Einer vom Handwerk wie Ihr, verehrter Nadelheld, hätte wohl bemerken sollen, daß dieser Frack nicht von Menschenhand gefertigt ist; alle Jahre am ersten April wächst mir ein leichter Frack von roter Serge und zu Allerheiligen ein dicker Frack von scharlachrotem Sammet.«

»Dann müßt Ihr«, sagte ein Bürschlein, dessen Schelmengesicht von blonden Locken umflutet war, »Euch aufs Abnutzen verstehen; es sind noch keine vierzehn Tage seit Allerheiligen, und Euer Frack ist schon ganz verschabt und ganz weiß an den Nähten.«

Unglücklicherweise stand der Vater des kleinen Philosophen dicht neben ihm. »Marsch nach Hause und sieh, ob ich da bin«, sagte er und gab ihm einen Tritt auf sein Hinterteil. Dann bat er meinen Onkel, die Unverschämtheit des Buben zu verzeihen, dem sein Schulmeister die Religion nicht gehörig beibringe.

»Meine Herren«, rief der Schulmeister, »ich nehme Sie alle als Zeugen und den Herrn Ewigen Juden auch, daß der Niklas meinen guten Ruf antastet; beständig greift er die Obrigkeiten des Dorfes an; ich werde ihn bei seiner Zunge nehmen.«

»Jawohl«, sagte Niklas, »eine schöne Obrigkeit das! Tu dir nur keinen Zwang an: ich bin nicht drum verlegen, zu beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe; der Herr Amtmann wird das Karlchen schon fragen. Neulich habe ich ihn gefragt, wer der bemerkenswerteste Sohn Jakobs gewesen wäre, da hat er geantwortet, Pharao wäre es. Die Base Pintot ist Zeuge.«

»Nun, nun, meine Herren?« sagte mein Onkel, »ereifern Sie sich nicht meinetwegen; ich wäre untröstlich, wenn meine Ankunft in diesem schönen Dorf der Anlaß zu einem Prozeß zwischen Ihnen werden sollte; die Wolle meines Fracks ist noch nicht ganz gewachsen, sintemal wir erst Martini haben; das ist es, was den Irrtum des kleinen Karlchen veranlaßt hat. Dem Herrn Schulmeister war diese Besonderheit nicht bekannt, folglich konnte er seine Zöglinge auch nicht darüber belehren. Ich hoffe, daß Herr Niklas von dieser Erklärung befriedigt ist.«

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