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Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel

Entführung und Tod der Jungfrau Minxit

Mein Onkel begleitete Herrn Minxit bis an das Michelskreuz und ging dann heim zu Bett.

Er lag in jener tiefen Selbstaufgegebenheit, die der erste Schlaf hervorbringt, als er von einem heftigen Schlag an die Haustür geweckt wurde. Dieser Schlag traf meinen Onkel wie eine schmerzhafte Erschütterung. Er öffnete das Fenster: die Straße lag schwarz wie ein tiefer Graben vor ihm; doch erkannte er Herrn Minxit, und er glaubte in dessen Haltung etwas Verzweiflungsvolles zu bemerken. Er lief zur Tür; kaum war der Riegel zurückgeschoben, als der würdige Mann sich in seine Arme warf und in Tränen ausbrach.

»Aber was ist denn, Herr Minxit? Sprechen Sie doch! Tränen helfen zu nichts; wenigstens ist Ihnen doch nichts passiert?«

»Fort! sie ist fort!« schluchzte Herr Minxit; »mit ihm fort, Benjamin!«

»Wie, Arabella ist mit Herrn von Brückenbruch fort?« sagte mein Onkel, der sofort erriet, worum es sich handelte.

»Du hattest wohl recht, mich zu warnen, ich solle ihm nicht trauen; warum hast du ihn auch nicht getötet!« »Dazu ist immer noch Zeit«, sagte Benjamin; »aber vor allem muß man an seine Verfolgung gehn.«

»Und du wirst mich begleiten, Benjamin? Denn in dir ist all meine Kraft, all meine Zuversicht.«

»Ob ich Sie begleite! Auf der Stelle begleite ich Sie! und um gleich zu fragen: haben Sie wenigstens daran gedacht, sich mit Geld zu versehn?«

»Ich habe keinen blanken Taler im Haus, mein Freund; die Unglückselige hat alles Geld mitgenommen, das ich in meinem Schreibtisch hatte.«

»Um so besser!« sagte mein Onkel, »so sind Sie wenigstens sicher, daß sie, bis wir sie erreichen, keinen Mangel leidet.«

»Sobald es Tag ist, gehe ich zu meinem Bankier, wo ich Geld abheben kann.«

»Ja«, sagte mein Onkel, »glauben Sie, daß sie sich damit belustigen werden, unterwegs auf den Straßenrainen Liebesspiele aufzuführen? Wenn es Tag ist, sind sie weit von hier; Sie müssen sofort Ihren Bankier aus dem Bett holen und ihn so lange bearbeiten, bis er Ihnen tausend Franken ausgezahlt hat. Statt fünfzehn wird er zwanzig Prozent nehmen; das ist alles.«

»Aber welchen Weg haben sie genommen? Wir müssen immer die Sonne abwarten, um Erkundigungen einzuziehen.«

»Keineswegs«, sagte mein Onkel; »sie haben die Straße nach Paris genommen. Herr von Brückenbruch kann nur nach Paris gehen; ich weiß aus guter Quelle, daß sein Urlaub in drei Tagen abläuft. Ich eile sofort, einen Wagen mit zwei guten Pferden zu bestellen; Sie treffen mich im ›Goldenen Löwen‹.«

Als mein Onkel hinauseilen wollte, sagte Herr Minxit: »Aber du bist ja noch im Hemd!«

»Das ist, weiß der Kuckuck, wahr«, sagte Benjamin; »ich dachte nicht mehr daran; es ist so dunkel, daß ich es selbst nicht gesehen habe. Aber in fünf Minuten bin ich angekleidet, und in zwanzig bin ich am ›Goldenen Löwen‹; meiner teuren Schwester werde ich adieu sagen, wenn wir von unserer Reise zurück sind.«

Eine Stunde später verfolgten mein Onkel und Herr Minxit in einer schlechten mit zwei Kleppern bespannten Landkutsche den schauderhaften Fahrweg, der damals von Clamecy nach Auxerre führte. Am Tage mag er noch erträglich sein, aber in einer Winternacht ist er furchtbar. Wie sehr sie auch zur Eile trieben, es war zehn Uhr morgens, als sie in Courson anlangten. Unter dem Torweg des ›Windhundes‹, der einzigen Herberge im Ort, stand ein Sarg aufgebahrt, und ein ganzer Schwärm häßlicher und zerlumpter alter Weiber umgaben ihn.

»Ich weiß vom Küster Gobi«, sagte die eine, »daß die junge Dame sich verpflichtet hat, dem Pfarrer tausend Taler zur Verteilung an die Armen des Sprengels zu geben.«

»Das wird uns an der Nase vorbeigehen, Mutter Simon.«

»Wenn die junge Dame stirbt, wie man sagt, wird der Windhundswirt alles einstecken«, bemerkte eine dritte; »wir täten gut daran, den Amtmann zu holen, daß er über unsere Erbschaft wacht.«

Mein Onkel rief eine der Alten heran und bat sie, ihm auseinanderszusetzen, was das bedeute. Stolz, von einem Fremden, der einen Wagen mit zwei Pferden hatte, ausgezeichnet zu sein, warf diese einen Blick des Triumphes auf ihre Gefährtinnen und sagte:

»Sie tun gut daran, sich an mich zu wenden, mein werter Herr, denn ich kenne, besser als sie alle, die Einzelheiten dieser Geschichte. Der, der da jetzt im Sarge liegt, saß heute morgen noch in der grünen Equipage, die Sie dort unter dem Wagenschuppen sehen. Das war ein großer Herr, millionenreich, der mit einer jungen Dame nach Paris fuhr, an den Hof, was weiß ich! Und er machte hier halt, und er wird hierbleiben, auf dem armseligen Friedhof, und wird mit den Bauern verfaulen, die er so sehr verachtet hat. Er war jung und schön, und ich, die alte Manette, die ganz kreuzlahm ist und zu nichts mehr taugt, ich werde Weihwasser auf sein Grab sprengen; und in zehn Jahren – wenn's noch so lange geht – muß sein Gebein meinen alten Knochen Platz machen; denn sie haben gut reich sein, alle die großen Herren, sie müssen doch alle dahin, wohin wir müssen; sie haben sich gut in Samt und Seide wickeln, ihr letzter Rock sind doch die Sargplanken; sie haben ihre Haut gut pflegen und parfümieren, die Würmer sind für sie wie für uns gemacht. Sagen zu können, daß ich, die alte Waschfrau, hingehen kann und, wann es mir Spaß macht, mich auf das Grab eines Edelmanns setzen! Sehen Sie, dieser Gedanke tut wohl: er tröstet uns darüber, daß wir arm sind, und entschädigt uns dafür, nicht von Adel zu sein. Übrigens ist dieser da selbst daran schuld, daß er tot ist. Er wollte sich des Zimmers eines Reisenden bemächtigen, weil es das schönste in der Herberge war. Es kam schließlich zu Händeln: sie sind in den Garten des ›Windhundes‹ gegangen, um sich zu duellieren, und der Reisende hat ihm eine Kugel in den Kopf gejagt. Die junge Dame war in der Hoffnung, wie es scheint, die arme Frau! Als sie erfuhr, daß ihr Gemahl tot sei, wurde sie von Wehen befallen, und augenblicklich ist sie auch nicht besser dran als ihr edler Gatte. Der Doktor Debrit kommt gerade aus ihrem Zimmer; da ich seine Wäsche wasche, habe ich ihn gefragt, wie es mit der jungen Frau stehe. ›Glaubt mir, Mutter Manette‹, hat er gesagt, ›ich möchte lieber in Eurer runzeligen Haut stecken als in der ihren.‹« »Und dieser große Herr«, sagte mein Onkel, »hatte er nicht einen roten Rock, eine blonde Perücke und drei Federn auf dem Hut?«

»Ganz recht, mein werter Herr, hätten Sie ihn etwa gekannt?«

»Nein«, antwortete mein Onkel, »aber ich habe ihn vielleicht irgendwo gesehen.«

»Und die junge Dame«, fragte Herr Minxit, »ist sie nicht hochgewachsen, und hat sie nicht Sommersprossen im Gesicht?«

»Sie mag ihre fünf Fuß neun Zoll haben«, erwiderte die Alte, »und sie hat eine Haut wie die Schale eines Welschhuhneies.«

Herr Minxit fiel in Ohnmacht.

Benjamin trug ihn ins Bett und ließ ihm zur Ader; dann ließ er sich zu Arabella führen; denn die junge Dame, die in den Kindeswehen sterben sollte, war Herrn Minxits Tochter. Sie lag in dem Zimmer, das ihr Geliebter ihr um den Preis seines Lebens erobert hatte; ein trauriges Zimmer, wahrhaftig, dessen Besitz nicht wert war, daß man sich darum zankte.

Da lag Arabella auf einem Bett von grüner Serge. Mein Onkel lüftete die Vorhänge und betrachtete sie eine Weile schweigend. Eine matte, feuchte Blässe, weiß wie die einer Marmorstatue, hatte sich über ihr Gesicht verbreitet; ihre halbgeöffneten Augen waren erloschen und blicklos; ihr Atem ging keuchend aus der Brust. Benjamin hob ihren Arm auf, der unbeweglich am Bett herunterhing. Während er den Puls fühlte, schüttelte er traurig den Kopf und hieß die Wärterin den Doktor Debrit holen. Beim Klang seiner Stimme zitterte Arabella wie ein Leichnam, den man zu galvanisieren beginnt.

»Wo bin ich?« sagte sie und warf einen irren Blick um sich; »bin ich denn der Spielball eines wüsten Traums gewesen? Sind Sie es, Herr Rathery, den ich höre? und bin ich noch in Corvol, in meines Vaters Haus?«

»Sie sind nicht in Ihres Vaters Haus«, sagte mein Onkel, »aber Ihr Vater ist hier. Er ist bereit, Ihnen zu verzeihen; er verlangt nur eines: daß Sie leben, damit auch er lebe.«

Die Blicke Arabellas hefteten sich zufällig auf den Waffenrock des Herrn von Brückenbruch, den man, noch triefend von Blut, an der Wand aufgehängt hatte. Sie versuchte sich aufzusetzen; aber ihre Glieder verkrümmten sich in einem fürchterlichen Krampf, und sie fiel so hart auf ihr Bett zurück wie ein Leichnam, den man in seinem Sarg aufrichtet. Benjamin legte seine Hand auf ihr Herz, es schlug nicht mehr; er näherte einen Spiegel ihren Lippen, das Glas blieb ungetrübt. Unglück und Glück, alles hatte ein Ende für die arme Arabella. Benjamin blieb aufrecht am Kopfende des Bettes stehen, hielt ihre Hand in der seinen und war in bittere Gedanken versunken. In diesem Augenblick ließ sich ein schwerer, wankender Tritt auf der Stiege hören. Benjamin drehte eilig den Schlüssel um. Es war Herr Minxit.

»Ich bin es, Benjamin«, rief er und klopfte an die Tür: »öffne mir; ich will meine Tochter sehen, ich muß sie sehen! Sie kann nicht sterben, ohne daß ich sie gesehn habe.«

Es ist eine schmerzliche Aufgabe, einen Toten für lebend ausgeben und ihm Handlungen zuschreiben zu sollen, als ob er noch existiere. Aber mein Onkel schreckte vor dieser Notwendigkeit nicht zurück.

»Ziehen Sie sich zurück, Herr Minxit, ich bitte Sie inständig. Arabella geht es besser; sie schläft. Ihr plötzliches Erscheinen könnte eine Krisis auslösen, die sie töten würde.«

»Ich sage dir, Elender, daß ich meine Tochter sehen will!« rief Herr Minxit und warf sich so gewaltsam gegen die Tür, daß der Mauerkloben des Schlosses zu Boden fiel.

»Nun denn!« sagte Benjamin, noch immer in der Hoffnung, ihn zu täuschen, »Sie sehen ja, Ihre Tochter liegt in einem ruhigen Schlaf. Wollen Sie sich damit zufriedengeben und sich jetzt zurückziehen?«

Der unglückliche alte Mann warf einen Blick auf seine Tochter.

»Du hast gelogen!« schrie er mit einer Stimme, die Benjamin erzittern ließ, »sie schläft nicht, sie ist tot!«

Er warf sich über sie und preßte sie krampfhaft an seine Brust.

»Arabella!« rief er, »Arabella! Arabella! Ach, so mußte ich sie wiederfinden! sie, mein Kind, mein einziges Kind! Gott läßt die Haare eines Mörders weiß werden, und er nimmt einem Vater sein einziges Kind! Wie kann man uns sagen, Gott sei gut und gerecht!« – Dann verwandelte sich sein Schmerz in Zorn gegen meinen Onkel. »Du bist es, elender Rathery, der schuld daran ist, daß ich sie Herrn von Brückenbruch verweigert habe; ohne dich wäre sie verheiratet und noch am Leben.«

»Spaßen Sie?« sagte mein Onkel; »ist es mein Fehler, daß sie sich in einen Musketier verliebt hat?«

Alle Leidenschaften sind nichts als Blut, das zu mächtig zum Gehirn drängt. Der Verstand des Herrn Minxit hatte offenbar unter der Gewalt dieses überwältigenden Schmerzes gelitten; aber im Paroxysmus seiner Wahnvorstellung öffnete sich die kaum geschlossene Ader wieder, die ihm mein Onkel, wie man sich erinnert, geschlitzt hatte. Benjamin ließ das Blut laufen, und bald folgte dieser überwallenden Lebensäußerung eine heilsame Schwäche und rettete den armen alten Mann. Benjamin traf Anordnungen beim Windhundswirt, den er mit Geld versah, daß Arabella und ihrem Geliebten ein ehrenvolles Begräbnis zuteil werde. Dann kehrte er zu dem Lager des Herrn Minxit zurück und wachte über ihn wie eine Mutter über ihr krankes Kind. Herr Minxit schwebte drei Tage zwischen Leben und Tod. Aber dank der treuen und geschickten Pflege meines Onkels sank das Fieber, das an ihm zehrte, nach und nach, und bald war er so weit genesen, daß man ihn nach Corvol überführen konnte.

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