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Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/tellier/onkelben/onkelben.xml
typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel

Was mein Onkel war

Wahrhaftig, ich weiß nicht, warum der Mensch so am Leben hängt. Was findet er eigentlich so Angenehmes an dieser schmacklosen Folge von Tag und Nacht, Sommer und Winter? Immer derselbe Himmel, dieselbe Sonne; immer dieselben grünen Wiesen und dieselben gelben Felder; immer dieselben Thronreden, dieselben Gauner und dieselben Gimpel. Wenn Gott es nicht besser gekonnt hat, so ist er ein trauriger Werkmeister, und der Maschinist der Großen Oper versteht mehr als er.

›Noch nicht genug der Anzüglichkeiten?‹ sagt ihr; ›jetzt kommt er gar mit Anzüglichkeiten gegen den lieben Gott.‹ Was wollt ihr! ist er doch recht eigentlich ein Beamter, und ein hoher Beamter dazu, nur daß seine Ämter keine Sinekure sind. Aber ich habe keine Angst, er werde hingehen und mich wegen des Schadens, den ich seiner Ehre beigebracht, auf Schadenersatz belangen, um von dem Geld eine Kirche bauen zu lassen.

Ich weiß wohl, daß Staatsanwälte empfindlicher im Hinblick auf seine Reputation sind als er selbst; aber das gerade finde ich nicht in Ordnung. Kraft welchen Titels maßen sich diese schwarztalarigen Menschen das Recht an, Beleidigungen zu rächen, die ihn höchst persönlich angehen? Haben sie eine ›Jehova‹ gezeichnete Vollmacht, die sie dazu befugt?

Glaubt ihr, daß er so zufrieden ist, wenn das Zuchtpolizeigericht seinen Donner in die Hand nimmt und damit brutal Unglückliche zerschmettert, um nichts als ein Delikt von ein paar Silben? Wer beweist denn übrigens diesen Herren, daß Gott beleidigt worden ist? Hier ist er, an sein Kreuz geheftet, während sie, ja, sie in ihren Richtersesseln sitzen: sollen sie ihn fragen! Wenn er es bestätigt, will ich unrecht haben. Wißt ihr, warum er die Dynastie der Kapetinger vom Thron gestoßen hat, diesen alten und erlauchten Königssalat, der mit so viel heiligem Öl angemacht war? Ich weiß es und will es euch sagen: weil sie das Gotteslästerungsgesetz gemacht hat.

Aber das steht hier nicht in Frage.

Was heißt leben! Aufstehen, sich schlafen legen, frühstücken, mittagessen und am andern Morgen von vorn anfangen. Wenn man das vierzig Jahre geübt hat, ist es am Ende recht fade geworden.

Die Menschen gleichen Zuschauern bei einem Schauspiel, welche Abend für Abend, die einen auf Sammetpolstern, die andern auf nackten Bänken, die Mehrzahl aber auf Stehplätzen, dasselbe Stück ansehen; alle gähnen bis zum Kieferverrenken, alle sind sich einig, daß all das todlangweilig ist, daß sie viel besser in ihren Betten lägen, aber nichtsdestoweniger will niemand seinen Platz aufgeben.

Leben – ist es die Mühe wert, auch nur die Augen zu öffnen? Alle unsere Unternehmungen sind nichts weiter als Anfänge; das Haus, das wir bauen, ist für unsere Erben; der Schlafrock, den wir uns mit Liebe auswattieren lassen als Hülle unseres Alters, wird als Wickeltücher für unsere Enkel seine Verwendung finden. Gerade sagen wir: ›Nun ist der Tag zu Ende‹; wir zünden unsere Lampe an; wir schüren unser Feuer; wir sind drauf und dran, einen wohligen und friedlichen Abend an unserm Kamin zu verbringen: pang! pang! klopft jemand an die Tür. Wer ist da? Der Tod: scheiden heißt es. Wenn wir alle Gelüste der Jugend haben und unser Blut voller Saus und Braus ist, besitzen wir keinen Taler; wenn wir keine Zähne mehr haben, keinen Magen, sind wir Millionäre. Wir haben kaum die Zeit, zu einer Frau zu sagen: ›Ich liebe dich!‹ Bei unserm zweiten Kuß ist sie eine alte Schachtel. Kaum sind die Reiche aufgerichtet, so stürzen sie wieder zusammen; sie gleichen jenen Ameisenhaufen, die arme Insekten mit großen Mühen in die Höhe führen; wenn nicht mehr als ein Strohhälmchen zu ihrer Vollendung fehlt, tritt sie ein Ochse mit seinem breiten Huf zusammen, oder ein Karrenrad fährt sie nieder. Das, was ihr die vegetabilische Hülle dieser Erdkugel nennt, sind tausend und aber tausend Leichentücher, die die Generationen übereinandergeschichtet haben. Alle die großen Namen, die im Munde der Menschen widerhallen, Namen von Hauptstädten, Monarchen, Feldherren, es sind nur tönende Scherben verfallener Reiche. Ihr tut keinen Schritt, ohne den Staub von tausend Dingen um euch aufzuwirbeln, die zerstört wurden, bevor sie vollendet waren.

Ich bin vierzig Jahre und habe doch schon vier Berufe durchwandert: ich war Lehrgehilfe, Soldat, Schulmeister und bin nun Journalist. Ich habe auf dem festen Lande gelebt und auf dem Ozean, im Zelt und am Kamin, hinter Kerkergittern und im Freigebiete dieser Welt; ich habe gehorcht und befehligt; ich habe Augenblicke des Überflusses gehabt und Jahre des Elends. Man hat mich geliebt und gehaßt; man hat mir Beifall geklatscht und mir verächtlich den Rücken gekehrt. Ich bin Sohn gewesen und Vater, Liebhaber und Gatte; ich bin durch die Zeiten der Blumen gewandelt und durch die der Früchte, wie die Dichter es ausdrücken. In keinem dieser wechselnden Zustände habe ich gefunden, daß ich mich sonderlich zu beglückwünschen hätte, in der Haut eines Menschen zu stecken statt in der eines Wolfs oder Fuchses, statt in der Muschel einer Auster, in der Rinde eines Baumes oder in der Schale einer Kartoffel. Vielleicht wenn ich Rentier wäre, Rentier mit fünfzigtausend Francs besonders, würde ich anders denken.

Einstweilen habe ich die Meinung, daß der Mensch eine Maschine ist, die ganz ausdrücklich für den Schmerz geschaffen wurde. Er hat nur fünf Sinne zur Wahrnehmung der Lust, während der Schmerz im ganzen Umkreis seiner Körperoberfläche ihm vermittelt wird: wo man ihn sticht, blutet er; wo man ihn brennt, zieht er Blasen. Die Lungen, die Leber, die Eingeweide können ihm nicht den geringsten Genuß bereiten: nichtsdestoweniger entzündet sich die Lunge und macht ihn husten; die Leber verstopft sich und macht ihm Fieber; die Eingeweide verlagern sich und machen ihm Kolik. Ihr habt keinen Nerv, keinen Muskel, keine Sehne im Leibe, die euch nicht vor Schmerz schreien machen könnten.

Euer Organismus gerät alle Augenblicke in Unordnung wie eine schlechte Uhr. Ihr hebt eure Augen zum Himmel, um ihn anzuflehen: ein Schwalbendreck fällt hinein, der sie erblinden läßt. Ihr geht zu Balle: eine Fußverrenkung packt euch am Bein, und man muß euch auf einer Matratze nach Hause tragen. Heute seid ihr ein großer Schriftsteller, ein großer Philosoph, ein großer Dichter: ein Gehirnfäserchen reißt; man hat euch gut zur Ader lassen, euch Eis auf den Kopf legen, morgen seid ihr nur noch ein armer Narr.

Der Schmerz lauert hinter allen euern Freuden; ihr seid Naschmäuse, die er mit etwas duftendem Speck für sich ködert. Ihr wandelt im Schatten eures Gartens und ruft aus: ›O die schöne Rose!‹ Die Rose aber sticht euch. ›O die schöne Frucht!‹ Es ist eine Wespe darin, und die Frucht verwundet euch.

Ihr sagt: ›Gott hat uns geschaffen, ihm zu dienen und ihn zu lieben.‹ Das ist nicht wahr. Er hat euch geschaffen, zu leiden. Der Mensch, der nicht leidet, ist eine mißglückte Maschine, ein mißlungenes Geschöpf, ein moralischer Krüppel, eine Fehlgeburt der Natur. Der Tod ist nicht nur das Ende des Lebens, er ist auch das Heilmittel dagegen. Man ist nirgends so gut aufgehoben als in einem Sarg. Wenn ihr mir glauben wollt, so bestellt euch statt eines neuen Paletots einen Sarg. Es ist der einzige Rock, der euch nicht unbequem sitzt.

Was ich euch da gesagt habe, mögt ihr für eine philosophische Idee oder ein Paradox halten, mir gilt es gleich. Nur als Vorrede wenigstens bitte ich euch es hinnehmen zu wollen; denn ich wüßte nicht, eine bessere und für diese traurige und wehmütige Geschichte passendere zu machen, die ich nun die Ehre habe euch zu erzählen. Ihr werdet mir erlauben, meine Geschichte zwei Generationen vor unserer Zeit beginnen zu lassen, wie die eines Fürsten oder Helden, dessen Leichenrede man hält. Ihr werdet dabei schwerlich etwas verlieren. Die Bräuche jener Zeit können sich recht wohl mit denen der unseren messen: das Volk trug Ketten; aber es tanzte darin und wußte ihrem Rasseln etwas von Kastagnettenklang zu geben.

Denn – es ist schon wahr – der Frohsinn geht immer mit der Knechtschaft. Er ist ein Gut, das Gott, der große Ausgleicher, recht eigentlich für die geschaffen hat, die unter der Botmäßigkeit eines Herrn oder der harten und schweren Hand der Armut stehen.

Dieses Gut, er hat es als Trost für ihr Elend geschaffen, wie er gewisse Kräuter geschaffen hat, um zwischen den Pflastersteinen zu blühen, die man mit Füßen tritt; oder gewisse Vögel, um auf allen Türmen zu singen; wie er das schöne Grün des Efeus geschaffen hat, um über grinsenden Ruinen zu lächeln.

Der Frohsinn eilt, wie die Schwalbe, über die großen glänzenden Dächer hinweg. Aber in den Höfen der Schulen, am Tor der Kaserne, auf den verwitterten Steinplatten der Gefängnisse läßt er sich nieder. Wie ein schöner Schmetterling setzt er sich auf die Feder des Schülers, der seine Aufgabe kritzelt; er stößt in der Soldatenschenke mit den alten Grenadieren an; und nie singt er so laut – wenn man ihn überhaupt singen läßt – als zwischen den schwarzen Mauern, wo man Unglückliche einsperrt.

Übrigens ist der Frohsinn des Armen eine Art Stolz. Ich bin arm gewesen unter den Ärmsten; nun wohl, ich fand ein Vergnügen darin, zum Schicksal zu sagen: ›Ich werde mich doch nicht beugen unter deiner Hand, ich werde mein hartes Brot ebenso stolz essen wie Fabricius, der Diktator, seine Rüben; ich werde mein Elend tragen wie Könige ihr Diadem; triff mich, sooft du willst, schlag nur zu: ich werde auf deine Schläge mit Spott antworten; ich werde wie ein Baum sein, der weiterblüht, wenn man mit der Axt an ihn geht; wie die Säule, deren bronzener Adler in der Sonne glänzt, während schon die Hacke an ihrem Fuß arbeitet.‹

Begnügt euch, liebe Leser, mit diesen Erklärungen, ich wüßte euch keine vernünftigeren zu liefern. Welcher Unterschied zwischen jener Zeit und der unseren! Der Mensch von heute ist nicht zum Lachen aufgelegt, ach nein.

Er ist heuchlerisch, geizig und von Grund aus egoistisch; welche Frage es sein mag, auf die er mit seinem Schädel stößt, sein Schädel klingt immer wie ein Schublade voll Geld.

Er ist anmaßend und aufgeblasen; der Gewürzkrämer nennt den Zuckerbäcker, seinen Nachbarn, seinen sehr verehrten Freund, und der Zuckerbäcker bittet den Gewürzkrämer die Versicherung seiner ausgezeichneten Hochachtung entgegennehmen zu wollen, mit der er die Ehre hat zu sein usw. usw.

Der Mensch von heute hat die Sucht, sich vom Volke unterscheiden zu wollen. Der Vater geht im blauen Baumwollkittel, der Sohn im langen Rock vom besten Elbeuftuch. Kein Opfer ist dem Menschen von heute zu groß, um seine Sucht zu befriedigen, etwas vorzustellen. Er will durchaus so scheinen, als ob er immer obenauf sei. Er lebt von Wasser und Brot, gönnt sich das Feuer nicht im Winter und das Bier nicht im Sommer, nur um einen Frack von feinem Tuch, eine Kaschmirweste und gelbe Handschuhe zu tragen. Wenn man ihn nur als einen feinen Mann betrachtet, dann ist er, in seinen eigenen Augen, schon etwas Besonderes.

Er ist geschraubt und abgemessen; er schreit nicht, er lacht nicht geradeheraus, er weiß nicht, wohin spucken, er macht keine Bewegung, die über die andere hinausginge. Er sagt fein ordentlich: ›Guten Tag, Herr Fischer; guten Abend, Frau Oberkreissteuersekretärin.‹ Das gehört zum guten Ton. Aber was ist dieser gute Ton? Ein lügnerischer Firnis, den man auf ein gewöhnliches Stück Holz streicht, um es für ein spanisches Rohr auszugeben. So mag man vor den Damen bestehen. Zugegeben; aber vor Gott, wie soll man da bestehen?

Er ist Pedant; den Geist, den er nicht hat, ersetzt er durch säuberliche Redensarten, wie eine gute Hausfrau die Möbel, die ihr fehlen, durch Ordnung und Sauberkeit ersetzt.

Er kommt aus der Diät gar nicht heraus. Nimmt er an einer Gasterei teil, so ist er stumm und zerstreut; er schluckt einen Stopfen für ein Stück Brot; er nimmt sich Rahm statt weißer Sauce. Er wartet mit dem Trinken, bis ein Toast ausgebracht wird. Er hat immer eine Zeitung in der Tasche; er spricht von nichts als von Handelsverträgen und Eisenbahnlinien und lacht nur in der Kammer der Abgeordneten.

Zu der Zeit aber, in die ich euch zurückführe, da waren die Sitten der kleinen Städte noch nicht mit Eleganz geschmückt; sie waren erfüllt von einem bezaubernden Sichgehenlassen und einer liebenswürdigen Einfachheit. Der Charakter dieser glücklichen Zeit war die Sorglosigkeit. Alle diese Leute, mochten sie Fregatten oder Nußschalen sein, überließen sich mit geschlossenen Augen dem Strom des Lebens, ohne sich zu beunruhigen, wo sie landen würden.

Die Bürger jagten nicht nach Anstellungen, sie legten sich keinen Schatz an; sie lebten zu Hause in einem fröhlichen Überfluß und verputzten ihr Einkommen bis auf den letzten Louis. Die Kaufleute, damals noch selten, bereicherten sich langsam, ohne sich zu nahezutreten, so durch den Lauf der Dinge; die Handwerker arbeiteten nicht, um etwas auf die hohe Kante zu legen, sondern um gerade herumzukommen. Sie hatten nicht diese entsetzliche Konkurrenz auf den Fersen, die hinter uns her ist und uns unaufhörlich anschreit: ›Vorwärts!‹ So ging denn nichts über ihre Bequemlichkeit; sie hatten ihre Väter gefüttert, und wenn sie alt sein würden, waren ihre Kinder an der Reihe, sie zu füttern.

Derart war die Gemütlichkeit dieser lustigen Gesellschaft, daß die Anwaltschaft und die Mitglieder des Gerichtshofes höchstselbst insgemein ins Wirtshaus zogen und dort öffentlich ihre Orgien veranstalteten; aus Fürsorge, daß es ja jeder erfahre, würden sie bereitwillig ihren Hut am Wirtshausschild aufgehängt haben. Alle diese Leute, groß und klein, schienen weiter nichts zu tun zu haben, als sich zu vergnügen; sie begeisterten sich für nichts mehr, als eine rechte Posse aufzuführen oder eine gute Geschichte zu erfinden. Wer damals Geist hatte, verausgabte ihn in Spaßen statt in Ränken.

Die Faulenzer – und es waren ihrer nicht wenige – versammelten sich auf dem Rathausplatz; der Markttag war ihr Theatertag. Die Bauern, die ihre Vorräte zur Stadt brachten, waren ihre Schlachtopfer; sie bedachten sie mit den tollsten und witzigsten Grausamkeiten; die ganze Nachbarschaft lief hinzu, um ihren Teil an dem Spektakel zu haben. Die Polizei von heute würde sich dieser Dinge gleich mit einer hochpeinlichen Untersuchung annehmen; aber die Justiz von damals ergötzte sich mit den andern an diesen burlesken Szenen, und oft genug spielte sie selbst eine Rolle darin.

Mein Großvater nun war Gerichtsbote; meine Großmutter war eine kleine Frau, der man nachsagte, sie könne, wenn sie in die Kirche ginge, nicht sehen, ob der Weihkessel voll sei. Sie ist in meinem Gedächtnis geblieben als ein kleines Mädchen von sechzig Jahren. Nach sechsjähriger Ehe hatte sie bereits fünf Kinder, so Knaben als Mädchen; alles das lebte von dem schmalen Einkommen meines Großvaters und befand sich wundervoll. Man dinierte zu sieben bei drei Heringen, aber man hatte Brot und Wein nach Belieben, denn mein Großvater besaß einen Weinberg, der eine unerschöpfliche Quelle weißen Weines war. Alle diese Kinder wurden, nach Alter und Kräften, von meiner Großmutter nutzbar gemacht. Der Älteste, der mein Vater war, hieß Kaspar; er spülte das Geschirr und ging zum Metzger; kein Pudel in der Stadt war besser abgerichtet als er. Der nächste kehrte die Stube; das dritte Kind hatte das vierte auf dem Arm, während das fünfte in seiner Wiege strampelte. Unterdessen war meine Großmutter in der Kirche oder schwatzte mit der Nachbarin. Im übrigen ging alles gut; man langte mit Ach und Krach, ohne Schulden zu machen, am Ende des Jahres an. Die Knaben waren kräftig, die Mädchen nicht übel, und Vater und Mutter waren glücklich.

Mein Onkel Benjamin wohnte bei seiner Schwester; er maß sechs Fuß drei Zoll, trug einen langen Degen an der Seite, einen Frack von scharlachrotem Satin, Hosen von gleichem Stoff und gleicher Farbe, perlgraue seidene Strümpfe und Schuhe mit silbernen Schnallen. Auf seinem Frack tänzelte ein langer, schwarzer Zopf, fast so lang wie sein Degen, der, im beständigen Kommen und Gehen, ihn derart mit Puder verputzte, daß dieses Kleidungsstück mit seiner roten und weißen Färbung einem aufrechtgestellten Ziegelstein glich, der sich schuppt. Mein Onkel war Arzt, deshalb trug er einen Degen. Ich weiß nicht, ob die Kranken großes Vertrauen zu ihm hatten; aber er, Benjamin, hatte sehr wenig Vertrauen zur Heilkunst; er pflegte oft zu sagen, ein Arzt habe genug getan, wenn er seinen Kranken nicht umgebracht habe. Wenn mein Onkel irgendwo dreißig Sous eingenommen hatte, ging er und kaufte einen großen Karpfen; den brachte er seiner Schwester, ihn nach Matrosenart anzurichten, und die ganze Familie ließ es sich schmecken. Mein Onkel Benjamin war, nach den Reden aller, die ihn gekannt haben, der fröhlichste, drolligste, witzigste Mann im Land, und er würde der – wie soll ich sagen, um den Respekt vor dem Andenken meines Großonkels nicht zu verletzen? – er würde auch der wenigst Nüchterne gewesen sein, wenn der Stadttrommler, Cicero mit Namen, seinen Ruhm in diesem Punkte nicht geteilt hätte.

Keinesfalls war mein Onkel indes das, was man gemeinhin einen Trunkenbold nennt; man hüte sich, das zu glauben. Er war ein Epikuräer, der die Weltweisheit bis zur Trunkenheit trieb, das ist alles. Er hatte einen Magen voller Erhabenheit und voll Adels. Er liebte den Wein nicht um seiner Selbst willen, sondern wegen jener Narrheit weniger Stunden, die er verschafft, jener Narrheit, die aus einem Mann von Geist solch kindlich-köstlichen, prickelnden, urwüchsigen Unsinn redet, daß man am liebsten auch in der Besonnenheit so reden möchte. Hätte er sich mit Messelesen berauschen können, er hätte jeden Tag Messe gelesen. Mein Onkel Benjamin hatte Grundsätze; er behauptete, ein nüchterner Mensch sei ein noch halb schlafender Mensch, die Trunkenheit würde eine der größten Wohltaten des Schöpfers sein, wenn sie nicht Kopfweh machte, und das einzige, was den Menschen über das Tier erhebe, sei die Fähigkeit, sich zu berauschen.

Die Vernunft, sagte mein Onkel, ist nichts; das ist nur das Vermögen, die gegenwärtigen Übel zu empfinden und der vergangenen sich zu erinnern. Das Vorrecht, seine Vernunft abzudanken, ist allein etwas. Ihr sagt, daß der Mensch, der seine Vernunft im Wein ertränkt, sich zum Tier mache. Das ist reiner Kastenstolz, der euch diesen Satz aufstellen heißt. Glaubt ihr denn, daß das Tier schlechter dran sei als ihr? Wenn euch der Hunger peinigt, möchtet ihr gern der Ochse sein, der bis zum Bauch im Grase weidet; wenn ihr im Gefängnis steckt, möchtet ihr gern der Vogel sein, der mit freiem Flügel das Blau des Himmels zerteilt; wenn man euch auspfändet und nackt auf die Straße setzt, möchtet ihr gern die häßliche Schnecke sein, der niemand ihr Haus streitig macht.

Die Gleichheit, die ihr träumt, das Tier besitzt sie. In den Wäldern gibt es keinen König, keinen Adel, keinen dritten Stand. Das Problem des Gemeinschaftslebens, dem eure Philosophen vergeblich nachspüren, arme Insekten, die Ameisen, die Bienen, haben es seit Jahrtausenden gelöst. Die Tiere haben keine Ärzte; aber sie sind weder blind noch lahm, noch bucklig, noch krummbeinig, und sie haben keine Angst vor der Hölle.

Mein Onkel war achtundzwanzig Jahre alt. Seit drei Jahren betrieb er die Heilkunst; aber die Heilkunst hatte ihm keine Renten gebracht – im Gegenteil: er schuldete drei scharlachene Fräcke seinem Tuchhändler, drei Jahre Verschönerung seinem Haarkräusler, und in jedem Wirtshaus von Renommee in der Stadt hatte er eine nette kleine Rechnung stehen, von der er höchstens ein paar Hausmittelchen in Abzug bringen konnte.

Meine Großmutter war drei Jahre älter als Benjamin; sie hatte ihn auf ihren Knien gewiegt, auf ihren Armen getragen, und sie betrachtete sich als seinen guten Geist und Berater. Sie kaufte ihm seine Hals- und Taschentücher, flickte ihm seine Hemden und gab ihm gute Ratschläge, die er – das muß man ihm lassen – sehr aufmerksam anhörte, von denen er aber nicht den geringsten Gebrauch machte.

Alle Abende, die Gott werden ließ, regelmäßig nach dem Nachtessen, setzte sie ihm zu, eine Frau zu nehmen. »Pfui!« sagte Benjamin, »um sechs Kinder zu haben wie Beißkurz« – so nannte er meinen Großvater – » und zu Mittag nur Heringsflossen!«

»Aber Brot hättest du wenigstens, du Unglücksmensch.«

»Ja, Brot, das heute zuviel aufgegangen ist, morgen zuwenig und übermorgen den Roggenausschlag hat! Brot was ist das! Gut dafür, einen am Sterben zu hindern, aber nicht, einen lebendig zu erhalten. Ich wäre, wahrhaftig, fein heraus mit einer Frau, die findet, ich tue zuviel Zucker in meine Arzneiflaschen und zuviel Puder in meinen Zopf, die mich aus dem Wirtshaus holt, meine Taschen durchsucht, wenn ich schlafe, und sich drei Mantillen kauft für jeden Frack, den ich kriege.«

»Aber deine Gläubiger, Benjamin, wie willst du's anstellen, sie zu bezahlen?«

»Zunächst, wenn man Kredit hat, ist's, wie wenn man reich wäre, und sind die Gläubiger aus dem richtigen Teig geknetet, so daß sie Geduld haben, so ist's, als hätte man keine. Ferner, was braucht es, um mich aufs laufende zu bringen? Eine ordentliche Epidemie. – Gott ist gut, liebe Schwester, und wird den nicht in der Patsche lassen, der ihm sein schönstes Werk flickt.«

»Ja«, sagte mein Großvater, »und der es dabei so schön untauglich macht, daß man es einscharren muß.«

»Ganz recht!« antwortete mein Onkel, »das ist gerade die Nutzanwendung der Arzneien; ohne sie wäre die Welt übervölkert. Was würde es nützen, daß Gott sich die Mühe gibt, uns Krankheiten zu schicken, wenn es Menschen gäbe, die sie heilen könnten?«

»Wenn du so rechnest, bist du ein unehrlicher Mann; du stiehlst denen das Geld, die dich rufen lassen.«

»Nein, ich stehle es ihnen nicht, denn ich richte sie auf, ich gebe ihnen Hoffnung, und ich finde immer ein Mittel, sie lachen zu machen. Das ist schon etwas.«

Meine Großmutter, die sah, daß die Unterhaltung sich gedreht hatte, zog es vor, einzuschlafen.

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