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Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Achtzehntes Kapitel

Was mein Onkel bei sich über das Duell sagte

›Herr von Brückenbruch will mich zum Krüppel machen; er hat es dem Fräulein Minxit versprochen, und ein Ritter von den Musketieren hält sein Wort.

Sehen wir ein wenig zu: was habe ich in diesem Falle zu tun? Muß ich mich von Herrn von Brückenbruch mit der Gefügigkeit eines Pudels, dem man den Schwanz stutzt, zum Krüppel machen lassen? Oder soll ich die Ehre, die er mir ansinnt, ablehnen? Es entspricht den Interessen des Herrn von Brückenbruch, daß ich auf Krücken gehe, zugegeben; aber ich kann nicht recht einsehen, warum ich ihm dieses Vergnügen machen soll. Es liegt mir sehr wenig an Fräulein Minxit, wenn sie auch mit einer Mitgift von hunderttausend Francs ausgestattet ist; aber es liegt mir sehr viel an der Symmetrie meiner Person, und ich bin, wie ich mir zu schmeicheln wage, ein hinlänglich hübscher Bursche, daß man diese Forderung nicht lächerlich finden wird. Ihr sagt, ein zum Duell Geforderter muß sich schlagen; aber, wenn ich bitten darf, wo steht das? In den Pandekten, in den Kapitularien Karls des Großen, in den Zehn Geboten oder in den Kirchenvätern? Und zunächst, Herr von Brückenbruch, im Vertrauen: Ist die Partie zwischen uns wohl gleich. Sie sind Musketier, und ich bin Arzt; Sie sind ein Künstler auf dem Gebiet des Rapiers, und ich weiß höchstens das Bistouri und die Lanzette zu schwingen. Sie machen sich, wie es scheint, nicht mehr Skrupel daraus, einem Menschen ein Glied abzutrennen, als einer Mücke einen Flügel auszureißen, wogegen ich eine Abscheu vor Blut habe, besonders vor arteriellem. Ihre Forderung anzunehmen, wäre das von meiner Seite nicht ebenso lächerlich, als wenn ich mich dazu verstände, auf die Herausforderung eines Seiltänzers auf dem gespannten Draht zu laufen oder auf die eines berufsmäßigen Schwimmers einen Meeresarm zu durchschwimmen? Und wenn selbst die Chancen zwischen uns gleich wären, wenn man einen Vertrag schließt, so will man etwas dabei gewinnen. Nun, wenn ich Sie töte, was gewinne ich dabei? Und wenn ich von Ihnen getötet werde, was gewinne ich erst recht dabei? Sie sehen also wohl ein, daß ich in beiden Fällen angeführt wäre. Sie wiederholen: Jeder zum Duell Geforderte muß sich schlagen. Was, wenn ein Wegelagerer mich an einer Waldecke anhielte, so würde ich mich doch nicht im mindesten besinnen, mit Hilfe meiner gesunden Glieder davonzulaufen, und wenn es ein Salonlagerer ist, der mir die Herausforderung an die Gurgel setzt, sollte ich mich für verpflichtet halten, in seine Degenspitze zu rennen?

Ihrer Rechnung nach müßten Sie, wenn Ihnen ein Individuum, das Sie nur daher kennen, weil Sie ihm versehentlich auf den Fuß getreten haben, schreibt: Mein Herr, finden Sie sich um die und die Stunde dort und dort ein, damit ich die Genugtuung habe, Ihnen als Ausgleich für die mir zugefügte Beleidigung die Kehle abzuschneiden... Sie müßten sich, sage ich, den Anordnungen dieses Quidam fügen und noch achtgeben, daß Sie ihn ja nicht warten lassen. Seltsam, es gibt Menschen, die nicht hundert Taler aufs Spiel setzen würden, die Ehre ihres Freundes, das Leben ihres Vaters zu retten, und die doch ihr eigenes Leben in einem Duell aufs Spiel setzen um nichts mehr als ein herausforderndes Wort oder einen schiefen Blick! Aber was ist alsdann das Leben? Ist es nicht mehr als ein Gut, ohne das die andern so gut wie nichts sind? Ist es denn ein alter Lappen, den man dem Lumpensammler, der vorübergeht, hinwirft, oder ein abgegriffener Groschen, den man gern an den ersten besten Blinden los wird, der unterm Fenster singt? Sie verlangen, ich solle mein Leben gegen das des Herrn von Brückenbruch auf Degen spielen, und wenn ich dreißig Taler mit ihm im Sechsundsechzig spielte oder im Schwarzen Peter, so wäre ich meinen guten Ruf los; der geringste Schuhflicker möchte mich nicht zum Schwiegersohn. Ich soll also, nach Ihrer Ansicht, verschwenderischer mit meinem Leben sein als mit meinem Gelde? Und ich, der ich mir etwas darauf einbilde, Philosoph zu sein, ich sollte mein Gewissen nach der Meinung dieser Kasuisten richten?

Was ist denn im Grunde dieses Publikum, das sich zum Richter über unsere Handlungen aufwirft? Krämer, die nach falschem Gewicht verkaufen, Tuchhändler, die schlecht messen, Schneider, die ihre Kinder auf Kosten ihrer Kunden kleiden, Rentner, die Wucher treiben, Familienmütter, die Geliebte haben: im ganzen ein Schwarm von Grillen und Zirpen, die nicht wissen, was sie singen, von Nullen, die ja und nein sagen und nicht wissen, warum, ein Areopag von Schwachköpfen, der nicht in der Lage ist, seine Schlüsse zu begründen. Es wäre, wahrhaftig, schön, wenn ich mir als Arzt einfallen ließe, weil diese Simpel meinen, der heilige Hubertus kuriere die Hundswut, einen Wasserscheuen in den Ardennen zum Schrein dieses großen Heiligen zu schicken! Nehmt, um ein übriges zu tun, aus der Masse die heraus, die sich mit dem Namen der Weisen schmücken, und ihr sollt sehn, wie konsequent sie sind: sie schreien vor Entrüstung, wenn man ihnen von jenen armen Frauen von Malabar spricht, die sich lebend und in ihrem ganzen Schmuck auf den Scheiterhaufen ihres Gatten werfen; und wenn zwei Menschen sich um eine Lapperei die Gurgel abschneiden, erteilen sie ihnen die Krone der Unerschrockenheit.

Ihr sagt, ich sei ein Feigling, wenn ich genug gesunden Menschenverstand habe, das Duell zu verwerfen; aber was ist nach eurer Meinung die Feigheit? Wenn die Feigheit darin besteht, einer unnötigen Gefahr auszuweichen, wo wollt ihr dann überhaupt einen Mutigen finden? Wer von euch bleibt, wenn sein Dach über ihm kracht und in Flammen steht, ruhig in seinem Bett, um zu träumen? Wer ruft nicht, wenn er ernstlich krank ist, den Arzt zu Hilfe? Wer endlich versucht nicht, wenn er in einen Fluß fällt, sich am Buschwerk des Ufers festzuhalten? Noch einmal: das Publikum, was ist es? Ein Feigling, der Furchtlosigkeit predigt. Nehmen wir an, daß statt meiner, Benjamin Ratherys, es, das Publikum, von Herrn von Brückenbruch zum Duell gefordert wäre, wie viele gäbe es in dieser Masse, die seine Forderung anzunehmen wagten?

Zudem: gibt es für den Philosophen ein andres Publikum als die Menschen, die denken und Vernunft haben? Ist in den Augen dieser Leute das Duell nicht das absurdeste wie das barbarischste aller Vorurteile? Was beweist diese Logik, die man auf einem Fechtboden lernt? Ein wohlversetzter Degenstoß, ist das nicht ein herrliches Argument? Pariere Terz, pariere Quart: nun kannst du beweisen, was du willst! Es ist, bei Gott, sehr schade, daß, als der Papst die Bewegung der Erde um die Sonne als ketzerisch verdammte, Galilei nicht daran gedacht hat, Seine Heiligkeit auf geschliffene Rapiere zu fordern, um ihm zu beweisen, daß die Bewegung existiere.

Im Mittelalter hatte der Zweikampf wenigstens einen Sinn, er war die Folge einer religiösen Idee. Unsere Vorvordern hielten Gott für zu gerecht, als daß er den Unschuldigen unter den Streichen des Schuldigen erliegen lassen würde, und der Ausgang des Kampfes wurde als ein höheres Urteil angesehen. Aber bei uns, die wir, dem Himmel sei Dank, von diesen törichten Vorstellungen zurückgekommen sind und an die zeitliche Justiz Gottes nur sub beneficio inventarii glauben, wie wäre da der Zweikampf noch zu rechtfertigen, und wozu dient er?

Ihr fürchtet, man werde euch Mutlosigkeit vorwerfen, wenn ihr eine Forderung ausschlagt; aber jene Elenden, die gewerbsmäßige Totschläger sind und euch fordern, weil sie sicher sind, euch umzubringen, was meint ihr denn, was ihr Mut sei? Der des Metzgers, der einen Hammel mit gebundenen Beinen schlachtet, der des Jägers, der gefühllos auf einen Hasen im Gras oder auf einen Vogel im Baum abzieht. Ich habe eine ganze Anzahl solcher Leute gekannt, die nicht einmal Standhaftigkeit genug hatten, sich einen Zahn ziehen zu lassen; und wie viele würden es wagen, gegen den Willen eines Menschen, von dem sie vielleicht abhängig sind, ihrem eigenen Gewissen zu folgen? Daß der Menschenfresser der Neuen Welt Menschen seiner Farbe absticht, um sie zu rösten und zu essen, wenn sie knusprig sind, das begreife ich noch; aber du, Duellant, wenn du deinen Menschen getötet hast, mit welcher Sauce willst du ihn verzehren? Du bist schuldiger als der Mörder, den die Justiz verurteilt, auf dem Schafott zu sterben; ihn hat wenigstens sein Elend zu der Mordtat getrieben, das ist vielleicht in seinem Fall immerhin ein Beweggrund, der zu seinen Gunsten hervorgehoben werden kann, wenn er auch beklagenswert in seinen Folgen war. Dir aber, was hat dir den Degen in die Hand gedrückt? Ist es Eitelkeit? ist es Blutdurst? oder vielleicht nur Neugierde, zu sehen, wie ein Mensch sich im Todeskampf windet? Willst du dich am Anblick einer Frau weiden, die sich halb wahnsinnig vor Schmerz über den Leichnam ihres Gatten wirft, von Kindern, die das verwaiste, schwarz ausgeschlagene Haus mit ihren Klagen erfüllen, einer Mutter, die Gott bittet, selbst den Platz ihres Sohnes im Sarge einnehmen zu dürfen? Und du bist es, der in einer Eigenliebe, wie sie nur ein Tiger zeigen kann, all dies Elend heraufbeschworen hat!

Du willst uns die Kehle abschneiden, wenn wir dir nicht den Titel eines Ehrenmannes geben! Aber du bist nicht einmal desjenigen eines Menschen würdig; du bist nur ein blutlüsternes Tier, eine Viper, die beißt, aus Lust am Töten und ohne einen Gewinn von dem Unheil zu haben, das sie anrichtet; und selbst die Viper respektiert sich selbst in ihresgleichen. Wenn dein Gegner gefallen ist, so kniest du auf die mit seinem Blut getränkte Erde und suchst die Wunden, die du geschlagen hast, zu stillen. Du stehst ihm bei, als ob du sein bester Freund seiest; aber warum hast du ihn dann getötet, Elender? Die Gesellschaft hat gut deine Reue entgegennehmen! Sind es deine Tränen, die das Blut ersetzen können, das du vergossen hast? Du Totschläger nach der Mode, du sanktionierter Mörder, du findest Männer, die dir die Hand drücken, Hausfrauen, die dich zu ihren Festen laden; Weiber, die beim Anblick des Henkers erbleichen, pressen ihre Lippen auf die deinen und lassen deinen Kopf an ihrem Busen ruhen. Aber diese Männer und diese Frauen beurteilen die Dinge nur nach ihrem Namen; den Totschlag, der sich Mord nennt, verabscheuen sie, und dem, der sich Duell nennt, klatschen sie Beifall. Und wie lange wirst du dich dieses Beifalls erfreuen? Dort droben steht zur Seite deines Namens das Wort ›Mörder‹. Auf deiner Stirn hast du einen Flecken geronnenen Blutes, den alle Küsse deiner Geliebten nicht austilgen werden. Wohl hast du keinen Richter auf Erden gefunden; aber im Himmel sitzt ein Richter, der dich erwartet und sich nicht von deinen großen Worten von Ehre gefangennehmen läßt. Was mich betrifft, so bin ich Arzt, nicht um zu töten, sondern um zu heilen; verstehen Sie, Herr von Brückenbruch? Wenn Sie zuviel Blut in Ihren Adern haben, so wäre es nur mit der Spitze meiner Lanzette, daß ich Sie davon befreien könnte.‹ –

So schlußfolgerte mein Onkel bei sich. Wir werden bald sehen, wie er seine Lehren anwandte.

Die Nacht bringt nicht immer guten Rat. Mein Onkel erhob sich am andern Morgen, fest entschlossen, sich vor der herausfordernden Haltung des Herrn von Brückenbruch nicht zu beugen, und um mit seinem Handel schneller zu Ende zu kommen, ging er geradewegs nach Corvol. Sei es, daß er nüchtern war, sei es, daß die Ausdünstung stockte, sei es, daß die Verdauung sich nicht recht vollzog – er fühlte sich wider Willen von einer ungewohnten Melancholie durchrieselt. Er folgte nachdenklich, wie der Hippolyt des Racine, den Terrassenhängen des Gebirges; sein edler Degen, der sonst unwiderstehlich lotrecht längs seines Schenkelbeins herabhing und die Erde mit seiner Spitze bedrohte, nahm jetzt die triviale Haltung eines Bratspießes an und schien sich seinen traurigen Gedanken anzupassen; und sein Dreispitz, der sich zuvor stolz und aufrecht über seiner Stirn erhob, ein wenig nur nach dem linken Ohr geneigt, saß ihm jetzt hängerig im Nacken und schien selbst von verdrießlichen Vorstellungen erfüllt; sein felsharter Blick war weich geworden. Mit einer Art von Rührung überblickte er das Beuvrontal, das sich abweisend und frostig zu seinen Füßen ausbreitete: diese großen Nußbäume in kahler Trauer, die mit ihren schwarzen Astarmen ungeheuren Polypen glichen; diese langen Pappeln, die nur noch ein paar rote Blättchen an ihren Ruten trugen und auf deren Wipfeln da und dort sich dichte Schwärme von Raben wiegten; dieses fahle, vom Reif gesprenkelte Buschwerk; diesen Fluß, der ganz schwarz zwischen seinen bereiften Ufern den Schaufeln der Papiermühle entgegenging; den Turm der Posthalterei, grau und rauchig wie eine Wolkensäule; das alte Feudalschloß von Pressure, das zwischen den braunen Schilfbändern seiner Gräben eingebettet lag und das Fieber zu haben schien; die Schornsteine des Dorfes, die alle zugleich ihren dünnen und dürftigen Rauch emporsandten, gleich dem Atem eines Menschen, der in die Hände haucht. Das Ticktack des Mühlrads, dieses Freundes, mit dem er so oft geplaudert, wenn er in schönen herbstlichen Mondscheinnächten von Corvol heimkehrte, war voll von seltsamen Tönen; es schien in seiner hackenden Sprache zu sagen:

›Trag du nur dein Rapier: Du gehst zur Kirchhofstür.‹

Worauf mein Onkel antwortete:

»Tick-tack, Naseweis,
Dein Sprüchlein machet mir nicht heiß.
Und wenn ich geh zum Tod,
Was macht das dir für Not?«

Das Wetter war düster und übellaunig: finstere Wolken, vom Winde getrieben, bewegten sich schwerfällig am Himmel hin, wie verwundete Schwäne; der Schnee, von fahlgrauem Winterlicht beschienen, war trüb und mißfarben, und der Horizont war auf allen Seiten von Nebeln verschlossen, die sich das Gebirge entlangwälzten. Diese Landschaft, über die jetzt der Winter einen so dichten Schleier von Traurigkeit zog, meinte mein Onkel, werde er niemals von einer frohen Frühlingssonne überstrahlt, mit ihren grünen Wiesenbändern geschmückt wiedersehen.

Herr Minxit war abwesend, als mein Onkel in Corvol ankam; er betrat das Empfangszimmer. Herr von Brückenbruch hatte sich dort an der Seite Arabellas auf einem Sofa installiert. Benjamin warf sich, ohne das schiefe Gesicht seiner Verlobten und die herausfordernden Blicke des Musketiers zu beachten, in einen Sessel, schlug die Beine übereinander und legte seinen Hut auf einen Stuhl, wie ein Mensch, der es nicht eilig hat, wieder fortzukommen. Als man eine Weile von dem Befinden des Herrn Minxit, von der Wahrscheinlichkeit des Tauwetters und von der Grippe gesprochen hatte, schwieg Arabella, und mein Onkel vermochte ihr nur noch einige einsilbige schrille Töne zu entlocken, wie sie etwa ein Anfänger mühsam und in langen Zwischenräumen seiner Klarinette entlockt. Herr von Brückenbruch spazierte im Zimmer hin und her, drehte sein Schnurrbärtchen und ließ seine mächtigen Sporen über das Parkett klirren. Er schien sich zu überlegen, wie er es anfangen solle, um mit meinem Onkel aneinanderzugeraten.

Benjamin hatte seine Gedanken erraten, aber er gab sich den Anschein, ihn nicht zu beachten, und bemächtigte sich eines Buches, das auf dem Kanapee lag. Erst blätterte er nur darin und beobachtete von der Seite Herrn von Brückenbruch; da es aber ein medizinisches Werk war, ließ er sich bald ganz von dem Interesse an seiner Lektüre gefangennehmen und vergaß den Musketier. Dieser war entschlossen, zum Ziel zu kommen; er blieb vor meinem Onkel stehen und betrachtete ihn von oben bis unten.

»Wissen Sie, mein Herr«, sagte er zu ihm, »daß Ihre Besuche hier reichlich lang sind ...«

»Es scheint mir«, antwortete mein Onkel, »als ob Sie vor mir dagewesen wären.«

»... und zudem sehr häufig«, vollendete der Musketier.

»Ich versichere Sie, mein Herr«, erwiderte mein Onkel, »daß sie viel seltener wären, wenn ich die Aussicht hätte, Sie jedesmal hier zu treffen.«

»Wenn Sie wegen des Fräuleins Minxit kommen«, fuhr der Musketier fort, »so läßt sie Sie durch mich ersuchen, Sie möchten sie von Ihrer langen Person befreien.«

»Wenn das Fräulein Minxit, das nicht Musketier ist, mir etwas zu bestellen hätte, so würde sie es in höflicherer Form tun. Auf jeden Fall, mein Herr, werden Sie sich darein finden müssen, daß ich warte, mich zurückzuziehen, bis sie es mir selbst erklärt hat, und daß ich über diesen Gegenstand mit Herrn Minxit spreche.« Und mein Onkel fuhr in seinem Kapitel fort.

Der Offizier machte noch einige Gänge durch das Zimmer und pflanzte sich dann von neuem vor meinem Onkel auf.

»Ich ersuche Sie, mein Herr«, begann er, »einen Augenblick Ihre Lektüre zu unterbrechen; ich hätte Ihnen ein Wort zusagen.«

»Da es nur ein Wort ist«, sagte mein Onkel und machte ein Ohr an das Blatt, »kann ich gut einen Augenblick verlieren, um Sie anzuhören.«

Herr von Brückenbruch geriet außer sich über Benjamins Kaltblütigkeit.

»Ich erkläre Ihnen, Herr Rathery«, sagte er, »daß, wenn Sie nicht auf der Stelle durch diese Tür das Zimmer verlassen, ich Sie durch dieses Fenster hinaussetzen werde.«

»Wirklich?« sagte mein Onkel, »gut! Ich, mein Herr, werde höflicher sein als Sie, ich werde Sie zu dieser Tür hinaussetzen.« Und indem er den Offizier um den Leib faßte, trug er ihn auf den Flur und schloß die Tür hinter ihm ab. Jungfer Minxit zitterte.

»Haben Sie keine Angst«, sagte mein Onkel, »der Gewaltakt, den ich mir gegen diesen Menschen erlaubt habe, war zum Überfluß gerechtfertigt durch eine lange Reihe von Beleidigungen. Übrigens«, fügte er mit Bitterkeit hinzu, »werde ich Sie nicht mehr lange mit meiner langen Person belästigen; ich gehöre nicht zu jenen Mitgiftheiratern, die ein Weib aus dem Arm desjenigen nehmen, den es liebt, um es brutal an ihre Bettstatt zu binden. Jedes junge Mädchen hat vom Himmel ihren Schatz an Liebe erhalten; es ist nur recht, daß sie sich den Mann wählt, mit dem sie ihn verausgaben will. Niemand hat das Recht, die unschuldigen Perlen ihrer Jugend auf die Straße zu werfen oder sie unter die Füße zu treten. Gott soll mich bewahren, daß ich aus niedrigem Geldhunger eine schlechte Handlung begehe! Bis heute habe ich arm gelebt; ich kenne die Freuden der Armut und weiß nichts von dem Elend des Reichtums; wollte ich meine tolle und lachende Dürftigkeit gegen einen verdrießlichen und mürrischen Überfluß eintauschen, vielleicht würde ich einen schlechten Handel machen. Jedenfalls möchte ich nicht, daß mir dieser Überfluß mit einer Frau zukäme, die mich verabscheut. Ich bitte Sie also, mir aus aufrichtigem Herzen zu sagen, ob Sie Herrn von Brückenbruch lieben; ich benötigte Ihre Antwort, um mein Verhalten gegen Sie und Ihren Vater danach einzurichten.«

Jungfer Minxit war von dem Ton der Ritterlichkeit bewegt, den Benjamin in seine Worte gelegt hatte.

»Wenn ich Sie vor Herrn von Brückenbruch gekannt hätte, so würde ich Sie vielleicht jetzt lieben.«

»Mein Fräulein«, fiel mein Onkel ein, »ich frage Sie nicht aus Höflichkeit, sondern aus Aufrichtigkeit; erklären Sie mir frei heraus, ob Sie glauben, mit Herrn von Brückenbruch glücklicher zu werden als mit mir.«

»Was soll ich sagen, Herr Rathery?« antwortete Arabella; »eine Frau ist nicht immer glücklich mit dem, den sie liebt, aber sie ist immer unglücklich mit dem, den sie nicht liebt.« »Ich danke Ihnen, mein Fräulein; ich weiß nun, was ich zu tun habe. Zunächst: wollen Sie die Güte haben, mir ein Frühstück servieren zu lassen; der Magen ist ein Egoist, der kein Mitgefühl für die Erschütterungen des Herzens hat.«

Mein Onkel frühstückte, wie vermutlich Alexander oder Cäsar am Vorabend einer Schlacht gefrühstückt hätten. Er wollte die Rückkehr des Herrn Minxit nicht abwarten; er fühlte sich nicht imstande, in das trostlose Gesicht dieses Mannes zu sehen, wenn er vernehmen würde, daß er, Benjamin Rathery, den er fast wie einen Sohn behandelte, darauf verzichtete, sein Schwiegersohn zu werden; er zog es vor, ihn brieflich von seinem heldenhaften Entschluß zu benachrichtigen.

In einiger Entfernung von der Ortschaft bemerkte er den Freund des Herrn von Brückenbruch, der majestätisch auf der Straße hin und her stolzierte. Der Musketier ging auf ihn zu und sagte:

»Sie lassen diejenigen sehr lange auf sich warten, mein Herr, die eine Genugtuung von Ihnen zu fordern haben.«

»Das kam, weil ich frühstückte«, sagte mein Onkel.

»Ich habe Ihnen im Auftrag des Herrn von Brückenbruch einen Brief zu behändigen und ihm Ihre Antwort zu überbringen.«

»Sehen wir, was dieser schätzenswerte Edelmann bemerkt: ›Mein Herr, in Anbetracht der unerhörten Beschimpfung, die Sie mir zugefügt ...‹ – Welcher Beschimpfung? Ich habe ihn aus einem Salon auf eine Treppe getragen; ich wollte wohl, man beschimpfte mich so bis nach Clamecy ... ›lasse ich mich herbei, die Klinge mit Ihnen zu kreuzen.‹ – Die große Seele!... Wie, er würdigt mich der Gunst, von ihm zum Krüppel gemacht zu werden? ... Das ist doch noch Edelmut, oder ich verstehe mich nicht darauf! – ›Ich hoffe, daß Sie sich der Ihnen von mir erwiesenen Ehre würdig zeigen, indem Sie sie annehmen.‹ – Wie denn? Aber es wäre ja von meiner Seite schwarzer Undank, wenn ich sie ausschlüge! – Sie können Ihrem Freunde sagen, wenn er mich niederstreckt wie den tapfern Floßberg, den unerschrockenen Schönbach, usw. usw., so will ich, daß man mit goldenen Lettern auf meinen Grabstein setze: ›Hier liegt Benjamin Rathery, getötet im Zweikampf von einem Edelmann.‹ – ›Postskriptum.‹ – Halt, das Billett Ihres Freundes hat ein Postskriptum – ›Ich erwarte Sie morgen um zehn Uhr vormittags an dem Platz, den man Wildhütte von Fertiaux nennt.‹ – Auf Ehre, ein Gerichtsschreiber hätte seine Ladung nicht besser fassen können. Aber diese Wildhütte von Fertiaux liegt eine gute Meile von Clamecy; ich, der ich keinen Brandfuchs besitze, habe nicht Zeit, einen so weiten Weg zu machen, um mich zu schlagen. Wenn Ihr Freund den Platz, den man Michelskreuz nennt, seiner Gegenwart würdigen wollte, so würde ich die Ehre haben, ihn dort zu erwarten.«

»Und wo liegt dieses Michelskreuz?«

»Auf dem Wege von Corvol, kurz vor der Beuvronvorstadt. Ihr Freund müßte ein großer Pessimist sein, wenn ihm der Ort nicht gefallen würde; er hat von da einen Rundblick, eines Königs würdig. Vor sich sieht er die Sembertberge mit ihren rebenbeladenen Terrassen und ihren großen kahlen Schädeln, die den Frazerwald im Nacken tragen. Zu einer andern Jahreszeit wäre der Blick freilich schöner; aber ich kann nicht mit einem Hauch den Frühling herzaubern. Zu ihren Füßen drängt sich die Stadt mit ihren Tausenden von Rauchfahnen, die hin und her wehen, zwischen ihren beiden Flüssen hindurch und erklettert die dürren Hänge des Crot-Pinçon, wie ein Mensch, den man verfolgt. Wenn Ihr Freund einiges Talent zum Zeichnen hat, so kann er sein Album mit dieser Ansicht bereichern. Zwischen den hohen Giebeldächern, die mit ihrem dunklen Moose wie Sammetstücke aussehen, erhebt sich der Turm von Sankt Martin mit seinem durchbrochenen Spitzenmeßhemd und seinem Steinschmuck. Dieser Turm wiegt für sich allein eine Kathedrale auf; ihm zur Seite erstreckt sich die alte Basilika, die ihre Bogenstreben rechts und links mit einer unglaublichen Kühnheit ausspreizt. Ihr Freund wird nicht umhinkönnen, sie einer riesenhaften Spinne zu vergleichen, die auf ihren langen Beinen ausruht. Gegen Süden verlaufen, wie ein dunkler Wolkenzug, die blauschwarzen Morvanberge, und...«

»Genug des Scherzes, wenn es Ihnen gefällig ist! Ich bin nicht hierhergekommen, mir die Zauberlaterne von Ihnen zeigen zu lassen. Auf morgen also, am Michelskreuz!«

»Auf morgen!... Einen Augenblick! Die Sache ist nicht so eilig, als daß sie sich nicht verschieben ließe. Morgen ... morgen gehe ich nach Domecy, um ein Fäßchen alten Wein zu versuchen, den Page kaufen will; er verläßt sich auf mich, was Qualität und Preis betrifft, und Sie sehen wohl ein, daß ich nicht um der schönen Augen Ihres Freundes willen die Pflichten verletzen kann, die die Freundschaft mir auferlegt. Übermorgen frühstücke ich in der Stadt: anständigerweise kann ich doch einem Duell nicht den Vorzug vor einem Frühstück geben. Donnerstag muß ich einen Wassersüchtigen punktieren; da Ihr Freund mich zum Krüppel machen will, würde mir die Operation nicht mehr möglich sein, und der Doktor Arnold würde sie schlecht ausführen; für Freitag ... ja, das ist ein Fasttag; ich glaube, daß ich an dem Tage nicht versagt bin, und ich sehe nichts, was mich hindern könnte, Ihrem Freund zur Verfügung zu stehen.«

»Man muß schon auf das eingehen, was Sie verlangen; werden Sie mir wenigstens die Gunst erweisen, sich von einem Sekundanten begleiten zu lassen, um mir die langweilige Rolle eines müßigen Zuschauers zu ersparen?«

»Warum nicht? Ich weiß, daß Sie ein Freundespaar sind. Sie und Herr von Brückenbruch; es täte mir leid, Ihnen nicht gleiches bieten zu können. Ich werde meinen Bartscherer mitbringen, wenn er Zeit hat und wenn Ihnen das genehm ist.«

»Unverschämter!« zischte der Musketier.

»Der Bartscherer«, antwortete mein Onkel, »ist nicht zu verachten; er hat ein Rapier, lang genug, um vier Musketiere hintereinander aufzuspießen; und übrigens, wenn Sie mich ihm vorziehen, nehme ich gern seinen Platz.«

»Ich werde mir Ihre Worte merken«, sagte der Musketier und entfernte sich.

Sobald sich am nächsten Morgen mein Onkel erhoben hatte, holte er Beißkurzens Schreibzeug. Er machte sich daran, in seinem schönsten Stil und seiner saubersten Schrift eine prachtvolle Epistel an Herrn Minxit zu verfassen, in der er ihm darlegte, wie und warum er nicht mehr sein Schwiegersohn werden könne. Mein Großvater, der das Glück hatte, sie zu lesen, hat mir versichert, daß sie einen Sklavenvogt hätte weinen machen. Wenn das Ausrufezeichen nicht schon vorhanden gewesen wäre, mein Onkel hätte es sicherlich erfunden.

Der Brief war noch keine Viertelstunde auf der Post, als Herr Minxit in Person bei meiner Großmutter erschien, in Begleitung des Sergeanten, der seinerseits wiederum begleitet war von zwei Fechtmasken, zwei Stoßdegen und seinem hochachtbaren Pudel.

Benjamin frühstückte gerade mit Beißkurz an einem Hering und einer Flasche Weißen aus dem Familienweinberg von Choulot.

»Seien Sie schön willkommen, Herr Minxit!« rief Benjamin, »würde Ihnen ein Stück dieses edlen Seefisches zusagen?«

»Pfui! Hältst du mich für einen Scheunendrescher?«

»Und Ihnen, Sergeant?«

»Ich, ich habe auf derartige Dinge verzichtet, seit ich die Ehre habe, bei der Musik zu sein.«

»Aber Euer Pudel, was hält er von diesem Kopf?«

»Ich bedanke mich bestens für ihn, aber ich glaube, er hat wenig Meinung für Seefische.«

»Es ist wahr, daß ein Hering kein Hecht blau ist...«

»Und erst ein Kessel Karpfen, besonders in Burgunder!« unterbrach Herr Minxit.

»Ohne Zweifel«, sagte Benjamin, »ohne Zweifel; Sie könnten selbst von einem von Ihrer Hand zubereiteten Hasenpfeffer sprechen; aber immerhin ist der Hering ausgezeichnet, wenn man nichts anderes hat. Übrigens: es ist eine Viertelstunde her, daß ich einen Brief zur Post gegeben habe; Sie haben ihn vermutlich noch nicht erhalten, Herr Minxit?«

»Nein«, sagte Herr Minxit, »aber ich komme, dir die Antwort zu bringen. Du behauptest, Arabella liebe dich nicht, und du könntest sie demzufolge nicht ehelichen?«

»Herr Rathery hat recht«, sagte der Sergeant. »Ich hatte einen Bettkameraden, der mich nicht leiden konnte und dem ich das von Herzen zurückgab. Unser Haushalt war das reine Arrestleben. Zu Hause, wenn der eine Rüben in die Suppe haben wollte, tat der andere Sauerampfer hinein; in der Kantine, wenn ich Kirsch haben wollte, ließ er mir Wacholder kommen. Wir zankten uns, wer seine Flinte an den besten Platz stellen durfte. Wenn er einen Fußtritt auszuteilen hatte, so war es an meinen Pudel, und wenn er von einem Floh gestochen war, so war es immer der arme Azor, von dem er stammte. Stellen Sie sich vor, daß wir uns eines Tages beim Schein des Mondes verprügelten, weil er darauf bestand, rechts im Bett zu schlafen, und ich darauf, daß er die linke Seite einzunehmen hätte. Um mich seiner zu entledigen, mußte ich ihn spitalkrank bleuen.«

»Sie haben sehr recht daran getan, Sergeant«, sagte mein Onkel; »wenn die Leute hier unten keine Lebensart haben, schickt man sie in die Ewigkeit einer andern Welt.«

»Es ist etwas Richtiges an dem, was der Sergeant da sagt«, bemerkte Herr Minxit. »Geliebt sein ist mehr als reich sein, denn es ist glücklich sein; so mißbillige ich keineswegs deine Bedenken, lieber Benjamin. Alles, was ich von dir beanspruche, ist, daß du wie bisher fortfährst, nach Corvol zu kommen. Daß du nicht mein Schwiegersohn werden willst, ist kein Grund, daß du aufhörst, mein Freund zu sein. Du wirst nicht mehr verbunden sein, mit Arabella den perfekten Liebhaber aufzuführen, Wasser zu zapfen, um ihre Blumen zu gießen, über die Manschetten, die sie mir stickt, und über die Überlegenheit Ihrer Rahmkäse in Begeisterung zu geraten. Wir werden frühstücken, wir werden zu Mittag essen, wir werden philosophieren, wir werden lachen; das ist ein Zeitvertreib so gut wie ein anderer. Du liebst die Trüffeln: ich will dir meine ganze Behausung damit parfümieren; du hast eine Vorliebe für Volnay, eine Vorliebe, die ich übrigens nicht teile: ich werde immer welchen in meinem Keller halten; wenn dich gelüstet, auf die Jagd zu gehen, werde ich dir eine doppelläufige Flinte kaufen und eine Koppel Hasenhunde. Ich gebe Arabella keine drei Monate, bis sie ihren Junker überdrüssig ist und in dich verliebt bis zur Tollheit. Schlägst du ein, oder schlägst du nicht ein? Antworte ja oder nein. Du weißt, daß ich kein Freund von Wortvergoldern bin.«

»Nun gut: ja, Herr Minxit!« sagte mein Onkel.

»Sehr wohl! Ich erwartete nichts Geringeres von deiner Freundschaft. – Nun aber: du schlägst dich?«

»Wer, zum Teufel, hat Ihnen das sagen können?« rief mein Onkel. »Ich weiß, daß der Urin keine Geheimnisse für Sie birgt; sollten Sie hinter meinem Rücken meinen Urin untersucht haben?«

»Du schlägst dich mit Herrn von Brückenbruch, du schlechter Spottvogel, ihr sollt euch in drei Tagen am Michelskreuz treffen; und im Fall du mich von Herrn von Brückenbruch befreist, wird der andere Musketier seinen Platz einnehmen. Du siehst, daß ich wohlunterrichtet bin.«

»Wie, Benjamin?« rief Beißkurz aus, der so weiß wie sein Teller geworden war.

»Was, Elender«, vollendete meine Großmutter, »du duellierst dich?«

»Höre, Beißkurz, und du, meine liebe Schwester, und hören auch Sie, Herr Minxit: es ist wahr, ich schlage mich mit Herrn von Brückenbruch. Mein Entschluß ist unerschütterlich; also: spart eure Vorstellungen, die mich langweilen würden, ohne mich von meinem Vorsatz abbringen zu können.«

»Ich komme nicht«, antwortete Herr Minxit, »um diesem Duell Hindernisse in den Weg zu legen; ich komme im Gegenteil, um dir ein Mittel zu bringen, siegreich daraus hervorzugehen und dazu deinen Namen in der ganzen Gegend berühmt zu machen. Der Sergeant weiß einen Meisterstoß, mit dem er in einer Stunde die ganze Zunft der Fechtmeister entwaffnen würde. Sobald er ein Glas Weißwein getrunken hat, gibt er dir deine erste Lektion; ich lasse ihn dir bis Donnerstag hier, und ich selbst werde hierbleiben, um dich zu überwachen, daß du nicht deine Zeit in den Herbergen vertust.«

»Aber«, sagte mein Onkel, »ich habe nichts mit euerm Stoß zu tun, und im übrigen, wenn euer Stoß unfehlbar ist, welchen Ruhm hätte ich, mit solchen Mitteln über unsern Vicomte zu triumphieren? Als Homer den Achilles unverwundbar machte, hat er ihm alles Verdienst seiner Tapferkeit genommen. Ich habe mir überlegt: meine Absicht ist es gar nicht, mich auf Degen zu schlagen.«

»Was, du wolltest dich auf Pistolen schlagen? Schwachkopf! ... Wenn es mit Arthus wäre, der breit ist wie ein Kleiderschrank, sollte es mir recht sein!«

»Ich schlage mich weder auf Pistolen noch auf Degen; ich will diesen Fledderern ein Duell nach meinem Metier vorsetzen; ich behalte Ihnen das Vergnügen der Überraschung vor; Sie werden sehen, Herr Minxit.«

»Das laß ich mir gefallen!« antwortete dieser; »aber lerne immerhin meinen Stoß; das ist ein Rüstzeug, an dem nichts zu schleppen ist, und man weiß nicht, wozu man es brauchen kann.«

Das Zimmer meines Onkels befand sich im ersten Stock über dem, das Beißkurz innehatte. Nach dem Frühstück schloß er sich mit dem Sergeanten und Herrn Minxit in sein Zimmer ein, um seinen Fechtkursus zu beginnen. Aber die Stunde war nicht von langer Dauer: beim ersten Ausfall, den Benjamin tat, brach die wurmstichige Decke Beißkurzens ihm unter den Füßen, und er fuhr durch bis unter die Achseln.

Der Sergeant, ganz perplex über das plötzliche Verschwinden seines Schülers, blieb, den linken Arm in Höhe des Ohres leicht abgerundet und den rechten ausgestreckt, in der Stellung eines Menschen, der zustoßen will. Was Herrn Minxit betraf, so wurde er von einem solchen Lachanfall ergriffen, daß er fast daran erstickt wäre.

»Wo ist Rathery«, prustete er, »was ist aus Rathery geworden? Sergeant, was habt Ihr mit Rathery gemacht?«

»Ich sehe wohl den Kopf von Herrn Rathery«, antwortete der Sergeant, »aber ich will des Teufels sein, wenn ich weiß, wo seine Beine sind.«

Kaspar war gerade allein im Zimmer seines Vaters; zuerst war er etwas erstaunt über die unvermittelte Ankunft der Beine meines Onkels, die er sicher nicht erwartete. Aber bald wandelte sich sein Erstaunen in tolle Lachausbrüche, die sich mit denen des Herrn Minxit mischten.

»Holla, Kaspar!« rief Benjamin, der ihn hörte.

»Holla, Onkel!« antwortete Kaspar.

»Zieh den Ledersessel deines Vaters herbei und schiebe ihn unter meine Füße; ich bitte dich, Kaspar.«

»Ich darf nicht«, versetzte der Schlingel, »meine Mutter hat verboten, daraufzusteigen.«

»Willst du mir wohl den Sessel herbringen, verdammter blauer Heiliger!«

»Zieh deine Schuhe aus, dann will ich.«

»Und wie soll ich meine Schuhe ausziehen? Meine Füße sind im Untergeschoß und meine Hände im ersten Stock.«

»Nun gut, dann gib mir einen Sechsbätzner für meine Mühe!«

»Ich gebe dir einen Zwölfbätzner, mein guter Kaspar, aber rasch den Sessel, bitte! Meine Arme halten nicht mehr an den Schulterblättern.«

»Herr Kredit ist gestorben«,rief Kaspar, »gib mir die zwölf Batzen gleich, sonst kein Sessel.«

Zum Glück kam Beißkurz in diesem Augenblick; er gab Kaspar einen Tritt in den Hintern und setzte dem Schwebezustand seines Schwagers ein Ziel. Benjamin vollendete seinen Fechtkursus in Pages Hause und fuchtelte so gut, daß er bald ebenso gewandt war wie sein Lehrmeister.

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