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Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel

Eine Reise nach Corvol

Der Kellner kam, um meinem Onkel zu melden, es sei ein altes Weib an der Tür, das ihn zu sprechen wünsche.

»Laß sie eintreten«, sagte Benjamin, »und gib ihr irgend etwas zur Erfrischung.«

»Ja«, antwortete der Kellner, »aber die Alte ist nichts weniger als appetitlich; sie läuft in Lumpen und weint Tränen so dick wie mein kleiner Finger.«

»Sie weint!« rief mein Onkel aus, »warum, du Schlingel, hast du mir das nicht gleich gesagt?« Und er eilte hinaus.

Die alte Frau, die nach meinem Onkel fragte, weinte wirklich dicke Tränen, die sie mit einem Stück roten Kattun zu trocknen suchte.

»Was haben Sie, meine Gute«, fragte Benjamin in höflichem Ton, den er nicht gegen jedermann in Anwendung brachte, »und womit kann ich Ihnen dienen?«

»Sie müssen«, sagte die Alte, »nach Sembert kommen und meinen Sohn ansehn, der krank ist.«

»Sembert! das Dorf ganz droben am Herzogsberg? Aber das ist ja auf halbem Weg zum Himmel! Einerlei, ich werde morgen im Lauf des Abends zu Ihnen kommen.«

»Wenn Sie nicht heute kommen«, sagte die Alte, »morgen wird der Priester mit seinem schwarzen Kreuze kommen, und vielleicht ist es schon zu spät, denn mein Sohn hat den Brand.«

»Das ist verdrießlich für Ihren Sohn und für mich; aber um jedem gerecht zu werden: könnten Sie sich nicht an meinen Kollegen Arnold wenden?«

»Ich habe mich schon an ihn gewendet; aber da er unser Elend kennt und weiß, daß er für seine Besuche nicht bezahlt werden wird, wollte er sich nicht in Ungelegenheiten stürzen.«

»Was«, sagte mein Onkel, »Sie haben kein Geld, wovon Sie Ihren Arzt bezahlen könnten? Das ist etwas anderes: das geht mich an. Ich bitte Sie nur um die Zeit, ein Gläschen zu leeren, das ich auf dem Tisch stehen habe, und ich folge Ihnen. Ja so, wir werden Chinin brauchen: hier ist ein halber Taler, gehen Sie zum Apotheker und lassen Sie sich ein paar Unzen geben; Sie können ihm sagen, ich hätte nicht die Zeit gehabt, die Verordnung zu schreiben.«

Eine Viertelstunde später kletterte mein Onkel an der Seite der Alten jene unbebauten wilden Hänge hinauf, die von der Vorstadt Bethlehem ansteigen und mit dem Höhenzug enden, an dem der Weiler Sembert hängt.

Ihrerseits fuhren die Gäste des Herrn Minxit in einem mit vier Pferden bespannten Leiterwagen ab. Die Einwohner der Beuvronvorstadt hatten sich, ihre Leuchter in der Hand, unter den Türen aufgestellt, um sie vorbeikommen zu sehen, und es war in der Tat ein seltsameres Schauspiel als eine Sonnenfinsternis. Arthus sang: ›Wohlauf noch getrunken‹, Guillerand ›Marlbrough zog aus zum Kriege‹, und der Poet Millot-Rataut, den man an eine Wagenleiter gebunden hatte, weil er nicht mehr ganz verläßlich schien, stimmte seine große Weihnachtslitanei an.

Herr Minxit hatte sich in einen Extraaufwand gestürzt; er gab seinen Gästen ein denkwürdiges Souper, von dem man noch jetzt in Corvol spricht. Unglücklicherweise schenkte er so voll, daß vom zweiten Gange an seine Gäste die Gläser nicht mehr halten konnten. Während dieser Begebenheiten erschien Benjamin; er war tot vor Müdigkeit und in der Laune, alles kurz und klein zu schlagen, denn sein Kranker war ihm unter den Händen gestorben und er selbst zweimal auf dem Wege gefallen. Aber es gab bei ihm keinen Ärger und keine Widerwärtigkeit, die vor einem wohlgebleichten, flaschengezierten Tafeltuch das Feld behauptet hätten; er setzte sich also zu Tisch, als ob nichts geschehen sei.

»Deine Freunde«, sagte Herr Minxit zu ihm, »sind Stümper; als Eintreiber, Handwerker und Schulfuchser hätte ich sie für standfester gehalten; ich mußte mir sogar das Vergnügen versagen, ihnen Champagner einzuschenken. Sieh nur, Beißkurz erkennt dich nicht mehr, und Guillerand hält Arthus seine Tabaksdose anstatt sein Glas hin.« »Was wollen Sie«, antwortete Benjamin, »nicht jedermann ist wie Sie gebaut, Herr Minxit.«

»Ja«, sagte der wackere Mann, von dieser Anerkennung geschmeichelt, »aber was sollen wir mit all diesen nassen Hühnern machen? Ich habe nicht Betten für sie alle, und sie sind außerstande, heute abend nach Clamecy zurückzukehren.«

»Wahrhaftig, eine schöne Verlegenheit das!« sagte mein Onkel; »man macht eine Streu in Ihrer Scheuer, und sobald einer einschläft, lassen Sie ihn auf diese Bettstatt bringen. Man kann sie, damit sie sich nicht erkälten, mit der großen Strohmatte zudecken, die Sie im Winter über Ihr Mistbeet legen.«

»Du hast recht, meiner Treu!« sagte Herr Minxit.

Er ließ zwei seiner Musikanten kommen, die der Sergeant kommandierte, und der von meinem Onkel entworfene Plan wurde in voller Ausführlichkeit in Anwendung gebracht. Nicht lange, und Millot war eingeschlafen. Der Sergeant nahm ihn über die Achsel und trug ihn fort wie ein Uhrgehäuse. Die Beförderung Rapins, Parlantas und der anderen machte keine ernsten Schwierigkeiten; als man aber an Arthus kam, fand man ihn so schwer, daß man ihn auf seinem Platze schlafen lassen mußte. Was meinen Onkel betraf, so hatte er sein letztes Glas Champagner geleert; er steuerte in die Scheune und wünschte allen freundlich eine gute Nacht, ehe er in Schlaf sank.

Am kommenden Morgen, als die Gäste des Herrn Minxit sich erhoben, glichen sie Zuckerhüten, die man aus ihren Strohhüllen nehmen will, und man mußte das ganze Hauspersonal aufbieten, um sie von all dem Stroh zu befreien, in das sie eingewickelt waren. Nachdem man den zweiten Gang verfrühstückt hatte, der am Abend zuvor unberührt geblieben war, fuhren sie im langen Trabe ihrer vier Pferde davon.

Sie wären ganz glücklich in Clamecy angelangt ohne einen kleinen Zwischenfall, der ihnen unterwegs passierte: das Fuhrwerk schlug, in tollem Jagen, in einer der tausend Drecklachen, mit denen der Weg damals besät war, um, und sie fielen alle durcheinander in den Kot. Der Poet Millot-Rataut, der immer Pech hatte, hatte das Mißgeschick, unter Arthus zu liegen zu kommen.

Benjamin war, zum Glück für seinen roten Frack, in Corvol geblieben. Herr Minxit hatte für diesen Tag alle Notabilitäten ringsumher zum Essen und unter anderm zwei Edelleute. Der eine dieser illustren Gäste war Herr von Brückenbruch von den roten Musketieren; der andere war ein Musketier derselben Farbe, Freund des Herrn von Brückenbruch und von diesem eingeladen, einige Wochen in seinem Schloßfragment zu verbringen. Herr von Brückenbruch nun, dessen Bekanntschaft wir unsern Lesern schon vermittelt haben, würde nicht böse gewesen sein, seinen Liebhabereien, die sein Vermögen verzehrt hatten, mit dem des Herrn Minxit aufzuhelfen, und er strich um Arabella herum, obwohl er oft genug seinem Freunde gesagt hatte, sie sei ein im Urin geborenes Insekt. Sie selbst hatte sich von seinen übertrieben schönen Manieren ködern lassen; sie fand ihn mit seinen verblaßten Adelsfedern weit hübscher und mit seinem Hofgeschwätz weit liebenswürdiger als meinen Onkel mit seinem anspruchslosen Geist und seinem roten Frack. Aber Herr Minxit, der nicht nur ein Mann von Geist, sondern auch von gesundem Menschenverstand war, hatte nicht diese Ansicht: Herr von Brückenbruch hätte Oberst sein mögen, und er hätte ihm seine Tochter doch nicht gegeben. Er hatte Benjamin zum Essen behalten, damit Arabella zwischen ihren beiden Anbetern einen Vergleich anstellen könne, der, wie er glaubte, nicht zum Vorteil des Musketiers ausfallen würde. Außerdem zählte er auf meinen Onkel, um das Geklingel der beiden Adligen zum Schweigen zu bringen und ihrem Stolz einen Hieb zu versetzen.

Benjamin machte, in Erwartung des Diners, einen Rundgang durch die Stadt. Als er aus Herrn Minxits Haus trat; gewahrte er zwei Offiziere, die sich mitten auf der Straße breitmachten und nicht um eine Postkutsche einen Deut Raum gegeben hätten, worüber sich die Bauern baß verwunderten. Mein Onkel war nicht der Mann, sich von solchen Kleinigkeiten beeindrucken zu lassen; als er jedoch an ihnen vorüberging, hörte er ganz deutlich einen der Krautjunker zum andern sagen: »Sieh mal, das ist der lächerliche Bursche, der das Fräulein Minxit zu heiraten beansprucht.« Mein Onkel hatte einen Augenblick Lust, sie zu fragen, warum sie ihn so lächerlich fänden; aber er überlegte, daß es wenig schicklich sei – obwohl er sich für gewöhnlich herzlich wenig um die Schicklichkeit kümmerte –, sich den Einwohnern von Corvol zu einem Schauspiel herzugeben. Er tat also, als ob er nichts gehört hätte, und trat bei seinem Freunde, dem Amtsschreiber, ein.

»Ich traf da gerade«, sagte er, »auf der Straße so etwas wie zwei Stück gefiederte Hummern, die mich so etwas wie beleidigten; könnten Sie mir sagen, zu welcher Familie der Krustazeen diese Kerle gehören?«

»Oh, der Teufel«, tat der Amtsschreiber erschrocken, »richten Sie Ihre Spitze nicht nach dieser Richtung! Der eine von beiden, Herr von Brückenbruch, ist der gefährlichste Duellant unsrer Zeit, und von allen, die mit ihm in die Schranken traten, ist keiner mit heiler Haut davongekommen.«

»Wir werden sehen«, sagte mein Onkel.

Es hatte zwei Uhr auf dem Glockenturm des Orts geschlagen, als mein Onkel seinen Freund, den Amtsschreiber, unterm Arm faßte und sich mit ihm zu Herrn Minxit begab; die Gesellschaft war schon im Empfangszimmer beisammen, und man erwartete nur noch sie, um zu Tisch zu gehen.

Die beiden Junker, die sich diesen Bürgerlümmeln gegenüber wie in einem eroberten Lande glaubten, bemächtigten sich sofort der Unterhaltung. Herr von Brückenbruch hörte nicht auf, seinen Schnurrbart zu dressieren, vom Hof, seinen Duellen, seinen Eroberungen zu sprechen. Arabella, die so prächtige Dinge nie gehört hatte, fand großes Gefallen an seinen Reden. Mein Onkel bemerkte das wohl; da ihm aber die Jungfer Minxit gleichgültig war, ging ihn das nach seiner Meinung nichts an. Herrn von Brückenbruch verdroß es, so wenig Eindruck auf Benjamin zu machen, und er richtete einige Anspielungen an ihn, die an Beleidigungen grenzten. Aber mein Onkel, im Bewußtsein seiner Stärke, würdigte sie keiner Beachtung und beschäftigte sich ausschließlich mit seinem Teller und seinem Glase. Herr Minxit ärgerte sich über die unbekümmerte Gefräßigkeit seines Matadors.

»Verstehst du denn nicht, was Herr von Brückenbruch sagen will?« rief er; »an was denkst du denn, Benjamin?«

»Ans Essen, Herr Minxit, und ich rate Ihnen, das gleiche zu tun; denn dafür haben Sie uns doch eingeladen, meine ich.«

Herr von Brückenbruch besaß zuviel Hochmut, als daß er glauben wollte, man schone ihn; er nahm das Schweigen meines Onkels als einen Beweis seiner Inferiorität und ging zu dreisteren Angriffen über.

»Ich habe Sie von Rathery nennen hören«, sagte er zu Benjamin; »ich kannte – das heißt, ich sah, denn man kennt derartige Leute nicht, – einen Rathery unter den Stallknechten des Königs: sollte das vielleicht ein Verwandter von Ihnen sein?«

Mein Onkel spitzte die Ohren wie ein Pferd, das einen Peitschenhieb bekommt.

»Herr von Brückenbruch«, erwiderte er, »die Rathery haben sich niemals zu Hofbedienten hergegeben, unter welcher Uniform es auch gewesen sei. Die Rathery haben ein stolzes Herz, Herr; sie wollen kein andres Brot essen als selbsterworbenes, und sie sind es, die – mit einigen Millionen andrer – die Lakaienhorde von allen Farben bezahlen, die man Höflinge zu nennen pflegt.«

Es verbreitete sich eine feierliche Stille in der Gesellschaft, und jeder zollte meinem Onkel durch Blicke Beifall.

»Herr Minxit«, fuhr er fort, »ein Stück von dieser Pastete, wenn ich bitten darf; sie ist ausgezeichnet, und ich möchte wohl wetten, daß der Hase, aus dem sie gemacht ist, nicht von Adel war.«

»Herr«, sagte der Freund des Barons von Brückenbruch und nahm eine herausfordernde Haltung an, »was wollen Sie mit Ihrem Hasen sagen?«

»Daß ein Adliger«, antwortete mein Onkel kalt, »nicht gut in einer Pastete wäre; das ist alles, was ich sagen wollte.«

»Meine Herren«, sagte Herr Minxit, »wohlverstanden: Ihre Reden dürfen die Grenzen des Scherzes nicht überschreiten.«

»Versteht sich«, sagte Herr von Brückenbruch; »streng genommen wären die Anspielungen des Herrn von Rathery wohl derart, zwei Offiziere des Königs zu beleidigen, die nicht, wie er, die Ehre haben, vom Bürgertum abzustammen; aber nach seinem langen Degen und seinem roten Frack hatte ich ihn zuerst für einen der Unsrigen angesehn, und ich zittre noch, wie der Mann, der eine Schlange für einen Aal nahm, wenn ich daran denke, daß ich beinahe Bruderschaft mit ihm gemacht hätte. Nur dieser lange Zopf, der auf seinen Schultern tänzelt, hat mich stutzig gemacht.«

»Herr von Brückenbruch«, rief Minxit, »ich werde nicht dulden ...«

»Lassen Sie nur, mein werter Herr Minxit«, sagte mein Onkel, »die Unverschämtheit ist die Waffe derer, die die biegsame Gerte des Witzes nicht zu handhaben wissen. Was mich betrifft, so habe ich mir keinen Irrtum in bezug auf Herrn von Brückenbruch vorzuwerfen, denn ich habe ihm keinerlei Beachtung geschenkt.«

»Sehr gut«, sagte Herr Minxit.

Der Musketier, der sich einredete, ein sehr witziger Spaßmacher zu sein, ließ sich darum nicht entmutigen. Er wußte, daß in den Kämpfen des Geistes wie des Degens das Glück wechselt.

»Herr Rathery«, fuhr er fort, »Herr Chirurg Rathery, wissen Sie, daß unsere beiden Professionen mehr Ähnlichkeit aufweisen, als Sie glauben? Ich möchte meinen spanischen Vollblutfuchs gegen Ihren roten Frack wetten, daß Sie im letzten Jahr mehr Menschen getötet haben als ich in meinem letzten Feldzug.«

»Sie werden gewinnen, Herr von Brückenbruch«, antwortete mein Onkel kalt, »denn ich habe im letzten Jahre das Unglück gehabt, einen Kranken zu verlieren; er ist gestern am Brand gestorben.«

»Bravo, Benjamin! Bravo, das Volk!« rief Herr Minxit, der sich vor Freude nicht mehr halten konnte. »Sie sehen, mein Herr Baron, daß nicht alle Männer von Geist bei Hofe sind.«

»Sie sind mehr als jeder andere ein Beweis dafür, Herr Minxit«, antwortete der Musketier, indem er den Ärger über seine Niederlage hinter einer heiteren Miene verbarg.

Währenddessen hielten alle Geladenen, außer den beiden Edelleuten, Benjamin ihre Gläser hin und stießen herzlich mit dem seinen an.

»Auf das Wohl Benjamin Ratherys, des Rächers des mißachteten und geschmähten Volkes!« rief Herr Minxit.

Das Essen zog sich bis tief in den Abend hinein. Mein Onkel merkte wohl, daß die Jungfer Minxit einige Zeit nach Herrn von Brückenbruch verschwunden war, aber er war zu sehr mit den Beifallsbezeugungen beschäftigt, die man über ihn ergoß, um auf seine Braut zu achten. Gegen zehn Uhr nahm er Abschied von Herrn Minxit. Dieser geleitete ihn bis ans Ende des Dorfes und ließ ihn versprechen, die Hochzeit solle in acht Tagen stattfinden. Als Benjamin gerade an der Windmühle von Trucy vorüberging, hörte er ein Geflüster, das zu ihm drang, und glaubte die Stimme Arabellas und ihres illustren Anbeters zu unterscheiden.

Benjamin wollte, aus Rücksicht auf die Jungfer Minxit, diese nicht zu solcher Stunde in Gesellschaft mit einem Musketier überraschen. Er verbarg sich hinter dem Stamm eines großen Nußbaums und wartete, bis die Liebenden vorübergegangen wären, um dann seinen Weg fortzusetzen. Er dachte sicher nicht daran, Arabellas kleine Geheimnisse zu belauschen: aber der Wind trug sie ihm zu, und so mußte er ganz gegen seinen Willen zum Vertrauten werden.

»Ich weiß«, sagte Herr von Brückenbruch, »ein Mittel, ihn verduften zu lassen: ich werde ihm eine Forderung schicken.«

»Ich kenne ihn«, antwortete Arabella, »er ist ein Mann von unbändigem Stolz, und wäre er sicher, tot auf dem Platz zu bleiben, er würde annehmen.«

»Um so besser! Dann werde ich Sie auf ewig von ihm befreien.«

»Ja, aber erstens will ich nicht Mitschuldige an einem Mord sein, und dann: mein Vater liebt diesen Menschen mehr als selbst mich vielleicht, die ich seine einzige Tochter bin. Ich würde nie zugeben, daß Sie den besten Freund meines Vaters töten.«

»Sie sind reizend, Arabella, mit Ihren Bedenken; ich habe ihrer mehr als einen um eines Wortes willen getötet, das mir schlecht im Ohre klang, und dieser Bursche, dessen Witz unheimlich ist, hat sich grausam an mir gerächt. Um alles in der Welt möchte ich nicht, daß man bei Hofe wüßte, was man heute abend an Ihres Vaters Tafel gesprochen hat. Um Ihnen indessen nicht entgegen zu sein, werde ich mich begnügen, ihn zum Krüppel zu machen. Wenn ich ihm zum Beispiel den Unterarmnerv durchschnitte, so wäre das ein Schaden, der Sie berechtigte, ihn als Ihren Gatten auszuschlagen.«

»Aber Sie selbst, Hektor, wenn Sie unterlägen?« säuselte die Jungfer Minxit mit ihrer zärtlichsten Stimme.

»Ich, der ich die besten Fechter der Armee zu den Schatten sandte: den tapfern Schönbach, den schrecklichen Floßberg, den fürchterlichen Starkenburg, ich sollte vom Rapier eines Landarztes fallen? Sie beleidigen mich ja, schöne Arabella, wenn Sie einem solchen Zweifel Raum geben. Wissen Sie, daß ich meiner Degenstöße so sicher bin wie Sie Ihrer Nadelstiche? Bezeichnen Sie selbst die Stelle, wo Sie ihn getroffen haben wollen, ich wäre entzückt, Ihnen diese Ritterlichkeit zu erweisen.«

Die Stimmen entfernten sich; mein Onkel trat aus seinem Schlupfwinkel hervor und setzte sich ruhig auf Clamecy in Marsch, indem er bei sich selbst den Entschluß erwog, den er zu fassen hätte.

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