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Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel

Ein Frühstück im Gefängnis Wie mein Onkel aus dem Gefängnis herauskam

Am folgenden Vormittag, als mein Onkel im Hof des Gefängnisses spazierenging und ein bekanntes Lied pfiff, trat Arthus ein, gefolgt von drei Männern, die sauber mit Linnen zugedeckte Körbe trugen.

»Guten Morgen, Benjamin«, rief er; »wir kommen mit dir frühstücken, da du nicht mehr mit uns frühstücken kommen kannst.«

Zu gleicher Zeit defilierten Page, Rapin, Guillerand, Millot-Rataut und Beißkurz. Parlanta hielt sich ein wenig verlegen im Hintergrund. Mein Onkel ging auf ihn zu und bot ihm die Hand.

»Nun, Parlanta«, sagte er zu ihm, »trägst du mir's noch nach, daß ich dich gestern um ein gutes Essen gebracht habe?«

»Im Gegenteil«, antwortete Parlanta, »ich dachte, du möchtest mir's nachtragen, daß ich dich nicht deine Taufe zu Ende bringen ließ.«

»Weißt du wohl, Benjamin«, unterbrach Page, »daß wir uns zusammengetan haben, um dich hier herauszukriegen? Aber da wir nicht bei barem Gelde sind, tun wir, als ob das Geld nicht erfunden wäre: wir lassen Gutfärb unsere Dienste zukommen, jeder nach seiner Profession. Ich führe ihm seinen ersten Prozeß, Parlanta wird ihm zwei Vorladungen kritzeln, Arthus macht ihm sein Testament, Rapin gewährt ihm zwei oder drei Konsultationen, die ihn teurer zu stehen kommen sollen, als er ahnt; Guillerand gibt seinen Kindern, so gut er kann, Grammatikstunden; Rataut, der nichts ist, sintemal er Poet ist, hat sich auf Ehre verpflichtet, alle Fräcke bei ihm zu kaufen, die er während zweier Jahre braucht, was ihn, meines Erachtens, nicht sehr belastet.«

»Und Gutfärb? Nimmt er an?« fragte Benjamin.

»Was«, sagte Page, »ob er annimmt? Er erhält Werte für mehr als hundertfünfzig Taler. Rapin hat die Angelegenheit gestern mit ihm geordnet; es gilt nur noch, die Ausführungsbestimmungen zu regeln.«

»Also gut«, sagte mein Onkel, »auch ich will mein Teil bei diesem guten Werk übernehmen: ich verpflichte mich, ihn unentgeltlich in den ersten beiden Krankheiten zu behandeln, die ihm zustoßen. Wenn ich ihn in der ersten umbringe, soll seine Frau die Erbfolge auf die zweite haben. Was dich betrifft, Beißkurz, so erlaube ich dir, eine Kanne weißen Wein zu subskribieren.«

Unterdessen hatte Arthus bei dem Gefängniswärter den Tisch decken lassen. Er zog eigenhändig seine Schüsseln, die etwas ineinandergelaufen waren, aus ihrem Korb und stellte sie in Reih und Glied auf die Tafel.

»Vorwärts«, rief er, »zu Tisch! Und gesprochen wird nicht! Ich liebe es nicht, gestört zu werden, wenn ich esse; ihr habt beim Nachtisch genug Zeit, zu plaudern.«

Das Frühstück schmeckte nicht nach der Örtlichkeit, wo es abgehalten wurde. Beißkurz allein war ein wenig traurig, denn die von den Freunden mit Gutfärb getroffene Abrede schien ihm ein Spaß.

»Was ist mit dir, Beißkurz?« rief Benjamin, »du hältst immer dein Glas in der Hand, ob voll, ob leer. Bin ich oder bist du hier Gefangener? bitt ich dich! Übrigens, meine Herren, wissen Sie, daß Beißkurz gestern beinahe sich eines guten Werkes schuldig gemacht hätte? Er wollte seinen köstlichen Weinberg in Choulot verkaufen, um mein Lösegeld für Gutfärb aufzubringen.«

»Das ist prächtig!« rief Page.

»Das ist saftig!« sagte Arthus.

»Das ist ein Zug wie aus dem Schatzkästlein der Moral!« ließ sich Guillerand vernehmen.

»Meine Herren«, sagte Rapin, »man muß die Tugend ehren, wo man das Glück hat, sie zu besitzen. Ich schlage aus diesem Grund vor, daß jedesmal, wenn Beißkurz mit uns zu Tisch sitzt, ihm ein Polstersessel zuerkannt wird.«

»Angenommen!« riefen alle zusammen, »und auf Beißkurzens Wohl!«

»Meiner Treu«, sagte mein Onkel, »ich weiß nicht, warum man solche Angst vor dem Gefängnis hat. Ist dieser Kapaun nicht ebenso zart und dieser Bordeaux ebenso blumig auf dieser Seite des Gitters wie auf jener?«

»Ja«, sagte Guillerand, »solange Gras an der Mauer wächst, an der die Ziege angepflöckt ist, fühlt sie die Fessel nicht; aber wenn der Platz leer ist, quält sie's, und sie sucht sich loszureißen.«

»Vom Gras im Tal zum Gras auf dem Berge zu gehn, das ist die ganze Freiheit der Ziege«, antwortete mein Onkel; »aber die Freiheit des Menschen besteht darin, nur zu tun, was ihm zusagt. Der, dem man die Freiheit des Körpers genommen und dabei die Freiheit gelassen hat, zu denken, was er will, ist hundertmal freier als der, dessen Seele man an die Kette einer verhaßten Beschäftigung legt. Der Gefangene verbringt ohne Zweifel traurige Stunden, wenn er hinter seinen Gittern den Weg verfolgt, der in der Ebene dahinzieht und sich in den blauen Schatten irgendeines fernen Waldes verliert. Er möchte die arme Frau sein, die ihre Kuh am Wege hintreibt und dabei die Kunkel dreht, oder der arme Holzfäller, der mit Reisig beladen nach seiner Hütte schwankt, die durch die Bäume raucht. Aber diese Freiheit, zu sein, wo man möchte, geradeaus vor sich hinzugehen, solange man nicht müde ist oder einen kein Graben aufhält, wem gehört sie? Ist der Lahme kein Gefangener in seinem Bett, der Krämer in seinem Laden, der Schreiber in seiner Kanzlei, der Bürger in den Mauern seiner kleinen Stadt, der König in den Grenzen seines Reiches und Gott selbst in jener eisigen Hülle, die das Weltall umschließt? Du gehst schnaufend und schweißüberströmt auf einem sonnengebrannten Wege: da sind große Bäume, die neben dir ihre hohen grünen Wohnungen ausbreiten und wie zum Hohn ein paar gelbe Blätter auf dich herabstreuen. Nicht wahr, du möchtest gern einen Augenblick in ihrem Schatten ruhen und deine Füße im Moose kühlen, das ihre Wurzeln überkleidet; aber zwischen ihnen und dir sind sechs Fuß Mauer oder die Stachelspitzen eines eisernen Gitters. Arthus, Rapin und ihr andern, die ihr nur einen Magen habt, die ihr von nichts wißt, als zu Mittag zu essen, wenn ihr gefrühstückt habt, ich weiß nicht, ob ihr mich versteht. Aber Millot-Rataut, der Schneider ist und Weihnachtslitaneien macht, der wird mich verstehen. Wie oft habe ich gewünscht, ich könnte der Wolke folgen auf ihren landstreicherischen Wanderungen, wenn sie mit den Winden am Himmel dahinzog. Wie oft, wenn ich in mein Fenster gelehnt träumend dem Monde nachsah, der mich wie ein menschliches Gesicht betrachtete, hätte ich wie eine Seifenblase zu den geheimnisvollen Einsamkeiten emporschweben mögen, die über meinem Haupte hingingen, und ich hätte alles in der Welt darum gegeben, mich einen Augenblick auf einem der gigantischen Ringgebirge niederzulassen, die aus der weißen Oberfläche des Gestirns emporragen. War ich da nicht genauso gefangen auf der Erde wie der arme Gefangene zwischen den hohen Mauern seines Kerkers?«

»Meine Herrn«, sagte Page, »eines muß man sich klarmachen: das Gefängnis ist zu gut und zu milde für den Reichen. Es behandelt ihn wie ein verwöhntes Kind, wie jene Nymphe, die dem Amor die Rute mit einer Rose gab. Erlaubt dem Reichen, seine Küche mit in das Gefängnis zu bringen, seinen Keller, seine Bibliothek, seinen Salon, so ist er nicht mehr ein Verurteilter, den man bestraft, sondern ein Ehrsamer, der seine Wohnung wechselt. Ihr sitzt da behäbig vor einem guten Feuer, in euren Hausrock einwattiert; ihr verdaut, die Füße auf dem Feuergestell und den Magen mit Trüffeln und Champagner parfümiert. Der Schnee voltigiert auf den Gitterstäben eures Fensters, während ihr dagegen den weißen Rauch eurer Zigarre zur Decke eures Gemachs emporsendet. Ihr träumt, sinnt, baut Luftschlösser oder macht Verse. Euch zur Seite liegt eure Zeitung, jene Freundin, die man vernachlässigt oder ruft oder endgültig verabschiedet, wenn sie zu langweilig wird. Was daran, sagt mir, gleicht einer Strafe? Habt ihr nicht geradeso in eurer eigenen Behausung, ohne auszugehen, Stunden, Tage und Wochen verbracht? Was macht dagegen der Richter, der die Barbarei gehabt hat, euch zu dieser Strafe zu verurteilen? Seit neun Uhr vormittags ist er in der Sitzung, fröstelnd in seinem dünnen Talar, und hört das Larifari eines Advokaten an. Währenddessen packt ihn der Katarrh mit würgenden Krallen an der Lunge oder die Frostbeule mit beißendem Zahn an den Zehen. Ihr sagt, ihr seid nicht frei! Im Gegenteil, ihr seid hundertmal freier als in eurem Hause; euer ganzer Tag gehört euch; ihr steht auf, ihr geht zur Ruhe, wann es euch paßt; ihr tut das, was euch beliebt, und ihr braucht euch nicht einmal zu barbieren.

Seht diesen Benjamin an zum Beispiel, der ein Gefangener ist: glaubt ihr, daß Gutfärb ihm einen so schlechten Dienst erwiesen hat, als er ihn hier einsperren ließ? Wie oft hatte er früher aufstehen müssen, noch bevor die Laternen gelöscht waren. Dann ging er, einen Strumpf verkehrt am Bein, von Tür zu Tür, um die Zunge von Hinz und den Puls von Kunz zu beobachten; er bespritzte sich auf den Wegen bis an seinen Zopf, und sein Bauer hatte höchstens Zeit, ihm geronnene Milch und schimmliges Brot anzubieten. Wenn er früher abgehetzt nach Hause kam und gerade in seinem Bett warm geworden war, um die Wonne des ersten Schlafes zu genießen, weckte man ihn rücksichtslos, dem Herrn Bürgermeister zu Hilfe zu eilen, der an einer Indigestion erstickte, oder der Frau Amtmännin, bei der das Kind schief in den Wehen lag. Jetzt ist er all diesen Widrigkeiten überhoben. Er fühlt sich hier wie die Ratte im Holländer Käse. Gutfärb hat ihm eine kleine Rente verschafft, die er als Philosoph verzehrt. Er ist wirklich der Mohnkopf des Evangeliums, der weder schröpft noch purgiert und dennoch sich wohl nähren darf, der weder näht noch spinnt und dennoch mit einem Gewand von prächtigstem Rot bekleidet ist. Wir sind in Wahrheit rechte Narren, ihn zu beklagen, und rechte Feinde seines Wohlergehens, wenn wir ihn hier herausziehen wollen.«

»Es ist ganz gut hier sein«, antwortete mein Onkel, »aber ich möchte ebensogern schlecht anderswo sein. Das wird mich nicht hindern, zuzugeben, wie euch Page schon bewiesen hat, daß das Gefängnis nicht nur für den Reichen, sondern für jedermann zu milde ist. Es ist ohne Zweifel hart, wenn man dem Gesetz, das einen Unglücklichen geißelt, zuruft: ›Schlag heftiger zu; es tut nicht weh genug!‹; aber man muß sich ebensosehr vor jener unverständigen und kurzsichtigen Menschenliebe hüten, die nichts sieht außer ihrem Unglücklichen. Wahrhafte Philosophen, wie Guillerand, wie Millot-Rataut, wie Parlanta, mit einem Wort, wie wir alle, dürfen die Menschen nicht als Masse betrachten, wie man etwa ein Getreidefeld ansieht. Eine soziale Frage darf lediglich vom Standpunkt des öffentlichen Interesses aus beurteilt werden. Wenn ihr euch durch irgendeine schöne Waffentat ausgezeichnet habt und der König euch mit dem Kreuz Ludwigs des Heiligen schmückt, glaubt ihr, daß Seine Majestät euch aus persönlichem Wohlwollen oder aus Anteilnahme an eurem persönlichen Ruhm ermächtigt, sein graziöses Konterfei auf eurer Brust zu tragen? Ach nein, meine armen Tapfern! das geschieht zunächst in seinem und danach im Staatsinteresse; das geschieht, damit die andern, die wie ihr heißes Blut in den Adern haben und euch so ehrenvoll belohnt sehen, euer Beispiel nachahmen. Nun setzt den Fall, ihr hättet an Stelle einer guten Tat ein Verbrechen begangen: ihr hättet nicht drei oder vier Menschen, die sich durch die Farbe ihres Kragens von euch unterscheiden, sondern einen Bürger des eigenen Landes getötet. Der Richter hat euch zum Tode verurteilt, und der König hat sich geweigert, euch zu begnadigen. Es bleibt euch nichts mehr übrig, als eure Generalbeichte zu überlegen und eure Totenklage anzustimmen. Nun, welche Erwägung hat wohl dem Richter euer Urteil diktiert? Hat er die Gesellschaft von euch befreien wollen, wie wenn man einen tollen Hund tötet, oder hat er euch strafen wollen, wie wenn man einem unartigen Kind die Rute gibt? Wenn er nichts weiter gewollt hätte, als euch aus der Gesellschaft auszumerzen, so hätte ein Kellerloch von ordentlicher Tiefe mit dicken Mauern und einer Schießscharte als Fenster dazu völlig ausgereicht. Ferner: der Richter verurteilt manchmal einen zum Tode, der sich selbst zu töten versucht hat, und einen zu Gefängnis, für den, wie er weiß, das Gefängnis ein gastliches Obdach ist. Geschieht es, um sie zu bestrafen, daß er diesen beiden Taugenichtsen gerade das auferlegt, was sie sich wünschen? daß er den einen, dem das Leben eine Qual ist, davon befreit, und dem andern, der nicht Brot noch Dach hat, eine Unterkunft bietet? Der Richter will nur eines: durch eure Strafe die abschrecken, die sich versucht fühlen würden, euer Beispiel nachzuahmen.

›Du sollst nicht töten‹, das ist die ganze Bedeutung eures Urteils. Wenn ihr statt eurer eine Puppe, die euch gliche, unter das Richtmesser legen könntet, so wäre das dem Richter sehr einerlei; ja, wenn er, nachdem der Henker euch das Haupt abgeschlagen und es dem Volke gezeigt, euch wieder ins Leben zurückrufen könnte, ich bin überzeugt, er würde es gern tun; denn im Grunde ist der Richter ein guter Mann, der nicht wünschte, daß seine Köchin vor seinen Augen ein Huhn schlachtet. Man schreit laut genug, und ihr selbst verkündet es, es sei besser, zehn Schuldige laufenzulassen, als einen Unschuldigen zu verurteilen. Das ist eine der beklagenswertesten Absurditäten, die die Menschenliebe von heute ausgebrütet hat; es ist ein antisozialer Grundsatz. Ich behaupte im Gegenteil, daß es besser ist, zehn Unschuldige zu verurteilen, als einen Schuldigen laufenzulassen.«

Bei diesen Worten erhob sich ein allgemeines Gejohle gegen meinen Onkel.

»Nein, weiß Gott«, rief mein Onkel, »ich spaße nicht, und das ist überhaupt kein Gegenstand zum Lachen! Ich bringe nur meine feste, unerschütterliche und seit langem wohlüberlegte Überzeugung zum Ausdruck. Die ganze Stadt jammert über das Los eines Unschuldigen, der zum Schafott geführt wird; die Zeitungen hallen wider von Klagen, und eure Dichter machen ihn zum Märtyrer in ihren Dramen. Aber wie viele Unschuldige kommen in euren Flüssen um, auf euren Straßen, in den Schächten eurer Minen und endlich in euren Werkstätten, erfaßt von den wilden Zähnen eurer Maschinen, jener riesenhaften Tiere, die einen Menschen im Nu erfassen und vor euren Augen zermalmen, ohne daß ihr ihm Hilfe zu bringen vermöchtet. Und doch entringt euch ihr Tod kaum einen Ausruf; ihr geht vorüber, und nach ein paar Schritten denkt ihr nicht mehr daran. Ihr denkt nicht einmal daran, es beim Mittagessen eurer Frau zu erzählen. Am Tage darauf scharrt ihn die Zeitung in irgendeinem Winkel ihrer Spalten ein, wirft ein paar Zeilen schwerfälliger Prosa über ihn, und das ist alles! Warum diese Gleichgültigkeit gegen den einen und dieses überströmende Mitleid für den andern? Warum dem einen mit einem winzigen Glöckchen, dem andern mit der großen Glocke zu Grabe läuten? Ist ein Richter, der sich irrt, ein schrecklicheres Unglück als ein Postwagen, der umstürzt, oder eine Maschine, die sich auslenkt? Reißen meine Unschuldigen für mich nicht eine genauso große Lücke in die Gesellschaft wie die eurigen? hinterlassen sie nicht, wie die euren, ein verwitwetes Weib und verwaiste Kinder?

Gewiß, es ist nicht angenehm, für einen andern das Schafott zu besteigen, und ich, der ich zu euch spreche, gestehe, daß ich sehr verdrießlich wäre, wenn die Sache mir passierte. Aber im Verhältnis zur Gesellschaft, was bedeutet das bißchen Blut, das der Scharfrichter vergießt? Soviel wie der Wassertropfen, der aus einem Wasserturm rinnt, soviel wie eine trockene Eichel, die von der Eiche fällt. Ein vom Richter unschuldig Verurteilter ist nur eine Konsequenz der Rechtsprechung, wie der Sturz eines Dachdeckers von einem Hause die Konsequenz davon ist, daß der Mensch unter einem gedeckten Dache wohnt. Unter tausend Flaschen, die ein Arbeiter spült, zerbricht er mindestens eine; unter tausend richterlichen Entscheidungen, die ein Richter erläßt, wird mindestens eine falsch sein. Das ist ein notwendiges Übel, gegen das sich kein Heilmittel finden ließe als die Abschaffung jeder Rechtspflege. Man nehme eine alte Frau, die Linsen liest: was würdet ihr von ihr sagen, wenn sie, aus Furcht, eine gute wegzuwerfen, alle schlechten in der Schüssel ließe, die sich darin finden? Wäre es nicht dasselbe mit einem Richter, der aus Angst, einen Unschuldigen zu verurteilen, zehn Schuldige laufenließe?

Zudem ist die Verurteilung eines Unschuldigen ein äußerst seltenes Vorkommnis; sie macht Epoche in den Annalen der Justiz. Es ist fast unmöglich, daß sich gegen einen Menschen ein geschlossener Ring von Umständen bilde, die ihn so schwer belasten, daß er sich nicht zu rechtfertigen vermöchte. Und selbst wenn dem so wäre, so behaupte ich, daß in der Haltung des Angeklagten, in seinem Blick, seiner Bewegung, seiner Stimme eine Menge überzeugende Elemente liegen, denen sich der Richter nicht zu entziehen vermag. Schließlich ist der Tod eines Unschuldigen nur ein einen kleinen Kreis betreffendes Mißgeschick, während die Freisprechung eines Schuldigen ein die Gesamtheit belastendes Unglück ist. Das Verbrechen horcht an der Tür eurer Gerichtssäle; es weiß, was vorgeht, es berechnet die Entwicklungsmöglichkeiten, die eure Nachsicht ihm läßt. Es klatscht euch Beifall, wenn es euch aus übertriebener Ängstlichkeit einen Schuldigen freisprechen sieht; denn in ihm sprecht ihr es selbst frei. Gewiß soll die Justiz nicht zu strenge sein; aber wenn sie zu milde ist, dankt sie ab, verneint sie sich selbst. Dann werden sich die Menschen, die verbrecherisch veranlagt sind, unbedenklich ihren Instinkten überlassen, sie werden nicht mehr in ihren Träumen das abschreckende Antlitz des Scharfrichters erblicken; zwischen ihnen und ihren Opfern erhebt sich nicht mehr das Schafott; sie nehmen euch euer Geld, wenn sie es gerade brauchen, und euer Leben, wenn es Ihnen gerade im Wege steht. Ihr tut euch etwas zugute, ihr Ehrenmänner, einen Unschuldigen vom Beil gerettet zu haben, aber ihr habt dafür zwanzig andere dem Dolch überliefert. Das sind neunzehn Mordtaten zu euren Lasten.

Und nun komme ich auf das Gefängnis zurück. Soll das Gefängnis einen heilsamen Schrecken einflößen, so muß es ein Ort der Schmach und des Elends sein. Aber es gibt in Frankreich Millionen Menschen, die es schlechter in ihren Häusern haben als der Gefangene hinter euren Riegeln. ›Allzu glücklich wäre der Landmann, wenn er sein Glück kennte‹, sagt der Dichter. In einem Hirtengedicht klingt das ganz gut. Der Landmann, der ist wie die Distel am steinigen Hang: kein Sonnenstrahl, der ihn nicht verbrennt, kein Windhauch, der ihn nicht dörrt, kein Gewitter, das ihn nicht näßt; er arbeitet vom Angelus am Morgen bis zum Angelus am Abend; er hat einen alten Vater und kann ihm die Härten des Alters nicht lindern; er hat eine hübsche Frau und kann ihr nur Lumpen geben; er hat Kinder, ein hungriger Schwarm, der unaufhörlich nach Brot schreit, und hat oft nicht eine Rinde im Kasten. Der Gefangene dagegen wird warm gekleidet, ausreichend ernährt; bevor er ein Stück Brot unter die Zähne bekommt, braucht er es sich nicht zu verdienen. Er lacht, er singt, er spielt, er schläft, solange er will, auf seinem Stroh und ist überdies der Gegenstand des öffentlichen Mitleids. Mildtätige Mitmenschen organisieren sich zu Gesellschaften, um ihm seine Gefangenschaft minder hart zu gestalten, und sie funktionieren so gut, daß sie aus einem Ort der Strafe einen Ort der Wohltat machen. Schöne Damen sorgen, daß ein Topf brodle, und setzen ihm die Suppe an; sie moralisieren ihn mit Weißbrot und Fleisch. Sicher, der sorgenvollen Freiheit der Felder oder der Werkstätten zieht ein solcher Mensch die sorgenfreie und nichtstuerische Haft im Gefängnis vor. Das Gefängnis müßte die Hölle der Stadt sein; ich möchte, es erhöbe sich mitten auf dem Marktplatz, düster und schwarzgekleidet wie der Richter; es würfe aus seinen kleinen vergitterten Fenstern schreckliche Blicke auf die Vorübergehenden; es ertönten statt der Lieder nur Kettenrasseln und Hundegebell aus seinem Innern; der Greis fürchtete sich, unter seinen Mauern zu rasten; das Kind wagte nicht, in seinem Schatten zu spielen; der verspätete Bürger machte einen Umweg, um es zu meiden, und wiche ihm aus, wie man einem Friedhof ausweicht. Nur unter dieser Bedingung werdet ihr von dem Gefängnis die Wirkung haben, die ihr erwartet.« Mein Onkel würde vielleicht noch diskutieren, wenn nicht Herr Minxit angekommen wäre, was denn alle seine Argumente abschnitt. Der wackere Mann troff von Schweiß, er schnappte nach Luft wie ein auf den Strand geworfener Weißfisch und war rot wie der Purpur meines Onkels.

»Benjamin«, rief er und trocknete sich die Stirn, »ich komme, um dich zu mir zum Frühstück abzuholen.«

»Wie das, Herr Minxit?« riefen alle Tafelgenossen zugleich.

»Ei, potz! weil Benjamin frei ist! Das ist das ganze Rätsel. Dies«, fügte er hinzu, indem er ein Papier aus der Tasche zog und es Boutron hinhielt, »dies ist die Quittung Gutfärbs.«

»Bravo, Herr Minxit!« Und jeder erhob sich, das Glas in der Hand, und trank auf sein Wohl. Beißkurz versuchte, sich gleichfalls zu erheben, aber er sank auf seinen Stuhl zurück: die Freude hatte ihn fast seiner Sinne beraubt; Benjamin warf zufällig einen Blick auf ihn.

»Der Tausend, Beißkurz«, rief er, »bist du närrisch? Trink auf Minxits Wohl, oder ich lasse dir auf der Stelle zur Ader.«

Beißkurz erhob sich mechanisch, leerte sein Glas auf einen Zug und begann zu weinen.

»Mein lieber Herr Minxit«, fuhr Benjamin fort, »ich m...«

»Gut«, sagte dieser, »ich sehe, was vorgeht: du setzest dich in Positur, mir zu danken; wohl denn, ich erlasse dir das, armer Kerl; es geschieht nicht um deiner schönen Augen willen, sondern um meiner, daß ich dich hier herausziehe; du weißt wohl, daß ich ohne dich nicht sein kann. Sehen Sie, meine Herren, in allen Handlungen, mögen sie Ihnen noch so edel erscheinen, steckt doch auch der Egoismus, Wenn dieser Satz nicht tröstlich ist, so ist das nicht meine Schuld, aber er ist wahr.«

»Boutron«, fragte Benjamin, »ist Gutfärbs Quittung in Ordnung?«

»Ich sehe nichts von einem Mangel als höchstens einen großen Klecks, den der ehrenwerte Tuchhändler ohne Zweifel als Namenszug beigegeben hat.«

»In diesem Falle, meine Herren«, sagte Benjamin, »erlauben Sie, daß ich diese gute Nachricht meiner teuren Schwester persönlich überbringe.«

»Ich folge dir«, sagte Beißkurz; »ich will Zeuge ihrer Freude sein; nie war ich so vergnügt seit dem Tage, da Kaspar auf die Welt gekommen ist.«

»Sie erlauben«, sagte Herr Minxit, indem er sich zu Tisch setzte. »Herr Boutron, ein Gedeck! Übrigens, meine Herren, auf Gegenseitigkeit: heute abend lade ich Sie zum Essen nach Corvol ein.«

Dieser Vorschlag wurde von den Gastgenossen durch Zuruf einstimmig angenommen. Nach dem Frühstück setzten sie sich ins Café und erwarteten so die Stunde zur Abfahrt.

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