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Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Wie mein Onkel seinem Tuchhändler half, ihn auszupfänden

Immerhin kam Benjamin nicht so ganz ruhig über die Folgen seiner Kühnheit nach Clamecy zurück; indes, am folgenden Tage überbrachte ihm ein Läufer des Schlosses, samt einer beträchtlichen Geldsumme, einen Brief folgenden Inhalts:

›Der Herr Marquis von Kambyses bittet Herrn Benjamin Rathery, zu vergessen, was zwischen ihnen vorgefallen ist, und als Preis der Operation, die er so geschickt ausgeführt hat, die unbedeutende Summe anzunehmen, die er ihm sendet.‹

»Oh«, sagte mein Onkel, nachdem er den Brief gelesen, »der werte Herr möchte meine Verschwiegenheit erkaufen; er hat sogar den Anstand, sie vorauszubezahlen; schade, daß er nicht mit allen seinen Lieferanten so verfährt. Hätte ich ihm ganz einfach und gewöhnlich, ohne Vorereignisse, die Gräte, die sich in seinem Hals festgeklemmt hatte, herausgezogen, so hätte er mir zwei Taler in die Hand gedrückt und mich in die Gesindestube zu einem Teller Suppe geschickt. Die Moral davon ist, daß man bei den Großen besser tut, sich in Respekt zu setzen, als sich angenehm zu machen; Gott soll mich verdammen, wenn ich mich in meinem Leben je gegen diesen Grundsatz verfehle!

In jedem Fall, da ich nicht die Absicht habe, verschwiegen zu sein, kann ich auch nicht mit gutem Gewissen das Geld behalten, das er mir für meine Verschwiegenheit schickt; man muß entweder ehrlich sein gegen jedermann oder sich überhaupt nicht damit befassen. Aber zählen wir ein wenig das Geld in diesem Beutel! sehen wir, wieviel er für die Operation zahlt und wieviel für mein Schweigen: fünfzig Taler! Wetter! der Kambyses ist nobel; er will dem Drescher, der von drei Uhr morgens bis acht Uhr abends den Flegel schwingt, nicht mehr als zwölf Sous zubilligen, und dies ohne jede Gewähr, daß er ihn nicht noch dazu prügeln läßt, mir aber zahlt er fünfzig Taler für eine Viertelstunde meines Tagwerks; das nenn ich Großmut!

Für das Ausziehen dieser Gräte hätte Herr Minxit vielleicht dreißig Taler berechnet; aber freilich, er treibt die Medizin mit großem Orchester und großer Aufmachung; er hat vier Pferde und ein Dutzend Musikanten zu füttern. Für mich, der ich nur mein Besteck und meinen Leichnam zu versorgen habe, einen Leichnam allerdings von sechs Fuß drei Zoll, sind sechs Taler alles, was das wert ist. Also: von fünfzig sechs abgezogen, sind vierundvierzig Taler, die ich dem Marquis zurückschicken muß; und trotzdem habe ich noch beinahe Gewissensbisse, ihm sein Geld abzunehmen. Denn diese Operation, für die ich ihn sechs Taler zahlen lasse, möchte ich nicht um tausend Taler meinerseits – zahlbar nach meinem Tode, versteht sich – drangeben. Der arme große Herr, wie er klein und schrumpelig vor mir wurde mit seinem bleichen, flehenden Gesicht und seiner Salmgräte im Rachen! Wie ehrbar tat der Adel in seiner Person Buße vor dem Volk in meiner Person! Er hätte es gern geduldet, daß ich ihm sein Wappen auf den Rücken gebunden hätte. Wenn gestern in seinem Saal irgendein Bildnis seiner Ahnen gehangen hat, so muß es rot geworden sein vor Scham. Jene kleine Stelle, auf die er mich geküßt hat, müßte man nach meinem Tode ausschneiden und in das Pantheon überführen – wenn das Volk einmal ein Pantheon haben wird, wohlverstanden.

Aber, Marquis, deshalb seid Ihr noch nicht heraus: bevor drei Tage um sind, weiß die ganze Amtmannschaft Euer Abenteuer, ja ich will es selbst von Millot-Rataut, unserm Christlitanei-Verfertiger, der Nachwelt überliefern lassen; er muß mir über diesen Gegenstand eine Handvoll Alexandriner fabrizieren. Was diese sechs Taler anlangt, so ist es gefundenes Geld; ich will nicht, daß sie durch die Hände meiner teuern Schwester gehen. Morgen ist Sonntag; morgen also gebe ich den Freunden für dieses Geld ein Gabelfrühstück, wie ich es ihnen noch nie gegeben habe, ein Gabelfrühstück, das bar bezahlt wird. Es ist gut, ihnen zu zeigen, wie ein Mann von Geist sich rächen kann, auch ohne bei seinem Degen Zuflucht zu suchen.«

Nachdem die Sache so geordnet war, ließ sich mein Onkel herbei, an den Marquis wegen der Rücksendung seines Geldes zu schreiben. Ich wäre entzückt, meinen Lesern eine weitere Probe von dem Briefstil meines Onkels geben zu können; unglücklicherweise findet sich indes sein Schreiben nicht unter den historischen Dokumenten, die mein Großvater uns überliefert hat. Vielleicht hat mein andrer Onkel, der Tabakskrämer, eine Tüte daraus gedreht.

Während Benjamin in vollem Schreiben begriffen war, trat der Lieferant seiner roten Fräcke mit einem langen Wisch in der Hand bei ihm ein.

»Was ist das?« sagte Benjamin, indem er die Feder hinlegte; »wieder Ihre Rechnung, Herr Gutfärb, immer und ewig Ihre Rechnung? Ach, du mein Gott! Sie präsentieren sie mir nun schon so oft, daß ich sie auswendig kann: sechs Ellen Scharlach, doppelte Breite, nicht wahr? mit zehn Ellen Futter und drei Garnituren ziselierter Knöpfe?«

»Ganz recht, Herr Rathery, völlig in Ordnung; macht total fünfzig Taler, zehn Groschen, sechs Heller. Ich will nicht in den Himmel kommen, wenn ich nicht mindestens dreißig Taler an dieser Lieferung verliere!«

»Wenn das so ist«, versetzte mein Onkel, »warum außerdem noch Zeit verlieren, alle diese häßlichen Papierfetzen zu bekritzeln? Sie wissen sehr wohl, Herr Gutfärb, daß ich niemals Geld habe.«

»Ich sehe im Gegenteil, Herr Rathery, daß Sie welches haben und daß ich zu gelegener Zeit komme. Da steht ja ein Beutel auf dem Tisch, der so etwa meine Summe enthalten muß, und wenn Sie mir gestatten wollen...«

»Einen Augenblick«, sagte mein Onkel und legte geschwind seine Hand auf den Beutel, »das Geld gehört nicht mir, Herr Gutfärb; gerade schreibe ich hier den Rücksendungsbrief, auf den nun durch Ihre Schuld ein Klecks gekommen ist. Da, wenn Sie davon Kenntnis nehmen wollen –«, und er hielt ihm den Brief hin.

»Nicht nötig, Herr Rathery, ganz und gar nicht nötig; alles, was ich wissen möchte, ist, wann Sie Geld haben werden, das Ihnen gehört.«

»Ach, Herr Gutfärb, wer kann in die Zukunft blicken? Was Sie mich fragen, möchte ich selbst gern wissen.«

»Bei dieser Sachlage, Herr Rathery, werden Sie es mir nicht verübeln, wenn ich auf der Stelle zu Parlanta gehe, um ihn zum weiteren Verfolg des gegen Sie schwebenden Vollstreckungsverfahrens anzuhalten.« »Sie sind schlechter Laune, werter Herr Gutfärb; auf was für einen kratzigen Tuchschnipsel sind Sie denn heute getreten?«

»Schlechter Laune, Herr Rathery? Sie werden zugeben, daß man es sein könnte; es sind nun drei Jahre, daß Sie mir das Geld schulden und mich von Monat zu Monat auf ich weiß nicht was für eine epidemische Krankheit vertrösten, die ich nicht kommen sehe; Sie sind daran schuld, daß ich täglich Auseinandersetzungen mit Frau Gutfärb habe, die mir vorwirft, ich wisse nicht zu meinem Gelde zu kommen, und die sich manchmal zu solcher Lebhaftigkeit auswächst, mich viechsdumm zu nennen.«

»Frau Gutfärb ist ohne weiteres eine sehr liebenswürdige Dame; Sie sind glücklich zu preisen, Herr Gutfärb, eine solche Gattin zu haben, und ich bitte Sie, mich ihr baldmöglichst zu empfehlen.«

»Besten Dank, Herr Rathery; aber meine Frau ist, was man sagt, ein bißchen genau. Geld ist ihr lieber als Komplimente, und sie sagt, wenn Sie es mit meinem Zunftgenossen Grophez zu tun gehabt hätten, säßen Sie längst im Schuldturm.«

»Zum Teufel noch einmal«, rief mein Onkel, wütend, daß Gutfärb nicht Leine ziehen wollte, »es ist Ihre Schuld, daß wir noch nicht quitt sind! Alle Ihre Zunftbrüder waren oder sind krank; Lammfromm hat zwei Brustfellentzündungen gehabt dieses Jahr, Zwillicher ein Faulfieber, Drell hat Rheuma, Natin den Durchfall seit sechs Monaten. Sie dagegen, Sie erfreuen sich einer unanfechtbaren Gesundheit, ungeachtet dessen, daß Sie so mißfarben aussehen wie eines Ihrer Nankingstücke und Frau Gutfärb wie eine Bildsäule von frischer Butter. Das hat mich irregemacht! Ich dachte, Sie würden die Renommierstücke meiner Klientel bilden. Wenn ich gewußt hätte, was ich heute weiß, nie hätten Sie meine Kundschaft bekommen.« »Aber, Herr Rathery, es will mir doch scheinen, als ob weder Frau Gutfärb noch ich verpflichtet sind, krank zu werden, um Ihnen die Mittel zu verschaffen, Ihre Schulden abzutragen.«

»Und ich erkläre Ihnen, Herr Gutfärb, daß Sie moralisch dazu verpflichtet sind. Wie wollten Sie denn Ihre Wechsel bezahlen, wenn Ihre Kunden keine Anzüge trügen? Diese Hartnäckigkeit des Sichwohlbefindens ist ein schändliches Begehen; es ist ein Fallstrick, den Sie mir gelegt haben. Sie hätten zur Stunde mit einer Rechnung von mindestens fünfzig Talern in meinem Buche zu stehen. Ich will Ihnen aber nur vierundvierzig Taler, zehn Groschen, sechs Heller rechnen für die Krankheiten, die Sie hätten haben sollen. Sie müssen zugeben, daß ich billig bin. Sie sind glücklich genug dran, für die Arzneien bezahlen zu dürfen, ohne sie schlucken zu müssen, und ich kenne manche, die an Ihrer Stelle sein möchten. Also: wenn wir von fünfzig Talern, zehn Groschen, sechs Hellern, die Sie berechnen, vierundvierzig Taler, zehn Groschen, sechs Heller abziehen, gibt das sechs Taler, die ich Ihnen schulde. Wenn Sie sie wollen, hier sind sie! Ich rate Ihnen als Freund, sie zu nehmen; Sie werden nicht so bald eine ähnliche Gelegenheit finden.«

»Als Abschlagszahlung«, sagte Gutfärb, »will ich sie gern nehmen.«

»Nein, als endgültigen Ausgleich der ganzen Rechnung«, versetzte mein Onkel; »und ich bedarf noch aller meiner Seelenstärke, um Ihnen das Opfer zu bringen. Ich hatte dies Geld für ein Junggesellenfrühstück bestimmt; ich hatte sogar die Absicht, Sie einzuladen, obgleich Sie Familienvater sind.«

»Das ist wieder einer von Ihren schlechten Späßen, Herr Rathery; ich habe nie etwas anderes als das von Ihnen erhalten können; und doch wissen Sie ganz gut, daß ich gegen Sie einen Pfändungsbefehl in aller Form in der Tasche habe und ihn augenblicks könnte vollstrecken lassen.«

»Ja doch! Aber das ist es gerade, worüber ich mich beklage, Herr Gutfärb. Sie haben kein Vertrauen zu Ihren Freunden. Warum sich unnötige Auslagen machen? Können Sie nicht zu mir kommen und sagen: ›Herr Rathery, ich habe die Absicht, Sie auspfänden zu lassen‹? Ich würde Ihnen geantwortet haben: ›Bitte, nehmen Sie die Pfändung selbst vor, Herr Gutfärb; Sie brauchen dazu keinen Gerichtsvollzieher, ich will Ihnen selbst den Büttel machen, wenn Ihnen das angenehm sein kann.‹ Übrigens ist dazu immer noch Zeit: pfänden Sie mich heute, pfänden Sie mich auf der Stelle, genieren Sie sich nicht; alles, was ich habe, ist zu Ihrer Verfügung; ich ermächtige Sie, alles einzupacken und wegzuschleppen, was Ihnen hier gefällt.«

»Wie, Herr Rathery, Sie hätten die Güte...?«

»Wie können Sie fragen! Herr Gutfärb, ich wäre geradezu entzückt, von Ihnen eigenhändig gepfändet zu werden; ich würde Ihnen sogar helfen, mich auszupfänden.«

Mein Onkel öffnete hierauf ein altes Gebäude von Kommode, an der noch hier und da ein paar messingne Beschlagsfetzen hingen, und zog zwei oder drei abgetragene Zopfbänder aus einer Schublade.

»Da!« sagte er zu Gutfärb und hielt sie ihm hin; »Sie sollen nicht alles verlieren. Diese Gegenstände wollen wir nicht in Rechnung setzen, die gebe ich Ihnen drein.«

»Puh!« machte Herr Gutfärb.

»Dieses Portefeuille in rotem Maroquin hier ist mein chirurgisches Besteck.« Als Herr Gutfärb die Hand darauflegen wollte, sagte Benjamin:

»Alles ganz gut und schön! aber das Gesetz erlaubt Ihnen nicht, das anzurühren. Das ist mein berufliches Handwerkszeug, und ich habe das Recht, es zu behalten.«

»Aber...«, brachte Gutfärb hervor.

»Das ist nun ein Pfropfenzieher mit Ebenholzgriff und mit Silber eingelegt; was diesen Gegenstand betrifft«, bemerkte Benjamin, indem er ihn in die Tasche steckte, »so hinterziehe ich ihn meinen Gläubigern, und zudem habe ich ihn nötiger als Sie.«

»Aber«, wandte Gutfärb ein, »wenn Sie alles das behalten, was Sie nötiger brauchen als ich, so werde ich keinen Karren brauchen, um meine Beute davonzufahren.«

»Nur Geduld«, sagte mein Onkel, »Sie werden nichts verlieren, wenn Sie's abwarten. Hier, sehen Sie, auf diesem Brett sind alte Arzneikolben, ein paar sind gesprungen, für ihre Unversehrtheit leiste ich keine Gewähr; ich lasse sie Ihnen, samt allen Spinnweben, die darin sind. Auf diesem andern Brett sehen Sie einen großen ausgestopften Geier; es kostet Sie nur die Mühe, ihn auszunisten, und er kann Ihnen als Wahrzeichen dienen.«

»Herr Rathery!« zischte Gutfärb.

»Das da, das ist die Hochzeitsperücke Beißkurzens, die ich weiß nicht wie hierherkommt. Ich biete sie Ihnen nicht an, weil ich weiß, daß Sie nur noch eine Atzel tragen.«

»Was wissen Sie davon, Herr Rathery?« brüllte Gutfärb, mehr und mehr gestachelt.

»In diesem Glase hier«, fuhr mein Onkel in unzerstörbarem Gleichmut fort, »befindet sich ein Bandwurm, den ich in Weingeist aufbewahre. Sie können sich Strumpfbänder daraus machen lassen, Sie, Frau Gutfärb und Ihre Kinder. Indessen kann ich nicht umhin, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß es schade wäre, dieses schöne Tier zu verstümmeln: Sie können sich rühmen, das längste Lebewesen der Schöpfung zu besitzen, die Riesenschlange nicht ausgenommen. Übrigens mögen Sie den Wurm bewerten, wie Sie wollen.«

»Sie machen sich also lustig über mich, Herr Rathery; alles das hat nicht den geringsten Wert.«

»Ich weiß wohl«, sagte mein Onkel kalt, »dafür haben Sie auch keinen Büttel zu bezahlen. Halt, hier ist zum Exempel ein Gegenstand, der für sich allein Ihre ganze Forderung aufwiegt: es ist der Stein, den ich vor zwei, drei Jahren dem Herrn Bürgermeister aus der Blase geschnitten habe; Sie können ihn nach Art einer Tabaksdose ziselieren lassen; wenn man ihn mit einem Goldreif und ein paar hübschen Edelsteinen fassen läßt, gibt es ein nettes Geschenk für Frau Gutfärbs Namenstag.«

Gutfärb, wütend, tat einen Schritt nach der Tür.

»Einen Augenblick«, sagte mein Onkel, indem er ihn beim Rockzipfel zu fassen kriegte. »Was Sie pressiert sind, Herr Gutfärb! Ich habe Ihnen erst den kleinsten Teil meiner Schätze gezeigt. Hier! ein alter Kupferstich, den Hippokrates vorstellend, den Vater der Heilkunst; ich bürge Ihnen für die Ähnlichkeit. Weiter drei einzelne Bände der Medizinischen Wochenschrift, die Ihr Entzücken an den langen Winterabenden ausmachen werden.«

»Noch einmal, Herr Rathery...«

»Mein Gott, regen Sie sich nicht auf, Papa Gutfärb; wir sind gerade am Wertvollsten meiner fahrenden Habe angelangt.«

Dabei öffnete mein Onkel einen alten Schrank und zog zwei rote Fräcke daraus hervor, die er Herrn Gutfärb vor die Füße warf; eine Wolke von Staub und ein Schwarm Spinnen entfloh ihnen und verbreitete sich über das ganze Zimmer. »Schauen Sie hier«, sagte er zu ihm, »das sind die beiden letzten Fräcke, die Sie mir verkauft haben! Sie haben mich unerhört betrogen, Herr Schlechtfärb: sie sind verblichen im Lauf eines einzigen Morgens wie zwei Rosenblätter, und meine teure Schwester konnte sie nicht einmal dazu verwenden, Ostereier für die Kinder zu färben. Sie verdienten, daß ich Ihnen einen Abzug für die Farbe machte.«

»Oh, oh«, rief Herr Gutfärb außer sich, »das ist zu stark, zu stark! Niemals hat man so unverschämt einen Gläubiger zum besten gehabt. Morgen früh, Herr Rathery, werden Sie von mir hören!«

»Sehr verbunden, Herr Gutfärb; ich werde immer entzückt sein, von Ihnen zu hören, daß Sie wohlauf sind. – Apropos, heda, Herr Gutfärb, Sie vergessen Ihre Zopfbänder!«

Als Gutfärb das Haus verließ, trat der Advokat Page hinein. Er fand meinen Onkel in einem schallenden Gelächter.

»Was hast du dem Gutfärb getan?« fragte er; »gerade begegnete ich ihm auf der Treppe, fast berstend vor Zorn; er war in einem solchen Wutanfall, daß er mich nicht einmal grüßte.«

»Der alte Schafskopf«, sagte Benjamin; »nun ist er noch böse auf mich, weil ich kein Geld habe! Als ob mir das nicht mehr gegen den Strich gehen müßte als ihm!«

»Du hast kein Geld, armer Benjamin? Desto schlimmer! doppelt schlimm! denn ich wollte dir gerade einen goldenen Handel vorschlagen.«

»Schlag immer vor«, sagte Benjamin.

»Da ist der Vikar Djhiarkos, der sich eines Quarts Burgunder entäußern will, das ihm eine seiner Betschwestern zum Geschenk gemacht hat; er hat einen Katarrh, und der Doktor Arnold hat ihn auf Tee gesetzt; da dieses Regime lange dauern wird, hat er Angst, sein Wein könne einen Stich bekommen. Er bestimmt den Erlös dafür, eine arme Waise einzurichten, die ihre letzte Tante verloren hat. Somit schlage ich dir ein gutes Geschäft und eine gute Tat zugleich vor.«

»Ja«, sagte Benjamin, »aber ohne Geld ist selbst eine gute Tat keine leichte Sache. Gute Taten sind teuer; man nimmt sie nicht so vor, wann man will. Indessen, was ist deine Meinung über den Wein?«

»Exquisit!« sagte Page und schnalzte mit der Zunge; »er hat mich kosten lassen: es ist Beaune erster Klasse.«

»Und wieviel will der tugendhafte Djhiarkos dafür?«

»Sieben Taler«, antwortete Page.

»Ich habe nur sechs; wenn er ihn für sechs Taler lassen will, ist der Handel abgeschlossen. Die Probe soll dann umsonst sein.«

»Sieben Taler; nehmen oder lassen. Sieben Taler, um eine arme Waise dem Elend zu entreißen und sie vor dem Laster zu bewahren; du wirst zugeben, daß das nicht zuviel ist.«

»Aber wenn du einen Taler hättest, Page«, erwiderte mein Onkel, »könnten wir ihn zu zweit kaufen.«

»Ach«, sagte Page, »es ist gut vierzehn Tage her, daß ich keinen gesehen habe. Ich glaube, das Geld hat Angst vor unsrer Gebührenordnung; es zieht sich zurück...«

»Jedenfalls nicht zu den Ärzten«, vollendete mein Onkel.

»So ist also an dein Quart nicht zu denken?«

Als einzige Antwort stieß Page einen tiefen Seufzer aus.

In diesem Augenblick erschien meine Großmutter und trug; wie ein Jesuskindlein, eine dicke Rolle Leinwand in ihren Armen. Sie legte die Leinwand meinem Onkel voll Begeisterung auf die Knie. »Hier, Benjamin«, sagte sie, »ich habe einen prächtigen Handel gemacht: heute morgen, als ich zum Markt ging, habe ich diese Leinwand einer Betrachtung unterzogen. Du brauchst Hemden, und ich fand, daß sie gerade das richtige für dich sei. Frau April hätte fünfundzwanzig Taler dafür gegeben; dann ließ sie den Händler gehen; aber ich sah an der Art, wie sie ihm nachäugte, daß sie die Absicht hatte, ihn zurückzurufen. ›Zeigen Sie mal Ihre Leinwand‹, sagte ich sofort zu dem Landmann. Ich habe ihm sechsundzwanzig Taler geboten und glaubte nicht, daß er sie mir zu dem Preis lassen würde: die Leinwand ist dreißig Taler wert so gut wie einen Pfennig, und Frau April ist wütend auf mich, daß ich ihr dazwischenkam.«

»Und diese Leinwand«, rief mein Onkel, »hat Sie gekauft... gekauft?«

»Gekauft«, sagte meine Großmutter, die nichts von der Aufwallung Benjamins begriff. »Es ist nichts dagegen zu machen; der Bauer wartet unten auf sein Geld.«

»Nun denn, geh Sie zum Teufel!« schrie Benjamin und schleuderte die Rolle durch das ganze Zimmer, »Sie mitsamt... das heißt, Verzeihung, meine teure Schwester, Verzeihung, nein: geh Sie nicht zum Teufel, das ist zu weit; geh Sie nur und bringe Sie Ihre Leinwand dem Händler zurück: ich habe kein Geld, sie zu bezahlen.«

»Und das Geld, das du heute morgen von Herrn von Kambyses erhalten hast?« fragte meine Großmutter.

»Mein Gott, das Geld gehört nicht mir. Herr von Kambyses hat mir zuviel geschickt.«

»Was soll das heißen, zuviel?« forschte meine Großmutter und sah Benjamin mit erstaunten Blicken an.

»Nun ja: zuviel! Frau Schwester, zuviel, versteht Sie, zuviel; er schickt mir fünfzig Taler für eine Operation von sechs; versteht Sie endlich?« »Und du bist Esel genug, ihm sein Geld wiederzuschicken? Wenn mein Mann mir einen solchen Streich spielen wollte!«

»Ja, ich war Esel genug; was will Sie, nicht jedermann kann den Geist besitzen, den Sie bei Beißkurz fordert. Ich war Esel genug dafür und bereue es nicht; ich will mich nicht zum Scharlatan machen lassen, Ihr zu Gefallen. Mein Gott, was hat man hienieden seine Plage, ein anständiger Mensch zu bleiben! Die Nächsten und Liebsten sind gerade die ersten, uns in Versuchung zu führen.«

»Aber, Unglücklicher, es fehlt dir an allem, du hast kein Paar seidene Strümpfe mehr anzuziehn, und während ich deine Hemden auf der einen Seite flicke, fallen sie auf der andern in Fetzen.«

»Und weil meine Hemden auf der einen Seite in Fetzen fallen, während du sie auf der andern flickst, soll ich auf die Ehrbarkeit verzichten, nicht wahr, liebe Schwester?«

»Aber deine Gläubiger, wann wirst du sie bezahlen?«

»Wenn ich Geld habe. Mehr läßt sich doch nicht sagen; ich möchte den Reichsten sehen, der mehr kann!«

»Und der Leinwandhändler, was soll ich dem sagen?«

»Sage ihm, was du willst; sage ihm, ich trüge keine Hemden, oder ich hätte dreihundert Dutzend in meinem Kasten; so kann er den Grund nehmen, der ihm am besten paßt.«

»Geh, mein armer Benjamin«, sagte meine Großmutter, während sie ihre Leinwand davontrug, »mit all deinem Geist wirst du doch dein Lebtag lang ein Schwachkopf bleiben.«

»Eigentlich«, sagte Page, als meine Großmutter unten auf der Treppe war, »hat deine teure Schwester recht; du treibst die Rechtschaffenheit bis zur Dummheit.«

Mein Onkel sprang lebhaft auf und packte den Advokaten beim Arm, den er mit seiner Eisenfaust so heftig quetschte, daß Page aufschrie.

»Page«, sagte er, »das ist nicht nur Ehrlichkeit, das ist ein edler und gerechter Stolz, das ist Achtung nicht nur gegen mich selbst, sondern auch gegen unsere arme unterdrückte Klasse. Willst du, daß dieser Krautjunker sagen darf, er habe mir eine Art Trinkgeld geschickt und ich habe es angenommen? Sollen sie, deren Wappen nur Bettlerzeichen sind, uns den Vorwurf der Bettelei heimzahlen können, den wir so oft gegen sie erhoben haben? Sollen wir ihnen das Recht geben, öffentlich zu verkünden, daß auch wir Almosen annehmen, sobald man nur so gut ist, uns welche zu reichen? Höre, Page, du weißt, daß ich den Burgunder liebe; du weißt ebenfalls nach dem, was meine Schwester eben gesagt hat, daß ich Hemden nötig habe; aber um alle Weinberge der Cote d'Or und um alle Hanffelder der Niederlande wollte ich nicht, daß es in der Amtmannschaft einen Blick gäbe, vor dem ich den meinen niederschlagen müßte. Nein, ich werde dieses Geld nicht behalten, und wenn ich mir mein Leben damit erkaufen könnte. An uns, den Männern von Herz und Bildung, ist es, dem Volke Ehre zu erweisen, in dessen Mitte wir geboren sind; von uns muß es lernen, daß man nicht von Adel sein muß, um ein Mann zu sein; daß es sich durch Selbstachtung aus der Erniedrigung erheben kann, in die es hinabgestiegen ist, und daß es endlich der Tyrannenfaust, die es niederhält, zurufen darf: ›Wir sind soviel wert wie ihr; aber wir sind mehr an Zahl als ihr; warum sollen wir fortfahren, eure Sklaven zu sein, und warum wollt ihr ferner unsre Herren sein? O Page, möchte ich diesen Tag sehn! Dann will ich Krätzer trinken mein Leben lang!«

»Das ist alles gut und schön«, sagte Page; »aber alles das verschafft uns unsern Burgunder nicht.« »Sei ruhig, Gierhals, du sollst nichts dabei verlieren: Sonntag gebe ich euch allen mit diesen sechs Talern, die ich dem Herrn von Kambyses aus dem Rachen gezogen habe, ein Gabelfrühstück, und beim Nachtisch erzähle ich euch ihre Geschichte. Ich muß gleich an Herrn Minxit schreiben. Auf Arthus muß ich verzichten, sintemal ich nur sechs Taler für das Frühstück habe; er müßte denn an dem Tage vorher ordentlich zu Mittag gegessen haben; aber wenn du vor mir Rapin, Parlanta und die andern triffst, so benachrichtige sie, damit sie sich nicht anderwärts versagen.«

Ich muß hier gleich beifügen, daß das Frühstück, da Herr Minxit nicht kommen konnte, um eine Woche vertagt wurde, dann aber auf unbestimmte Zeit verschoben, da mein Onkel in die Lage geriet, sich von seinen sechs Talern trennen zu müssen.

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