Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Claude Tillier >

Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/tellier/onkelben/onkelben.xml
typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20110411
projectid873ee358
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel

Wie sich mein Onkel von dem Marquis küssen ließ

Benjamin hatte in Corvol geschlafen.

Am andern Morgen, als er mit Herrn Minxit das Haus verließ, war der erste Mensch, auf den sie stießen, Fata. Dieser, der nicht das reinste Gewissen hatte, wäre ebensogern zwei großen Wölfen auf der Straße begegnet als meinem Onkel und Herrn Minxit. Da er jedoch nicht ausweichen konnte, entschloß er sich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, das heißt, er ging auf meinen Onkel zu.

»Sehr schönen guten Tag, Herr Rathery! Wie geht es Ihnen, ehrenwerter Herr Minxit? Wie haben Sie sich denn bei unserm Geßler herausgezogen, Herr Benjamin? Ich hatte eine so schreckliche Angst, er möchte Ihnen etwas antun! Ich habe darüber die ganze Nacht kein Auge zugetan.«

»Fata«, sagte Herr Minxit, »ersparen Sie sich Ihre Unterwürfigkeiten für den Marquis, wenn Sie ihm wieder begegnen. Ist es wahr, daß Sie zu Herrn von Kambyses gesagt haben, Sie kennten Benjamin nicht mehr?«

»Nicht, daß ich wüßte, bester Herr Minxit.«

»Ist es wahr, daß Sie zu demselben Marquis gesagt haben, ich sei kein anständiger Umgang?«

»Das konnte ich gar nicht sagen, mein werter Herr Minxit; Sie wissen, wie sehr ich Sie schätze, mein Freund.«

»Ich versichere auf Ehre, daß er das doch gesagt hat«, sagte mein Onkel mit der eisigen Kälte eines Richters.

»Sehr wohl«, sagte Herr Minxit; »dann wollen wir unsere Rechnung ins reine bringen.«

»Fata«, ließ sich Benjamin vernehmen, »ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Herr Minxit Sie durchpeitschen wird. Da, nehmen Sie meine Reitgerte; der Körperschaft zu Ehren verteidigen Sie sich: ein Arzt kann sich nicht durchprügeln lassen wie ein Zehnguldenesel.«

»Ich habe das Gesetz für mich«, schrie Fata; »wenn er mich schlägt, so soll ihn jeder Schlag teuer zu stehen kommen.«

»Ich lasse dreihundert Taler springen«, sagte Herr Minxit, indem er seine Reitpeitsche pfeifen ließ; »da, Fata, Fatorum, Schicksal, Vorsehung der Alten! da, da, da, da!«

Die Bauern waren unter die Türen getreten, um Fata durchprügeln zu sehen; denn, ich sage es zur Schande unserer armen Menschheit, nichts ist dramatischer als ein Mensch, den man mißhandelt.

»Meine Herren«, schrie Fata, »ich stelle mich unter Ihren Schutz«; aber niemand verließ seinen Platz, denn Herr Minxit hatte, dank dem Ansehen, das er genoß, fast das Recht der niederen Gerichtsbarkeit im Dorfe.

»Dann«, zeterte der unglückliche Fata weiter, »dann nehme ich Sie zu Zeugen für die meiner Person angetanen Gewalttätigkeiten; ich bin Doktor der Medizin!«

»Wart«, sagte Herr Minxit, »ich will stärker zuschlagen, damit diejenigen, die die Schläge nicht sehen, sie wenigstens hören und du dem Amtmann Striemen vorweisen kannst.« Und wirklich schlug er verstärkt darauf, der Berserker, der er war.

»Verlaß dich drauf«, rief Fata davonlaufend, »du sollst es mit Herrn von Kambyses zu tun kriegen; er wird nicht dulden, daß man mich mißhandelt, weil ich ihn grüße.«

»Du kannst deinem Kambyses sagen«, entgegnete Minxit, »daß ich mich den Teufel um ihn schere, daß ich mehr Männer habe als er Schranzen, daß mein Haus fester ist als sein Schloß und daß, wenn er mir morgen mit seinen Leuten auf der Ebene von Fertiant stehen will, ich sein Mann bin.«

Wir wollen hier gleich erwähnen, um die Sache abzumachen, daß Fata Herrn Minxit vor den Amtmann laden ließ, um ihn für die an seiner Person begangenen Gewalttätigkeiten zur Verantwortung zu ziehen; daß er jedoch keinen einzigen Zeugen auftreiben konnte, der darüber Aussage erstattet hätte, obwohl sich die Sache in Gegenwart von einem guten Hundert Menschen abgespielt hatte.

Als mein Onkel in Clamecy anlangte, übergab ihm seine Schwester einen Brief mit dem Pariser Poststempel und folgendem Inhalt:

Herr Rathery,

ich weiß aus guter Quelle, daß Sie das Fräulein Minxit heiraten wollen; ich verbiete es Ihnen ausdrücklich.

Vicomte von Brückenbruch

Mein Onkel ließ sich von Kaspar einen Bogen Papier größten Formats holen, er nahm Beißkurzens Tintenzeug und antwortete sogleich auf diesen Erlaß:

Herr Vicomte,

Sie können mich .............

Genehmigen Sie die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung, mit der ich die Ehre habe zu sein

Ihr ganz ergebener Diener
B. Rathery.‹

Was wollte mein Onkel, daß der Vicomte könne? Ich weiß es nicht; ich habe vergebliche Versuche gemacht, das Geheimnis dieser Zurückhaltung zu durchdringen; aber ich habe euch immerhin einen Begriff von der Festigkeit, der Klarheit, der Knappheit und Bestimmtheit seines Stils gegeben, wenn er sich die Mühe nahm, zu schreiben.

Indessen hatte sich mein Onkel keineswegs seiner Racheideen begeben, im Gegenteil, am folgenden Freitag, nachdem er seine Kranken besucht, ließ er seinen Degen schleifen und zog über seinen roten Frack Beißkurzens langen Rock. Da er um keinen Preis seinen Zopf opfern und ihn doch nicht in die Tasche stecken konnte, verbarg er ihn unter einer alten Perücke und zog, solchergestalt verkleidet, aus, seinen Marquis zu beobachten. Sein Hauptquartier schlug er in einer Art von Schenke auf, die hart an der Straße von Clamecy gelegen war, dem Schloß des Herrn von Kambyses gegenüber. Der Herr dieser Behausung hatte sich gerade das Bein gebrochen. Mein Onkel, immer bereit, seinem Mitmenschen zu Hilfe zu eilen, wenn er irgendwo kaputt war, gab sich als Arzt zu erkennen und bot dem Patienten seine Kunst an. Die trostlose Familie ermächtigte ihn, die beiden Stücke des gebrochenen Schienbeins wieder an Ort und Stelle zu bringen, was schleunigst und unter größter Bewunderung zweier langer Lakaien in kambysischer Livree geschah, die im Gastzimmer zechten.

Als die Operation beendet war, begann mein Onkel sich in einem der Oberzimmer der Herberge einzurichten, gerade über dem Wirtshausschild, und er ging daran, das Schloß mittels eines Fernrohres, das er von Herrn Minxit mitgenommen hatte, unter Beobachtung zu nehmen. Eine Stunde langweilte er sich so herum und hatte noch nichts entdeckt, woraus er hätte Nutzen ziehen können, als er einen Lakaien des Herrn von Kambyses Hals über Kopf den Berg herunterjagen sah. Vor der Tür der Schenke sprang er vom Pferd und fragte, ob der Arzt noch da sei. Auf die bejahende Antwort der Magd eilte er in das Zimmer meines Onkels hinauf, und mit tiefgezogenem Hute bat er ihn, seine Dienste dem Herrn von Kambyses angedeihen zu lassen, der eine Fischgräte verschluckt habe. Mein Onkel hatte nicht übel Lust, eine abschlägige Antwort zu geben. Aber er überlegte sich, daß dieser Umstand seine Rachepläne begünstigen könne, und entschloß sich, dem Domestiken zu folgen.

Dieser geleitete ihn in das Zimmer des Marquis. Herr von Kambyses saß in seinem Sessel, den Kopf in die Hände gestützt, die Ellbogen auf den Knien, und schien einer heftigen Unruhe zu unterliegen. Die Marquise, eine hübsche Brünette von fünfundzwanzig Jahren, stand an seiner Seite und suchte ihn zu beruhigen. Beim Eintreten meines Onkels hob der Marquis den Kopf und sagte:

»Ich habe beim Diner eine Gräte verschluckt, die mir in der Kehle steckt; ich hatte erfahren, daß Sie im Dorfe seien, und habe Sie, obwohl ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, in der Überzeugung rufen lassen, daß Sie mir ihre Hilfe nicht verweigern werden.«

»Wir schulden sie jedermann«, antwortete mein Onkel mit eisiger Kälte, »den Armen so gut wie den Reichen, den Edelleuten so gut wie den Bauern, dem Sünder so gut wie dem Gerechten.«

»Dieser Mensch macht mir Angst«, sagte der Marquis zu seiner Frau, »schicke ihn fort.«

»Aber«, sagte die Marquise, »du weißt selbst, daß kein Arzt sich dem unterzieht, auf das Schloß zu kommen; da du nun diesen hast, wisse ihn wenigstens zu behalten.«

Der Marquis fügte sich diesem Rat. Benjamin untersuchte den Schlund des Kranken und wiegte bedenklich den Kopf. Der Marquis erbleichte.

»Was ist?« fragte er, »wäre das Übel noch schlimmer, als wir glaubten?«

»Ich weiß nicht, was Sie glaubten«, antwortete Benjamin feierlich, »aber das Übel wäre in der Tat sehr schlimm, wenn man nicht auf der Stelle Maßnahmen ergriffe, es zu bekämpfen. Sie haben eine Salmgräte verschluckt, und zwar eine Schwanzgräte, da, wo sie am giftigsten sind.«

»Das ist wahr«, sagte die Marquise verwundert; »aber wie haben Sie das entdeckt?«

»Aus der Besichtigung des Schlundes, meine Gnädigste.« In Wirklichkeit hatte er dies auf sehr einfache Weise erkannt: als er am Speisesaal vorüberging, dessen Tür offenstand, hatte er auf der Tafel einen Salm gesehen, von dem nur das Schwanzstück fehlte; woraus er schloß, daß dem Schwanz dieses Fisches die verschluckte Gräte angehört habe.

»Wir haben nie sagen hören«, stammelte der Marquis erschrocken, »daß Salmgräten giftig seien.«

»Das hindert nicht, daß sie es sind, und zwar sehr«, sagte Benjamin; »und es täte mir leid, wenn die Frau Marquise es bezweifeln wollte, denn ich würde ihr widersprechen müssen. Die Salmgräten enthalten, wie die Blätter des Manzenillenbaums, einen so scharfen und ätzenden Saft, daß, wenn die Gräte auch nur eine halbe Stunde länger im Schlund des Herrn Marquis sitzenbliebe, sie eine Entzündung hervorrufen würde, deren ich nicht mehr Herr zu werden vermöchte, und ein Eingriff wäre unmöglich geworden.«

»In diesem Fall, Doktor, operieren Sie doch auf der Stelle, ich bitte sehr darum«, sagte der Marquis in steigender Angst.

»Einen Augenblick«, sagte mein Onkel; »die Sache geht nicht so schnell, wie Sie wünschen; es ist vorher eine kleine Förmlichkeit zu erfüllen.«

»So erfüllen Sie sie schleunigst und beginnen Sie.«

»Diese Förmlichkeit geht Sie an; Sie allein vermögen sie zu erfüllen.«

»So sage mir doch wenigstens, worin sie besteht, Unglückschirurg! Willst du mich hier sterben lassen dank deiner Untätigkeit?«

»Ich hege doch Bedenken,« sagte Benjamin zögernd. »Wie soll man einen solchen Vorschlag anbringen, wie der ist, den ich Ihnen zu machen habe? Einem Marquis! einem Manne, der in gerader Linie von Kambyses, dem König der Ägypter, abstammt!...«

»Ich glaube gar, Elender, du benutzest meine Lage, um dich über mich lustig zu machen!« rief der Marquis aus, in seine ursprüngliche Heftigkeit zurückverfallend.

»Nicht im mindesten«, erwiderte Benjamin kalt. »Sie entsinnen sich eines Mannes, den Sie etwa vor drei Monaten von Ihren Häschern in Ihr Schloß zerren ließen, weil er Sie nicht gegrüßt hatte, und dem Sie den blutigsten Schimpf angetan haben, den ein Mann dem andern anzutun vermag?«

»Einen Mann, den ich mich küssen ließ... Wahrhaftig, du bist es! ich erkenne dich an deinen sechs Fuß drei Zoll.«

»Nun wohl! Dieser Mensch von sechs Fuß drei Zoll, dieser Mann, den Sie für eine Mücke ansahen, für ein Staubkörnchen, dem Sie niemals wieder begegnen würden, fordert jetzt von Ihnen Genugtuung für die Schmach, die Sie ihm zugefügt haben.«

»O mein Gott! ich verlange ja nichts Unbilliges; bestimme die Summe, auf welche du deine Ehre einschätzest, und ich lasse sie dir sofort auszahlen.«

»Hältst du dich denn, Marquis von Kambyses, für reich genug, die Ehre eines rechtschaffenen Mannes zu bezahlen? Denkst du, ich sei käuflich wie eine Beamtenrobe? Glaubst du, ich lasse mich für Geld beleidigen? Nein, nein! Eine Wiederherstellung meiner Ehre ist es, die ich haben muß, eine Ehrenheilung! verstehst du, Marquis von Kambyses?«

»Gut, sei es drum!« sagte Herr von Kambyses, dessen Blicke an dem Zeiger der Uhr hingen und der mit Schrecken die verhängnisvolle halbe Stunde entfliehen sah. »Ich will vor der Marquise erklären, ich will, wenn Sie wollen, schriftlich erklären, daß Sie ein Ehrenmann sind und ich unrecht hatte, Sie zu beleidigen.«

»Der Teufel! du hast deine Schulden bald bezahlt. Glaubst du denn, wenn man einen anständigen Menschen beschimpft hat, genüge es, anzuerkennen, daß man unrecht gehabt habe, und damit sei alles wiedergutgemacht? Morgen würdest du samt deiner Gesellschaft von Junkern schön über den Tropf lachen, der mit dieser Vorspiegelung einer Genugtuung zufrieden wäre. Nein, nein, Auge um Auge, Zahn um Zahn! Die Strafe der Vergeltung ist es, die du über dich ergehen lassen mußt. Der Schwache von gestern ist der Starke von heute geworden, der Wurm hat sich in die Schlange verwandelt. Du wirst meiner Justiz nicht entgehen, wie du der des Amtmanns entgehst; da gilt keine Protektion, die dich mir entziehen könnte. Ich habe dich geküßt, so mußt du mich küssen.«

»Hast du denn vergessen, Elender, daß ich der Marquis von Kambyses bin?«

»Du aber hattest damals freilich vergessen, du, daß ich Benjamin Rathery war! Der Schimpf, der ist wie Gott: alle Menschen sind gleich vor ihm; es gibt weder große Beschimpf er noch kleine Beschimpfte.« »Lakai«, rief der Marquis, den die Wut die angebliche Gefahr vergessen ließ, in der er sich befand, »führt diesen Menschen in den Hof und laßt ihm hundert Peitschenhiebe geben; ich will ihn schreien hören.«

»Sehr wohl«, sagte mein Onkel; »aber in zehn Minuten wird die Operation unmöglich geworden sein, und in einer Stunde sind Sie tot.«

»Ei, kann ich nicht durch meinen Läufer einen Chirurgen aus Varzy holen lassen?«

»Wenn Ihr Läufer den Chirurgen zu Hause findet, so wird dieser gerade recht kommen, um Sie sterben zu sehen und um der Frau Marquise seinen Beistand angedeihen zu lassen.«

»Aber es ist ja nicht möglich«, jammerte die Marquise, »daß Sie unbeugsam bleiben. Ist es nicht ein größeres Vergnügen, zu vergeben, als sich zu rächen?«

»Oh, Madame«, versetzte Benjamin, indem er sich mit Grazie verneigte, »ich bitte Sie zu glauben, daß, wenn mir die gleiche Beleidigung von Ihnen zuteil geworden wäre, ich sie Ihnen nicht verübeln würde.«

Frau von Kambyses lächelte, und da sie begriff, daß bei meinem Onkel nichts zu erreichen war, beredete sie ihren Gemahl nunmehr selbst, sich der Notwendigkeit zu fügen, und stellte ihm vor, daß er nur noch fünf Minuten hatte, sich zu entscheiden.

Der Marquis, der Angst unterliegend, bedeutete zwei Bedienten, die im Zimmer waren, sich zurückzuziehen.

»Nicht doch«, sagte der unerbittliche Benjamin, »so ist es nicht gemeint. Lakai, Sie gehen im Gegenteil und benachrichtigen alle Leute des Herrn von Kambyses, sich hierher zu begeben: sie sind Zeugen der Beleidigung gewesen, sie sollen auch Zeugen ihrer Sühne sein. Die Frau Marquise allein hat das Recht, sich zurückzuziehen.«

Der Marquis warf einen Blick auf die Uhr und sah, daß nur noch drei Minuten übrig waren; da der Lakai sich nicht rührte, sagte er:

»So laufen Sie doch, Peter! Tut, was der Herr euch befiehlt. Seht ihr nicht, daß er in diesem Augenblick der Herr der Situation ist?«

Die Domestiken kamen einer nach dem andern; nur der Haushofmeister fehlte noch; aber Benjamin, unbeugsam bis zum Ende, wollte nicht anfangen, bis auch er zugegen war.

*

»Gut«, sagte Benjamin, »jetzt sind wir quitt, und alles ist vergessen; ich werde mich nun eingehend mit Ihrer Kehle beschäftigen.«

Rasch und geschickt zog er die Gräte heraus und legte sie dem Marquis in die Hand. Während dieser sie neugierig musterte, sagte mein Onkel:

»Ich muß Ihnen frische Luft geben.«

Er öffnete ein Fenster, sprang in den Hof und hatte mit zwei, drei Sätzen seiner langen Beine das Hoftor erreicht. Während er in vollem Lauf den Berg hinuntereilte, schrie der Marquis aus einem Fenster ihm nach:

»Halten Sie! Herr Benjamin Rathery, haben Sie die Güte, meinen und der Frau Marquise Dank entgegennehmen zu wollen; ich muß Sie doch für Ihre Operation bezahlen.« Aber Benjamin war nicht der Mann, sich durch schöne Worte fangen zu lassen. Unten am Hügel begegnete er dem Läufer des Marquis.

»Landry«, sagte er zu ihm, »meine Empfehlungen an die Frau Marquise; und Herrn von Kambyses können Sie über die Salmgräten beruhigen; sie sind nicht giftiger als die eines Hechts; nur muß man sie nicht verschlucken. Er soll sich einen heißen Umschlag um den Hals machen, und in zwei oder drei Tagen wird er geheilt sein.«

Sobald mein Onkel außer Bereich der Behelligungen von Seiten des Marquis war, wandte er sich nach rechts, durchschritt den Wiesengrund von Flez mit den tausend Bächlein, von denen er durchschnitten wird, und begab sich nach Corvol. Er wollte Herrn Minxit mit dem Erstbericht seines Feldzugs regalieren. Schon von fern gewahrte er ihn, wie er vor seiner Tür stand, und indem er zum Zeichen des Triumphes sein Taschentuch schwang, rief er: »Wir sind gerächt!«

Der gute Mann lief ihm entgegen, so schnell es seine dicken kurzen Beine erlaubten, und warf sich mit einer Rührung in seine Arme, als ob Benjamin sein Sohn gewesen wäre; mein Onkel behauptet sogar, er habe zwei dicke Tränen über seine Wangen laufen sehen, die er zu verbergen suchte. Der alte Arzt, nicht minder stolz und zornmütig als Benjamin, war außer sich vor Freude. Zu Hause angekommen, tat er es nicht anders, als daß die Musikanten, zur höheren Feier dieses glorreichen Tages, bis in die Nacht Fanfaren bliesen; hierauf befahl er ihnen, sich zu betrinken, welcher Befehl auf das pünktlichste zur Ausführung kam.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.