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Mein Onkel Benjamin

Claude Tillier: Mein Onkel Benjamin - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorClaude Tillier
titleMein Onkel Benjamin
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume219
printrunErste Auflage
year1976
illustratorEmil Preetorius
translatorRudolf G. Binding
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel

Herr Minxit rüstet zum Krieg

Nun hatte Herr Minxit – ich weiß nicht, durch wen, vermutlich durch das Gerücht, das sich in alles mischt – schon erfahren, daß Benjamin als Gefangener auf Saint Pierre du Mont zurückgehalten wurde. Er fand kein besseres Mittel, seinen Freund zu befreien, als das Junkernest im Sturm zu nehmen und es vom Erdboden wegzurasieren. Ihr, die ihr lacht, findet mir erst in der Geschichte einen gerechteren Krieg. Da, wo die Regierung ihren Gesetzen nicht Achtung zu verschaffen weiß, müssen die Bürger wohl oder übel sich selbst Gerechtigkeit verschaffen.

Der Hof des Herrn Minxit glich einem Alarmplatz; die Musik, zu Pferde und mit Waffen aller Art bewaffnet, stand schon in Schlachtordnung; der alte Sergeant, der seit kurzem in den Dienst des Doktors getreten war, hatte den Oberbefehl über dieses Elitekorps übernommen. Aus der Mitte seiner Reihen erhob sich eine breitmächtige Fahne, aus einem Fenstervorhang gemacht, auf die Herr Minxit, damit es ja alle wüßten, in Riesenbuchstaben geschrieben hatte: ›Die Freiheit Benjamins oder die Ohren des Herrn Kambyses.‹ Dies war sein Ultimatum.

Im zweiten Treffen stand die Infanterie, dargestellt von fünf oder sechs Meiereiburschen, mit ihren Hacken über der Schulter, und vier Dachdeckern aus dem Ort, jeder mit seiner Leiter bewaffnet.

Die Kalesche stellte die Bagage vor; sie war mit Faschinen zum Ausfüllen der Schloßgräben beladen, die freilich die Zeit schon an mehreren Stellen ausgefüllt hatte. Aber Herr Minxit hielt darauf, die Dinge nach den Regeln auszuführen; er hatte noch obendrein die Vorsicht gehabt, in einer der Wagentaschen sein Besteck und eine große Flasche Rum unterzubringen.

Der kriegerische Doktor, von einem Federhut überragt und einen blanken Degen in der Hand, tummelte sein Pferd um seine Truppe und beschleunigte mit Donnerstimme die Vorbereitungen zum Abmarsch.

Es ist Brauch, daß an eine Armee, bevor man sie ins Feld führt, eine Ansprache gerichtet wird. Herr Minxit war nicht der Mann, dieser Förmlichkeit nicht zu genügen, und so sprach er folgendes zu seinen Soldaten:

»Soldaten! Ich werde euch nicht sagen, daß die Augen Europas auf euch geheftet sind, daß eure Namen auf die Nachwelt kommen, daß sie in dem Tempel des Ruhmes eingegraben werden, usw. usw., denn alles das ist leeres, ausgedroschenes Stroh für die Einfältigen; die Sache verhält sich vielmehr so: in allen Kriegen kämpfen die Soldaten zum Nutzen ihres Kriegsherrn; sie haben meistenteils nicht einmal den Vorzug, zu wissen, wofür sie sterben; aber ihr, ihr werdet in eurem eigenen Interesse kämpfen, in dem Interesse eurer Weiber und Kinder – soweit ihr solche habt. – Herr Benjamin, den ihr alle zu kennen die Ehre habt, soll mein Schwiegersohn werden. In dieser Eigenschaft wird er mit mir gemeinsam über euch gebieten, und wenn ich nicht mehr bin, wird er euer Herr sein; er wird euch ewigen Dank für die Gefahren wissen, die ihr für ihn laufen werdet, und er wird euch dafür fürstlich belohnen.

Aber nicht allein, um meinem Schwiegersohn die Freiheit wiederzugewinnen, habt ihr die Waffen ergriffen: unser Feldzug wird außerdem das Ziel haben, das Land von einem Tyrannen zu befreien, der es bedrückt, der euer Korn niedertritt, der euch prügelt, wo er euch findet, und der wenig anständig ist mit euren Frauen. Für einen Franzosen genügt ein guter Grund, um sich mit Tapferkeit zu schlagen; ihr, ihr habt deren zwei; also seid ihr unbesiegbar. Die Toten sollen auf meine Kosten anständig beerdigt und die Verwundeten in meinem Hause gepflegt werden. Es lebe Benjamin Rathery! Tod dem Kambyses! Vernichtung seinem Adelssitz! ...«

»Bravo, Herr Minxit!« rief mein Onkel, der wie ein Besiegter durch eine Tür im Hintergrund aufgetaucht war. »Das war einmal eine wohlgetroffene Ansprache; wenn Sie sie in Lateinisch gehalten hätten, würde ich geglaubt haben, sie sei aus dem Livius.«

Beim Anblick meines Onkels brach ein allgemeines Hurra in der Armee aus. Herr Minxit kommandierte ›Rührt euch!‹ und führte Benjamin in den Speisesaal. Dieser erstattete ihm Bericht von seinem Abenteuer, und das in einer Ausführlichkeit und Treue, wie sie die Staatsmänner nicht immer aufweisen, wenn sie ihre Memoiren schreiben.

Herr Minxit war in einer schrecklichen Wut über die Beleidigung, die man seinem Schwiegersohn angetan hatte, und er knirschte mit allem, was von seinen Zähnen noch übrig war. Zunächst konnte er sich nur in Flüchen ausdrücken; als sich aber seine Entrüstung etwas gelegt hatte, sagte er:

»Benjamin, du bist beweglicher als ich; du wirst den Oberbefehl über die Armee übernehmen, und wir ziehen gegen das Schloß des Kambyses zu Felde; wo seine Türme standen, sollen Brennesseln und Hundszahn wachsen.«

»Wenn es Ihnen angenehm ist, werden wir es bis auf den Berg Saint Pierre du Mont herunterrasieren; aber, unbeschadet der Achtung, die ich Ihrem Rat schulde, ich glaube, wir müssen mit List vorgehen: wir müssen nächtlich die Mauern des Schlosses ersteigen; wir müssen uns des Kambyses und aller seiner Lakaien bemächtigen, während sie in Wein und Schlaf versunken sind, wie Virgil sagt; und es wird erforderlich sein, daß sie uns alle küssen.«

»Das lasse ich mir gefallen«, antwortete Herr Minxit. »Wir haben gut anderthalb Meilen zu marschieren, um an Ort und Stelle zu gelangen, und in einer Stunde ist es Nacht. Lauf, küß meine Tochter; und dann brechen wir auf.«

»Einen Augenblick!« sagte mein Onkel; »Teufel, wie Ihr's eilig habt! Ich habe den ganzen Tag nichts genossen, und ein Frühstück vor dem Ausrücken würde mir sehr wohl anstehen.«

»Dann«, sagte Herr Minxit, »werde ich die Truppen wegtreten lassen, und man soll ihnen eine Ration Wein austeilen, um sie in Atem zu halten.«

»Richtig!« antwortete mein Onkel; »sie werden Zeit haben, sich gütlich zu tun, während ich meinen Imbiß zu mir nehme.«

Zum Glück für den Adelssitz des Marquis sagte sich der Advokat Page auf dem Heimweg von einem Augenschein bei Herrn Minxit zu Tisch an.

»Sie kommen wie gerufen, Herr Page«, sagte der kriegerische Doktor, »ich werbe Sie für unsern Feldzug an.«

»Welchen Feldzug?« fragte Page, der nicht die Rechte studiert hatte, um die Kriegskunst zu üben.

Hierauf erzählte ihm mein Onkel sein Abenteuer und den Plan, wie er sich zu rächen gedenke.

»Nehmt Euch in acht«, sagte der Advokat, »die Sache ist ernster, als Ihr meint. Um zunächst den Erfolg ins Auge zu fassen: hofft Ihr mit sieben oder acht Hinkebeinen eine Garnison von dreißig Domestiken zu überwältigen, die von einem Leutnant der Schloßwache angeführt wird?«

»Zwanzig Mann, und alle felddiensttauglich, Herr Advokat«, antwortete Herr Minxit.

»Mag sein«, sagte Page kühl; »aber das Schloß des Herrn von Kambyses ist mit Mauern verschanzt; werden diese Mauern, wie jene von Jericho, beim Schall der Zimbeln und der großen Pauke einfallen? Angenommen immerhin, daß Ihr das Schloß des Marquis im Sturm nehmt, so ist das ohne Zweifel eine schöne Waffentat; aber dieser Heldenstreich wird Euch schwerlich das Kreuz Ludwigs des Heiligen eintragen; wo Ihr nur einen guten Streich und gerechte Vergeltung seht, wird die Justiz Einbruch, Einsteigen, Hausfriedensbruch, Überfall zur Nachtzeit sehen, und alles das gegen einen Marquis! Das mindeste dieser Vergehen zieht Galeerenstrafe nach sich, das laßt Euch gesagt sein. Nach Eurem Siege müßt Ihr Euch also bescheiden, die Heimat aufzugeben, und wofür? um Euch von einem Marquis den Ritterkuß erteilen zu lassen!

Wenn man sich rächen kann ohne Schaden und Gefahr, lasse ich die Sache gelten; aber sich zu seinem eigenen Nachteil rächen, das ist eine Lächerlichkeit, eine Torheit. Du, Benjamin, sagst, man habe dich beleidigt; aber was ist das, eine Beleidigung? Fast immer ein Akt der Brutalität, begangen von dem Stärkeren auf Kosten des Schwächeren. Wie soll nun die Brutalität eines andern deiner Ehre etwas anhaben können? Ist es dein Fehler, daß der Mensch ein elender Wilder ist, der kein anderes Recht kennt als die Gewalt? Bist du für seine Gemeinheiten verantwortlich? Wenn dir ein Ziegel auf den Kopf fiele, würdest du auf ihn losstürzen, um ihn in Stücke zu schlagen? Würdest du dich von einem Hund beleidigt fühlen, der dich gebissen hätte, und würdest du ihn fordern? Wenn die Beleidigung einen entehrt, so ist es der Beleidiger: alle anständigen Leute sind auf Seiten des Beleidigten. Wenn ein Metzger einen Hammel mißhandelt, entrüstet man sich etwa gegen den Hammel?

Wenn das Übel, das du deinem Beleidiger zufügst, dich von dem heilen könnte, was er dir angetan hat, würde ich deinen Rachedurst begreifen; aber falls du der Schwächere bist, ziehst du dir nur neue Mißhelligkeiten zu; falls du dagegen der Stärkere bist, so hast du die Mühe, deinen Gegner zu schlagen, auf deiner Seite. So spielt denn der Mensch, der sich rächt, immer die Rolle des Genarrten. Die Vorschrift Christi, die uns befiehlt, denen zu vergeben, die uns beleidigt haben, ist nicht nur eine schöne Moralvorschrift, sondern auch ein guter Rat. Aus alledem schließe ich, daß du gut tun wirst, mein teurer Benjamin, die Ehre, die der Marquis dir angetan hat, zu vergessen und mit uns bis in die Nacht zu trinken, um die Erinnerung daran völlig zu zerstören.«

»Was mich betrifft, so teile ich die Ansicht des Gevatters Page durchaus nicht; es ist immer angenehm und manchmal nützlich, das Übel, das man uns zugefügt hat, gehörig zu vergelten: es ist eine Lektion, die man dem Übeltäter erteilt. Er soll wissen, daß es auf seine Kappe geht, wenn er sich seinen böswilligen Instinkten überläßt. Die Schlange, die dich gestochen hat, fortkriechen zu lassen, wenn man ihr den Kopf zertreten kann, und dem Bösartigen zu verzeihen, das ist ein und dasselbe; in diesem Falle ist der Edelmut nicht nur eine Einfältigkeit, sondern auch ein Unrecht gegen die Gesellschaft. Wenn Jesus Christus gesagt hat: ›Vergebt euren Feinden‹, so hat der heilige Petrus dem Malchus das Ohr abgehauen. Das ist der Ausgleich.«

Mein Onkel war sehr starrköpfig, so starrköpfig, als wenn er der Sohn eines Gauls und einer Eselin gewesen wäre – und überhaupt ist die Starrköpfigkeit ein Erbfehler in unserer Familie –; indessen gab er zu, daß der Advokat Page recht habe.

»Ich glaube, Herr Minxit«, sagte er, »Sie täten gut daran, Ihren Degen in die Scheide zu stecken und Ihren Federhut in sein Futteral. Man soll keine Kriege führen, außer um ganz schwerwiegende Dinge, und der König, der ohne die äußerste Notwendigkeit einen Teil seines Volkes zu jenen Schlachtbänken führt, die man Felder der Ehre nennt, ist ein Mörder. Sie fühlten sich vielleicht geschmeichelt, Herr Minxit, einen Platz unter den Heroen einzunehmen; aber der Ruhm eines Generals, was ist das? Städte in Trümmern, Dörfer in Asche, Felder in Verwüstung, der Vertierung der Soldaten hingegebene Weiber, in Gefangenschaft fortgeschleppte Kinder, in den Kellern zerschlagene Weinfässer. Alles das ist schrecklich, und mich schaudert, wenn ich daran denke.«

»Was erzählst du mir da?« antwortete Herr Minxit; »es handelt sich nur um ein paar Rippenstöße, die man einigen alten zerfallenen Mauern beibringen will.«

»Nun also!« sagte mein Onkel, »warum sich die Mühe geben, sie einzurennen, wenn sie selbst den guten Willen haben, umzufallen? Glaubt mir: gebt diesem schönen Lande den Frieden wieder; ich wäre ein nichtswürdiger Feigling, wenn ich es zulassen wollte, daß, um eine mir ganz persönlich zugefügte Beleidigung zu rächen, ihr euch alle vielfältigen Gefahren aussetzen solltet, die notwendig aus unserm Feldzug hervorgehen.«

»Ich aber«, sagte Herr Minxit, »ich habe nicht minder persönliche Beleidigungen an diesem Junker zu rächen; er hat mir, um mich zu narren, Pferdeurin zum Beschauen geschickt statt Menschenurin.«

»Ein schöner Grund, sich sechs Jahre Galeere aufzuladen! Nein, Herr Minxit, die Nachwelt würde Sie nicht freisprechen. Wenn Sie nicht an sich denken, denken Sie an Ihre Tochter, an Ihre geliebte Arabella! Was hätte sie noch für Spaß daran, so guten Rahmkäse zu machen, wenn Sie nicht mehr da wären, ihn zu essen?«

Dieser Appell an die väterlichen Gefühle des alten Doktors verfehlte nicht seine Wirkung.

»Wenigstens versprichst du mir«, sagte er, »dem Herrn von Kambyses seine Unverschämtheit heimzuzahlen; denn du bist mein Schwiegersohn, und somit stehen wir in Ehrensachen solidarisch einer für den andern.«

»Oh, was das betrifft, beruhigen Sie sich, Herr Minxit, ich werde auf den Marquis ein wachsames Auge haben; ich werde ihn mit der geduldigen Aufmerksamkeit einer Katze beobachten, die einer Maus auflauert; einen oder den andern Tag werde ich ihn einmal allein und ohne Gefolge erwischen; dann soll er sein Adelsrapier mit meinem Degen messen, oder ich haue ihn durch nach Herzenslust. Natürlich, ich kann nicht schwören wie die alten Haudegen, meinen Bart wachsen zu lassen oder trocken Brot zu essen, bis ich mich gerächt habe, denn das eine widerspräche unserer Berufssitte und das andere meinem Temperament; aber ich schwöre, nicht eher Ihr Schwiegersohn zu werden, als bis die mir angetane Beleidigung eine glänzende Genugtuung erfahren hat.«

»Nichts da!« antwortete Herr Minxit, »du gehst zu weit, Benjamin; ich nehme diesen gottlosen Schwur nicht an. Du mußt im Gegenteil meine Tochter heiraten; du kannst dich ebensogut nachher wie vorher rächen.«

»Aber bedenken Sie doch, Herr Minxit: von dem Augenblick an, wo ich die Verpflichtung übernommen habe, mich mit dem Marquis auf Tod und Leben zu schlagen, habe ich nicht mehr über mein Leben zu verfügen; ich kann mir nicht erlauben, Ihre Tochter zu heiraten, um sie vielleicht am Morgen nach ihrer Hochzeit als Witwe zu hinterlassen.«

Der gute Doktor suchte den Entschluß meines Onkels zu erschüttern; als er jedoch sah, daß er nicht zum Ziele komme, entschied er sich, seinen Anzug zu wechseln und seine Armee zu beurlauben. So endete dieser große Feldzug, der die Menschheit wenig Blut, aber Herrn Minxit viel Wein gekostet hat.

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