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Johann Gottfried Seume: Mein Leben - Kapitel 10
Quellenangabe
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authorJohann Gottfried Seume
titleMein Leben
publisherPhilipp Reclam jun.
year1961
firstpub1813
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In dieser Zeit machte ich Münchhausens oder er vielmehr meine Bekanntschaft. Ich saß im Zelte und wärmte mich gegen die nasse Kälte etwas an Flaccus' Odenfeuer, da schlug ein Offizier den Zeltflügel zurück und fragte, ob ich der Sergeant Seume wäre. Da ich denn der war, hieß er mich herauskommen. Ich warf mich in die Ordonnanz und trat hervor; er belugte mich etwas neugierig, faßte mich am Arm, und fort ging's durch mehrere Kompaniegassen dem Ende des Lagers zu, wo sein Zelt stand. Ich wartete der Dinge, die da kommen sollten, da der Herr unterwegs ziemlich einsilbig war. In seinem Zelte lagen auf dem Tische einige Verse, die er mir hingab und mich fragte, ob sie von mir wären. Ich besah sie und sagte ja. Es war eine tragikomische Elegie über unser Leben im Lager, die, wie der Gegenstand selbst, lächerlich-weinerlich genug sein mochte. »Wir müssen bekannter werden«, sagte er. »Sehr gern«, sagte ich. Er bat mich auf ein Stückchen Wildbraten; denn er ist bekanntlich ein trefflicher Waidmann, den Abend zu Tische, und da in meinem Zelte Schmalhans Küchenmeister war, so kam mir die Einladung sehr willkommen. Seitdem waren wir fast überall zusammen, wenn uns der Dienst nicht trennte, welches leider denn oft genug geschah. Münchhausen war damals, wie Johnson sich ausdrückt, a man of sound strong unletter'd sense, ein Mann von gesundem, gediegenem, ungelehrtem Verstande, welches ihm und mir sehr zustatten kam; denn ich hatte verdammt viel Schulstaub und nicht wenig Schuldünkel an mir, obgleich meine klassischen Kenntnisse noch sehr leicht waren. Sein Beifall war nun meine beste Belohnung und seine Kritik meine beste Belehrung. Ich begriff, daß bloße Schule nicht alles sei, und er fand, daß die Schule doch vieles sei und desto mehr, wenn sie durchaus Zögling und Folgerin der bessern Natur ist.

Es hatte sich ein freundschaftlicher Zirkel von Offizieren gebildet, in den man mich unvermerkt fast unzertrennlich hineinzog und mit vieler Herzlichkeit behandelte. Münchhausen war stillschweigend durch seine Mischung von Ernst, Bonhommie und heiterer Laune darin die Hauptperson. Jeder trug das seinige dazu bei, die Unterhaltung und die Menage zu würzen. Die meisten jungen Herren waren tüchtige Nimrode, und so fehlte es uns selten an etwas frischem Wild auf den Tisch; denn die Lieferungsartikel, ausgenommen das Brot, welches vortrefflich war, waren nicht viel besser als auf dem Schiffe. Die Lieblingsneigung eines jungen Mannes, welcher Buttlar hieß, zur Konditorei machte besonders unsere Desserte sehr reich und köstlich, da es uns an Ingredienzen nicht fehlte, und ich erinnere mich, selten besseres Backwerk genossen zu haben als aus seiner Offizin. Es war keine uninteressante Gruppe, wenn einer eine wilde Ente spickte, der andere Madeira brachte, der dritte das Gewehr putzte, der vierte Dienstaudienz gab, der fünfte mit Schürze und Geschirr vor dem Kamine Pastetchen schuf, der sechste den possierlichen Ansteller machte und der siebente im Julius Cäsar las, aber mehr auf die Ente und die Pastetchen als auf den Text sah. Der Dominus Konditor hatte eine paradiesische Freude und ein ganz verklärtes Antlitz, wenn wir seinem Machwerk durch heroisches Essen und kräftige Lobsprüche Ehre erwiesen; denn er genoß selten etwas davon. Nun gab es aber undankbare Schäker, die zuweilen nach dem Genuß eine bittere Kritik darüber anfingen, und dann geriet nicht selten der junge Künstler in so heftiges Feuer, daß er Pfannen, Kasserolle, Kuchenformen und alle Gerätschaften zornentflammt durcheinanderwarf und dreimal heilig schwur, er wolle für uns undankbare Gesellen keine Schürze mehr umbinden; welches er dann nach echter Dilettantenart gewöhnlich drei Tage hielt, wo ihn die Naturschwachheit und Gutmütigkeit wieder besiegte. Es gelang den Herren nicht, mich zum Jäger zu machen, ob ich gleich zuweilen aus Gefälligkeit mitzog, aber auch wohl allein mit dem Gewehr am Wasser herumstreifte, woran vorzüglich mein kurzes Auge Schuld haben mochte. Denn von Jugend auf konnte ich nur auf eine kleine Entfernung bestimmt sehen, ob ich gleich in der Nähe sehr scharf sah und die kleinste Schrift bei Mondschein las, welches noch jetzt ziemlich unverändert ebenso ist. In der alten Welt habe ich nie gefischt, außer zuweilen als Knabe mit meinem Vater in der Rippach, welche herrliche Schmerlen enthielt; in Amerika verführte mich der Reichtum des Fischzugs nicht selten zu diesem Vergnügen, wo ich in einer Stunde manchmal mehr Hummer und black salmon, eine Art kleinere, schwarzbraune Lachse, fing, als ich nach Hause zu bringen imstande war. Da beide Arten nicht zu meinem Geschmack gehörten, schenkte ich sie gewöhnlich dem Ersten, der sie haben wollte. Für Hummer wählte ich kleinere, zartere Krebse, und von den Fischen waren Aale, Makrelen, Kabeljaus und einige Schollenarten meine Lieblinge, die alle sehr reichlich und sehr wohlfeil dort zu haben waren; denn für einen englischen Stüber wurde ein Kabeljau gekauft, der mit dem Kopf auf der Schulter lag und mit dem Schwanze nicht selten die Erde berührte. Die Fische waren zwar im Lager als fiebererzeugend verboten; aber ich ließ mich nicht abhalten, meiner Liebhaberei zu folgen, und mußte selbst einmal dafür auf der Brandwache sitzen. Sie haben mir nie geschadet, vielleicht weil ich sie sehr einfach und meistens gebraten aß. Das war besonders der Fall mit einer sehr großen Sorte Heringe, die zum Einsalzen, wenigstens für die dortige Kunst, zu mächtig waren, aber einen herrlichen Bratfisch gaben. Ich bin nicht Naturhistoriker; aber es macht mir oft ein eigenes Vergnügen, das Geschlecht der Heringe nach meiner Meinung durchzugehen, von dem großen, ellenlangen amerikanischen Heringe herab bis zu der athenischen Aphye, die nur das Feuer zu riechen brauchte, um gekocht zu sein, und die auch mit zu den Heringen zu gehören scheint. Dazwischen liegen der englische, der holländische, der schwedische, der dänische Hering, die Strömlinge und Killoströmlinge, vorzüglich aus dem Peipussee, die Sprotten, die Anchovie, die Sardelle, die mit der Aphye fast eins zu sein scheint, und weiß der Himmel, wie viele Arten noch in den indischen Meeren leben, mit denen ich unbekannt bin.

Münchhausen munterte mich beständig auf zur Arbeit, das hieß zum Dichten, wozu ich aber weder viel Zeit noch Lust hatte. Auch kann ich mich nur weniger Kleinigkeiten erinnern, die ich damals geschrieben hätte, und keiner einzigen, die verdient hätte, aufbewahrt zu werden, wäre es auch nur als Beleg der Bildungsgeschichte; alles war höchst mittelmäßig. Dafür lief ich, wenn ich Zeit hatte, mit Horaz oder Virgil in der Hand, oder auch wohl mit einem alten Homer, in den Wäldern herum, lagerte mich in einer Grotte oder alten Baumgruppe und vergaß nicht selten über meinen Lieblingsstellen den Sonnenuntergang, so daß ich sehr spät in das Lager oder die Kasernen zurückkam. Daneben waren ein alter Hagedorn und ein Exemplar von Hölty, die ich irgendwo aufgetrieben hatte, meine Begleiter. Das Beste von Hölty wußte ich damals auswendig, wozu noch jetzt bei mir seine berühmten Traumbilder nicht gehören. Die Elegie am Grabe eines Dorfmädchens und am Grabe seines Vaters sind für mich noch jetzt die lieblichste Wehmut, die ich in der Literatur kenne. Ich zeigte Münchhausen die Schönheiten und ihre Gründe, welches mir bei ihm sehr leicht ward; denn ich habe selten eine Seele für wahre Schönheit empfänglicher und enthusiastischer gefunden als die seinige. Er bedauerte, daß er mir in den Klassikern nicht folgen konnte; aber was ich ihm daraus übersetzte, so wenig meisterhaft auch die Übersetzung sein mochte, bewies ihm doch, daß meine Vorliebe für sie kein Vorurteil war, und weckte ganz leise die Neigung, die bald Entschluß und Ausführung ward, selbst bekannt zu werden mit diesen reichen Schätzen echter Kunst. Er überraschte mich einige Jahre nachher mit einer Kenntnis, die in Erstaunen setzte. In manchem Alten, vorzüglich im Flaccus, den er etwas hyperbolisch verehrte, hatte er mich zurückgelassen.

Der Dienst war, zumal für mich als Unteroffizier, beschwerlich genug und ließ nicht viel Zeit übrig. Überdies spannte mich noch dazu der Oberst Hatzfeld in das Joch als Schreibersknecht, so daß ich die noch übrigen Mußestunden beim Adjutanten als Adjuvant saß, mir fast die Finger krumm schmierte und weiter nichts erntete als ein freundliches »Wir bleiben Euch in Gnaden gewogen«, wovon doch am Ende selbst Taubmanns Katze ihr bißchen Geist aufgab. Ich hatte bei dieser Veranlassung einen sehr tragikomischen Auftritt auf meine Unkosten. Niemand bemerkte die Runzeln und den Murrsinn auf meiner Stirne; das hieß tagaus, tagein: schreib, Teufel, schreib; bis ich in meinem verkehrten Sinn auf ein verzweifeltes Mittel geriet, mich zu befreien. Sowie ich von der Wache kam, nahm ich mein Gewehr und ging in den Wald, um nicht zugegen zu sein, wenn, wie ich vermutete, die Botschaft zur Schreiberei kommen sollte. Das geschah: meine Entfernung wurde sogleich auch als absichtlich mit ziemlich boshaften Zusätzen durch die gehörigen Instanzen rapportiert. »Du wirst den Teufel auf den Hals bekommen«, riefen mir meine Kameraden zu, als ich zurückkam, »der Oberst hat zweimal geschickt; du sollst schreiben.« »So«, sagte ich, »es ist gut.« »Ich glaube vielmehr, es ist nicht gut«, meinte der Feldwebel, »auch kommen Sie morgen wieder auf die Wache; es sind zwei auf Kommando gegangen.« Den andern Morgen stand ich in der Front der Wachtparade, als der Oberst ziemlich grimmig auf mich zu kam und mir im Eifer einen Knopf vom Rocke drehte. Der Oberst war ein kolossalischer Mann, der auftrat wie ein Herkules, mit dem Blicke Funken sprühte und eine Stimme sprach wie eine Quartposaune, übrigens aber noch ziemlich human und wohlwollend war. Er soll zu seiner Zeit, wie man sagte, zu Rinteln mächtig renommiert haben. »Wo ist der Herr gestern gewesen?« donnerte er mich an. »Auf der Jagd.« Jedermann wußte, daß ich sonst eben kein Jäger war. »Ich will den Sakrementer jagen«, fing er an und hielt eine kurze Art von energischer Galgenpredigt, deren Finale war, daß ich aus der Front ohne Säbel sogleich in die Wache befördert wurde. Nach der Parole wurde Exekution mit dem kalten Eisen gehalten, immer unter Fortsetzung des obigen erbaulichen Sermons von Distinktion und Unerkenntlichkeit und Halsstarrigkeit, mit einigen starken Donnerwettern durchschossen, die sein furchtbarer Baß ziemlich gut nachahmte. Sodann ging es wieder in die Wache. Den andern Morgen, als ich freigelassen wurde, oder vielmehr als man die Kette etwas länger ließ, meldete ich mich ordonnanzmäßig bei den Instanzen, und also auch bei dem Obersten. »Sind wir nicht ein Paar recht dumme deutsche Dorfteufel«, kam er mir komisch polternd entgegen, »daß wir uns nicht friedlich vertragen können und uns da so zanken und streiten müssen!« – »Ich darf nicht widersprechen, Herr Oberst«, brummte ich halblaut mürrisch, skoptisch durch den Bart. »Zum Teufel, Herr, sei Er nicht impertinent!« rief er. Nun fing ich an zu exponieren in aller Ordnung mit Bestimmtheit: daß der Dienst hart und strenge sei, daß ich von Wachen, Visitieren, Kommandos wenig Nächte frei habe, daß, wenn meine Kameraden ausruheten, ich halb schlaftrunken mich am Schreibtische quälen müsse, daß ich das nicht aushalten könne usw. Der Oberst rieb die Stirne, meinte, dem Dinge könne wohl abgeholfen werden; nur habe ich eine sehr schlechte Methode ergriffen. Da hatte er recht. Nun frühstückten wir zusammen; er befahl, mich vom gewöhnlichen Dienst zu befreien, außer wenn das Bataillon manövrierte, um nur schreiben zu helfen; und dazu gab er mir monatlich einige spanische Taler Zulage. Die Ausgleichung war besser als der Prozeß. Die größte Freude über meinen Unfall hatte wohl das Zöfchen, dem ich auf der Weser auf dem Speiseschiffe im Amtseifer so strenge mitgespielt hatte und das jetzt recht stattlich bei dem Major, wie man sagte, eine Art von haushälterischer Liebschaft machte. Sie lächelte mich so schadenfreundlich an, als ich mich vom Arreste meldete, als ob sie mir den ganzen Auftritt bei Bremen zurückgeben wollte.

Nun ging es gut; ich schrieb eine lange Zeit viel Regimentslisten und tat übrigens sehr wenig. Die Arbeit war zwar trocken und langweilig genug, da oft wegen eines alten, morschen Pfannendeckels, der nicht zwei Pfennige wert war, einige Bogen umkopiert werden mußten; dafür fing aber eben auch damals dort das papierne Jahrhundert recht praktisch an und hat seit der Zeit gehörige reichliche Früchte getragen. Bei Münchhausen konnte ich nun nicht so oft sein, als ich wünschte und er zu wünschen schien, und die guten Leute hoben mir manchmal mein Stück wilde Ente und einige Pastetchen auf, bis ich erst spät zur Partie kommen konnte. Ich tat abwechselnd Dienste, nach dem Behuf, als Korporal, Sergeant, Fourier und Feldwebel, so daß ich alle Süßigkeiten des kleinen Soldatenlebens auskosten konnte. Als Fourier war ich ein reicher Mann, weil bei den Lieferungen immer etwas an Brot, Butter, Fleisch, Rum usw. übrigblieb; nur ein einziges Mal mußte ich über zehn spanische Taler zusetzen; da hieß es denn, tut der Herr nicht die Augen auf, so tue er den Beutel auf.

An eigene Arbeit wurde jetzt wenig gedacht, so sehr mich auch Münchhausen antrieb; einige Kleinigkeiten verdienen nicht Erwähnung. Nur ein einziges Stück, das eine Art von Jagdstück war, wäre vielleicht nicht ganz unwert, als Bildungsanfang mit aufbehalten zu werden, wenn nur noch irgendwo etwas davon zu finden wäre als in den Winkeln meines Gedächtnisses, wo nicht viel davon übrig ist. Einiger Verse erinnere ich mich; sie lauteten, glaube ich, so:

Laß uns ruhen, Freund, in dieser Höhle,
Auf dem alten grauen Steine da,
Den vielleicht noch keine Menschenseele
Seit dem ersten Tag der Erde sah.

Ha, wie schauervoll und furchtbar siehet
Hier das Antlitz unsrer Mutter aus!
Wie die Allmacht sie dem Nichts entziehet,
Liegt sie hier, Natur, in Schreck und Graus.

Felsen, seit der Flut noch unbestiegen,
Heben schwer ihr schwarzes Haupt empor,
Und um ihre dunkeln Schädel fliegen
Ungewitter aus der Kluft hervor.

Kreuzend liegen tausendjähr'ge Eichen
Durcheinander, die das Alter fraß;
Morsche, eingeborstne Stämme zeigen,
Daß den Wald hier nie ein Förster maß.

Kein gesellig Tier besucht die Klüfte,
Wohin nie der Fuß des Wandrers dringt,
Wo kein Vogel durch die leeren Lüfte
Eine Melodie der Freude singt.

Nur zuweilen brummt in tiefem Grimme
Ein bejahrter Bär aus seiner Gruft
Durch die Felsen, wo mit heisrer Stimme
Nur ein alter grauer Adler ruft.

Doch vielleicht kann noch ein Wilder lauschen,
Der zum Mord sein krummes Messer schleift,
und sodann in blitzgeschwindem Rauschen
Uns den Schädel von dem Hirne streift usw.

Das übrige ist verwischt und wohl schwerlich irgendwo wieder zu finden oder des Aufsuchens wert. Das Skalpieren der Wilden ist bekannt genug, und man erzählt davon fürchterliche Beispiele. Mir selbst ist keines bekannt geworden. Sie skalpieren sehr ehrlich nur ihre Feinde, und unsere Wilden waren durchaus nur freundschaftliche Leute. Ich kann wenig von ihnen sagen, was nicht schon bekannt wäre. Sie kamen sehr häufig in großer Anzahl in die Stadt, um ihre Jagdbeute zu verkaufen, die meistens aus Moostieren, Geflügel und zuweilen Fischen, vorzüglich Aalen, bestand. Dafür bekamen sie Rum, europäische Bedürfnisse und spanische Taler. Sie wußten den Wert des Geldes schon sehr gut zu schätzen und betrogen ebensooft, als sie betrogen wurden. Das Moostier oder das Elen ist ein majestätisches Geschöpf, das an Größe dem größten Holsteiner Pferde nichts nachgibt, Schaufelgeweihe wie der Damhirsch hat, die prächtig und furchtbar ausgreifen und ihm ein schreckbares Ansehen geben. Das Fleisch ist nicht immer gut; von einem jungen kann man es zu den Leckerbissen zählen, wenn es gut zubereitet wird. Man kann sich die Menge dieser Tiere denken, die dort müssen gewesen sein, da ganze englische Regimenter Tornister von Elensfellen hatten. Die sogenannten Wilden waren nicht viel schlechter gekleidet, als ich die Letten, Esten und Finnen gefunden habe. Ein grobes, graues Tuch, künstlich genug um den Körper gewickelt, machte das Hauptbekleidungsstück. Sie kamen gewöhnlich zur See, in ihren bekannten Booten von Birkenrinde, die meisterhaft gebaut waren und die sie mit ihren kleinen Rudern ebenso meisterhaft zu führen verstanden. Die englischen Matrosen, die es ihnen nachtun wollten, verloren sehr oft das Gleichgewicht und fielen in die See, worüber denn die Indier und über das europäische schwerfällige Schwimmen recht herzlich lachten. Sie machen mit diesen Booten große Küstenreisen und stechen damit außerordentlich weit in die See. Ich erinnere mich eines Falles, der uns wenigstens ziemlich unterhaltend war. Ich hatte auf einer kleinen Außenbatterie die Wache, saß auf einer Kanone und schaute behaglich in die See hinaus, die eben ziemlich hoch und hohl ging. Da entdeckten wir in großer Ferne etwas, worüber jeder seine eigenen Mutmaßungen hatte, was es wohl sein könnte. Keiner riet die Wahrheit. Als es näher kam, sahen wir, es war ein indisches Birkenboot, das der Wind gerade zu uns ans Ufer trieb. Wir eilten hinab, und es lag ein ziemlich alter Uramerikaner darin, der in Sturm und Wogenbruch recht ruhig schlief. Neben ihm lagen eine leere und eine halbleere Rumflasche, die seinem Schlummer sehr behilflich gewesen sein mochten. Er war nicht zu ermuntern; denn sein Zustand ist leicht zu erraten. Wir führten ihn hinauf ins Wachthaus, legten ihn auf dem ruhigsten Ort der Pritsche nieder, wo er lethargisch fortschlief. Das Boot zogen wir ans Land, die Flaschen bargen wir; den Beutel, den er am Gürtel trug, und in dem vierzig spanische Taler waren, schloß ich aus Vorsicht in den Schrank. Als er ernüchtert erwachte, blickte er wild verwundert um sich, daß er sich auf einer europäischen Wache befand. Da wir ihm aber die gefährliche Lage bedeuteten, in welcher er sich befunden hatte, ward er heiter und schien im Begriff zu sein, uns danken zu wollen; da er aber auf den Gürtel blickte und seinen Beutel vermißte, ward sein Gesicht länger und breiter, und ein Gemisch von Gefühlen schien in seiner Seele zu arbeiten, die alle besagten: Ha, ha! so ist's? Du bist unter die weißen Leute geraten; als ich ihm aber den Beutel aus dem Schranke darreichte und er schnell am Anblick merkte, daß wohl nichts fehlen würde, er wohl auch eilig den Schluß machen mochte, daß man nicht einen Teil behalten würde, wo man des Ganzen Meister war, ward seine Freude urpatriarchalische Ausgelassenheit. Er umarmte einen nach dem andern, und man sah ihm an, daß ihm das Geld nicht so lieb war als die Gesellschaft ehrlicher Leute; und als er die Summe endlich vollzählig fand, bestand er durchaus darauf, die Wache sollte eine Handvoll Taler nehmen. Ich hatte gute Gründe, das zu verweigern; aber einige mußten wir behalten. Nun bugsierten wir ihn wieder in sein Boot, mit guten Erinnerungen und Warnungen vor der Rumflasche. Er schien ganz Dankbarkeit; das Wetter war besser und er ruderte gutes Mutes durch die Bucht in den Ozean hinaus. Ein andermal hatte ich auf dem nämlichen Platze den grauenvollen, großen Anblick, daß ein schönes, herrliches Schiff aus Unkunde des Weges bei starkem widrigem Winde auf einen verborgenen Felsen lief. Ich hatte lange mit ängstlicher Teilnahme zugesehen, wie es mit Mühe und Schwierigkeit hereinlavierte. Meine Augen waren mit gespannter Aufmerksamkeit dahin geheftet; meine Seele war ganz auf dem Schiffe, da setzte es in keiner großen Entfernung mit einem furchtbar krachenden Stoß auf das versteckte Riff, so daß die Masten zusammenbrachen und die ganze Maschine in Trümmer zu zerbersten drohte. Das Geschrei der Leute war herzschneidend. Sogleich fielen einige Notschüsse, und sogleich eilten einige größere Schiffe, an ihrer Spitze eine Fregatte, und eine Menge kleinere Fahrzeuge zur Hilfe heraus. Von der Mannschaft wurde alles gerettet; aber von der Ladung fast nichts, da sie aus lauter Artikeln bestand, die nicht das Wasser vertragen konnten. Das schöne, fast ganz neue Schiff saß fest auf der Spitze, die ein ungeheures Leck gerade unten mitten am Kiel eingebrochen hatte, und weder menschliche Kraft noch Kunst war es herabzubringen imstande, bis endlich eine sehr einfache Maschinerie es mit der großen Springflut herunterhob. Man legte nämlich bei der niedrigsten Ebbe auf beiden Seiten eine Menge großer leerer Rumfässer, befestigte sie korrespondierend unter dem Kiel weg mit Tauen, und auf diese Weise hoben die vielen leeren Gefäße mit Hilfe der hohen Flut das Schiff aus dem Riff heraus und brachten es glücklich herein auf die Werft. Ich war durch einen glücklichen Zufall eben wieder gegenwärtig, als es herabgehoben und hereinbugsiert wurde. Die Wilden benahmen sich, soviel ich habe beobachten können, immer anständig; doch soll das nicht stets der Fall gewesen sein, und der Gouverneur soll sie militärisch haben einstecken lassen müssen, um ihren Natürlichkeiten in Hinsicht des Geschlechts Einhalt zu tun. Wenn sie des Rums etwas voll und lustig wurden, führten sie drollig genug sogleich am Ufer den Ball auf und tanzten nach einer Art von brummendem Gesang, wozu einige mit Kieselsteinen aus dem Stegreife den Takt schlugen. Wir kamen nicht selten auf unseren größeren Streifereien in ihre Hütten an Felsen und Bächen, die meisten hatten sich tiefer zurückgezogen; ich habe aber nie gehört, daß sie einem von den Unsrigen etwas zuleide getan hätten, und dann wäre es wahrscheinlich bloß die Schuld des Europäers gewesen. Einige hielten es mit uns, einige mit den Republikanern, nachdem ihre Stimmung und Lage war, und es wäre wohl schwerlich zu entscheiden, ob sie hier oder dort mehr betrogen wurden. Mit dem Feuergewehr wußten sie schon seit langer Zeit sehr geschickt umzugehen und hatten gemeiniglich alte, große, lange holländische Schießprügel, mit welchen sie mehrere hundert Schritte vortrefflich das Ziel trafen und manchen Posten im Gebüsche wegschossen, ohne daß man gewahr werden konnte, woher die Kugel kam. Als die Franzosen noch Herren von Kanada waren, ließen sie sich's angelegen sein, durch ihre Missionarien die Amerikaner ins Christentum einzupferchen; daher noch mancher Alte unter ihnen, wenn er die Glocke hört, sein Kreuz schlägt und »au nom de dieu, du père, du fils et du saint esprit« dazu sagt. Das schien indessen auch der ganze Überrest von Kenntnis in Sprache und Religion zu sein. Die Engländer bekümmern sich um das Bekehrungsgeschäft wenig oder gar nicht; das hätte nichts zu sagen, da man die Neubekehrten nur gar zu gern in die Verhältnisse der Letten und Esten treten läßt; wenn man die armen Urbewohner nur nicht echt europäisch-christlich von allen Seiten so zurückzwänge, daß ihnen in kurzem nichts als der Hals von Kalifornien oder die unbekannten Eisländer übrigbleiben werden. Die ich gesehen habe, waren alle ein großer schöner, nerviger Menschenschlag mit länglich regelmäßigen Gesichtern, ungefähr wie die alten echten Brandenburger. Ich erinnere mich nicht einen unter ihnen gesehen zu haben, der über fünf Fuß neun Zoll oder unter fünf Fuß drei Zoll gewesen wäre; also sehr selten war einer so klein wie meine eigene Personalität, die doch unter uns noch nicht zwerghaft ist. Die kupferbraune Farbe kleidete die Männer sehr anständig ernsthaft; ungefähr wie bei uns ein Grenadier, der ein halbes Dutzend Feldzüge mitgemacht hat, eine Farbe bekommt, die von seinem Feldkessel nicht sehr verschieden ist. Aber die nämlichen Züge und die nämliche Farbe sind den weiblichen Reizen nichts weniger als günstig; und ich habe keine Indianerin gesehen, die durch ihre Erscheinung den geringsten gefälligen Eindruck auf meinen europäischen Sinn gemacht hätte, ob ich gleich eine Menge junger Mädchen gesehen habe und damals selbst ein junger, rüstiger Kerl war. Die meisten sprechen jetzt etwas Englisch, da sie vom höchsten Norden bis an die spanische Grenze hinab von lauter ursprünglich englischen Kolonien umgeben sind. Kriegerische Vorfälle haben wir außer einigen Märschen nicht gehabt; ein einziges Mal schien es zu etwas Ernsthaftem kommen zu wollen, da die Franzosen den Ort anzugreifen drohten. Aber außer einigen Schüssen von den äußersten Batterien fiel nichts vor: es blieb bei den Drohungen, vermutlich da sie die Engländer stärker und in besserer Bereitschaft fanden, als sie vermuteten. Mich ärgerte das; denn ich sah der Landung und dem blutigen Handel mit aller Neugier eines jungen Menschen entgegen, bei dem Kraftgefühl und Tätigkeitstrieb die natürliche Furchtsamkeit überwand. Wenn ich zuweilen von einigen Kriegsvorfällen gesprochen habe, als ob ich dort gegenwärtig dabei gewesen wäre, so ist das weniger jugendliche Eitelkeit gewesen, als vielmehr, weil mich die Leute durch ihr ungestümes Fragen hineinzwangen, und ich manchmal aus Ärger ja sagte, weil ich ständig nein gesagt hatte. Auch habe ich keine einzige Unwahrheit gesprochen, soviel ich mich erinnere; nur geschah nicht alles unter meinen Augen. Es tat mir nachher manchmal leid, da es doch gegen den Charakter der Wahrhaftigkeit ist, der immer mein Ziel war; aber ich wollte nicht gern zurücknehmen und habe mich seit der Zeit gehütet, eine Silbe über die strengste Wahrheit zu sagen: gegen dieselbe sprach ich nie.

So kam denn endlich die Nachricht vom Frieden uns eben nicht erwünscht; denn junge tatendurstige Leute sehen nicht gern ihrer Bahn ein Ziel gesteckt. Man hatte mir geschmeichelt, ich könnte Offizier werden und mir eine Laufbahn eröffnen. Mit dem Frieden war alles geschlossen; denn nach unserer Ordnung konnte kein Bürgerlicher in der Regel weiter aspirieren als bis zum Feldwebel; ein Ehrenposten, dessen lebenslängliche Dauer ich eben nicht sehr beneidete. Bei uns mußte man Edelmann sein oder viel Geld haben, um im Staate ein Mann zu werden: zwei Verdienste, deren philosophische Gültigkeit jedem Vernünftigen sogleich in die Augen springt. Zuweilen tat Verbindung und Empfehlung auch etwas, und noch seltener wurde zufälligerweise auch wohl wirkliches Talent bemerkt. Im Kriege, wo oft periculum in mora ist, wo man Männer für Ämter und nicht Ämter für Männer sucht, sind die Ausnahmen häufiger, und es tritt da, dem Kastengeist zum schweren Ärger, nicht selten das alte primitive impertinente Menschenrecht wieder ein, daß jeder nur das gilt, was er wert ist. Doch hat es bei uns noch lange Zeit, ehe es dahin im allgemeinen kommt: der Mensch gilt durchaus nur das, wozu ihn der Staat stempelt, und es ist keine Gefahr, daß Vernunft die Stempelordnung machen und halten werde.

Ich hatte in Amerika einen Freund, von dem ich nicht weiß, wo ihn das Schicksal hingeschlagen hat, der zu den besten gehört, die ich je gehabt habe; einen gewissen Serre aus Halberstadt, von der französischen Kolonie, der einige Zeit bei seinem Anverwandten Lavater in der Schweiz gewesen war, und dessen besseren, vernünftigeren Enthusiasmus glühend heiß besaß. Dieser war Unteroffizier wie ich, ein junger, mutvoller, leichtsinniger Kerl. Das Leben englischer Söldlinge war uns eben nicht angenehm, und wir beide hatten uns mit dem Gedanken getröstet, wir würden uns gelegentlich den Republikanern anschließen können: ein sehr natürlicher, verzeihlicher Gedanke für junge Leute, die mehr mit Plutarch als mit Hobbes lebten. Die Gelegenheit wollte nicht kommen; Serre suchte sie also herbeizuführen, und er hatte eben den Entwurf gemacht, durch die großen Waldungen über die Buchten von Halifax nach Boston zu gehen; freilich eine Unternehmung auf Tod und Leben. Er hatte sich schon über die englischen Posten unterrichtet, für Munition und notwendige Bedürfnisse gesorgt, und die Ausführung war beschlossen, als eben der Friedensbote kam. Mich hatte nichts so sehr zurückgehalten als der Gedanke, Münchhausen zu verlassen, der mit so redlicher Freundschaft an mir hing; und die Sache war von der Beschaffenheit, daß sie durchaus keine Mitteilung litt. Die einzige Bedenklichkeit in unserer Freundschaft war, daß Münchhausen ein Edelmann war, der den Kopf voll alten Ritterwesens hatte, welches ich auf alle Fälle für halbe Barbarei hielt und noch halte. Freiheit und Gerechtigkeit hat bei Edelleuten einen ganz andern Sinn, als uns Philosophie und Staatswissenschaft lehrt, und das »verba valent sicut nummi« ist nirgends mehr anwendbar als in unserem sogenannten öffentlichen Rechte. Unserer Freundschaft stand also der Mangel endlicher Übereinstimmung entgegen, welches der Fall bei Serre nicht war, der übrigens weder Münchhausens moralischen Wert noch feinen Lebenstakt hatte. Der Friede zerschlug unsere Unternehmung, da wir nur nach Tätigkeit junger Leute geizten und nicht gesonnen waren, neben und unter Huronen und neuen Republikanern unser Leben fort zu vegetieren. Auf dem Schiffe wurde ich von Münchhausen getrennt; er kam auf ein anderes Fahrzeug. Der Guignon des Lebens wollte, daß ich ihn seit der Zeit nur zweimal wiedersah: einmal, als sich auf dem Meere unsere Schiffe so näherten, daß wir mit der größten Anstrengung uns einige Worte zurufen konnten; das andere Mal, als ich aus Italien und Frankreich kam und ihn in Schmalkalden besuchte.

Unser Leben in Halifax bestand in einem Drittel deutscher Gewöhnlichkeit, einem Drittel huronischer Wildheit und einem Drittel englischer Verfeinerung, und nach dem verschiedenen Charakter der Individuen stach eins von diesen Dritteln hervor. Bei mir blieb wohl meistens der Deutsche sitzen, obgleich Briten und Huronen mein Studium waren und bald diese, bald jene den Vorzug behielten. Ich habe schon oben gesagt, daß Halifax vielleicht einer der besten Häfen des Erdbodens ist. Diese Insel und das Fort St. George am Eingange ist eben stark genug, mit gehöriger Besatzung jeder beträchtlichen Flotte die Annäherung zu verwehren. Die Stadt selbst, am Ufer hin, tief in die Bucht hinein, hat ungefähr zehntausend Einwohner. Der englische Preis aller Artikel ist immer etwas höher als in andern Ländern, und im Kriege war er es dort ungewöhnlich. Ich erinnere mich, daß ich manchmal zum Abend nach unserm Gelde fast für acht Groschen Brot, für acht Groschen Butter und für acht Groschen Kartoffeln gegessen, und einmal für ein Stückchen Kälberbraten und einen Gurkensalat eine halbe Guinee bezahlt habe. Während eines ganzen Winters bestand mein Abendbrot fast immer aus geröstetem Butterbrot mit geräuchertem Lachs, dem wohlfeilsten Artikel der Gegend. Das Pfund frisches Fleisch kostete nicht selten nach unserm Gelde einen halben Taler; frisches Gemüse war kaum zu bezahlen. Dafür konnte aber auch ein Handarbeiter am Hafen täglich drei spanische Taler verdienen: alles kam ins gleiche. Verschiedene sparsame Kerle haben auf diese Weise mehrere hundert spanische Taler gesammelt und, wenn sie der Zufall verschonte, sie mit in die Heimat gebracht. Ich selbst hatte von dem Ertrag der Arbeitskommandos, welche von der Krone bezahlt wurden, einige schwere Goldstücke zurückgelegt. Einige echt soldatische Kameraden, in deren Taschen sich kein blindes Kupferstück hielt, hänselten mich aber so lange und drohten mir, mir bei meinem seligen Ende mit meinem eigenen Golde tüchtig das Maul zu zerschlagen, daß ich sie sehr bald wieder in Umlauf gesetzt hatte. Wenn Münchhausen nichts Wildes lieferte, und ich den schwarzstriefigen Kommisspeck und auch den Rauchlachs zum Überdruß gegessen hatte, schoß uns Serre in den Außengegenden auch wohl einen fetten Hund oder einen feisten Kater, deren frisches Fleisch und Fett uns nicht selten leckere Mahlzeiten gaben.

Unsere Hinfahrt dauerte, wie ich oben sagte, zweiundzwanzig Wochen, eine ungeheure Länge; den nämlichen Weg machten wir rückwärts in dreiundzwanzig Tagen; also machte ich eine der besten und eine der schlimmsten Fahrten mit. Heimwärts segelten wir, als flögen wir davon; und es gewährte ein eigenes, großes, kühnes Vergnügen, auf den ungeheuren Maschinen im Sturm dahergeschleudert zu werden. Es hatte sich eine große Menge Schiffe aller Arten und aller Nationen zuerst nach dem Frieden gesammelt, und wir liefen wohl über zweihundert zusammen in den Kanal ein, unter denen sich auch zwei amerikanische Fregatten mit der neuen freien Staatenflagge befanden, für einen Alt-Engländer wohl das größte Herzeleid, seitdem die britischen Flotten die Meere besegelten. Die letzte Nacht gehört zu den schönsten, die ich auf dem Wasser erlebt habe. Es war ein gewaltiger Gewittersturm auf dem Kanale in der Gegend von Portsmouth. Die zusammengeengte Flotte, das Heulen des Sturmes, das Schlagen des Tauwerks, das Rollen des Donners, das Leuchten der Blitze, das grelle Aufhellen der glühenden Wogen und das augenblickliche Schließen zur schwärzesten Nacht, das Rufen und Schreien der Matrosen, das Geläute der Glocken, der ferne, dumpfe Hall der Signalschüsse, das Dröhnen und Krachen der Schiffsfugen, und die Angst, daß wir vielleicht über Klippen stürzten – man denke sich die Wirkung des Ganzen auf die entzündete Einbildungskraft! Und mit dem sich heiternden Morgenhimmel waren wir wirklich in der Nähe der Kreideberge, die dem Lande den Namen Albion geben. Es war still und frisch und freundlich wie nach einer Gewitternacht, und die Schiffe schaukelten nur noch unwillkürlich heftig auf der empörten See. Bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten war es mein gewöhnliches Vergnügen, mich im Raum unter die Öffnung zu setzen und in die Höhe an den Horizont hinaus zu sehen; da sah ich denn die Schiffe rechts und links oben auf den Wellen tanzen. Man denke die Winkel, welche die Schiffe auf der Woge machen mußten, damit dieses möglich war. Oft war die Täuschung so groß, daß man minutenlang glaubte, ein Schiff sei von den Wellen verschlungen, das plötzlich mit Blitzesschnelle wieder auftauchte und ebenso wieder verschwand. Bei Deal lagen wir einige Zeit in den Dünen vor Anker, und da wurde es uns denn wohl einzeln erlaubt, an das Land zu gehen; das ist also das Ganze meines Aufenthaltes in Alt-England und kaum der Erwähnung wert. Die Fahrt über die Nordsee war diesmal sehr stürmisch und langweilig, welches desto verdrießlicher war, da die Reise über den Ozean so schnell ging und wir das übrige nur noch für einen Katzensprung hielten. Auf einmal befanden wir uns bei Cuxhaven und Ritzebüttel, vermutlich weil wir nicht in die Weser einlaufen konnten. Ich erinnere mich hier eines Vorfalls, der die außerordentliche Gewalt der Flut beweist. Ein Mensch saß auf dem Verschlage, der als Bequemlichkeit diente. Die Flut war im Ablaufen; er mochte sich's bequem machen, und sein ganzes Gewicht ruhte auf dem Seitenstücke: das Stück brach, er fiel hinunter, und obgleich zwei der besten Schwimmer sogleich nachsprangen, so war er doch augenblicklich verschwunden und wurde nicht wieder gesehen. Mit vieler Mühe rettete das ausgesetzte Boot nur die beiden Matrosen und hatte einige Stunden zu arbeiten, ehe es wieder an das Schiff kam. Nach einigen Tagen segelten wir wieder nach Bremerlee, wo wir Fahrzeuge wechselten und ebenso wieder hinaufbugsiert wurden, wie wir hinunterfuhren.

Hier erschreckte uns die Besorgnis, daß wir bei Minden würden an die Preußen verkauft werden. Es wurde laut gesprochen, und der bekannte gewissenlose Seelenschacher des alten Landgrafen machte die Sache nicht unwahrscheinlich. Serre also, ein gewisser Wurzner aus Gotha, und meine Personalität hatten bei Elsfleth den löblichen Entschluß gefaßt, uns den Fesseln der schändlichen Dienstbarkeit zu entziehen. Einige Nächte lauerten wir ohne Erfolg auf Gelegenheit; denn die Büchsenschützen hatten ihre geladenen Läufe überall hingerichtet. Aus Verdruß und Müdigkeit war ich auf meinem Habersack eingeschlafen, und als ich den Morgen erwachte, waren die beiden Hechte fort und hatten mich vermutlich mit Sicherheit nicht wecken können. Ich kratzte mich hinter den Ohren und sah ärgerlich nach dem Kahne, der sie in Freiheit geführt hatte. In Bremen versuchte ich's indessen allein auf meine eigene Hand, und es gelang mir am hellen, lichten Tage unter ziemlicher Gefahr. Die nächste Veranlassung war ein Gezänk mit dem Feldwebel über Brotlieferung, in welches sich der kommandierende Offizier etwas diktatorisch handgreiflich mischte. Das Gespenst der Preußen saß mir fest im Gehirn; ich hatte, ganz gegen meine Gewohnheit, ohne alle Absicht in einigen Gläsern Wein mich etwas warm getrunken und machte kurz und gut auf und davon, am Ufer hin, über die Brücke weg, in die Altstadt hinein. Ein guter, alter, ehrlicher Spießbürger mochte mir doch wohl einige Verwirrung ansehen; er kam freundlich zu mir und fragte: »Freund! Ihr seid wohl ein hessischer Deserteur?« – »Und wenn ich denn einer wäre?« sagte ich. »Da muß ich Euch sagen, unser Magistrat hat Kartell mit dem Landgrafen.« Und nun –

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