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Mein grünes Buch

Hermann Löns: Mein grünes Buch - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMein grünes Buch
authorHermann Löns
year1994
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main / Berlin
isbn3-548-23325-2
titleMein grünes Buch
pages7-168
created20000706
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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Im grünen Maienwald

Die Welt ist voll von Blumen und Sonne und Vogelgesang. Den Gehlenbach entlang gehe ich mit frohen Augen. Um mich herum, an des Plapperwassers Bord, blüht es gelb und weiß und blau und rot, weiße Schmetterlinge tanzen über die Schaumkrautdolden, schwarze Schwalben schießen über den buntgestickten grünen Wiesenplan.

Vor mir bollwerken des Sauparks Waldkuppen mit hellgrünen Buchen und goldenen Eichen, von dicken weißen Gewitterwolken überlagert, die schwer und klumpig hineinragen in den hellblauen Himmel, und mürrisch starrt die Barenburg, der graue Stein, aus dem lichten grünen Hange heraus.

Er bleibt sich immer gleich, der alte Stein. Wenn wintertags der Fuchs bei Blachfrost unter ihm vor Hunger bellt, wenn im November der Nordwest rote Blätter über seine graue Maske wirbelt, wenn im August durch das umgewandte Buchenblatt die Hundstagssonne prallt, ihm ist alles gleich, dem alten Stein. Er hat ja schon so viel durchgemacht, ihn läßt alles kalt. Mich aber nicht. Ich freue mich über das junge Rohr, das leise im Winde schwankt, über die großen Goldkäfer auf der Krauseminze, über die roten Kerzen des Knabenkrautes, die im hellen Grase prunken, über das Bergbachstelzenpärchen, das auf dem Stauwerk umherwippt, und pfeife mein Leiblied vor mich hin und lache den grämlichen Stein aus.

Alles lacht ja um ihn herum. Lachen höre ich aus der Kiebitze Ruf, aus der Lerche Lied, zu lachen scheint mir die Häsin, die vor ihrem verliebten Buhlen Haken schlägt, und der blaue Günsel und die goldene Schlüsselblume, die weiße Spierstaude und der himmelblaue Ehrenpreis, sie lachen mich alle freundlich an. Sogar die alte Schäferin lächelt auf meinen frohen Gruß unter dem breiten Hute her.

Aber im Walde, da kommt mir einer entgegen, der lacht und lacht und lacht. Schön ist er, göttlich schön. Um sein frohes Gesicht kraust sich goldnes Haar, auf seinen jungen schlanken Leib wirft die Sonne goldne Lichter und das Buchenlaub grüne Schatten, und in beiden Händen reicht er mir dicke Sträuße von himmelblauen Waldvergißmeinnicht und weißbesterntem Waldmeister, goldner Waldnessel und silberner Sternblume, heilsamem Lungenkraut und duftendem Gundermann, er, der Herr im Wald, der Frühling.

Vor mir geht er in den Wald hinein, und ich gehe ihm nach. Wo seine nackten Füße hintreten, glüht das Goldmoos auf, rollen die Farne ihre Wedel auseinander, wachsen die zartblumigen Knabenkräuter aus dem langen jungen Gras, faltet die Waldrebe ihre Blättchen auseinander, bläht der Aronstab seine seltsame Blüte dicker auf.

Jubelndes Volk begleitet des jungen schönen Königs Zug und singt ihm Huldigungslieder. Schwarzdrossel und Goldamsel spielen die Flöte, Mönch und Fink, Rotschwanz und Fliegenschnäpper schmettern und zwitschern, sogar der dickköpfige Kernknacker und der alberne Markwart huldigen ihm auf ihre Art. Mit Sang und Klang verschwindet der bunte Zug hinten im tiefen Wald. Ich sehe ihm lächelnd nach.

Ein Schmalreh und ein Bock äugen dem Trosse nach. Sie erinnern mich daran, was ich im grünen Maienwalde heute will. Den Bock weidwerken, den braven, heimlichen, der droben unter der Holzmühle seinen Stand hat.

Doch nicht dann, wenn er vertraut ist, wie dieser hier. Auf fünfzig Gänge äugt er mich an, als wären wir im Paradies, pflückt mit dem samtschwarzen Geäse das junge Laub vom wilden Stachelbeerbusch, rupft ein Hälmchen vom Wegerand, und zieht langsam, immer wieder als dunkler Fleck auftauchend im hellgrünen Unterholz, dem Frühling nach.

Auf lautlosen Sohlen pirsche ich weiter durch die saftiggrüne, sonnengolddurchtränkte Frühlingsherrlichkeit. Das Vormittagsgewitter hat Diamanten an alle Blätter gehängt, Perlen in jede Blume geträufelt, das Moos schwillt, und das Gras glitzert. Des Ahorns goldne Blütenbüschel leuchten auf dem grünmoosigen Weg, und im nassen Fallaub am Boden spielen violette Lichter.

Betäubender Zwiebelgeruch schlägt mir entgegen. Rundherum ist alles weiß, wie Schnee liegt es über dem Grün. Die Stadtleute hassen ihn, den starkduftenden Bärenlauch, ich aber habe ihn gern. Wo er wächst, ist Waldesstille, wo er duftet, herrscht Üppigkeit, wo er blüht, strotzt der Wald in Lebenskraft. Schöner blühen hier alle Blumen, straffer stehen die Buchen, voller klingt der Vögel Chor.

Über den grünen, weißbeschneiten Teppich gehe ich mit leisen Schritten. Ich scheue mich fast, in die blühenden Wunderherrlichkeiten hineinzutreten. Wie der vornehme Trauerfalter dort möchte ich schweben über die Blumen oder wie das Reh zwischen ihnen wandeln, das dort unter der blühenden Traubenkirsche langsam durch den Wald zieht, ein roter Fleck im satten Grün. Ein dunkler Fleck taucht weiter oben auf, ein anderer dahinter. Und links ein roter Schein und weiter noch einer. Vertraut, wie die Schafe, äsen sie sich im Perlgrase weiter, bis die blühende Heckenkirsche sie verbirgt. Jetzt aber wird es für mich Zeit, zur Holzmühle zu kommen. Schon leuchtet das grüne Feld zwischen den grauen Stämmen durch, schon blendet die weiße Straße herüber. Einen Blick zur Marienburg, einen zur Drakenburg, dann den Gehlenbach entlang, wo die Dorngrasmücke im Gestrüpp plappert, in den schwülen Wald hinein, wo der Kuckuck ruft, am Rauschenwasser entlang, bis dahin, wo am Forellenteich ein stilles Plätzchen ist. Dort ein kühler Trunk, ein Viertelstündchen Rast, und dann wieder hinein in den grünen Wald, bis dahin, wo die Dickung düstert, in der der Brave steht. Am Grabenbord vor einer alten Buche kauere ich mich hin, die Büchse auf den Knien. Hinter mir in den Fichten piepsen die Goldhähnchen und spulen die Tannenmeisen, noch schmettert der Fink, aber schon ruft der Täuber sein Abendlied, das Rotkehlchen singt seine Weise, und die braunen Abendfalter huschen über das Fallaub. Langsam stiehlt sich die Dämmerung in den Wald.

Steif und starr wie ein Klotz hocke ich an dem Stamm. Ein goldgefleckter Salamander kriecht an meinen Schuhen vorüber, dicht vor meinem Gesicht fängt eine große Fledermaus eine Motte fort, der Zaunkönig schmettert auf dem Rucksack vor mir sein Liedchen, der Bussard hakt zwanzig Schritte vor mir auf dem Buchenaste auf.

Eine leichte Brise säuselt im Buchenlaub. Ein roter Fleck taucht am Rande der Dickung auf. Meine Unbeweglichkeit bekommt einen kleinen Ruck. Langsam wende ich den Kopf. Ein leises Zittern überschleicht mich, denn das Schmalreh zieht gerade auf mich zu, und an der Dickung taucht noch ein dunkles Ding auf, der Bock.

Hinten im Stangenort lacht und winselt die Eule. Spitzmäuse huschen neben mir über das nasse Laub. Meine Füße sind eiskalt, aber die Angst macht meine Stirne heiß und naß. Da ein leiser Seufzer der Erleichterung. Das hübsche Ding wendet sich und zieht links an mir vorbei. Oben der Bock aber steht wie angemauert.

Kürzer wird die Ferne, näher ruft die Eule, ausgesungen hat die Drossel ihr Lied. Da tritt der Bock hervor. Langsam, vorsichtig, nach jedem Blättchen, das er äst, aufwerfend, immer noch viel zu weit für die Kugel. Und immer grauer wird es zwischen Holz und Himmel. Da endlich traut er sich heraus, und endlich auch habe ich ihn auf Schußnähe. Ich lege an und gehe in den roten Fleck hinein mit dem Büchsenlauf, aber wie ich auch suche und suche, vergebens ist alle Müh', ich bekomme Korn und Kimme nicht zusammen. Und immer flüchtiger trollt er der Grenze zu.

Ich will es wagen. Ich richte mich auf und mache einen Schritt. Und einen noch und noch einen, dem roten Schatten vor mir nachpirschend. Dann ein Satz über den Graben, und ein ängstliches Hervorsehen hinter dem Stamm. Und dann ein Aufatmen und wieder ein Sprung über morsches Gezweig, und wieder ein Aufpassen und ein Aufatmen. Und so Schritt für Schritt näher heran bis vor das Feld.

Am Felde sichert der Schlaue. Eine alte Buche verdeckt ihn bis auf das Gehörn. Ich habe die Büchse am Kopfe und warte. Hier ist mehr Licht, und hell schimmert das Korn im Visier.

Ich dampfe. Die zweihundert Gänge haben mir den Schweiß durch die Haut gejagt; alle Schlagadern hüpfen, und das Herz trommelt mir laut unter der Joppe. Und immer noch sehe ich nichts von dem Bock als das Gehörn. Noch ein Weilchen, und das Büchsenlicht ist fort.

Da bewegen sich die schwarzen, dreizackigen Stangen. Das Geäse schiebt sich vor, der Hals, und jetzt das Blatt. Nur ein ganz kleines bißchen lasse ich den Büchsenlauf sinken, dann rühre ich am Abzug. Im roten Strahl sehe ich den Bock hinter der Buche vornüberschlagen, dann legt der weiße Dampf sich vor ihn, und der Widerhall des Schusses überbrüllt, was ich hören möchte.

Doch jetzt, da, ein Rascheln im Laub, und noch einmal, und alles ist still. Die Amsel nur zetert über den Mord im Maiwind, und die Rotkehlchen locken ängstlich.

Lang liegt er da zwischen blauem Günsel und silbernen Erdbeeren, der Starke, der keinen dulden wollte neben sich hier am Hange. Alle anderen Böcke hat er fortgebracht. Abgekämpft sind beide Vorderenden. Nun ist wieder Platz für die andern, die er vertrieb, hier im grünen Maienwald.

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