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Mein grünes Buch

Hermann Löns: Mein grünes Buch - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMein grünes Buch
authorHermann Löns
year1994
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main / Berlin
isbn3-548-23325-2
titleMein grünes Buch
pages7-168
created20000706
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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Auf der Kur

Eine Hauptneue. Seit Wochen lauerte ich darauf. Aber keine Spur von Schnee in der Luft, immer Rauhfrost, Nebel, Prallsonne. Aber dann mit einem Male, morgens früh, alles wieder aufs neue weiß, dick weiß, Dächer und Straßen und Bäume und Zäune. Der Tag muß draußen verlebt werden, in weißer Heide, im verschneiten Moor, das Gewehr in der Faust, dem weißen Leithund nach, dem Fährten und Spuren weisenden.

Endlich Fahrzeit, endlich die Haltestelle, endlich das Dorf im Rücken. Nun ist mir wohl: alles ringsum weiß, die Felder und die Fuhren, die Dünen und die Dickungen, die Heide und das Holz. Nirgendwo grüne Roggenblaade, braune Heide, nur hier ein gelber Strich am Abhang der Düne, ein schwarzer Fleck im weißen Wald. Alle Gräben sind zugeweht, alle Pümpe dick überschneit. So will ich's haben wintertags.

Weis' mir die Spuren und Fährten, weißer Leithund! Überall, von Holz zu Feld, von Feld zu Moor, der Krummen Zwillenspur. Hier ist Mieze gebummelt, da führt eine Hundespur hin, und hier den Grabenbord entlang, das Vierzeichen des Steinmarders. Vom Steinhaufen am Koppelwege zum Dornbusch geht des Großwiesels Hüpfspur. Um den Busch, kreuz und quer, Mausespuren, daneben ein Loch, frisch heute früh gekratzt; Erdkrumen und Grashalme liegen auf dem Schnee. Das war Reineke; er hat gemaust, und mit Glück, wie der rote Schweißfleck im Schnee mir sagt. Hier piepte ein Feldmäuschen im Fange des Roten. Und von hier schnürte er dem Dorf zu.

Da, am Dornbusch, wo die Torfsoden liegen, fuhr etwas hin und her. Weg ist es wieder. Das Großwiesel im weißen Winterrock. Leise, ein einziges Mal, lasse ich unter dem vereisten Schnurrbart den Mäusepfiff ertönen. Sofort ist es wieder da. Frech macht es sein Männchen, mit den schwarzen Sehern mich anstarrend. Wie der Blitz ist es weg, als ich in die Tasche fasse, um eine Patrone mit Nummer sieben zu holen. Aber der Mäusepfiff zaubert ihn wieder heraus, den kleinen bösen Räuber. Im Knall liegt er auf dem Schnee, regungslos; nur das schwarze Schwanzbüschel zuckt noch. Auf meinem Schreibtisch sollst du mich an diesen weißen Tag erinnern, weißes Kerlchen.

Den Rehfährten nach stapfe ich über Feld und Falge, Legde und Heide. Hier auf der Roggenblaade haben sie im Schnee geplätzt, um an die Wintersaat zu kommen. Fährte steht hier bei Fährte, als wären die Schafe hier gegangen. Unter der Düne, unter dem Wind, rauche ich meine Pfeife, auf einem Findling sitzend. Feuersteinsplitter und Urnenscherben scharren meine Stiefel bloß. Neben mir her geht der Rehwechsel.

Über die Düne streichen die Krähen, eine, zwei, drei. Ein heiserer Ruf der ersten, die mich wahrnahm, als ich den Kopf drehte, hastig schwenken sie ab und steigen fünfzig Fuß höher. Wie ich ihnen noch nachsehe, da knurpst der Schnee zu meiner Linken. Vertraut zieht die schwarze Ricke heran mit ihren schwarzen Kitzen, die fast schon die Größe der Mutter haben. Nur haben sie noch so dicke dumme Kindsköpfe.

Die Alte sichert am Feldrande, gegen den halben Wind den Windfang schnuppernd hebend. Dann zieht sie zu Felde. Riesenhaft sehen die drei Schwarzen auf der weiten weißen Fläche aus. Und ebenso riesig fast der Hase, der aus dem Fuhrenviereck hoppelt. Ein zweiter folgt ihm. Eifrig scharren und mümmeln die Hasen, eifrig plätzen die Rehe den Schnee von der Saat. Einen Augenblick rüttelt der Bussard über ihnen, dann klaftert er weiter. Er weiß, er kriegt sie doch nicht.

Meine Pfeife ist aus. Leise pfeifend stehe ich auf und gehe immer lauter pfeifend den Weg entlang. Die Rehe heben die Köpfe hoch, die Hasen machen Kegel. Von der Straße aus sehe ich zurück. Sie sind längst schon wieder am Äsen. Durch den weißgepuderten Stangenort führt's mich. Das ist wie im Märchenwald. Alles kalt und hart, nur da und dort ein heller Sonnenfleck auf einer dunklen Stange, auf einem düsteren Zweig, ein warmes Licht auf dem kalten Schnee, den die kalten blauen Schlagschatten mit scharfen Streifen überziehen. Mitten auf dem Pirschweg rote Flecken und gelbe Federn. Hier schlug und kröpfte die Waldohreule den dummen Grünfink.

Und noch ein feuerroter Fleck blitzt auf da vor mir im Altholz; des Schwarzspechts Feuerkrone ist es. Rasselnd fährt er um den Stamm, nach mir hinschielend, dann streicht er ab und hakt an einer anderen Fuhre am Wurzelende an, ruckweise emporrutschend, hier und da klopfend. Warnend stiebt der Markwart in die dichtverschneite Dickung.

Der Marderspur nach schlendere ich den schmalen Steig entlang in die Dickung hinein. Die Zweige bücken sich unter dem Schnee, den rosig das Abendrot färbt. Ein Rotkehlchen, das die weite Reise scheute, schnurrt warnend vor mir her, Meisen schwatzen in den Zweigen, überall zirpen die Goldhähnchen, und eine Amsel schimpft in der Dickung. Es will Abend werden.

Hier, vor dem Moore will ich bleiben. Ich scharre mir vor der Dickung den Schnee weg, klappe den Jagdstuhl auf, ziehe die wollne Ärmelweste unter, wickle den Mantel um die Beine, lege den Tabaksbeutel auf die Schneewehe und sehe langsam dampfend in das Moor.

Es sieht heute so ganz anders aus, mein stilles, braunes Moor, ganz anders als vor vier Wochen. Kaum, daß eine Fuhre, ein Torfhaufen, ein Baumstumpf seine weiße Unendlichkeit unterbricht. Und kein Laut unterbricht die schweigende Ruhe des weißen Moores. Stumm schwebt heute selbst die Eule darüber hin, die sonst so hohl hier ruft.

Die roten Sonnenfarben sind hinter schwarzen Wäldern verschwunden. Die rosigen Töne blassen ab, kaltgraublau stimmt sich der Himmel um, schwarz werden die blauen Schatten im Schnee. Mond habe ich nicht, aber alle Sterne sind da, und der Schnee leuchtet so, daß meine dämmerungsscharfen Augen weiten Blick haben.

In der großen Stille fängt es an zu singen und zu summen, in der weißen Weite beginnt es zu flammen und zu sprühen. Ich höre dem Flüstern der Totenstille zu und sehe in das Farbengeflirre der hellen Schneedämmerung. Träumend, dämmernd, mit Augen, vor denen alles verschwimmt, starre ich hinaus in die weiße Weite.

Schwarze Schatten, da ganz weit unten, wecken mich. Ein Sprung Rehe zieht aus dem Moor, den Dünen zu, hinter denen die Felder liegen. Scharf heben sie sich von dem Schnee ab. Links von mir rückt ein Hase aus der Dickung und äst an der Heide. Der soll leben bleiben, es ist eine Häsin. Aber der da rechts, der oft lange an der Dickung sichert, schnell einige Halme äst, wieder den Kegel macht und dann eilig zum Moore läuft, das ist ein Rammler. Ich fahre mit und vor und sehe ihn im Feuer auf dem Kopfe stehen. Ich hol ihn mir schnell; das ist gut für kalte Füße. Höh, wie die andern rechts und links von mir wieder in die Dickung flitzen!

Der Entenstrich beginnt. Himmelhoch ist er heute, die Luft ist still und klar. In einem fort klingelt und schnattert es über mich hin, immer von links nach rechts, vom Steinhuder Meer zur Leine. Eine Viertelstunde lang geht es so, viele Hundert streichen über mich fort, dann singt und summt die Stille wieder.

Vor mir im Moore aber bellt ein Fuchs. »Waff, waff, waff.« Er hat Wind von mir gekriegt. Schade! Den hätte ich gern. Weiterhin, nach der Landstraße zu, antwortet ihm einer: »Wäff, wäff, wäff.« Ach so, ein Liebespaar, denn der Diskant gehört einer Sie. Und wieder singt und summt die lautlose Stille in meine Ohren hinein.

Es raschelt. Ein Krummer, dicht neben mir. Ich könnte ihn fassen. Eine Häsin. Dahinter noch eine. Dick und faul sitzen sie da und mümmeln. Jedesmal, wenn meine Lippen mit leisem Schnalzlaut den Tabaksdampf herauslassen, spielohren sie. Schließlich gewöhnen sie sich daran. Ab und zu kratzen sie hastig den Schnee weg und mümmeln dann weiter, langsam auf der Saat weiterrutschend. Jetzt machen beide einen Kegel, die eine sogar ein Männchen, und äugen zur Dickung.

Vor der macht ein dritter sein Männchen, kerzengerade, die Löffel hoch. Dann fährt er blitzschnell auf das Feldstück. Im Knall überpoltert er sich. Die Häsinnen flüchten. Dicht vor mir machen sie Kegel und überlegen sich den sonderbaren Fall. Die eine äst dann zehn Schritt vor mir, die andere sitzt wie ein schwarzer Heidbült im Schnee und denkt tief nach. Sie kriegt die Sache aber nicht klar und rückt mit einem Male in die Dickung. Die andere macht es ihr sofort nach. Wo ich hinsehe, flitzen schwarze Schatten über den Schnee. Wenn ich mit der Zunge schnalze, stehen ebensoviel schwarze Pfähle da. Und dann werden aus den Pfählen wieder Heidebülten. Und als ich aufstehe mit meinen beiden Krummen, da zickzackt es rechts und links hin und her auf dem breiten weißen Wege.

Ich habe einen guten Gedanken bekommen. Fünfzig Schritt vor mir im Moor liegt ein hoher Torfhaufen. Auf den will ich mich setzen. Vielleicht, daß mir dann ein Fuchs kommt, von da kriegt er keine Witterung von mir. Denn das Hasenkuren habe ich satt, und mehr wie zweie schleppe ich nun grundsätzlich nicht. Lieber einen Bock von fünfzig Pfund, an dem trage ich leichter wie an einem Krummen. So baue ich mir denn aus Torfsoden eine Treppe, mache mir einen Sitz zurecht und lasse den ersten Hasen unten am Torfhaufen über dem Wind liegen. Den zweiten brauche ich als Wärmstein für meine Füße. Aus drei Fuhrentelgen mache ich mir Rückendeckung. So, nun den Mantel um die Beine, den gespannten Drilling auf die Knie, eine Pfeife angesteckt, und dann geht das Konzert auf der hohlen Faust los. »Auwei, auwei, auweihmir, auweih, ohweh, weh, ää«, Lampes Todesklage.

Sieben Hasen vor der Dickung machen erst Kegel und flitzen dann hin und her, die Eule rüttelt über mir, sie kennt das Lied vorn warmen Hasenbraten. Ich sitze ganz muckemausestill und ziehe ganz kleine Dampfwölkchen aus der Pfeife. Nur meine Augen wandern hin und her über das weiße Moor.

Eine Viertelstunde lang gehen sie von rechts nach links, und dann fängt alles an zu leben. Hier ein schwarzer Fleck, der sich über den weißen Schnee bewegt, das ist der Fuchs. Duffsinn, nur eine Sinnestäuschung. Aber das da? Auch nicht, ein Heidbült. Nein, das ist ein Hase. Das da hinten ist aber sicher Reineke. Ich sehe deutlich die Lunte an dem Körper. Zehn Minuten starre ich darauf hin, bis vor meinen Augen alle Regenbogenfarben tanzen. Das wird mir zu dumm. Fünf Minuten lang mache ich sie zu. Dann sehe ich wieder nach dem schwarzen Fleck. Ach, es sind ja Torfsoden!

Ein Sprung Rehe zieht wieder zu Feld. Ich höre den Schnee knirschen unter ihren Schalen. Hasen huschen hin und her, jagen sich, spielen, als wäre es April. Auf einmal rücken sie alle in die Dickung, als wäre der böse Feind hinter ihnen.

Ich habe keine Erklärung dafür. Da fällt mein Blick auf etwas Schwarzes, das da achtzig Gänge vor mir auf dem Wege ist. Einen Ruck gibt es in mir, und das Herz arbeitet, daß ich meine, man hört es fünfzig Schritt weit. Und je leiser ich atmen will, um so mehr pfeift mein Kehlkopf. Aber das geht vorüber.

Der schwarze Fleck ist kürzer geworden. Der Fuchs setzt sich und überlegt. Er hat zwar die Nase voll Hasenwitterung, aber er traut dem Frieden nicht. Langsam schnürt er ins Moor, um ganz unter Wind zu kommen. Unterdes ziehe ich ganz langsam den Kolben an den Kopf. Aber der schwarze Streifen vor mir will und will nicht näher kommen.

Doch jetzt nähert er sich. Er kann gegen die warme Hasenwitterung nicht an. Ich habe schon das Bebern im linken Arm. Und immer wieder macht der Rote eine Pause, wenn er ein Stückchen auf mich zu geschnürt ist. Und spitz von vorn habe ich ihn auch.

Jetzt aber, wo er halbspitz ist, wird es gehen. Ich gehe mit dem Lauf in den Fuchs hinein, bis ich das dicke weiße Nachtkorn, einen runden, schimmernden Perlmutterkopf, zwischen Kopf und Vorderläufen habe, und dann ziehe ich den Abzug des Würgebohrlaufes ab. Das saß. In der Feuergarbe sah ich ein schwarzes Ding, das zweimal sich überschlug. Jetzt sehe ich nichts vor Dampf. Aber in einigen Augenblicken ist alles wieder frei. Ich starre nach dem Anschuß, aber nichts ist zu sehen. Ich mache den Mund auf, um schärfer zu hören, aber keinen Laut höre ich. Leise öffne ich das Gewehr, schiebe eine neue Patrone ein, schließe und spanne lautlos und horche wieder. Aber nichts rührt sich.

Da steige ich dann bergab und gehe, den Drilling am Kopf, näher, immer näher. Da liegt er und rührt keinen Lauf mehr, und um ihn herum ist der Schnee rot betaut. Zur Vorsicht noch eins mit dem Jagdstuhl auf die Nase, und dann an die Schnur des Rucksacks damit.

Frohen Blicks steige ich über die Düne. Die beiden Hasen wären mir lästig gewesen im Rucksack, aber mit dem Fuchs dabei tragen sie sich noch einmal so leicht.

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