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Mein grünes Buch

Hermann Löns: Mein grünes Buch - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMein grünes Buch
authorHermann Löns
year1994
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main / Berlin
isbn3-548-23325-2
titleMein grünes Buch
pages7-168
created20000706
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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Hinter der Findermeute

»Sau tot« und »Jagd vorbei« bliesen die Hörner, die Pleßschen kurz und hart, die hannoverschen lang und weich. Ich stand unter der Kuppe des Hallermundkopfs auf dem Wege und sah hinab in das Tal, ließ mir den Sturm um die Ohren pfeifen und mir gelbe Blätter um die langen Stiefel wehen und freute mich an dem Geläut der Meute, an dem Hu Su! der Rüdemänner, wie ich mich vorhin gefreut hatte an dem Knall der Büchsen, am Brechen und Blasen der Sauen. Ich sah das Fangeisen blitzen in des Kaisers Hand, sah das Hauptschwein nach den Hunden schlagen und sah es zusammenbrechen.

Da tauchte unter mir in den rotlaubigen Winterbuchen und den hohen gelben Schmielen ein grüner Rock auf, ein grüner Hut, dazwischen ein derbes, rotbäckiges, bartumrahmtes Gesicht, schweißglänzend; ein Lächeln zog in das Gesicht, eine vom Schweiß der Sauen gerötete schwere Hand fuhr grüßend an den grünen Hut und streckte sich dann meiner Rechten entgegen.

Es war der Rüdemann. Wie er so dastand, das Rüdemannshorn und die kurze Wehr an der Seite, die lange Rüdemannspeitsche in der Linken, rotbespritzt bis an die Oberschenkel, rote Schweißstreifen und Schweißspritzer am grünen Rock, da dachte ich mir: Ob es nicht viel lehrreicher für dich ist, morgen bei der Meute zu bleiben, mitzustürmen durch Dorn und Dickung, als hinter den Ständen zu bleiben? Im Jagen ist's doch schöner als hinterm Jagen.

Am andern Morgen, als die Meute zu Holz zog, zog ich mit in dem sonderbaren wilden Zug. Voran die beiden Rüdemänner, dahinter die Hundeführer in ihren verschossenen Joppen, in ihren verwetterten Hüten und ihren geflickten Hosen. Jeder führte an der Koppel zwei Hunde; einige der Männer trugen die Saufedern, deren scharfes Blatt Lederkappen verhüllten.

Mit lautem Hals zog die buntscheckige Meute bergan. Wütend rissen die jagdlustigen Rüden an den Koppeln und zerrten die Führer berganwärts, dem Gersieck zu. Der Sturm in den hohen Buchen pfiff ein lustiges Jagdlied; der Hals der Meute dazwischen, die Zurufe der Führer, das klang nach alten Zeiten.

Am Sammelplatz waren die Hunde nicht zu bändigen. Sie rissen an den Koppeln, gaben unaufhörlich Laut, und einstimmig fielen sie ein, als der Fürstengruß erklang; so arg machten sie es, daß die Rüdemänner ihnen ein Pfui Laut! nach dem anderen zuriefen und ihnen die Peitschenschnüre über den Rücken zogen. Da wurden sie etwas stiller.

Aber dann, als der Kaiser und der Kronprinz und die übrige Jagdgesellschaft nach ihren Ständen gingen, da war es wieder aus mit der Ruhe der Meute. Als die Jagd angeblasen wurde, als die ersten Schüsse fielen, da nahm das Jiffjaff kein Ende, und immer wieder mußte die Peitsche pfeifen.

In einer Berglehne, gelb von Schmielen, mit Tannen und Buchen bestanden, ging es hinein, im Sturmschritt, daß die grünen Zweige uns in die Augen schnellten und das Winterlaub der Buchenjugenden uns um die Ohren rauschte. Die Rüden in wilden Sätzen voran, die Führer an straffgezogenen Koppeln hinterher, daß die Braken brachen und die Äste knackten, Fallholz zerknasterte und Geknäk prasselte.

Allen voran die Rüdemänner. Jetzt teilen sie sich in die Meute. Pfui Laut! ruft der eine immer wieder und läßt die Peitsche kreisen; die Hunde sind zu laut, sie übertönen mit ihrem Halsgeben die Hornsignale.

Da vor uns bricht es in der Dickung. Hunde los! ruft der Rüdemann, und Hu Su, mit gellenden langgezogenem Kehlton, Hu Su, wahr too, min Hund, wahr too!

Das lassen sich die scharfen Hunde nicht zweimal sagen. Wie ein Donnerwetter fegen sie dahin über Stock und Stein, durch Braken und Dornen, daß das Fallaub fliegt unter ihren Läufen. Drüben an der Lehne flüchten die Sauen, schwarze Klumpen in dem roten Fallaub. Ein kurzer Knall, ein blaues Wölkchen, und im Knall zeichnet eine, rollt zu Tal, daß ganze Laublawinen mitgehen.

Aber diese, die zeichnet und stürmt weiter. Doch bei jeder Flucht wird sie kürzer, und jetzt schiebt sie sich hinter der Fahrstraße ein, Hu Su, wahr too, min Hund, wahr too! erklingt es. Der Keiler wird wieder hoch, schlägt zwei Hunde ab, flüchtet weiter, Schaum am Gebräch, hinter sich die Hunde. Der Rüdemann befiehlt: Mehr Hunde los! Noch zwei fahren auf den grimmen Bassen los, und noch einer und noch einer. Sie umkreisen mit giftigem Hals den Keiler. Der schiebt sich an einem Stuken ein und weist den Hunden das leuchtende Gewaff, sein wütendes Ruff, Ruff schnaubend.

Immer wieder gehen die Hunde zum Angriff über mit wütendem Hals, immer wieder fährt der Kopf des Keilers von rechts nach links, jedesmal überpoltert sich dann ein Hund, heult vor Gift und fährt wieder zu. Jetzt benutzt der eine rote Hund den Augenblick, da der Keiler nach seinem Koppelgenossen schlägt, er hängt am Gehör des Keilers, jetzt auch der andere, nun alle vier, und da springt auch schon der Rüdemann zu, faßt des Keilers Hinterlauf mit der Linken, zieht mit der Rechten das Weidmesser und stößt es mit sicherer Hand hinter das Blatt der Sau, die wie vom Blitz getroffen zusammenbricht. Mit wütendem Gezerre kühlen die Hunde ihre Wut an dem verendeten Bassen; tot, tot! ruft ihnen der Rüdemann zu, da lassen sie ab, werden aufgekoppelt, und weiter geht die Hatz.

Dort unten ist der übrige Teil der Meute an der Arbeit. Hechelnd und Hals gebend durchstöbern die Hunde die Dickung, die roten Zungen leuchten noch roter als die roten Mehlfäßchen und Hagebutten über ihnen, die Augen glänzen noch mehr als die blauglänzenden Schlehen um sie. Durch des Schwarzdorns stachelbewehrte Mauern fahren sie, hier ein schwarzer, struppiger Kobold, da ein schwarzweißer Terrier, dessen Preußenfarbe den roten Streifen bekam vom Schweiß der Sau. Nun hat er die Reichsfarben. Jetzt fährt der scharfe kleine Kerl mit Todesverachtung in das Gestrüpp, fährt zurück, heult vor Wut, faßt wieder zu, wird wieder abgeschlagen; jetzt bekommt er Hilfe, Hu Su, wahr too, min Hund! ertönt es, drei Rüden decken den Keiler, der Rüdemann springt zu, schlägt das rechte Bein über den Keiler und gibt ihm den Fang. Daß die Hose dabei einen langen Ratsch kriegt, das schadet nichts. Ein Signal ertönt. Langsam treiben! befiehlt es. Da können wir etwas verschnaufen. Das war eine wilde Jagd durch Stangenorte und Dickungen. Der Rüdemann setzt das uralte Signal: Meute zurück! Von allen Seiten rücken die Hundeführer an und koppeln die Hunde, auf und weiter geht's. Da stürzt ein Förster heran: Ein starker Keiler hat sich hier oben eingeschoben! Schnell dahin, Hunde los. Das war leichte Arbeit, der Keiler war sehr krank. Weiter geht die Suche.

Ein neues Signal. Aufmunterung im Treiben! Wieder geht's los im Sturmschritt, daß die dürren Stengel der Weidenröschen knacken, daß die silberne Samenwolle nur so stäubt. Unter uns die Schüsse, hinter uns das Hu Su und Horüdho, vor uns das Geläute der gelösten Hunde, über uns das Pfeifen des Sturmes. Immer weiter, durch schnallende Weißdornzweige, die uns Runen in die Backen ritzen und Schrammen in die Hände, durch den Bergbach, daß Wasser und Schlamm spritzen, in den hohen Ort hinein, Rüdemänner, Jäger, Hundeführer, Meute. Da schlägt einer über den Stuken, hier springt einer in den Pump bis an die Knie; weiter, weiter, alle wollen da sein, wo zwei Rüden ein hauendes Schwein stellen. Gellend erklingen die Kehltöne des Hu Su und Horüdho, halb vom Sturm verschlungen, daß man nur das hohle uuu und das schrille rüüdho hört aus dem Gebrause der Äste, dem Stampfen der langen Stiefel, dem Brechen des Fallholzes, dem Hals der Hunde. Hier, rechts, da ist er. Die kleinen Lichter glühen, die weißen Haderer blinken, drohend klingt das Blasen, giftig das Wetzen, jeder Schlag wirft einen Hund in das Laub. Aber alle richten sich wieder auf und fallen den Keiler von neuem an. Jetzt decken sie ihn, und da ist auch schon der Rüdemann, die Wehr blitzt in seiner Faust, fährt zwischen die Hunde und kommt rot in die Scheide zurück. Jagd aus, Hahn in Ruh! schmettert vom Kaiserstand das Horn. Rechts und links wiederholt sich der Waldhornruf, und der Widerhall wirft ihn doppelt zurück aus dem Tale.

Meute zurück! und Sammeln der Jäger! blasen die Hörner. Die Jagdgesellschaft besteigt die Jagdwagen. Wir warten, bis die Rüdemänner kommen. Sie blasen die Meute zurück, es fehlen noch einige Rüden. Endlich kommen die Rüdemänner, mit erhitzten Gesichtern, zerrissenen Händen, roten Schweiß am grünen Rock. Und nun geht's bergauf, bergab, so schnell die Pferde können, zum Hallerbruch, vorbei am Kaiserzelt, dessen bunte Standarte im Winde weht.

Eine Pause zum Verschnaufen gibt es kaum. Hastig wird ein Stück Wurst hinabgedrückt, ein Schluck hinuntergespült, einige Züge aus der Zigarre machen den Schluß, und schon meldet das Horn, daß die Arbeit für die Meute wieder beginnt. Vorläufig geht's noch langsam, die Hundenasen in den Kniekehlen, durch das Holz. Aber schon zeigen sich Sauen, eine ganze Rotte stürmt dahin. Hunde loskoppeln, ruft es laut, Hu Su und Horüdho, und da jagt schon die Meute an den Sauen. Standort da links. Schnell dahin. Drei Hunde ziehen die Sau nieder. Schon sitzt ihr die Wehr hinter dem Blatt. Und hundert Gänge davon decken die Hunde wieder eine Sau, und wieder gibt es Arbeit für die Wehr. Der Sturm prügelt den Wald. Fallholz regnet, Fallaub tanzt in Kringeln. Das paßt zu dem Knall der Büchsen, zu dem wilden Anjuchen, zu den tollen Sätzen der Rüdemänner. Da unten soll neue Arbeit sein. Aber wo ist die Meute? Die Rüdemänner setzen die Hörner an die bärtigen Lippen und rüden die Hunde an, laut klingt ihr daher, daher! und jetzt stürmen die Hundeführer mit ihren Koppeln heran. Denn hier hat sich wieder eine Sau eingeschoben in den Dornbusch. Im Umsehen ist sie gedeckt und abgefangen.

Wieder blasen die Hörner die Jagd ab. Zum Kaiserstand geht's. Da hat sich eine Sau in den Bach eingeschoben und schlägt die Hunde ab, daß es nur so dampft und spritzt. Das steile, schlüpfrige Bachufer steigt der Kaiser hinab. Die Feder ist hier schlecht anzuwenden, so macht der Kaiser die Wehr blank und gibt dem Keiler den Fang. Die Jagdgesellschaft besteigt die Wagen, wir aber ziehn mit der Meute durch den dämmernden Wald, durch diesen Wald, der so oft widergehallt hat vom Rüden der Hörner, vom Hals der Meute, vom Knall der Büchsen und in dem es still und stumm sein wird davon, bis das Jahr sich zweimal gewendet hat.

Und sollte ich dann wieder im Saupark sein, so werde ich beide Tage mit der Meute gehen, meine Augen erfreuend an dem wilden Bild und meine Ohren an den wilden Tönen, die an längstverwehte Zeiten erinnern, an Tage, als nur mit Meute und Feder gejagt wurde auf das ritterliche Schwarzwild.

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