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Mein grünes Buch

Hermann Löns: Mein grünes Buch - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMein grünes Buch
authorHermann Löns
year1994
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main / Berlin
isbn3-548-23325-2
titleMein grünes Buch
pages7-168
created20000706
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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In der Jagdbude

Seit drei Tagen hausen wir vier Mann nun schon in der kleinen Jagdbude, die weit, weit vom Dorfe, an der Grenze von Moor und Heide, unter träumerischen Hängebirken steht.

Wir sehen aus wie die Räuber, und wenn uns ein Zauberer so, wie wir sind, auf die Straße in Hannover setzte, mit unsern Halbwochenbärten, unsern Händen, rauh vom Holzspalten, Tellerwaschen, Wildbretzerwirken, Feueranmachen, unsern schwarzen Fingerdöppen, dann würden die Schutzleute ihre Aufmerksamkeit von den Waden der Radfahrerinnen ab- und uns zuwenden.

Aber mollig fühlen wir uns, und unanständig gesund. Ich hatte Migräne, als wir uns am Bahnhofe trafen, der zweite einen sehr dauerhaften Schnupfen, der dritte Nerven, der vierte Husten. Alle diese Kulturerrungenschaften sind nun zum Kuckuck; glänzende Augen, rote Backen, klare Kehlen, und unempfindliche Nerven sind dafür eingetauscht.

In der Stadt habe ich alle nasenlang einen Schnupfen, Migräne wie eine Lehrerin und Nerven wie eine Modedame. Hier merke ich nichts davon, obgleich ich nachts mit feuchten Füßen im Graben saß, stundenlang bei schneidendem Nordost mäuschenstill am Moorrande stand, halbe Tage im Wasser herumpatschte und in der zugigen Bude auf dem Strohsack schlief, nur mit dem Mantel bedeckt.

Ich glaube, ich habe meinen Beruf verfehlt. Zigeuner, Indianer, Trapper oder so etwas Ähnliches, das wäre das richtige gewesen. Schade, daß ich meinen Stammbaum nur zweihundert Jahre zurückverfolgen kann! Ich bin überzeugt, ich stamme von irgendeinem altniedersächsischen Jäger oder Fischer ab. Ich finde mich ja schließlich auch in Frack und langem Rock zurecht, aber wohl fühle ich mich nur, wenn ich den achtjährigen Lodenhut aufhabe, wenn die Schmierstiefel an den Füßen sitzen und der Rumpf in der stilvollen Joppe steckt, die nur gewinnen kann, wenn ich mich damit auf den nassen Moorboden lege.

Ist das nicht herrlich? Soweit ich sehen kann Heide, Moor, Sumpf, Forst, Anflug, aber kein Haus, kein Hof, kein Zaun, kein Gatter, kaum ein halbwegs erkennbarer Weg. Frei sind wir hier wie der Birkhahn, der sausend über das Moor streicht, wie die Ohreule im Tann, wie der Sperber in der Luft, wie das Wiesel im Dorn. Hier kann ich auch singen; im Zimmer bringe ich es nicht fertig. Aber hier kann ich es singen, daß es nur so knallt, die Beine in dem grünen Polster der Krähenbeere, den Rücken an den alten Wanderblock gelehnt, das wunderschöne, trotzige Wildschützlied, das ich in Bayern von Wilderern hörte:

Da gehn nun die Schützen
Und schießen nach den Scheib'n
So damischer Weis,
Wie's die Stadtleute treib'n;
Aber i, i woaß die Weg so scheen,
Wo die scheenen Gamserl stehn,
Ob'n am Berg...

Heute abend war es niederträchtig kalt. Den Nordost fror draußen; er wollte zu uns in die Bude, und weil wir ihn nicht hereinließen, schnüffelte er die ganze Nacht an den Ritzen herum, pustete Schneestaub in mein Gesicht und blies in das eiserne Ofenrohr, daß die Funken in das Stroh flogen. Wir mußten aufstehen und das Feuer ausgießen, sonst wären wir und die Hunde am Ende gebraten worden. Und das wäre doch ein Jammer gewesen! Das roch eklig, als das Wasser in das Feuer kam, und dampfte nicht schlecht. Zum Glück sind die Ventilationsapparate der Bude prachtvoll, so daß Qualm und Stank bald abzogen.

So war nun wieder alles wunderschön, wenn ich nur nicht mit dem dicken Jans auf einer Pritsche hätte liegen müssen. Erstens schlafe ich überhaupt schon schlecht, wenn ich nicht allein liege, und nun erst mit Jans! Alle zehn Minuten warf er seine zweihundert Pfund herum, daß die Fuhrenbretter der Bettstelle knackten und knasterten, und wenn er still lag, sprach er im Schlaf: »Schneider schwarz, kein Bein kriegt'r auf de Erde; Korl, de Lampe blakt«, dann einige tiefe Seufzer, ein dumpfes Murren, ein hohles Gepuste, und der Monolog ging weiter: »Nicht schonen, meine Herren, Sie schonen zu viel. Hahaha!« Kleine Schnarchpause: »Wat seggst'e Korl? Swieg stille, Döskopp, du hest vorbieschoten.«

Die beiden anderen Jäger auf der zweiten Pritsche schnarchten auch, und die beiden Hunde, die im Stroh unter der Pritsche lagen, betrieben alle Augenblicke geräuschvolle Insektenjagd. Feldmann, der schwere, braune Vorstehhund, hat eine Art, im Schlaf zu seufzen, daß es ganz geisterhaft klingt, und Tell, der weißbunte Pointer, dem läßt sein Sekttemperament auch im Schlaf keine Ruhe. Er jagt im Traum, gibt Hals und winselt.

Sind die Jäger und die Hunde ruhig, dann fühlen sich die braunen Waldmäuse, die unter den rohen Dielen wohnen, als Herren und veranstalten im Reisig der Ofenecke einen gemütlichen Abend mit Gequieke und Gepfeife, bis Männe, der Dackel, wach wird und sie zu Bett bringt. In ihrer Angst fahren sie dann hin und her und plumpsen von der Wand auf die Pritschen, aber das stört uns nur, wenn sie uns über das Gesicht laufen. Schließlich aber schlafe auch ich ein; der Wind singt und pfeift zu schöne Schlummerlieder.

Auf und an!
Auf und an!
Spannt den Hahn,
Lustig ist der Jägersmann...

Dieses Lied, begleitet von dem Geratter der Weckuhr, die auf die umgedrehte blecherne Waschschüssel gestellt ist, weckt mich auf. Ich reibe mir die Augen, gähne wie ein Leu und kämme mir mit den zehn Fingern das Stroh aus dem Haar. Hannes, der heute du jour hat, steckt die Hängelampe an, Korl springt wie wahnsinnig von der Pritsche und beruhigt die Weckuhr, die auf der Waschschüssel herumrattert, nur Jans bleibt liegen und fragt: »Schon Z...heit?« Schlaftrunken blinzeln die Hunde unter den Pritschen hervor.

Der Hängelampe milder Schein bestrahlt jetzt das luxuriöse Gemach. Die Tapete ist blauweiß, mit Jagdszenen versehen, leider hier und da nicht anwesend. Dafür sind dann Kunstbeilagen aus Jagdzeitungen angenagelt. Der Tisch ist streng nach dem Stil zweitausend vor Christi gearbeitet; vier Fuhrenstämmchen, sechs rohe Fuhrenbretter. Zur Steinzeit konnte man ihn nicht stilvoller herstellen. Die Pritschen sind von derselben edlen Einfachheit. Der Kochofen hat eine wunderbare fuchsrote Patina angesetzt, das reine Museumsstück. Die Schränke sind Kisten, die Wände tragen reichen dekorativen Schmuck: Flinten, Putzstöcke, Wischstricke, die Krücke für den Uhu, Hundekoppeln, Rucksäcke, Jagdflaschen, Pfeifen, Tabaksbeutel, alte Mäntel, prächtig verwitterte Hüte.

Draußen pfeift immer noch eine scharfe Luft. Um so besser, dann bleiben die Handtücher länger rein. Unsere Waschtoilette befindet sich nämlich vor der Tür, und das Waschen macht man draußen ab. Das macht frisch, wenn der Wind über den nassen Nacken fährt, aber man ist doch froh, wenn man es hinter sich hat.

Der Ofen bullert bereits, und auf seiner Platte brodelt das Wasser im Kessel. Schnell noch die Betten gemacht, das heißt, die Wolldecken über die Strohsäcke gelegt, und zwei prächtige Sofas sind fertig. Eine mächtige braune Kaffeekanne duftet bald vor uns, hartes Landbrot, Butter und Eier umrahmen sie. Aus Emailletassen wird getrunken, das Weidmesser dient als Besteck. Knüppelharte Mettwurst, Eier, gewaltige Butterbrote verschwinden im Umsehen.

Am glühenden Ofen wärmen sich die Hunde, bis das Waschwasser die Glut tötet. Dann geht es hinaus in die kalte Nacht, zwei nach rechts, zwei nach links. Schweigsam stapft man über gefrorenes Moor und verschneite Heide, wortlos trennt man sich.

Ich suche meinen alten Ansitz, das Loch im Graben zwischen den beiden Fichtenkusseln. Aber im Dunkeln, im Frostnebel, morgens kurz vor sechs Uhr, ist ein schweres Finden. So vorsichtig ich auch die Füße setze, alle Augenblicke knacken trockene Braken unter den Sohlen, endlich habe ich die Grube. So! Den Rucksack als Kissen, die Decke um die Beine, den Hund als Fußwärmer, nun bin ich geborgen, hier kann mir der Wind, der von Feld zu Holz weht, nicht viel anhaben. Der Drilling liegt gespannt auf den Knien, die Pfeife hängt bequem im linken Mundwinkel, die Hände stecken in den molligen Mufftaschen der dicken Joppe. Sicher wie ein König in seinem Palast fühle ich mich hier, mutterseelenallein. Die Fuhren hinter mir rauschen und raunen, Frostnebel wallen um gespenstige Machangelbüsche in dickem Brodem, nur der Jäger kennt diese Weihestunde.

Langsam hellt es sich auf; deutlicher werden die Wacholder, die Nebel verfliegen. Da taucht ein Schatten im Nebel auf, riesengroß; der Hund hebt leise den Kopf. Eine Ricke ist es, die zu Holze zieht; sie hält gerade die Richtung nach mir hin, aber plötzlich macht sie kehrt und verschwindet im Nebel. Ich habe doch ganz ruhig gesessen! Was hat die Alte? Aha, mein Pfeifendampf zieht zu Feld, der Wind hat sich gedreht. Das ist eine dumme Geschichte; meinen Stand kann ich nicht mehr wechseln, dafür ist es zu spät, die Goldhähnchen piepen schon in den Fuhren, im Dorfe kräht ein Hahn.

Wieder kommt etwas auf mich zu gewechselt, riesenhaft vergrößert durch den Nebel, verhofft und geht in eiligen Fluchten ab. Wenige Minuten darauf klingt von drüben ein Büchsenschuß, gefolgt von dem Gezeter des Holzschreiers. Mein Nachbar hat Glück gehabt. Aber zu Schuß will ich auch kommen; der erste Krumme, der hier einwechselt, muß daran glauben, sonst haben wir nichts zu Mittag. Da kommt schon einer an; er macht Männchen, sichert und hoppelt weiter. Aber dieses schwache Kerlchen lohnt sich nicht.

Immer heller wird es, immer nebelfreier. Die letzten Hasen rücken zu Holz. Der da kommt mir gerade zupaß; im Dampfe macht er sein Kompliment. Nun will ich aber sehen, was vorhin zurückging. Richtig, ich dachte es mir doch, auf der Legde ist deutlich der Abdruck der Schalen zu sehen: ein Alttier.

Durch die Morgenstille tönt Jagdhornklang. Wunderbarer Laut! Was kündet es? Hirsch tot? Nein. Fuchs tot! klingt es herüber. Aufgestanden! Freudig springt der Hund auf, den Schnee vom Felle schüttelnd. Die breitschulterige Gestalt da drüben hält den Rotrock an der Lunte in die Luft. Auch gut, der Bursche hat manche Birkhenne gerupft, manchen Hasen gerissen. Und der Hirsch? Außer Schußweite ins Moor. Na, denn ein andermal!

Durch kniehohes, weißbereiftes Risch geht es der Bude zu. Unterwegs wandert noch ein Kaninchen in den Rucksack, das zwischen rasselnden, rotlaubigen Krüppeleichen hoch wurde; das gibt mit dem Hasenpfeffer genug für vier hungrige Mägen.

 

Wenn wir in Hannover im Café sitzen, mit reinen Kragen, hübschen Stiefeln, Plättfalten in den Hosen, nettbeschlipst, dann, glaube ich, sieht uns kein Mensch an, wie wir arbeiten können. Ich meine, mit den Fäusten, nicht mit Kopf und Feder. Der eine kehrt die Bude aus, der andere bricht Reisig kurz, der wäscht auf, jener hackt Hasen und Kaninchen klein und setzt sie mit Wasser, Speck und Zwiebeln auf. Dann werden die Pfeifen angesteckt, die Weidmesser fahren aus den Scheiden in der Hosennaht, und das große Kartoffelschälen beginnt. Ein reizendes Bild, diese vier rauhbackigen, langstiefeligen, hemdsärmeligen Küchenfeen.

Ab und zu nimmt einer die Pfeife aus dem Munde und schnuppert in die Luft: ha, wie das vom Ofen herduftet! Solch Hasenpfeffer gibt es weder bei Kasten noch bei Michaelis. Ein ganzer Hase, ein ganzes Karnickel, alle Wetter! Unser du jour nimmt ab und zu einen Löffel voll von der braunen Brühe und läßt uns kosten: Ah! Wenn es nur erst fertig wäre! Vier Jägernasen, drei Hundenasen saugen den Götterduft ein. Eine Prise Thymian dazu, unter dem Schnee gepflückt, das gibt der Speise noch mehr Duft.

Endlich! Auf den rohen Brettern des Tisches dampft der heiße Kochtopf, das Holz versengend, daß Kien- und Speisegeruch sich mengt. Vier blaugeblümte Steingutteller, vier Gabeln mit Horngriff herbei, die dampfenden Kartoffeln mit dem Kessel auf den Tisch, aus dem Keller die kurzen Bierflaschen herauf, und dann ein Schmecken, Kosten, Prüfen, halblaute Rufe. »Famos! Großartig!« und ein andächtiges Essen, ein behäbiges Speisen, wie es die guten Sachen verdienen. Dazwischen die Flasche an den Mund, gluck, gluck! Gläser haben wir nicht, und aus Blechtassen schmeckt Bier nicht. Einer nach dem andern lüftet die Schnalle, lockert die Weste, der dicke Jans glänzt vor Wonne, mit der Unterlage kann man es heute abend im eisigen Nordost an der Lisiere wohl aushalten.

 

Wenn abends die Hängelampe brennt, der Ofen glüht und bullert, der Grog in den Tassen dampft, wenn zartflügelige Florfliegen, die in der Bude überwintern, zu Dutzenden um die Lampe tanzen, wie ist es dann gemütlich bei uns. In der Birke vor der Tür ruschelt der Wind, der Kauz heult im Walde, das Wasser brodelt im Kessel, blauer Dampf zieht in Streifen nach den Türritzen, unvergeßliche Stunden!

Die schönen Tage sind vorbei. Aber bald singt die Heidlerche wieder, jubelt der Pieper. Dann tönt das Moor vom Balzliede des Hahnes, dann streicht die Schnepfe, zieht der Habicht und die Weihe. Herrliche Balz, schöne Murke, wie sehne ich mich nach euch und nach der Krähenhütte Luft. Und wenn die Birken grün prangen und die Postbüsche duften, wenn es dem Bock gilt zur Maienzeit, dann vergeht keine Woche, wo ich nicht weilen will unter dem Plaggendache der Jagdbude.

Ja, ich sag's und bleib dabei:
Lustig ist die Jägerei!
Darum frei Jägerei
Stets gepriesen sei!
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