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Mein grünes Buch

Hermann Löns: Mein grünes Buch - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMein grünes Buch
authorHermann Löns
year1994
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main / Berlin
isbn3-548-23325-2
titleMein grünes Buch
pages7-168
created20000706
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
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Junghahnenbalz

Vor Tau und Tag durch Heide und Moor, vor Lerchenlocken und Pieperruf hinaus in grauschwarze Dämmerung beim letzten Eulenschrei, bei Nachtwinds herbstlich-frostigem Sausen. Kein Bauer, kein Knecht, keine Magd wach im Heidedorfe, kein Hund laut, nur eine Katze sichtbar, schattenhaft über die Dorfstraße huschend, und die Schleiereule, lautlos in der Giebelluke verschwindend. Warm war es heute nacht, zu warm fast für Jagdweste und dicke Lodenjoppe, Manchesterhosen und Entenstiefel. Und es wollte gar nicht Tag werden. Die Nacht klebte auf Heide und Moor, Geest und Feldmark, Forst und Busch – bis langsam der Herbsttag Ruck um Ruck das schwarze Tuch vom Gelände riß, den düsteren Teppich von mir an zum Himmelsrande aufrollend.

Erst wurde der grasbewachsene Koppelweg vor mir sichtbar, dann dahinter drei schwarze Klumpen als Fuhrenkusseln erkennbar, Hederich, Lupinen, frische Falgen, grüne Saaten, Dünen, Fuhrenbüsche, düstere Wacholderhagen, lichte Sandwege, ein braunes Meer, das Moor, Heidhügel, dunkelblaue Waldwände, überragt von dem Skelett des Militärturmes.

Über mir die erste, lockende Heidlerche, dann in der Dickung der Amsel keifende Stimme, des Rotkehlchens schelmischer Frühgruß, des Holzschreiers dicktuerisches Vielgeschrei um nichts, der Goldammer bescheidener Laut, zittriges, dünnes Goldhähnchengepiepe, des Buchfinks selbstbewußter, herrischer Ruf, der Krähe rauher Ton.

Der Nachtwind verstummte, er wich dem Tag. Regungslos stand Baum und Busch, und auch das weißblonde, flachsige Gras stand unbeugsam straff. Feierliche Bewegungslosigkeit in der Natur, verstärkt durch schwarze, fliegende Flecke in der Luft und graue Schatten auf den Feldern, Krähe und Drossel fliegen hungrig zu Feld, Hasen rücken satt zu Holz.

Zur Rechten zerreißt die Wolke, goldig bricht es hindurch, goldglühend die Wolke säumend. Grünlich färbt sich darüber der Himmel, bis ein feuriger Ball die Wolken zerschmilzt, daß sie lodernd aufbrennen.

Aus der Glut fließt Kälte. Ein eisiger Wind durchschauert die Bäume, rüttelt die Büsche, streicht mit kalter Hand über das flachsblonde Gras. Ein Frösteln kriecht mir über Rückenstrang und Schenkel. Ein Viertelstündchen, dann stirbt der pfeifende Frühwind, und warm und wonnig liebkost die Sonne mein Gesicht, steckt helle Lichter im dunklen Fuhrenwald an und fälscht des weißblonden Grases müde Flachsfarbe zu stolzem Goldblond.

Matt ist aber die Morgensonne im Herbst, sie wärmt nur scheinbar meine steifen Glieder, die, an des hohen Wacholders federnde Zweige gedrückt, zwei Stunden verharrten in lauernder Regungslosigkeit.

Ja, wenn er gekommen wäre, schußgerecht gekommen, der kohlschwarze Bock, dem meine Träume galten im unruhigen Schlaf, mein Denken im Wachen – dann jagte wohl heißer das Blut durch die Schlagadern, krabbelte Hitze auf Gesicht und Brust –, aber drei schwarze Schatten sah ich in dicker Dämmerung zu Holze ziehen, scheinbar gleich an Stärke, mit verwaschenen Umrissen. Das Korn der Büchse irrte von einem zum andern, spähend nach weißen Hecken zwischen drei Paaren hochgereckter Lauscher, das scharfe Glas sprang den vor Anstrengung tränenden Augen bei, und das Glas fiel hernieder an der rauhen Joppe, der Lauf sank hinab, jedes Stück konnte der Bock sein oder die Ricke, und erleichtert atmete ich auf, als schwarzstarrende Dickung die drei verschlang. Wer kann dem Finger am Drücker trauen!

Maserkopf, alter Tröster, lasse in Blauwolken den Ärger zerflattern! Und liegt der schwarze Bock auch nicht zu meinen Füßen, mißt meine Hand auch nicht seines Gehörnes Höhe, laben meine Augen sich auch nicht an der Perlung, nicht reut mich der kurze Schlaf, der weite Weg, taunasser Stand und schneidende Frühkälte. Keine Stunde schätze ich verloren, die mir in Heide und Moor entschwand.

Im Sinnen schreckt süß ein lieber Laut mich hoch. Vom Moore klingt das Rodeln eines jungen Birkhahnes, den sein kurzes, krummes Spiel eitel machte, dem die Morgensonne allerlei frühreife knabenhafte Liebesgedanken in den Kopf setzte. Du! – du, du! – du, du! Wer kann da widerstehen? Eine halbe Stunde Marsch durch nasses Moor, Springen von Bülte zu Bülte, Kriechen durch strengduftende Postbüsche, ockerrote Doppheide, über Torfmoos, naß wie ein Schwamm, durch Risch, triefend wie frischgewaschene Wäsche, den treuen Drilling am Kolben nachgeschleift, steht mir bevor, und die Aussicht, daß der Schwarzweiße mich dann doch noch zu früh eräugt und fittichsausend abstreicht, aber sein lockendes Du! du, du! ruft er zu mahnend.

Rätsch, ätsch! warnt der Markwart, wie ich den Stand verlasse. Erleichtert streckt sich der Wacholderbusch, befreit von meines Rückens niederdrückender Last, und ein Dreiläufer, der sich vor mir im falben Grase niedergetan hatte, poltert erschrocken, Haken schlagend, über die Falge, hinein in den Hederich.

An allen Koppelrändern Rehfährten, hier schwaches Zeug, dort alter Ricken breitspurige Eindrücke, und da im feuchten Sande des Kapitalen frische Fährte. Daneben, kreuz und quer, der Krummen Spuren, und hier, in der Furche, des schlauen Rotrockes Indianerspur.

Ein prächtiger Tag! Goldsonne in halber Himmelshöhe, ein Tag für den Hüttker! Heute zieht das Federraubzeug. Da unten am Moore schwebt ein weißer Wisch über die braune Fläche, eine Weihe, und über mir kreist der Mäusehabicht. Krähen, schwarze und graue, rudern langsam dahin.

Nun ist es aus mit der bequemen Wanderung. Der linke Fuß steht noch auf Sand, der rechte auf schwankender Bülte. Mit dem Glase zerzupfe ich den Moorfleck, aus dem das Kollern des Hahnes zu mir heranlautet. Vergebens, kein schwarzweißer, sich drehender, tanzender Fleck in der braungrünen, rostrot überlaufenen Fläche. Aber dort, wo Krüppelbirken aus den Postbüschen sich drängen, dort muß es sein.

Einen tiefen Diener gemacht, so tief, daß die grünen Postbüsche mich decken, jede verwachsene Fuhrenkussel, jede junge Birke als Deckung benutzt, von Busch zu Busch mich herandrückend, dabei achtgegeben, daß die Füße nicht an den Wollgrasbülten vorbeitreten. Schwertertanz ist Kinderspiel dagegen. Hier sinkt der Fuß ein im nassen, gelbgrünen Torfmoos, daß gurgelnd braune Brühe bis an das Knie spritzt, dort weicht die schmale, hohe Bülte dem Drucke der Sohle, und laut quatschend umbrodelt brauner Schlamm die Stiefel. Pak, sagte es laut, wenn der Fuß herausgezogen wird.

Jetzt wird es besser. Hier sind Gräben gezogen, jenseits zeigt langes, gelbes, knotenloses Pfeifengras trockenen Boden an. Aber erst über dem Graben sein! Springen geht nicht, sonst empfiehlt sich der Sänger. Also am Graben entlang gekrochen, über die roten herben Beeren der Moosbeere, über blutrotes und weißgrünes Torfmoos, nassen, kaffeebraunen Schlamm, vermulmte Torfstücke und die reizenden Rosetten des Sonnentaues. Endlich bin ich am Steg, drei Birkenstämmen, mit Heidplaggen gedeckt. Auf dem Bauche geht es hinüber und ebenso weiter, denn wenig Deckung ist hier auf dem hohen, trockenen Moore, und Warner sind überall. Alle Augenblicke steht mit jämmerlichem Piet, piet ein Pieper auf, oder die Heidlerche ruft ihr Tüdliü, tüdliü! durch die Stille. Und des Hahnes Gekoller klingt näher und näher. Hochwillkommen sind die grauen Skelette toter Wacholderbüsche, ein alter, rotbrauner, halbzerfallener Schirm von der Balz dieses Frühjahrs, Binsenbülten, Moorbeerbüsche und verrottete Torfhaufen.

Noch ein nasser, tiefliegender Moorgrund ist zu überkriechen, auf welchem das Wasser Ellbogen und Schenkel feuchtet, und dann geht es hinein in kniehohe Heide, die über Kopf und Rücken zusammenschlägt, in langsamem Gekrieche, in langen Pausen. Hinter der hohen Heide liegt ein abgeplaggtes Stück, das wird des Hahnes Balzplatz sein. Der frühverliebte Junghahn ist gut im Gange, fast unaufhörlich klingt sein Dudleru, dudleru, dudleruuuu zu mir her. Aber je näher, je schlimmer! Hier, bei dieser sperrigen Birke ist ein Ausguck möglich. Da dreht er sich auf dem graubraunen, kahlen Stück, den Kopf tief, das kurze Spiel breit, die Flügel im Halbkreise geöffnet, fleißig kollernd. Sein Rodeln klingt schon recht brav, fast wie bei einem alten, aber wenn er den Hals lang macht, hochspringt, mit den Flügeln schlagend, und dabei bläst, dann hört man den Junghahn heraus. Kcht, kcht, das ist alles; zum vollen, lautpfeifenden Tschjiu-huit bringt er es noch nicht, wird er es hoffentlich auch nicht bringen.

Denn jetzt bin ich nahe genug. Deutlich nehme ich den bräunlichen Anflug auf dem Rücken wahr und die schwarzgekrümmten Sicheln im kurzen Stoß. Wie er sich dreht und wendet, spreizt und tut, als wären braune Holdchen in der hohen Heide, die Minnelohn ihm spenden sollen für Minnegesang! Wenn ich nur erst gespannt hätte! Jetzt geht es nicht, der Hahn dreht mir den Kopf zu. Aber nun wendet er sich, eigentlich ist es doch zu schade, so denkt das Herz, aber da liegt Korn, Kimme und Hahn schon zusammen, der Schuß zerpeitscht das Mitleid, endet des Hahnes Balzgesang, sein jungenhaftes, unreifes Liebesliedchen. Und das Mitleid? Es ist hier nicht am Platz. Ist ein Tod mitten im ersten, frühen, weltstürmenden Liebeserwachen nicht neidenswert?

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