Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Löns >

Mein grünes Buch

Hermann Löns: Mein grünes Buch - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMein grünes Buch
authorHermann Löns
year1994
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main / Berlin
isbn3-548-23325-2
titleMein grünes Buch
pages7-168
created20000706
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
Schließen

Navigation:

Ein goldener Heidherbsttag

Der Honigbaum hat abgeblüht, zu Silberkügelchen sind des Heidekrautes rosenfarbige Seidenkelche zusammengeschrumpft. Die Heidelerchenlieder sind verstummt, verschwunden sind die Radler und Fußwanderer, die wochenlang die Heide überschwemmten, das blühende Heidekraut abrupften und als Ersatz Zeitungspapier, Eierschalen und Flaschenscherben hinterließen.

Drei Kreuze hinter ihnen her! Es war eine greuliche Zeit. Wo sonst der einsame alte Rammler lag, da trampelten johlende Scharen, wo der heimliche Bock wechselte, strömte es von Stadtjappern; das Birkwild wanderte vor dem Gesange aus, und das Rotwild veränderte Stand und Wechsel wegen der Menschenrudel, die vom Morgenrot bis zur Sonnensinke durch Moor und Geest zogen. Wo sonst Hirsche meldeten, da balzte der Jüngling im Sonntagsgewand und die Jungfrau im hellen Hut; wo der Schreiadler rief, jodelte der Touristenvereinler; wo das Birkwild sich äste, hielten vielköpfige Familien Picknicks ab.

Nur in den weitab gelegenen Brüchen, wo Wege und Stege fehlen und Meilen zwischen den Einzelhöfen liegen, war es zum Aushalten. Höchstens den Schnuckenschäfer sah ich da, die Imker und die Bauern, die zum Grummetschnitt fuhren, lauter stille Leute, die ungefragt nicht reden. Selbst die hübschen, braunarmigen Mädchen, die der blaue Rock, das rote Leibchen und der weiße Flutthut so nett kleidet, dankten leise, wenn ich ihnen die Tageszeit bot.

Dort in der Stille habe ich die Heideblüte erlebt. Habe die Kreuzotter bei der Mauspirsche beobachtet, den Schreiadler bei der Froschjagd, den Schwarzstorch beim Fischfang. Ich sah die Tüten über die Rasenflächen rennen und die Weihen über die Purpurhügel schweben, hörte den Kolkraben rufen über dem Fichtenwald und den Schwarzspecht lachen auf dem Föhrenbau.

Schön ist die blühende Heide; wer sie aber nur kennt in der Frühherbstblüte, der kennt sie nicht. Vier hohe Zeiten hat die Heide, viermal im Jahre blüht sie. Wenn der Birkhahn balzt, zieht sie ihr Frühlingskleid aus jungem Birkengrün mit silbernem Wollgrasbesatz an. Naht der Herbst heran, dann trägt sie ihr rosaseidenes Schleppgewand. Im Winter kleidet sie sich in ein weißes Ballkleid, das ihr der Rauhreif webt. Ihr herrlichstes Kleid aber schenkt ihr der Spätherbst.

Es ist das Kleid, in dem ich sie am liebsten mag. Solange sie es trägt, bleibe ich ihr treu; dann erst ziehe ich in den Buchenwald am Bergeshang, in die Steinklippen verschneiter Kuppen. Nie habe ich solchen Heidhunger wie dann, nicht einmal zur Frühlingszeit, wenn die Moore beben vom Hahnengebalz.

Grau war der Himmel und grämlich die Welt, als ich gestern zu ihr kam. Die Birken waren fahlgelb und die Eichen schmutzigbraun, trübrot die Brombeerstauden am Straßenrand und mißfarbig die Espen an den Viehtränken. Nirgendwo war Leben, nirgends eine frohe Farbe. Wehmütig lockten die Schopflerchen, und mißmutig riefen die Raben. – Alles war leer und tot. Kein Gimpel flötete im Busch, kein Häher rief im Holz; die Elstern in den Pappeln lachten mich aus, und der Bussard verhöhnte mich aus sicherer Höhe. Mein Teckel sah mich dumm an: Was ist das für ein Leben, wenn es nichts zu morden gibt? Ein unglückliches Großwiesel mußte seine Neugier schließlich büßen. So hatte der kleine Mann wenigstens seinen Spaß.

Der Morgen kam als Nebelmann. Kaum zehn Schritte weit reichten meine Augen. So ließen wir uns beim Frühstück Zeit, bei Buchweizenmilchgrütze, derbem Brot und rosigem Schinken, mein Hund und ich. Dann ging es in den grauen Morgen hinaus. Oben auf dem Heidhügel, in dem breiten Wacholder unter der Schirmföhre machte ich halt, dampfte meine Pfeife und wartete, bis der Nebel wich. Lange dauerte das, so lange, daß der Kleine schließlich den braunen Kopf unter den Wetterrock zog und in meinem Schoße weiterschnarchte.

Der Nebel will nicht wanken noch weichen; wie eine Mauer steht er über dem Moor. Unsichtbare Pieper pfeifen, unsichtbare Krähen quarren, unsichtbare Gänse kreischen über mich fort. Nebelperlen hängen an meinem Mantel, Nebeltropfen nässen meine Backen, schwer tropft es von der Schirmföhre über mir. Und ich sitze und sitze und qualme gegen den stinkenden Nebel an.

Da fährt ein kühler Hauch über das Heideland. Die Föhre erwacht und schüttelt dichten Tropfenfall, die Nebelwand zerreißt, ihre Trümmer schieben sich durcheinander, lassen dunkle Büsche erkennen und gelbe Bäume. Und mit einem Satze springt die Sonne in das Moor, schwingt ihre goldene Peitsche, hetzt den Nebelwolf aus der Nähe, jagt ihn in die Weite, treibt ihn aus dem Lande heraus. Da wird alles ringsumher zu Licht und Glanz. Über den silbernen Birkenstämmen leuchten goldene Laubkronen. Die Brombeerranken am Hügelgrund tragen Rubinblätter, die Spinnweben sind mit Diamanten besetzt, die Espenbüsche lassen ihr leuchtendes Laub flirren, und die Eichen um den einsamen Hof leuchten in roter Pracht.

Ich sitze und sehe, und würde noch lange sitzen und hineinsehen in die goldene Pracht des Heidherbstmorgens. Da kommt ein braunes Köpfchen aus dem Wetterrock, blinzelt in die Sonne, schüttelt klappernd die Behänge, reißt gähnend den korallenroten, weißbewehrten Fang auf, und dann springt der kleine Kerl von meinem Schoß, tatzelt nach meinen Händen und schnüffelt wedelnd am Drilling herum. Der Wetterrock fliegt in den Wacholderbusch, die Handschuhe hinterher. Im Kiefernstangenort tauchen wir unter, wo zwischen bleichgrünem Adlerfarn rote Schwämme prahlen und rote Beeren im Moose leuchten. Ein weißer Bussard stiebt jäh vor uns ab. Die Ohreule in der Fichte schüttelt ängstlich den dicken Kopf und streicht mit leisem Seufzen fort.

Wo die Brombeerblöße im Bachwinkel liegt, da bleiben wir stehen. Rehfährten narben den anmoorigen Boden des Pirschsteiges und den Sand der trockenen Grabensohle; alle Himbeertriebe sind tief abgeäst, und die blauroten Pilze liegen verstümmelt umher. Aber vergebens gehen meine Augen von den roten Brombeerbüschen zu den goldenen Eichenloden, von den dunkelgrünen Binsenbülten zu den flachsblonden Grasbüschen, die Blöße ist leer. Da warnt der Turmfalke mit Angstgezeter, und ein grauer Kopf taucht hinter den Brombeeren auf, zwei hinter den Eichenloden und ein schwarzer dort hinten vor dem goldenen Espenbusch. Das ist die alte schwarze Geltricke mit dem lahmen Vorderlauf, die heimlicher ist als der heimlichste Bock. Sie kann den Postenschuß nicht vergessen, den sie in der Nachbarjagd vor drei Jahren erhielt. Regungslos steht die Alte da; ab und zu spielen die Lauscher. Endlich verschwindet der schwarze Fleck im gelben Laub. Ich trete in den Graben hinein und schleiche auf dem weichen Sande lautlos hin. Wo der Spindelbaum seiner Beeren rosige Pracht vor dem dunklen Stechpalmenbusch zeigt, kauere ich mich auf den pilzumsponnenen Eichenstumpf. Goldammern fallen zankend in die Brombeeren ein; ein Zwergspecht schnurrt heran und hämmert die Bockkäferlarven aus den Zweigknoten der Espe, ein Gimpelpaar wippt von Ast zu Ast und flötet ein zärtliches Duett, Schwanzmeisen kobolzen durch das Birkenlaub.

Die graue Ricke mit den Kitzen zieht der Dickung zu. Ein Flug Birkwild streicht brausend über mich fort. Gern langte ich einen der Hähne herab, aber dafür ist jetzt keine Zeit. Ich hocke auf meinem klebrigen Sitz, höre dem Hahn zu, der tief im Moore balzt, sehe den Krähen zu, die sich über den Eichen stechen, lausche dem Gewisper der Goldhähnchen und lache über das Gehaste der Spitzmäuse.

Endlich, nach einer vollen Viertelstunde, schwanken dort hinten die Eichenloden. Schwarze Lauscher drehen sich hin und her, ein langer, schwarzer Hals taucht auf, ein breiter, schwarzer Rumpf schiebt sich durch die roten Brombeerbüsche, mit seltsamen Bewegungen sich hochschnellend und niederduckend. Weit, sehr weit ist es bis dahin, zweihundert Gänge wohl. Leise setze ich das Fernrohr auf und streiche an dem Spindelbaum an. Aber der schwarze Fleck ist kleiner geworden, kaum kann ich den braunen Spiegel erkennen. So warte ich, bis der Fleck sich vergrößert, bis die goldenen Büsche den Rumpf freigeben, fasse das Blatt und lasse den Finger krumm werden. Und dann ein schneller Sprung auf den Grabenbord, fast reißt mich der Hund dabei hin, und ich sehe noch eben einen schwarzen Klumpen durch die roten Ranken brechen nach der großen braunen Farnblöße hin.

»Ruhig, Kerlchen, erst wollen wir uns eine Pfeife stopfen und bis auf das letzte Krümelchen leerrauchen! Sei nur still, Kleiner, du bekommst noch Arbeit genug! Kannst unterdes der Niederjagd obliegen und Reitmäuse fangen!« Aber das paßt ihm nicht: Angeleint nach Mäusen graben, die Nase voller Rehwitterung, das ist ihm zu dumm. Falsch äugt er mich von der Seite an.

Die Sonne lodert und leuchtet auf den gelben Birkenwipfeln und in den goldenen Eichenloden; sie gibt der abgefrorenen Wiese Maiengrün und den bleichen Weidenblättern Frühlingsfrische. Wie ein Vogel aus Märchenland schwebt der weiße Bussard dahin, und jubelnd und singend fällt ein Starenflug in den Eichen bei der Hirtenhütte ein.

Nun ist es Zeit: Ich stehe auf. Da kommt wieder Leben in den kleinen Stumpfbold neben mir. Er fällt in den Riemen und drängt voran. Kaum kann ich ihm folgen durch das Rankengewirr und das Lodengestrüpp, und vom Anschuß, wo schwarzes Schnitthaar an den roten Blättern hängt und rote Tropfen an den gelben Halmen kleben, reißt er mich stürmisch fort durch den braunen Farn und die blutroten Moorbeerbüsche. Ein Hase poltert Hals über Kopf vor uns fort. Einen Augenblick nur will der Hund ihm nach, besinnt sich aber und fällt wieder die Schweißfährte an, die nach der sechsjährigen Besamung führt. Da ist Graben an Graben, alle überwuchert vom Heidekraut. Das ist ein Fehltreten und Fallen, Stolpern und Stürzen, ein Vergnügen eigener Art.

Doch da hat er sie. In dem schmalen Graben ist sie zusammengebrochen, kaum ragt der schwarze Kopf mit den grünüberzogenen Lichtern heraus, unheimlich und gefährlich wie ein Teufelsgesicht. Wütend fährt der Kleine darauf los, faßt an, prallt zurück und kündet mit heiserem Halse seine Heldentat. Denn daß er die Alte zur Strecke gebracht hat, das steht für ihn fest.

Gellender Jagdruf stört mich beim Aufbrechen. Der Jagdaufseher steht vor mir: »Is man gut, daß die Alsche dot is; hat uns manches Mal Pirsch und Anstand verdorben mit ihrem Schrecken. Aber Sie müssen machen; eben sind die anderen Herren gekommen; im Brandmoor liegt das ganze Birkwild, und nachher sollen die Brüche und Füchse und Hasen gestokelt werden.«

Er hängt die Ricke in die Fichten hinein. Der Teckel will durchaus nicht erlauben, daß er das tut. »Komm, Kerlchen, haben wir heute früh unsere stille Weidmannsfreude gehabt, so wollen wir jetzt in fröhlicher Jägerlust beenden diesen goldenen Heidherbsttag!«

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.