Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Löns >

Mein grünes Buch

Hermann Löns: Mein grünes Buch - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMein grünes Buch
authorHermann Löns
year1994
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt am Main / Berlin
isbn3-548-23325-2
titleMein grünes Buch
pages7-168
created20000706
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1901
Schließen

Navigation:

Ein roter Bock

Aus grünen Träumen bin ich aufgewacht. Lang war der Tag und heiß. Seit halb vier Uhr in der Frühe bin ich über die Koppelwege geschlichen, an den goldenen Korngarben vorbei, neben den halbreifen Weizenbreiten her, vorüber an rötlichem Hafer und schwarzen Viehbohnen, tauchte dann in dem einen Feldhölzchen unter, schlich wieder über knisternde Goldstoppeln, verschwand in einem zweiten Holze, ging langsam zum dritten, von da zum vierten, und so, mit kurzer Frühstückspause und einer halben Stunde Mittagsrast im Krug, bis ein Uhr.

Da kam aber der graue Mann, streute mir Schlaf in die Augen und hielt meine Hacken fest, daß die Füße schwer den Boden traten, hing lange Grashalme und zähe Ranken um meine Knöchel, machte mir die Ohren taub und den Rücken krumm. Ein Viertelstündchen wollte ich im Schatten nicken, gelehnt an der alten Eiche grauen Stamm; zwei volle Stunden habe ich geschlafen fest und still.

Mit großen Augen sehe ich über die Blöße vor mir, als könnte ich den Traum wiederfinden, den ich hatte. Ich sehe des hohen Wasserdost rosenrote Büschel, über die zwei Pfauenaugen tanzen, die übermannshohen Dolden, deren weiße Schirme ein Stelldichein sind für allerlei buntes, blitzendes, summendes, murrendes Getier, die blauen Glocken, in denen die Hummeln brummen, und die ungeheuren, acht Fuß hohen, schlanken, rotköpfigen Disteln, über denen Admiral und Silberstrich, Zitronenfalter und Weißling hin und her schweben.

Ich sinne meinem Traume weiter nach und sehe nach den Riesendisteln. Ein Flug lustiger Stieglitze fällt auf ihnen ein, auf den roten, nickenden Distelköpfen nicken die roten Vogelköpfe hin und her, dann strebt die bunte Gesellschaft froh zwitschernd wieder ab.

Eine leichte Brise kommt über die Blöße, so leicht, daß der hohe, schön geschwungene Waldhafer sich kaum rührt, aber die beiden Zitterpappeln fahren zusammen und schütteln sich, als hätte eine rauhe Faust sie gepackt. Durch die Krone meiner Eiche geht ein leises Brummen, als lache sie heimlich über die beiden Angstmeier.

Die Pfeife im Munde liege ich da und träume. Blaue Rauchwolken zerflattern zwischen blitzenden Schwebfliegen. Weiße Schmetterlinge kommen wie lichte Träume angeschwebt, jagen sich, flattern zu Boden, steigen in die grünen Kronen und verschwinden über dem hohen Silbergras.

Das ist doch das schönste an der Jagd, dieses wunschlose Stilliegen. Der Bock, wenn ich ganz ehrlich sein will, ist nur ein Vorwand für das heimliche Gehen, für das lautlose Pirschen, durch das mir alle Waldgeheimnisse kund werden.

Das sage ich jetzt. Aber gestern, als ich ihn herangelockt hatte mit dem gespaltenen Grashalm, auf dem ich des Schmalrehs kokettes Locken nachahmte, da zitterten mir doch die Knie ein wenig, als ich ihn heranrauschen hörte durch die Haselbüsche, und unter dem Hut krabbelte mir die Haut. Und als er dann Wind bekam und wie ein roter Feuerstreifen hinter meinem Rücken vorüberschoß, da habe ich doch die Stirne gekraust und die Lippen zusammengebissen.

Dort oben, wo die Lichtung aufhört, habe ich dann am Kreuzgestell eine Stunde gelauert, bis er endlich auf das Gras trat. Und als ich das Büchsenschloß stach und den Kolben an die Backe zog, da flammte mir doch die helle Wut heiß in das Gesicht, als hinter dem Bock auf dem Feldweg zwei Mädchen auftauchten und ich den Lauf eiligst in die Höhe reißen mußte, und gar nicht freundlich dankte ich, als die beiden Hübschen mir die Tageszeit boten. Und heute morgen, als ich barfuß über das Quergestell schlich und der Bock im mannshohen Grase vor mir absprang, daß ich nichts weiter sah als einen roten Strich und darüber zwei weiße Blitze, da kam mir das Morgenrot auf einmal langweilig und des Taubers Ruf albern vor.

Aber was hilft das alles. Pech ist Pech. Ich habe doch allerlei Schönes gesehen, was andere Leute nicht sehen. Vor mir im Fallaub knistert es. Ein in Grün, Gold und Bronze gepanzerter großer Käfer kämpft da mit einem Ungeheuer von Regenwurm. Dreimal reißt der Wurm sich los, dreimal faßt der blanke Ritter ihn und schleppt ihn schließlich in seine Burg, den moosigen Eichenstuken. Ich muß lachen; Ritter Georg und der Drache fällt mir ein.

Ich erhebe mich. Ein Kaninchen, das dicht vor mir in der Sonne gelegen hat, raschelt davon. Schrecklich lärmt der Häher, der im Grase Käfer suchte, und ein Eichkätzchen klettert an der Esche hoch und ruft mir aus sicherer Höhe einen Schwall gemeiner Schimpfworte nach. Die Amselmütter und Zippenmamas warnen mit Zetergeschrei ihre flügge Brut, die Kohlmeise gibt mir keifend zu verstehen, daß ich in der Nähe ihrer Kinder höchst überflüssig bin, und sogar die Grasmücke meint spitz, ich möchte machen, daß ich weiterkäme.

Das tue ich auch. Den Grasweg gehe ich entlang, an dessen Seiten die hellroten Blumen des Storchschnabels leuchten und die dunkelpurpurroten Köpfe des Wiesenkopfs nicken, behängt mit stahlblauen, blutrot gezeichneten Schmetterlingen. In allen Büschen krabbelt junges Vogelvolk, in allen Zweigen flattert es davon. Überall schimmern der Hasel weißlichgrüne Nüsse, dazwischen hängen des Geißblatts wachsgelbe Blumen, funkeln der Heckenkirsche rote Perlen, lachen des Schneeballs rotbäckige Trauben. Reich gedeckt ist dieses Jahr der Tisch für alle Pickelschnäbel und Knabberzähne.

Oben am Fahrweg mache ich halt, sehe tief hinein in den Nachbarwald. Auf dem Grenzstein im Graben lasse ich mich nieder, von da aus haben meine Augen dreifache Aussicht. Nach links, wo er in grünen Schatten ausläuft, nach rechts, wo er in glimmenden Sonnenstrahlen vor der goldenen Stoppel zerfließt, und geradeaus, wo ein üppiger Strauß von hohem, weißblühendem Labkraut, bleicher Kohldistel, goldenem Johanniswurz und kupferrotem Sauerampfer ihn beendet.

Ein kohlschwarzer, goldschnäbliger Amselhahn rennt durch die Wegerichblätter, stochert hastig überall herum, stolpert weiter, zieht mit einem Aufwand von überflüssigen Bewegungen einen Wurm aus dem Moos und verschlingt ihn mit ebensoviel unnützen Kopfverrenkungen. Dann stößt er ein gellendes Warngeschrei aus und stiebt in die Haselbüsche.

Rechts in den Büschen höre ich es brechen. Ein kleiner Ruck zuckt durch die rechte Hand, die Linke schiebt sich unter den Büchsenlauf, vorsichtiger ziehen die Lippen an der Pfeife, und kleiner werden meine Augen. Ein Kopf, rotgelb und kohlschwarz, von hell und dunkel abschattierten Lauschern überragt, steht zwischen den blauen Glockenblumen, biegt sich herunter, reißt ein Hälmchen ab und kaut es langsam kürzer.

Dann schiebt sich der Hals heraus, der rechte Lauf, der linke, und das rote Blatt, der Leib, die Hinterläufe, und nun steht es in seiner ganzen Schönheit, das Schmalreh, mitten auf der Bahn vor dem großen weißgrüngoldroten Blumenstrauß, als wenn es wüßte, daß der es so gut kleidete. Sorgfältig macht es Toilette, zupft hier und da an seinem roten Kleid herum, schüttelt die blinden Fliegen ab, kratzt sich die Stelle am Halse, wo es die Mücken stachen, und äst dann von oben herunter einen Haselschoß nach dem anderen ab. Einmal sieht es sich noch um, dann zieht es über die Bahn nach der großen Grasblöße. Ich bleibe sitzen und qualme weiter. Die Turteltauben schnurren, nun wird es fünf Uhr sein. Eine Goldammer singt schwermütig, ein junger Fasanenhahn ruft laut und herrisch und stolziert dann über den Weg, funkelnd im schrägen Sonnenlicht. Der alte Hase, der hier jeden Abend und jeden Morgen anzutreffen ist, erscheint auf der Bildfläche, und der Ringeltauber klatscht mit den Flügeln, fällt über mir in der Eiche ein und ruft. Nun ist es schon sechs Uhr. Anderthalb Stunden habe ich hier gesessen auf dem Grenzstein.

Grenzsteine halten fest; es ist Pech daran. Die Grenze, das ist doch das Schönste bei jeder Jagd. Da hat das Pirschen zweifachen Reiz, da bietet der Ansitz doppelte Freude, da ist der Bock noch einmal so viel wert. Es ist lächerlich, aber es ist so, und es wird so bleiben, solange es grüne Jäger und rote Böcke gibt, heute und morgen und allezeit. Aber länger will ich hier nicht bleiben. Doch gerade, als ich mich aufrichte, warnt links von mir das Rotkehlchen laut und anhaltend. Und über der Grenze, linker Hand von mir, rauscht es im Laub, bricht es in den Zweigen, höre ich den Bock schlagen und plätzen. Da sinke ich Zoll um Zoll in mir selbst zusammen und kauere mich wieder am Grenzstein hin, die Faust am Kolbenhals auf das rechte Knie gestützt, die linke vorn am Lauf.

Lauter warnt das Rotkehlchen, lauter knackt und rauscht es in der Dickung. Mit einem Ruck hört der Lärm auf, und mitten im Wege steht ein gelber Fleck, zu drei Vierteln verdeckt von den tief herabhängenden Haselzweigen. Wohl zehn Minuten rührt sich der Fleck nicht, dann kommt Bewegung hinein, die Äste rauschen auf und ab, Mulm und Moos fliegt, wie unsinnig schlägt und fegt der Bock.

Soll ich, oder soll ich nicht? Ein Bock ist es, das ist klar. Aber ob es der ist, den ich will, das ist die Frage. Könnte ich nur einen Augenblick den Kopf sehen. Aber ob ich mich ganz hinknie, ob ich mich flach hinlege, immer decken den Kopf die Haselzweige. Und dann klingt von der Grasdickung das Fiepen des Schmalrehs, einmal, zweimal und zum dritten Male, und fort ist der gelbe Fleck. Dann höre ich Stimmen und Sensengedengel und höre es dort unten rauschen, sehe es dort leuchten und blitzen. Ärgerlich auf mich und die ganze Welt ziehe ich ab, die Grenze entlang, am Klee vorbei, wo drei Hasen sich gütlich tun, den Koppelweg entlang, über den die Kaninchen huschen, am Hafer vorüber, in dem die großen Heuschrecken schrillen, bis ich den Mäher und seine Frau fortgehen sehe.

Halb schlägt es im Dorfe, halb acht. Dreiviertel Stunden habe ich noch Zeit. Vorsichtig pirsche ich am Felde entlang, bis ich an der Graswildnis bin. Da steht eine Leiter, und auf die krieche ich hinauf, katzenleise, bei jeder Sprosse die Augen über das dichte Gewirr von mannshohem Gras, Glockenblumen, Haselschossen, Kletten, Dolden und Espenloden und das lichte Stangenholz dahinter wandern lassend. Oben auf der Leiter lehne ich mich an den Stamm, hänge die Büchse an einen Astzacken und hole aus der Tasche den Geschreiblatter heraus.

Zweimal klingt das Geplärre durch den Wald. Der Hase auf dem Grasweg macht einen Kegel und äst dann weiter. Ich höre die Turteltäuber schnurren, die Ringeltäuber rufen, eine Ammer singt noch. Rotkehlchen ticken, Amseln schimpfen, Mäuse tuscheln im Laub, eine große Fledermaus fährt hin und her, aber kein roter Fleck taucht irgendwo auf.

Da, in den Stangen, ein leises Knicken. Da steht ein gelber Fleck. Ein Bock. Aber nicht mein Bock. Der gelbe Gabelbock. Aber ich muß heute abend fort, und so hebe ich den Büchsenriemen von dem Astzacken, spanne lautlos, steche das Schloß und will gerade anbacken, da macht der Bock eine Flucht zurück, und schon verdecken die Zweige ihn. Und schon will ich mir ärgerlich die Pfeife anstecken, da rauscht es hinter mir im Weizen, ich sehe einen roten Strich, darüber blitzt es lang und weiß, aber ehe ich die mühsame Wendung nach rechts gemacht habe, ist das rote Ding fort.

Jetzt aber schnell! Leise herunter von der Leiter, auf den Grasweg, Rucksack und Hut herunter, Pfeife fort, und nun, schnell, aber leise, bis an die Ecke der Dickung. Dort einen Augenblick gewartet, dann fünf Schritt weiter im Schatten der tiefen Zweige, wieder gewartet, wieder weiter, und da höre ich es auch schon rauschen und brechen.

Ich bin klatschnaß vor Schweiß; das Herz sitzt mir im Hals, der Atem pfeift, daß ich denke, man kann es zehn Gänge weit hören, und der Büchsenlauf tanzt mir vor den Augen auf und ab. Aber nur so lange, bis ein großer roter Fleck auf die Bahn tritt; da werde ich ruhig, habe mit einem Blick das hohe, langendige Gehörn weg und rühre am Abzug.

Roh zerstört der Feuerstrahl die sanften Farben der Dämmerung, grob verdirbt der Knall die Waldabendstille, dick kriecht der weiße Dampf über Weg und Wald. Und ich bin wieder ganz ruhig, denn durch das Feuer sah ich den Bock zusammenbrechen.

Und als der Rauch verflattert, liegt er vor mir auf dem grünen Wege in seiner ganzen roten Pracht und färbt mit seinem hellen Lungenschweiß die breiten Blätter des Wegerichs. Und wie ich bei ihm knie und das Gehörn sehe, die langen Enden, die breiten Rosen, die derben Perlen, da lache ich doch und denke nicht mehr daran, daß der Bock nur ein Vorwand für mich sei, still zu pirschen und heimlich zu lauern im Holze.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.