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Mein Freund Kaspar und andere Erzählungen

Charlotte Niese: Mein Freund Kaspar und andere Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorCharlotte Niese
titleMein Freund Kaspar und andere Erzählungen
publisherVerlag der Evangelischen Buchhandlung von Fr. Trümpler
printrun6.-9. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Rückkehr der Waldenser.

(August, September 1689.)

Es war im dreizehnten Jahrhundert, daß sich um den reichen Kaufmann Peter Waldus in Lyon ein Häuflein Menschen scharte, welche vom Lichte des reinen Evangeliums sich erleuchten lassen wollten. Es sah damals finster in der Welt aus; schwer lag die Hand der katholischen Kirche auf den Ländern, und mit harten Strafen bedrohten ihre Priester diejenigen, welche selbst forschen wollten in der Heiligen Schrift. Aber gerade in dieser Zeit, wo noch die wenigsten Menschen lesen konnten, wo es keine gedruckten Bücher gab, wo die lateinische Messe dem Volke Unverständliches sagte, und wo Tausende von dem lebendigen Gott und seinem Sohne Jesu Christo nur einen unklaren Begriff hatten und von den Heilswahrheiten nur soviel wußten, wie der katholische Priester für gut fand, ihnen mitzuteilen – gerade in dieser Zeit kam in die Herzen vieler eine unbeschreibliche Sehnsucht nach dem Licht, welches in der Finsternis leuchtet. Und jene Sehnsucht wurde immer stärker, je weniger dieselbe befriedigt werden konnte – je größer die Gefahren wurden, die der suchenden Seele sich entgegenstellten. Seit ihrem Bestehen haben die Waldenser Gemeinden mit Not und Gefahr, mit Kummer und Elend, mit Hunger und Armut zu kämpfen gehabt; seitdem Peter Waldus vor sechshundert Jahren sein Haupt zur Ruhe gelegt, ist durch Jahrhunderte hindurch der Name Waldenser eine Schmach und Schande vor der Welt gewesen; sie sind verfolgt, getötet, verspottet, der größten und gröbsten Sünden beschuldigt worden, und alles nur, weil sie an das reine Evangelium glaubten, nichts von den Heiligen, nichts von der Ohrenbeichte, nichts von dem Ablaß der katholischen Kirche wissen wollten. Statt in die Kirche zu gehen und für einige Groschen Ablaß für alle Sünden zu erstehen, schlichen sie bei Nacht in ein entlegenes Häuschen, in eine Berghöhle oder in ein einsames Tal, und dort lauschten sie ihrem Prediger, der ihnen in ihrer eigenen Muttersprache das Evangelium auslegte und erklärte. Aber sie wurden verfolgt, ihrer Güter beraubt und als Ketzer verbrannt oder lebenslänglich eingekerkert. Die Geschichte Südfrankreichs ist im Mittelalter eine düstere; die Seiten aber, welche von den Religionsverfolgungen handeln, sind am meisten mit Blut befleckt. – Die Waldenser lebten fortgesetzt unter einem Bann. Manchmal konnten zehn Jahre vergehen, ohne daß sie verfolgt wurden, dann aber erregten sie die Aufmerksamkeit eines katholischen Bischofs oder eines beutegierigen Fürsten, und sie wurden so lange verfolgt, bis sie anscheinend alle getötet, ausgeraubt oder eingekerkert waren. – Aber das Licht des Evangeliums leuchtete weiter in der Finsternis. Immer wieder tauchten die Waldenser auf – in Südfrankreich, an den Ufern des Mittelmeeres und in den Tälern der Alpen, wo sie unbemerkt ein stilles Dasein führen konnten. – In den kottischen Alpen, westlich von Turin, hatten sie im sechzehnten Jahrhundert ein schönes, friedliches Heim gegründet. Es war um die Zeit, da Luthers Lehre in ganz Europa einen mächtigen Widerhall fand; Männer wie Calvin und Zwingli hatten in Frankreich und der Schweiz das Licht des Evangeliums verbreitet; überall regte es sich in den Gemütern, die nach den Wassern des Lebens dürsteten, und die katholische Kirche, deren festgefügtes Mauerwerk ins Schwanken kam, sah eine Weile ratlos und untätig zu, wie Tausende von ihrem toten Heiligendienst, ihren lateinischen Messen sich lossagten, um die Lehre von der Erlösung durch Christum an der frischen Quelle selbst zu trinken. Sie ließ es geschehen, daß die Waldenser in der Synode zu Agrogna im Jahre 1532 der Reformation sich anschlossen; sie duldete schweigend die Ausbreitung des evangelischen Glaubens in den stillen Tälern Savoyens, aber sobald sie glaubte, stark genug zu sein, gegen die gehaßten Waldenser einen vernichtenden Schlag führen zu können, ergriff sie die Gelegenheit. In der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts hatten die französisch-deutschen Kriege die rechtmäßigen Herrscher aus dem Hause Savoyen vertrieben. Im Frieden von Château Cambresis 1659 erhielt der Herzog von Savoyen von Frankreich sein Land unter der Bedingung zurück, daß der Protestantismus gänzlich darin ausgerottet werde. Diese Bedingung war dem Einfluß der katholischen Priester bei Ludwig XIV. zu verdanken, und jetzt kam die Zeit, wo französische und savoyische Generale sich an Grausamkeiten gegen die unglücklichen Waldenser überboten. Alle Gottesdienste wurden von Soldaten gestört, die Teilnehmer mißhandelt und zu Tode gequält, kurz, es geschahen damals solche Schandtaten in den stillen Tälern der herrlichen Alpen, daß England, Holland, die Schweiz Protest bei dem Herzog von Savoyen einlegten. Der König von Schweden schrieb einen eigenhändigen Brief an den grausamen, von katholischen Priestern aufgestachelten Fürsten, und der große Kurfürst von Brandenburg lud die Waldenser ein, in sein Land zu kommen. Selbst Ludwig XIV. von Frankreich schrieb dem Herzog, er solle die Grausamkeiten einstellen; aber diese milde Stimmung des allerkatholischsten Königs dauerte nur so lange, als er noch nicht gänzlich unter dem Einflusse der Priester stand. Im Jahre 1685 hob er das Edikt von Nantes auf, das den Reformierten freie Religionsübung in Frankreich gestattete, und dann forderte der französische König den jungen Herzog von Savoyen, Viktor Amadeus, auf, sein Land von der »Pest« des Protestantismus zu reinigen. Als dieser zögerte, erklärte Ludwig, er werde mit 14 000 Mann die Waldenser austreiben, dann aber auch ihr Land für sich behalten. Der Herzog hatte natürlich keine Lust, die schöne Provinz zu verlieren und erließ am 30. Januar 1686 die Verfügung, daß bei Todesstrafe jeder ketzerische Gottesdienst verboten sei; alle Kirchen sollten zerstört, die Prediger und Lehrer verbannt, alle Waldenser Kinder von der römischen Kirche getauft und erzogen werden. Verzweiflungsvoll versuchten die Protestanten, sich der Soldaten zu erwehren, welche jetzt einrückten, das grausame Gesetz durchzuführen. Einem Heere von 10 000 Franzosen und 2500 Piemontesen gelang es, in wenigen Monaten unter den Unglücklichen aufzuräumen: 14 000 Gefangene wurden in dreizehn Gefängnissen des Reiches verteilt, 2000 Kinder in Klöster untergebracht, und das Land der Waldenser, von ihnen seit fünfzig Jahren bebaut, ward den Katholiken gegeben. Nur ein Häuflein kühner Männer blieb im hohen Gebirge zurück und konnte nicht zur Waffenniederlegung gezwungen werden. Wenn die Truppen in engen Pässen marschierten, erschienen die Waldenser am Rande der Berge, Felsblöcke und Kugeln herunterschleudernd, Schrecken und Angst unter den Soldaten verbreitend. Da man sie nicht gefangennehmen konnte, bot die Regierung ihnen an, frei auszuwandern; aber sie lehnten ab und erklärten, nur dann fortziehen zu wollen, wenn man ihren gefangenen Glaubensgenossen die Freiheit geben und ihnen erlauben wollte, mit aus dem Lande zu wandern. Der Herzog, dem die Grausamkeiten selbst zuwider geworden, gab seine Einwilligung und drängte zur Eile, um die unbequemen Ketzer loszuwerden. Mitten im Winter wurden die Gefängnisse geöffnet, und selbst die, welche von der Haft schwach und krank geworden, oder von Ungeziefer fast zerfressen waren, wurden gezwungen, im Schnee über die Hochalpen, den Mont Cenis, zu gehen. Die Kinder wurden zurückbehalten, die Erwachsenen mußten fort. Jetzt geht der Eisenbahntunnel durch den Mont Cenis, damals um Weihnacht 1686 erfroren Tausende auf den Gletschern und unter den Lawinen. 14 000 Waldenser hatte man noch in den Kerkern gezählt; in Genf, der Stadt, welche den Glaubensgenossen ein Heim geboten, fanden sich nur 2810, – und diese mit erfrorenen Händen und Füßen. Als die Genfer ihre jammervollen Gäste sahen, brachen sie in lautes Weinen aus; die Waldenser aber hatten keine Tränen mehr. – Weiter mußten sie sich trennen, denn Genf allein konnte die gänzlich mittellosen Unglücklichen nicht ernähren; andere Schweizerstädte, auch Holland, Kurbrandenburg, Hessen, boten den Vertriebenen ein Heim, das angenommen ward, und Ludwig XIV. konnte sich befriedigt sagen, daß die Ketzer mit Blut und Schwert aus Piemont vertrieben seien. Aber es gab Männer, welche ihr Vertrauen in den lebendigen Gott und in den setzten, der für sie gestorben, der noch ganz andere Leiden erduldet als sie. Josua Janavel, der Anführer der Waldenser im Kriege gegen ihre Feinde, und Henri Arnaud, ehemals Pfarrer in La Tour, waren diejenigen, denen es gelingen sollte, die Rückkehr der Waldenser zu bewerkstelligen. Heimlich wurden die Vorbereitungen betrieben, mit protestantischen Mächten Verhandlungen angeknüpft. Unermüdlich reiste Arnaud von einem Hofe zum andern, hier und dort reichliche Unterstützung erhaltend. Allgemein gärte es in den Ländern gegen den Übermut Ludwigs; die in der Schweiz verstreuten Waldenser wurden benachrichtigt, und wer sich losmachen konnte, der kam, um bei der großen Glaubenstat zu helfen. Am nördlichen Ufer des Genfer Sees war es, wo am 16. August 1689 900 Waldenser sich versammelten, um unter Arnauds Führung zurückzukehren in die Savoyer Alpen und ihre Heimstätte aufzuschlagen, wo ihre Wiege gestanden. Aus Südfrankreich, aus der Schweiz, aus Deutschland waren sie gekommen, und ergreifend betete Arnaud für seine Glaubensgenossen, welche er mit dem Volke Israel verglich. Und der Herr, welcher den Israeliten tags in einer Wolkensäule und nachts in einer Feuersäule den Weg gewiesen, zeigte auch jetzt wieder, daß er der starke Gott geblieben, der die Seinen gnädig behütet. – Fast wie ein Märchen klingt es, wenn wir von den unglaublichen Gefahren lesen, welche die Waldenser zu bestehen hatten, um in ihr von Soldaten besetztes Land zu gelangen. Über schwindelnde Abgründe, glatte Eisfelder, durch fußtiefen Schnee ging der Weg, denn man mußte die höchsten Bergpfade erwählen, um einigermaßen unbehelligt die Täler zu erreichen, ehe die feindlichen Soldaten sich den Einmarschierenden entgegenstellten. Acht Tage lang gab es weder Ruhe bei Tag noch bei Nacht; an Speis und Trank litten sie großen Mangel, und dann stellte sich ihnen ein Heer von 2000 Soldaten entgegen! Aber der Herr war mit den Seinen; die kleine erschöpfte Schar der Waldenser besiegte in heißem Kampfe die französischen Truppen, und weiter ging es im Siegeslauf. Die savoyischen Soldaten liefen vor ihnen fort, und am 28. August konnten die Waldenser im Dorfe Prali in einer ihrer früheren Kirchen den ersten Gottesdienst halten. In drei weiteren Tagen waren sämtliche Täler erobert, und am 1. September feierten 700 Waldenser, welche lebend ihre Heimat erreichten, einen feierlichen Gottesdienst und gelobten eidlich, niemals den reinen evangelischen Glauben zu verleugnen, sollten sie auch wieder bis aufs Blut verfolgt werden. – Das sind die großen Tage, welche die Waldenser nach 200 Jahren vom 16. August bis zum 1. September 1889 gefeiert haben, die glorreiche Heimkehr, welche der Predigt des reinen Evangeliums in Italien eine Stätte erkämpft hat.

Aber noch waren die schweren Tage nicht vorüber; gegen 7000 Franzosen unter Catinat mußte Arnaud noch monatelang kämpfen und wäre vielleicht erlegen, wenn nicht der Herzog von Savoyen, des Bündnisses mit Frankreich müde, mit den Waldensern Frieden geschlossen hätte, um mit ihrer Hilfe gegen Ludwig XIV. zu kämpfen. »Seid mir treu, ihr Waldenser, wie ihr eurem Gotte getreu gewesen seid, und solange ich ein Stück Brot habe, werde ich es mit euch teilen!« so sprach Viktor Amadeus zu Arnaud. Es war derselbe Fürst, den einst Ludwig von Frankreich gezwungen, die Grausamkeiten gegen die Waldenser zu begehen, aber Gott der Herr lenkt die Herzen der Menschen wie die Wasserbäche! – Jetzt kamen Kriegsjahre gegen die Franzosen; im Jahre 1694 aber erschien das Edikt des Herzogs, des Inhalts, daß den Waldensern alle ihre Besitzungen wiedergegeben werden sollten, und daß sie ungestört ihren Glauben bekennen dürften. Jetzt wäre die Freude der Waldenser vollkommen gewesen, wenn nicht ein bitterer Tropfen ihr Glück gedämpft hätte. Henri Arnaud, ihr heldenmütiger Führer und Pastor, mußte, nachdem der Frieden mit Frankreich geschlossen, verbannt werden, weil er ein eingeborener Franzose war! – In Dürrmenz-Schönenburg, im württembergischen Neckarkreis, erhielt er das Pfarramt einer kleinen Waldensergemeinde und ist dort, achtzig Jahre alt, 1721 gestorben. Über dem Grabstein des tapfern Soldaten und treuen Seelenhirten prangt das alte Waldenserwappen, die brennende Kerze auf offener Bibel, und der Waldenser Wahlspruch: »Das Licht leuchtet in der Finsternis!« – Ja, das Licht des Evangeliums leuchtet weiter im Lande Italien! Seit dem Jahre 1848, wo die Waldenser dieselben Rechte in Italien genießen, wie die katholischen Untertanen – bis dahin waren sie überall gehindert –, hat ihre Tätigkeit sich sehr ausgebreitet. Sie haben in Genua und Turin Gemeinden, Schulen, evangelische Jünglingsvereine, Bibelniederlagen, ja, in Florenz eine theologische Universität errichtet. Außerhalb ihrer Alpentäler zählen die Waldenser jetzt in Italien 44 Gemeinden mit 38 Pastoren. Ohne die werktätige Hilfe des protestantischen Auslandes werden diese Gemeinden aber nicht bestehen können, – möge Gott allerorten die Herzen und Hände ihrer evangelischen Brüder zur Hilfe öffnen! Er hat ja gezeigt, wie er seine Getreuen wunderbar geführt und ihrer niemals vergessen hat. Ja, er tut heute noch Wunder und läßt keinen zuschanden werden, der auf ihn seine Zuversicht setzt.

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