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Mein Fliegerleben

Ernst Udet: Mein Fliegerleben - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorErnst Udet
titleMein Fliegerleben
publisherIm Deutschen Verlag - Berlin
printrun301.-350. Tausend
year1942
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140331
projectid7be51fde
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Der Tod fliegt schneller

Am Mittag ist der Befehl gekommen: Ganze Staffel abrücken! Schon am Abend liegen wir abmarschbereit auf dem Bahnhof in Mülhausen. Der Bahnsteig ist voller Menschen. Im bleichen Licht der Lampen, die gegen Fliegersicht gedämpft sind, sehen sie gespenstisch blaß aus. Viele Frauen sind darunter, und fast alle weinen. Zwei Jahre haben wir vor den Toren von Mülhausen gelegen. Jede freie Minute waren wir dort. Zuletzt gehörten wir dazu, als ob wir Söhne der Stadt geworden wären.

Ich bin mit Esser in demselben Abteil. Seine Braut ist zum Abschied von Freiburg herübergekommen, ein schönes Mädchen mit einem stolzen, verschlossenen Gesicht. Sie weint nicht. Sie unterhalten sich zum Wagenfenster hinaus. »Gib auf deine Handschuhe acht und auf deine Wäsche«, sagt sie. Ihre Mundwinkel flattern dabei. Man sieht ihr an, daß sie ganz etwas andres sagen möchte.

siehe Bildunterschrift

Der Feind erkundigt sich durch Fliegerabwurf

Dann rollt der Zug hinaus in die Nacht. Das Ziel der Fahrt ist unbekannt. Wir ahnen nur, daß es jetzt mit dem ruhigen Leben vorbei sein wird, daß wir an irgendeinem Brennpunkt des Kampfes eingesetzt werden. Dies Gefühl erfüllt uns mit einer gespannten Erregung, der eine leise Sorge beigemischt ist. Werden wir den Anforderungen des großen Luftkampfes gewachsen sein?

Drei Tage und drei Nächte werden wir hinter der Front hin und her geschoben. Wie auf einem ungeheuren Rangierbahnhof. Munitionszüge rollen an uns vorbei, Lazarettzüge mit unsichtbarem Elend hinter weiß bemalten Scheiben.

siehe Bildunterschrift

»Der stille Beobachter.« Um den Feind zu täuschen, ist auf meinem Fokker ein Blechkopf montiert

Am Abend des dritten Tages werden wir ausgeladen. Wir sehen uns um und sehen uns an. »Lause-Champagne!« knurrt unser Führer.

Ein dünner, kalter Strichregen geht herunter, er hüllt die weite Ebene in graue Trostlosigkeit. Ein paar magere Pappeln längs der Landstraße frieren im Märzwind.

Wir werden in dem kleinen Dorf La Selve einquartiert. Esser und ich bleiben zusammen. Unsere Stube ist von einer entsetzlichen Dürftigkeit. Aber Esser schafft Rat. Zusammen mit seinem Burschen bringt er aus einem verlassenen Schloß rotsamtne Vorhänge angeschleppt, mit denen die Wände beschlagen werden. Aus einem rohseidenen Schlafanzug wird ein Lampenschirm. Dadurch bekommt unser Zimmer eine etwas schwüle Behaglichkeit.

Uns gegenüber liegt die Elite der französischen Fliegerei. Sogar Nungesser soll dabei sein und Guynemer, das » as des as«, der Richthofen des Feindes. Sie fliegen den einsitzigen Spad mit dem Hunderachtzig- PS-Hispano, eine schnelle, sehr wendige Maschine, die unseren Haifischen und Albatrossen überlegen ist, vor allem bei steilen Sturzflügen. Dann fangen bei uns die Tragflächen an zu beben, daß wir befürchten müssen, sie montieren in der Luft ab. Der stabilere Spad aber hält diese Belastung mühelos aus. Auch die Erdabwehr ist ganz anders durchgebildet als unten in den Vogesen. Gleich beim ersten Frontflug merke ich das. Ein Flak zerschmettert mir den Stirnholm, und ich habe Mühe, den Apparat nach Hause zu bringen.

Fast alle Luftkämpfe verlaufen ergebnislos, und unsere Stimmung wird von Tag zu Tag gedrückter. Abends sitzen Esser und ich auf unserer Bude. Sein findiger Bursche hat irgendein altes Grammophon aufgetrieben, dem wir einen Stoffkloß in den Hals schieben, um seine Stimme zu dämpfen. Es klingt jetzt so schwermütig wie der Gesang eines Bauernmädchens am Sonntagnachmittag auf dem Hinterhof eines Stadthauses.

Esser sitzt da und schreibt an seine Braut. Er schreibt jeden Tag und entwirft Zukunftspläne.

Am 16. April hat unsere Staffel den ersten Erfolg. Glinkermann holt einen Caudron herunter, Esser einen Nieuport. Die anderen haben Esser dann noch beobachtet, wie er ein feindliches Flugzeug verfolgte und nach Westen verschwand. An diesem Tage hören wir nichts mehr von ihm, und ich bleibe die Nacht allein in der Stube mit den rotsamtnen Vorhängen.

Am nächsten Mittag wird antelefoniert vom ersten Graben. Unser Abteilungsführer fährt hin, gegen Abend kehrt er zurück. Im Innern des Wagens ein Sack, so klein, als wenn ein totes Kind drin läge. Das ist alles, was von Esser übrigbleibt.

Der Abteilungsführer schreibt an die Eltern, ich soll an die Braut nach Freiburg schreiben. Es ist ein schwerer Brief, der schwerste, den ich je geschrieben habe – aber ich muß noch viele solche Briefe schreiben.

Am Morgen nach Essers Überführung kommt Puz auf mich zu. Sein rundes, stupsnasiges Kindergesicht ist voll Mitgefühl.

»Weißt du, Knägges«, sagt er zu mir, »das muß schrecklich sein, so allein in der Bude mit dem leeren Bett. Wenn du willst, ziehe ich zu dir.«

Wir schütteln uns die Hand, und am Abend nimmt der Bursche die schmale weiße Besuchskarte an der Tür ab. »Leutnant Hänisch« steht jetzt da, wo früher »Leutnant Esser« stand.

siehe Bildunterschrift

Jagdstaffel 15: Reinhold, Hänisch (Puz), Esser

Am 24. April glückt mir der erste Sieg an dieser Front. Über Chavignon begegne ich einem Nieuport, schieße ihn nach kurzem Kurvenkampf in Brand und sehe seine Trümmer im Trichterfeld zerschellen. Es ist mein fünfter anerkannter Luftsieg, denn nach dem ersten Kampf über Mülhausen habe ich von Habsheim aus noch drei heruntergeholt.

Zwei Tage später, am sechsundzwanzigsten, ist mein Geburtstag. Ich habe alle Kameraden zu mir eingeladen in den roten Salon. Mit Behrends Hilfe sind drei Napfkuchen gebacken worden, Kakao ist da, und eine große, weißgedeckte Tafel steht im Raum wie zu einer Kindergesellschaft.

Wir sitzen plaudernd herum und warten auf unseren Staffelführer Oberleutnant Reinhold. Um zwei Uhr ist er zu einem Sperrflug aufgestiegen. Mit zwei anderen zusammen. Um drei kehren die beiden anderen zurück, sie haben ihn während eines Luftkampfes aus den Augen verloren. Er ist hinter einem fliehenden Gegner in die Wolkengischt getaucht.

siehe Bildunterschrift

Mit französischem Sturzhelm. Bequem war er nicht, praktisch auch nicht ... aber selbst erbeutet!

Die beiden sind verlegen. Gewiß, ihre Darstellung kann richtig sein, aber ein Schatten bleibt. Denn eine Formation in der Luft gehört zusammen wie Hand und Arm, Kopf und Körper. Jeder ist für das Leben seines Vordermannes verantwortlich, als wenn es das eigene wäre. Das geschieht, damit der Führer an der Spitze des Keils den Rücken frei hat und nur an den Angriff denken kann. Um halb vier sage ich: »Also, Kinder, los, langt schon zu! Wenn er später kommt, muß er eben nachessen.«

Sie greifen zu und hauen ein. Aber obwohl sie Hunger haben und der Kuchen wunderbar schmeckt, lassen sie von jedem zwei Stück übrig.

Reinhold ist mitten unter uns. Keiner spricht von ihm, aber die Gedanken gehen immer wieder zu ihm hin. Man merkt's daran, daß Gespräche anfangen und gleich wieder verlöschen, ganz ohne Sinn und Ziel.

Um fünf Uhr quäkt das Feldtelefon. Glinkermann, der zunächst sitzt, nimmt den Hörer ab und winkt mir mit den Augen. Aber die anderen haben's doch gesehen, es wird totenstill im Zimmer.

Am anderen Ende des Drahtes eine langweilige Stimme: »Wird bei Ihnen ein Flieger vermißt?«

»Ja, jawohl«, sage ich hastig.

Drüben lange Stille. Dann ein tuschelndes Zwiegespräch... ab und an fange ich Wortfetzen auf... »Wie sah er aus, du Ochse?« Die langweilige Stimme kommt wieder. »Hatte der Flieger keine Fliegermütze auf dem Kopf?«

Ich erinnere mich, Reinhold setzte immer nur eine einfache Soldatenmütze auf, zog den Ohrenschützer darüber.

»Jawohl!« schreie ich. »Ist Oberleutnant Reinhold dort?«

»Wir haben keine Papiere gefunden«, und leise: »Wie war doch die Regimentsnummer, Otto?« Dann lauter zu mir: »Hundertfünfunddreißig stand auf den Achselstücken.«

»Tot?«

»Jawoll!«

»Wo sind Sie? Wir kommen sofort!«

»Bei Lierval. Den Apparat können Sie schon von weitem sehen.«

Ich hänge ab, sehe die anderen an. Alle sind blaß und ernst. »Los!« sage ich. Wir laufen zum Auto und rasen über die zerschossene Landstraße nach Lierval hinüber.

Reinholds Maschine liegt mitten auf freiem Feld. Sie ist fast unbeschädigt. Sie sieht aus, als ob sie in der nächsten Sekunde wieder starten könnte.

Wir laufen über grüne Saat zum Flugzeug hin. Die Infanteristen berichten: Reinhold saß am Steuerknüppel, die rechte Hand am Maschinengewehrknopf. Sein Gesicht war in der Anspannung des letzten Kampfes stehengeblieben, das linke Auge eingekniffen, das rechte weit geöffnet, als zielte er noch auf seinen unsichtbaren Gegner.

siehe Bildunterschrift

Glinkermann kurz vor dem letzten Start

So hat ihn der Tod überrascht. Eine Kugel hat ihm von hinten her den Kopf durchbohrt, vorn zwischen den Brauen ist sie wieder herausgetreten. Einschuß- und Ausschußöffnung sind ganz klein.

Wir heben den Toten auf und nehmen ihn mit uns. »So möchte ich auch sterben!« sagt Glinkermann zu mir.

*

Wenige Tage später trifft der neue Staffelführer bei uns ein – Leutnant Gontermann. Ein großer Ruf geht ihm voraus. Er hat zwölf Flugzeuge und sechs Fesselballons abgeschossen. Er gilt als der erste Spezialist für »Fesselschweine«, den wir in der Armee haben.

Seine Taktik ist für uns neu und völlig überraschend. Ehe er zum Schuß kommt, ringt er den Gegner fliegerisch nieder. Wenn er dann wirklich schießt, braucht's höchstens ein Dutzend Schüsse, um den anderen in der Luft zu zerreißen. Denn immer ist er dann bis auf zwanzig Meter heran, fliegt im Propellerwind der feindlichen Maschine.

Eine große Ruhe strömt von ihm aus, sein breitflächiges Bauerngesicht zeigt fast nie die geringste Erregung. Er ist im tiefsten Innern gläubig. Nur eins wundert mich bei ihm. Jeder Treffer, den er nach der Landung in seinem eigenen Apparat feststellt, ärgert ihn. Er sieht darin den Beweis eines fliegerischen Mangels. Nach seinem System darf bei einem richtig geführten Luftkampf der Gegner niemals zu Schuß kommen. In dieser Hinsicht ist er ganz anders als Richthofen. Der rote Baron quittiert die Meldung der Mechaniker über feindliche Treffer in seiner Kiste mit lächelndem Achselzucken. Fast gleichzeitig mit Gontermanns Ankunft wird die Staffel von La Selve zurückverlegt nach Boncourt. Das ist ein altes französisches Schloß mitten in einem Park und mit großen, weitläufigen Räumen.

Der Besitzer, ein älterer Landedelmann, wohnt noch dort mit Frau und zwei Töchtern. Sie haben sich in die Hinterzimmer zurückgezogen und uns die Prunkgemächer vorn überlassen. Wahrscheinlich hassen sie uns. Aber sie benehmen sich durchaus korrekt. Wenn wir einem von ihnen auf dem Flur oder im Park begegnen, grüßen sie voll eiskalter Höflichkeit.

Eines Tages wird das anders. Mittags bei Tisch erzählt uns Gontermann: Er hat den Schloßherrn auf dem Flur getroffen. Der alte Mann weinte. Seine Töchter müssen jeden Tag ins Dorf hinunter zur Feldarbeit. Der Ortskommandant, ein Gefreiter, quält und schikaniert sie, wo er kann. Der jüngeren, einem mageren Backfisch von fünfzehn Jahren, soll er nachstellen. Gontermann hat Untersuchung versprochen.

Sein Gesicht ist rot vor Zorn, als er's erzählt.

Am Nachmittag kommt der Gefreite angetrabt, hoch zu Roß auf einer dicken Bauernstute. Wir haben uns die Kaffeetafel unter den Bäumen im Park decken lassen. Die Fenster von Gontermanns Zimmer sind offen, so können wir jedes Wort verstehen.

»Es ist Klage über Sie geführt worden«, beginnt Gontermann die Unterhaltung. Er spricht vollkommen ruhig, nur etwas lauter als sonst. »Sie sollen die Frauen zu lange und zu schwer arbeiten lassen.«

»Das ist mein gutes Recht, Herr Leutnant!« Der Ton des Gefreiten ist herausfordernd selbstbewußt.

»Wieso?«

»Wenn die Weiber frech und widersetzlich sind, müssen sie bestraft werden.«

Gontermanns Stimme wird lauter. »Sie sollen sich außerdem gegen mehrere Frauen unanständig benommen haben.«

Eine lange Pause, dann wieder Gontermanns Stimme: »Zum Beispiel gegen die kleine Komteß hier vom Schloß.«

»Darüber bin ich Herrn Leutnant keine Rechenschaft schuldig. Ich bin hier Ortskommandant ...«

Im nächsten Augenblick zucken wir zusammen, so brüllt Gontermann auf.

»Was sind Sie? Ein dreckiges Schwein sind Sie! Ein Viechskerl! Ein Bursche, den man sofort an die Wand stellen sollte! Wir kämpfen mit ehrlichen Waffen gegen einen ehrlichen Gegner, und solch ein Lump verdreckt unsere gute Sache!«

Es ist wie eine mittelalterliche Exekution. Fünf Minuten lang prügelt Gontermann ununterbrochen auf den anderen ein, er prügelt mit Worten, aber die Strafe wird nicht gelinder dadurch.

»Ich lasse Sie vor ein Kriegsgericht stellen!« schreit er am Schluß, und dann: »Raus!«

Der Gefreite läuft an uns vorüber. Sein Gesicht ist blaß, mit Schweiß bedeckt. In der Aufregung vergißt er zu grüßen, und auch sein Pferd läßt et stehen.

Dann kommt Gontermann. Et ist schon wieder vollkommen ruhig. Wir starten zu unserem abendlichen Sperrflug. Gontermann schießt einen Nieuport ab, ich einen Spad. Es ist mein sechster Sieg. Am nächsten Mittag erzählt mir Behrend, der mit den anderen Mechanikern unten im Dorf wohnt, daß der Ortskommandant am Morgen von Feldgendarmen abgeführt worden ist. Gontermanns Einfluß ist groß, viel größer als seine militärische Stellung. Man weiß oben, was man an ihm hat. In den vierzehn Tagen, die er jetzt bei unserer Jagdstaffel ist, hat er acht Gegner abgeschossen.

Dann kommt der Pour le merite für ihn und vier Wochen Urlaub. Am Abend bevor er fährt, übergibt er mir die Führung der Staffel bis zu seiner Rückkehr.

*

Wir fliegen jeden Tag, wenn es das Wetter irgend erlaubt. Meist dreimal, morgens, mittags und abends. Es sind fast immer Sperrflüge, zu wirklichen Luftkämpfen kommt es kaum. Der Franzose arbeitet in der Luft sehr vorsichtig, aber er ist taktisch hervorragend geschickt. Wir haben alle das Gefühl, daß uns der Gegner hier überlegen ist. Nicht nur durch die Qualität der Maschine. Zwanzig Monate Erfahrungen an einer Großkampffront, in Hunderten von Luftkämpfen erhärtet, schaffen einen Vorsprung, der nicht so schnell einzuholen ist.

Am 25. Mai fliegen wir Sperre – wie immer in Keilformation. Ich führe, hinter mir fliegen die Brüder Wendel, dann Puz und Glinkermann.

Wir fliegen etwa zweitausend Meter hoch. Der Himmel ist klar, wie reingefegt, ganz oben ein paar dünne, weiße Federwolken. Die Sonne prallt auf uns herunter, es ist gegen Mittag. Weit und breit kein Gegner zu sehen.

Von Zeit zu Zeit wende ich mich um und nicke den andern zu. Sie fliegen hinter mir, die Brüder Wendel, Puz und Glinkermann – alles in Ordnung!

Ich weiß nicht, ob es so was wie einen sechsten Sinn gibt. Aber plötzlich überkommt mich das Gefühl, daß uns eine Gefahr droht. Ich drehe eine halbe Kurve – und in dem Moment sehe ich:

Dicht neben mir, kaum zwanzig Meter entfernt, den Apparat von Puz in Rauch und Flammen gehüllt. Puz aber, Puz sitzt starr, hoch aufgerichtet mitten in der Lohe, den Kopf mir zugewandt. Jetzt hebt er langsam den rechten Arm an den Sturzhelm. Es kann der letzte Krampf sein. Aber es sieht aus, als ob er mich grüßt – zum letztenmal.

»Puz!« schreie ich, »Puz!«

Da bricht seine Maschine auseinander, der Rumpf stürzt wie ein glühendes Meteor lotrecht in die Tiefe, die abgebrochenen Tragflächen trudeln hinterher.

Ich bin benommen wie von einem Keulenschlag. Ich starre über Bord den Trümmern nach.

Eine Maschine schiebt sich ins Blickfeld, jagt in rasendem Fluge nach Westen, fünfhundert Meter unter mir. Die Kokarden blinken herauf wie tückische Augen. Im gleichen Augenblick fühle ich: das kann nur Guynemer sein!

Ich drücke nach unten, ich muß ihn haben! Aber die Tragdecken des Albatros halten den Sturzflug nicht aus, sie beginnen zu flattern, flattern immer stärker. Ich muß befürchten, daß der Apparat in der Luft abmontiert.

Ich gebe die Verfolgung auf und kehre nach Hause zurück. Die anderen sind schon gelandet.

Sie stehen in einer Gruppe auf dem Flugplatz und reden halblaut und bedrückt. Glinkermann hält sich abseits von den übrigen. Er sieht da, ganz in Gedanken, kratzt mit der Zwinge seines Stockes Figuren in den Sand. Sein Hund ist neben ihm, scheuert die Schnauze an seinem Knie. Aber er achtet nicht auf das Tier, so sehr ist er in seine Grübeleien versunken.

Als ich näherkomme, hebt er den Kopf, sieht mich an: »Du mußt mir nicht böse sein, Knägges«, sagt er, »ich konnte es wirklich nicht verhindern. Er ist mitten aus der Sonne heraus auf uns herabgestoßen, und als ich merkte, was los war, war auch schon alles vorbei.«

Sein Gesicht sieht verquält aus. Ich kenne ihn, ich weiß, daß er sich noch wochenlang mit Grübeleien und Vorwürfen selbstpeinigen wird. Weil er hinter Puz geflogen ist und weil er es hätte verhindern können.

Aber ich weiß auch, welch ein Kamerad Glinkerle ist. Wenn ich mit ihm fliege, fühle ich mich unbedingt sicher, denn eher läßt er sich in Fetzen schießen, als daß er auch nur einen Augenblick meinen Rücken freigibt.

»Laß gut sein, Glinkerle«, sage ich und lege ihm die Hand auf die Schulter, »niemand kann etwas dafür, oder wir haben alle die gleiche Schuld.«

Dann gehe ich in mein Zimmer und schreibe zuerst den Bericht »für oben«, dann den Brief an Hänischs Eltern.

*

Der Tod fliegt schneller ...

Eine Ordonnanz kommt, weckt mich aus dem Mittagsschlaf. Anruf von Mortiers: Flugzeug unserer Staffel dort abgestürzt, der Führer, Vizefeldwebel Müller, tot.

Ich fahre hinüber. Ein paar alte Landser, grau und verwittert wie der Lehm der Champagne, empfangen mich. Sie haben ihn in einer Scheune aufgebahrt und führen mich zu ihm hin. Sein Gesicht ist ganz still und friedlich, er hat wohl einen leichten Tod gehabt. Ich lasse mir den Hergang des Unglücks erzählen und fahre nach Boncourt zurück.

Es ist sehr still auf dem Flugplatz. Am Nachmittag sind alle ausgeflogen, gegen Abend kehren sie heim zu zweit, zu dritt.

Glinkermann ist nicht dabei.

Die beiden, die mit ihm flogen, haben ihn aus den Augen verloren.

Er ist nach Westen zu im Gewölk verschwunden.

Das alte Lied, das bittre Lied ...

Auf dem Flugplatz, in den weichen Rasen gebohrt, steht ein Spazierstock. Eine Soldatenmütze hängt darüber. Glinkermanns Talisman. Wenn er startet, läßt er sie dort zurück, wenn er landet, nimmt er sie wieder an sich. Sein großer, wolfsgrauer Schäferhund streicht unruhig um den Stock herum. Als ich über den Flugplatz gehe, trottet er mir nach. Das tut er sonst nie. Er hängt nur an Glinkermann und schnappt nach jedem, der ihm nahekommt. Seine feuchte, kalte Schnauze schiebt sich liebkosend in meine Hand.

Es ist sehr schwer, Haltung zu bewahren. Aber Gontermann hat mir die Staffel übergeben, und niemand soll mich schwach sehen.

Auf der Schreibstube ordne ich an, daß an alle erreichbaren Formationen vorn telefoniert werden soll. Ob irgendein deutscher Flieger vorn gelandet ist.

»An alle?« fragt ein Schreibet.

»An alle, selbstverständlich an alle!« schreie ich den Mann an. »Wenn Sie irgendeine Spur haben, benachrichtigen Sie mich sofort! Ich bin in meinem Zimmer.« Ich habe mich wieder gefaßt, ich sage es möglichst ruhig und kalt.

Langsam kommt die Nacht herauf. Ich sitze am offenen Fenster und sehe in die anflutende Dunkelheit. Die schmale, glitzernde Mondsichel schiebt sich höher über die Laubmassen der Parkbäume. Die Grillen zirpen unerträglich schrill und laut. Es ist schwül, es wird Regen geben diese Nacht.

Glinkermanns Hund ist bei mir im Zimmer. Unruhig läuft er zur Tür und wieder zurück, manchmal heult er leise.

Glinkermann, Glinkerle! Vor acht Tagen hat er einen Spad abgeschossen, der mir im Nacken saß, und am Tag darauf habe ich einen Gegner abgedrängt, der ihn verfolgte. Er muß wiederkommen, er darf mich nicht allein lassen!

Um zehn stürzt die Ordonnanz ins Zimmer: »Herr Leutnant, sofort ans Telefon, ein Infanterieposten bei Orguevalles!«

Eine tiefe, dunkle Stimme. Ja, ein deutsches Flugzeug ist bei ihnen heruntergekommen. Der Führer hatte schwarze Haare, in der Mitte gescheitelt. Andere Kennzeichen gibt es nicht. Es ist alles verbrannt. Der Hund heult so laut, daß ich ihn aus der Stube entfernen muß. Ich zünde meine Schreibtischlampe an und lasse mir von der Ordonnanz Glinkermanns Hinterlassenschaft bringen. Eine abgewetzte Brieftasche, etwas Geld darin, ein Bild von einem Mädchen und ein angefangener Brief. »Du Liebes!« beginnt er. Er ist nie vollendet worden.

Die Nacht steht ganz schwarz vor dem Fenster. Gegen Morgen fängt es an zu regnen. Der Wind rauscht schwer im nassen Laub der Parkbäume.

Am nächsten Vormittag fährt ein Leiterwagen in den Hof ein. Eine hölzerne Kiste liegt darauf. Die Kiste wird abgeladen und in Glinkerles Zelt gebracht. Wir legen seine alte Soldatenmütze darauf und seinen Eichenstock und bedecken das nackte Holz mit Blumen und Grün.

Zwei Tage später wird Glinkermann überführt. Am Morgen seines letzten Tages trifft seine Ernennung zum Leutnant bei der Staffel ein. Es wäre seine größte Freude gewesen, wenn er es erlebt hätte! So schicke ich das Patent an seine Eltern mit einem Urlauber aus Mülhausen. Er nimmt auch den Hund mit. Das Tier stemmt sich mit den Pfoten gegen die Erde, es muß mit Gewalt aus Glinkermanns Zelt gezerrt werden. Noch auf dem davonratternden Wagen klagt es. Wie ein Mensch.

Am 4. Juni fällt Vizefeldwebel Eichenhauer. An diesem Tag schreibe ich an Grashoff, einen alten Kameraden aus der Habsheimer Zeit: »Ich möchte an eine andere Front, ich möchte zu dir!« Ich bin der letzte von der Jagdstaffel 15, der letzte von denen, die damals von Mülhausen in die Champagne abfuhren.

*

Die Jagdstaffel 15, die aus dem alten Kampfeinsitzerkommando Habsheim hervorgegangen ist, zählt jetzt nur noch vier Flugzeuge, drei Vizefeldwebel und mich als Führer. Wir fliegen fast immer allein. Nur so können wir den Rahmen unseres Dienstes ausfüllen.

Es geschieht viel an der Front, es heißt, die drüben sollen eine Offensive vorbereiten. Die Fesselballons hängen jeden Tag in langen Reihen am Sommerhimmel wie eine Girlande von dickbäuchigen Wolken. Gut wäre es, wenn wenigstens einer von ihnen zerknallen würde. Den andern zur Warnung und überhaupt.

Früh am Morgen starte ich, damit ich die Sonne im Rücken habe und aus der Sonne heraus auf den Ballon herabstoßen kann. Ich fliege so hoch wie kaum je zuvor. Fünftausend Meter zeigt der Höhenmesser. Die Luft ist dünn und eisig kalt.

Die Welt unter mir sieht aus wie ein ungeheures Aquarium. Über Lierval, wo Reinhold fiel, rudert ein feindlicher Gitterschwanz herum. Wie ein winziger Wasserfloh schaufelt er sich durch die Luft.

Vom Westen her nähert sich rasch ein Punkt. Zuerst klein und schwarz, wächst rasch im Näherkommen. Ein Spad, ein feindlicher Jagdflieger. Einsamer Einzelgänger wie ich, der hier oben auf Raub ausgeht. Ich rücke mich auf dem Sitz zurecht, es wird Kampf geben.

In gleicher Höhe stoßen wir aufeinander zu, sausen haarscharf aneinander vorbei.

Wir legen uns links in die Kurve. Der Apparat des andern glänzt hellbraun in der Sonne. Dann beginnt das Kreisen umeinander. Von unten mag das aussehen, als ob zwei große Raubvögel sich im Liebesspiel drehten, aber hier oben ist's ein Spiel mit dem Tode. Wer den Gegner zuerst im Rücken hat, ist verloren. Denn der Einsitzer kann mit seinen fest eingebauten MG.s nur nach vorn heraus schießen, hinten ist er wehrlos.

Manchmal brausen wir so dicht aneinander vorbei, daß ich ein schmales, blasses Gesicht unter der Lederhaube deutlich erkennen kann. Am Rumpf zwischen den Flächen in schwarzen Buchstaben ein Wort. Als er zum fünftenmal an mir vorbeistreicht, so dicht, daß die Böen seines Propellerwinds mich hin und her schütteln, kann ich's erkennen: » Vieux« steht da – vieux – der Alte. Das ist Guynemers Zeichen.

Ja, so fliegt drüben nur einer an dieser Front. Guynemer, der dreißig Deutsche abgeschossen hat, Guynemer, der immer allein jagt wie alle gefährlichen Raubtiere, der von oben aus der Sonne heraus auf die andern herunterstößt, sekundenschnell die Gegner abschießt und verschwindet. So hat er mir auch den Puz abgeschossen. Ich weiß, daß es einen Kampf auf Leben und Tod gibt.

Ich drehe einen halben Looping, um von oben auf ihn hinabstoßen zu können. Er hat sofort begriffen und setzt gleichfalls zum Looping an. Ich versuche einen Turn, Guynemer folgt mir.

Einmal, aus der Kurve heraus, kriegt er mich für Sekunden zu fassen. Metallene Hagelkörner prasseln durchs rechte Tragdeck, schlagen hellklingend gegen die Streben.

Ich versuche, was ich kann, engste Kurven, Turns, seitliches Abrutschen. Aber blitzschnell hat er jede meiner Bewegungen erfaßt, und blitzschnell reagiert er auf jede. Allmählich merke ich, er ist mir überlegen. Nicht nur die Maschine da drüben ist besser. Auch der Mann, der drin sitzt, kann mehr als ich. Aber ich kämpfe weiter. Wieder eine Kurve. Einen Augenblick rutscht er in mein Visier hinein. Ich drücke den Knopf am Knüppel... das Maschinengewehr schweigt... Ladehemmung!

Mit der Linken halte ich den Knüppel weiter umklammert, mit der Rechten versuche ich durchzuladen. Umsonst – die Hemmung bleibt. Einen Augenblick denke ich daran, im Sturzflug nach unten wegzudrücken. Doch es wäre aussichtslos bei einem solchen Gegner, er würde mir sofort im Nacken sitzen und mich zusammenschießen.

Wir kurven weiter umeinander herum. Ein wundervolles Fliegen, wenn der Einsatz nicht so hoch wäre. Noch nie habe ich einen so taktisch klugen Gegner gehabt. Für Sekunden vergesse ich ganz, daß der da drüben Guynemer ist, mein Feind. Es kommt mir vor, als übte ich mit einem älteren Kameraden über unserem Flugplatz. Aber das ist nur für Sekunden so.

Acht Minuten kurven wir umeinander herum, es sind die längsten acht Minuten meines Lebens.

Jetzt saust er, auf dem Rücken liegend, gerade über mich hinweg. Ich habe einen Augenblick den Knüppel losgelassen und trommle mit beiden Fäusten auf das MG. ein. Ein primitives Mittel, aber manchmal hilft das.

Guynemer hat diese Bewegung von oben beobachtet, er muß sie beobachtet haben, und jetzt weiß er, was mit mir los ist. Er weiß, daß ich seine wehrlose Beute bin.

Wieder streicht er, fast auf dem Rücken liegend, ganz dicht über mich hinweg. Da geschieht's:

Er streckt die Hand aus und winkt mir, winkt ganz leicht und taucht im Sturzflug hinab nach Westen, in Richtung auf seine Front.

Ich fliege nach Hause, ich bin wie benommen.

Es gibt Leute, die sagen, Guynemer habe damals selbst eine Ladehemmung gehabt. Andere, die behaupten, er habe gefürchtet, ich würde ihn aus Verzweiflung in der Luft rammen. Aber ich glaube ihnen nicht. Ich glaube, daß auch heute noch ein Stück vom ritterlichen Heldentum alter Zeiten lebendig geblieben ist. Und deshalb lege ich diesen späten Kranz auf Guynemers unbekanntes Grab.

*

Am 19. Juni kommt Gontermann vom Urlaub zurück. Seine Lippen werden schmal, als ich ihm vom Schicksal der Staffel in diesen Wochen berichte. »Dann sind wir zwei ja allein geblieben, Udet«, sagt er.

Ich habe an Grashoff geschrieben, aber im Augenblick bringe ich es nicht fertig, davon zu reden. Ich verschiebe das Gespräch bis zum Abend.

Schon am Nachmittag macht Gontermann seinen ersten Frontflug. Er hat einen Gegner abgeschossen und selbst zwölf Treffer in die Maschine bekommen. Ich bin auf dem Flugplatz, als er landet, und gehe mit ihm zum Schloß hinüber.

Zum erstenmal sehe ich ihn unmittelbar nach einem Kampf. Sein Gesicht ist sehr blaß und mit Schweiß bedeckt. Die starre Ruhe, die immer von ihm ausgeht, ist verschwunden. Ich sehe einen Menschen vor mir, dessen Nerven bis ins Letzte aufgewühlt sind. Er wird dadurch nicht kleiner in meinen Augen, er rückt mir nur näher. Ich bewundere die Selbstdisziplin, mit der er sich sonst im Zaum hält.

siehe Bildunterschrift

Gontermann, der Spezialist für den Abschuß von Fesselballons

Während wir nebeneinander hergehen, schimpft er leise vor sich hin. Die feindlichen Treffer in seinem Apparat haben ihn aufgebracht. Ich beruhige. »Wer schießt, muß damit rechnen, auch beschossen zu werden«, sage ich.

Wir gehen über den knirschenden Kies des Parks auf das Haus zu. Ein weiß gestrichenes Gartentischchen steht da. Er bleibt stehen, hebt ein Blatt vom Boden auf und eine Handvoll Kies. Er legt das Blatt auf den Tisch und läßt die kleinen Steine von oben langsam herabrieseln. Es gibt jedesmal einen hellen Klang, fast wie einen Geschoßeinschlag, wenn ein Kiesel auf das Blech des Tisches aufschlägt.

»Sehen Sie, Udet«, sagt er dabei, »das ist so: die Kugeln fallen aus Gottes Hand« – er weist auf das Blatt – »sie kommen uns näher, immer näher. Einmal treffen sie uns dann. Sie treffen uns ganz bestimmt.«

Mit einer hastigen Handbewegung fegt er das ganze Spielzeug vom Tisch herunter. Ich sehe ihn von der Seite an. Er ist tief innerlich erregt, mir ist etwas unheimlich in seiner Nähe, und mein Wunsch, von hier fortzukommen, wird nur noch lebhafter. Die ganze Luft in Boncourt lastet auf mir, schwer von traurigen Erinnerungen.

»Ich möchte mich zur Jagdstaffel 37 melden«, sage ich.

Gontermann fährt herum. »Sie wollen mich verlassen?« Es klingt sehr vorwurfsvoll. Aber er hat sich sofort wieder in der Gewalt, sein Gesicht erstarrt, und er erklärt eisig: »Selbstverständlich werde ich Ihnen keine Schwierigkeiten in den Weg legen, Leutnant Udet.«

Ich fühle genau, was er denkt. »Es sind alte Kameraden dort aus Habsheim«, sage ich leise, »die letzten vom Kampfeinsitzerkommando. Den neuen Ersatz hier fliege ich natürlich vorher noch mit ein.«

Gontermann schweigt eine Weile. Dann streckt er mir die Hand hin: »Es ist schade, daß Sie nicht bei mir bleiben, Udet, aber ich kann Sie gut verstehen!«

*

Drei Monate später ist Gontermann gefallen. Er fiel wie viele unserer Besten ohne eigene Schuld. Sein Dreidecker verlor eine Tragfläche direkt über dem Flugplatz und stürzte ab. Nach vierundzwanzig Stunden starb er. Ohne Bewußtsein. Es war ein guter Tod.

siehe Bildunterschrift

Gontermanns Ende

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