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Mein Fliegerleben

Ernst Udet: Mein Fliegerleben - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorErnst Udet
titleMein Fliegerleben
publisherIm Deutschen Verlag - Berlin
printrun301.-350. Tausend
year1942
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140331
projectid7be51fde
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Flug über Feindesland

Als ich in unsere Stube trete, ruft mir Niehaus schon an der Tür entgegen: »Udet, sofort zu Leutnant Justinus kommen, er hat schon zweimal nach dir geschickt!«

Ich rücke die Mütze gerade, Kokarden in Verlängerung des Nasenrückens, und gehe den langen, grauen Kasernenflur entlang. Die Flugschüler kommen von einem Übungsmarsch zurück, mit Karabiner und Tornister klappern sie an mir vorbei.

Ich überlege: Was kann Justinus von mir wollen? Ob er erfahren hat, wer dem Hauptmannshund Benzin unter den Schwanz gespritzt hat? Wäre komisch, wenn er sich darum kümmerte. Denn er ist schließlich nur nach Darmstadt kommandiert, um Piloten für seine Abteilung auszusuchen. Mit dem inneren Betrieb der Fliegerersatzabteilung hat er nichts zu tun.

siehe Bildunterschrift

Der »Aeroklub 1900« als Zaungast bei den Ottowerken

Eine schmale Tür, ein weißes Pappschildchen »Lt. Justinus«. Ich klopfe, trete ein.

Justinus liegt auf dem Bett, in Hemdsärmeln. Der Waffenrock hängt über der Stuhllehne, das Band des Eisernen Kreuzes leuchtet aus dem zweiten Knopfloch. Draußen vor dem offenen Fenster flirrt ein heißer Sommertag.

siehe Bildunterschrift

Der erste Gleitflugapperat wird gebaut

Ich stehe stramm.

»Setzen Sie sich, Udet!« sagt Justinus, reckt sein Bein aus und fegt einen Stoß Zeitungen vom Stuhl auf den Boden herunter.

Ich setze mich und sehe ihn erwartungsvoll an.

»Wie alt sind Sie eigentlich?« beginnt er unvermittelt.

»Neunzehn Jahre, Herr Leutnant!«

»Hm«, brummt er, »bißchen jung!«

»Aber ich werde bald zwanzig«, füge ich eilig hinzu, »nächstes Jahr im April.«

Um seine Augen bilden sich Lachfältchen. »Na, da beeilen Sie sich mal«, sagt er. »Und wie sind Sie zur Fliegerei gekommen?«

Ich fange an zu begreifen, was er von mir will.

»Ende Vierzehn wurde ich als freiwilliger Motorradfahrer entlassen«, berichte ich eifrig, »und da habe ich mich sofort bei einer Fliegerersatz-Abteilung gemeldet. Bin aber nicht genommen worden.«

»Weshalb?«

»Weil ich damals noch zu jung war«, gebe ich zögernd zu. Justinus lächelt wieder. »Und dann?« fragt er.

»Dann habe ich mich als Zivilflieger ausbilden lassen. Bei den Ottowerken in München.«

»Auf eigene Kosten?«

»Mein Vater hat zweitausend Mark bezahlt und eine Badezimmereinrichtung für Herrn Otto.«

siehe Bildunterschrift

Unfreiwillige Landung beim Gleitflugversuch in Niederaschau

Ich will noch weiter erzählen, aber Justinus schneidet mir mit einer Handbewegung das Wort ab. »Ist gut!« sagt er. Dann richtet er sich auf, den Kopf auf den Ellenbogen gestützt, und sieht mich mit seinen harten, blauen Augen eine Weile prüfend an.

»Hätten Sie Lust, mit mir rauszugehen, als mein Pilot?« fragt er. Obwohl ich das erwartet habe, kann ich nicht verhindern, daß ich rot werde. Vor Freude. Denn Justinus ist ein feiner Kerl. »Verdammt schneidiger Hund!« sagen die Flugschüler von ihm.

siehe Bildunterschrift

Als Pennäler vor Verdun, 1913

»Selbstverständlich, Herr Leutnant!« schmettere ich ganz vorschriftswidrig. Er nickt mir freundlich zu.

»Geht in Ordnung!«

Ich stehe auf, baue ein strammes Männchen. In der Tür ruft er mich noch mal zurück.

»Haben Sie heut abend frei?« Und als ich bejahe: »Dann wollen wir unsere neue Ehe begießen, ›Emil‹.«

»Jawoll, Leutnant ›Franz‹.« Bei ihm riskiere ich diese Antwort.

»Emil« heißt in der Fliegersprache der Pilot, »Franz« der Beobachter. Aber nur »Franz« traue ich mich denn doch nicht zu sagen.

Gegen Morgen kommen wir heim. Ich bin lange über meinen Urlaub ausgeblieben, und Justinus hängt mir sein Offizierscape um, damit ich ungefährdet die Posten passieren kann.

siehe Bildunterschrift

Rohrlegerlehrling in Vaters Fabrik

Am nächsten Morgen bei den Schulflügen im Grießheimer Sand hätte ich beinah Bruch gemacht. Ich vergesse, meinem Schüler, dem großen, dicken Kolonialwarenhändler, der immer zu früh abfängt, im entscheidenden Augenblick mit dem Spazierstock eins über die Haube zu geben. Erst im allerletzten Moment kriegt er seinen Puff. So sehr beschäftigt mich das Gespräch mit Justinus.

*

Nun bin ich schon vierzehn Tage bei der Flieger-Abteilung 206 in Heiligkreuz. Jeden Tag machen Justinus und ich ein paar Flüge zusammen. Meist müssen wir die Artillerie unseres Abschnitts einschießen, deshalb haben wir fast immer dieselbe Landschaft unter uns, die Drei Ähren, den Schwarzen und den Weißen See, die, von den dunklen Hängen der Vogesen beschattet, wie geschmolzenes Blei zu uns heraufblinken.

siehe Bildunterschrift

Die erste Maschine, Geschenk für das bestandene Einjährigen-Examen

Nur manchmal holen wir weiter aus. Einmal so weit, daß ich über die Hügelrücken hinweg die runde Mütze des Kirchturms von Saint-Dié herübergrüßen sehe. Hier sind wir als Motorradfahrer gewesen, damals, zu Anfang des Krieges. Ist es neun Monate her oder neun Jahre? Zu fünft fuhren wir hinaus gleich im August, nur drei kamen im Dezember wieder heim. Einen haben die Franzosen totgeschossen, der andere nahm sich selbst das Leben, well er den Krieg und die harte Anspannung des Dienstes nicht ertragen konnte. Wie weit das alles zurückliegt! Ich meine manchmal, es müßte in einem früheren Leben gewesen sein.

siehe Bildunterschrift

Kriegsfreiwilliger Flieger mit Lt. Justinus

Gelegentlich begegnen wir auch einem Feind, aber wir Beobachtungsflugzeuge tun uns nichts. Wir haben kaum Waffen an Bord, das weiß jeder vom andern, und so ziehen wir wie Schiffe auf See aneinander vorüber.

Mit Beginn des Herbstes wird der Luftkrieg härter. Zu Anfang wurden aus den Maschinen noch Stahlpfeile auf die Truppe heruntergeworfen. Jetzt aber hat man Bomben hergestellt, deren Wirkung schon fast einem Granateinschlag gleichkommt. Um dem Feind die neue Errungenschaft möglichst nachdrücklich vorzuführen, wird am 14. September ein Bombenangriff aller Flieger der Armee auf Belfort angesetzt.

Justinus und ich fliegen mit. Es ist ein grauer Tag, erst in dreitausendfünfhundert Meter Höhe durchstoßen wir die Wolken. Hier oben ist es wunderbar ruhig, fast windstill. Unsere weiße Aviatik B mit dem 120-Mercedes streicht wie ein Schwan dahin. Justinus späht häufig über Bord nach unten, durch Risse in der Wolkendecke kann man die Erde erkennen.

Plötzlich ein metallisches Klingen, so als ob eine Klaviersaite reißt. Im nächsten Augenblick bekommt der Apparat Schlagseite nach links, trudelt und stürzt in die Wolken hinein. Über der Rücklehne des Vordersitzes erscheint bleich und fragend das Gesicht von Justinus.

Ich zucke die Achseln. Ich weiß selbst noch nicht, was geschehen ist, ich weiß nur, daß ich das Seitensteuer mit aller Kraft treten muß, nach rechts treten, und das Steuerrad hinüberdrehen, daß mir die Hände schmerzen.

siehe Bildunterschrift

Nach erfolglosem Kampf mit den Wanzen im Neubteisacher Militärgefängnis

Tausend Meter stürzen wir, dann fängt sich der Apparat. Er liegt noch immer schief, aber er trudelt nicht mehr, und wir können hoffen, im Gleitflug zur Erde zu kommen. Zur Erde – das bedeutet in Gefangenschaft. Denn wir sind noch mindestens fünfzehn Kilometer vor der deutschen Front.

Justinus deutet auf das rechte obere Tragdeck. Ich sehe: der Scheckel, an dem das Verspannungskabel befestigt ist, muß gerissen sein. Das Kabel flattert im Winde, und unter dem Druck der Luft bauscht sich die obere Tragfläche nach oben.

Wir gleiten ostwärts auf die Schweizer Grenze zu. Ab und an gebe ich ein bißchen Gas, um den Höhenverlust aufzuhalten. Dann legt sich die Maschine auf die Seite, neigt sich mehr und mehr, ich muß fürchten, wieder ins Trudeln zu kommen. Ich nehme das Gas weg.

Über Montbéliard kommen wir aus den Wolken heraus. Achtzehnhundert Meter zeigt der Höhenmesser, und die Schweizer Grenze ist noch über zwölf Kilometer entfernt. Es scheint ausgeschlossen, daß wir sie erreichen.

Justinus steht auf, klettert langsam aus seinem Beobachtersitz heraus – das Herz schlägt mir im Halse beim Zusehen – auf die rechte Tragfläche hinaus, tastet sich bis zur Mittelstrebe. Dort läßt er sich nieder, die Beine in der Luft baumelnd. Wir sind sechzehnhundert Meter hoch.

Ich gebe wieder Gas, die Maschine neigt sich zur Seite. Es ist zu fühlen, daß Justinus einen Ausgleich schafft, aber es ist zu wenig.

Lange kann ich das Steuerrad so nicht mehr halten. Ich spüre, wie ein Zittern durch meine Arme läuft. Ich winke Justinus. Mein Arm schlägt dabei wie ein losgerissener Maschinenkolben im Krampf hin und her. »Komm!« schreie ich. »Komm!« Den »Leutnant« und alles andere habe ich vergessen.

Und Justinus kommt. Langsam kriecht er über das schräggeneigte Tragdeck wieder herein.

Ein paar mächtige Schläge lassen die Maschine erzittern, die dünne Holzwand des Beobachtersitzes zersplittert, zwei Hände erscheinen, zwei blutende, von splitterndem Holz zerschürfte Hände tasten in der Luft umher und packen das Steuerrad. Justinus ist da, Justinus hilft mir!

Sein Gesicht, blaß unter der Bräune, vor Anstrengung mit kleinen Schweißperlen bedeckt, erscheint einen Augenblick über der Öffnung. »Wir müssen durchhalten, Junge!« brüllt er ... »Rüber nach der Schweiz!« Wir sind tausend Meter hoch und noch acht Kilometer von der Grenze entfernt.

Die Erde unten ist ganz unberührt vom Kriege. Dörfer mit roten Ziegeldächern, ins saftige Grün der Obstbäume eingebettet, das lebendige Schachbrett der Felder.

Da – ich zucke zusammen – mitten durch die Flur läuft Stacheldraht, das Verhau, das die Schweiz gegen Überläufer errichtet hat. In sechshundert Meter Höhe passieren wir bei Saint-Dizier die Grenze.

»Die Schweiz!« brülle ich nach vorn. Justinus' Gesicht erscheint wieder über der zersplitterten Rückwand des Beobachtersitzes.

»Nach Deutschland!« schreit er zurück.

Gas, Gleitflug, Gas, Gleitflug! Wir streichen ganz niedrig über der Landschaft hin. In den Dörfern bleiben die Leute auf den Straßen stehen, deuten mit offenen Mäulern nach oben. Courtemaiche muß das sein! Das Vendlincourt! Und dann – wieder Stacheldraht: die Grenze, die Grenze nach Deutschland!

Auf einem frischgepflügten Acker landen wir. Wir springen aus dem Flugzeug heraus, wir sehen uns an, und plötzlich packt's uns wie ein Rausch. Es gibt keinen Leutnant Justinus mehr und keinen Flieger Udet, es gibt nur noch »Franz« und »Emil«, zwei Jungens, die herumhopsen wie Siouxindianer um einen Marterpfahl, die Erdklöße aufgrabschen und sich damit bewerfen, als wenn es Schneebälle wären.

Man hat unsere Landung beobachtet, übers Feld kommen Leute gelaufen, wir nehmen Haltung an. Justinus gibt einem Radfahrer den Auftrag, vom nächsten Dorf aus nach Heiligkreuz zu telefonieren.

Der Kreis der Neugierigen wird immer größer, wir gehen neben dem Flugzeug auf und ab. Justinus schlägt mir auf die Schulter: »Weißt du was? Wir lassen uns hier einen neuen Scheckel machen und fliegen aus eigener Kraft zurück.« Ein großartiger Gedanke!

Der Dorfschmied in Winkel besieht sich das Ding mit gerunzelter Stirn. »In drei Stunden haben Sie ein neues«, sagt er dann. Wir gehen zum Flugzeug zurück, die Menschen laufen hinter uns her, als wenn wir Seiltänzer wären.

Ein graues Auto jagt die Landstraße entlang, stoppt. Ein Offizier steigt aus, die Menge, die uns umlagert, macht eine Gasse frei. Der Stabsoffizier der Flieger kommt auf uns zu.

Justinus berichtet. Der Stabsoffizier schüttelt uns beiden die Hände: »Großartig habt ihr das gemacht, Jungens.« Er tritt an das Flugzeug heran. »Und wo ist die Bruchstelle?«

Justinus strahlend: »Wird bereits repariert, Herr Hauptmann!«

Der Stabsoffizier fährt herum: »Wa-as?«

Er ist ganz außer sich. Ein solcher Materialfehler muß dem Prüfungsamt eingereicht werden. Das hätten wir auch wissen müssen!

Wir steigen in sein Auto und fahren zur Dorfschmiede, schweigend und verstimmt. Der Schmied kommt uns schon auf der Schwelle entgegen, Handwerkerstolz auf dem breiten Gesicht. »Hier!« Er hält uns den fertigen neuen Scheckel hin.

»Und wo ist der alte?« Die Frage des Stabsoffiziers klingt ungewöhnlich scharf. Der breite Daumen des Schmiedes deutet rückwärts über die Schulter nach dem Hof. Das Tor steht offen, man sieht einen hochgetürmten Misthaufen, auf dem im Sonnenschein Hühner gackern.

»Na, suchen Sie schon!« fährt mich der Stabsoffizier an. Ich gehe zum Hof, Justinus geht mit mir, er bleibt an meiner Seite.

Der Scheckel ist leicht zu finden, er liegt ganz oben auf dem Mist. Wir spülen ihn unter dem Brunnen ab und bringen ihn dem Hauptmann. Der besieht ihn, schiebt ihn in die Rocktasche. Der Schmied wird bezahlt, wir steigen ein, wir sollen mit nach Mülhausen fahren. Kopfschüttelnd sieht der Schmied uns nach.

Der Stabsoffizier hat sich noch immer nicht beruhigt. »Holzköpfe!« brummt er vor sich hin. Dann gibt er sich einen Ruck und wendet sich zu uns, plötzlich ganz liebenswürdig:

»Sie müssen meine Erregung schon entschuldigen, meine Herren, aber gerade heute sind zwei Kameraden Ihrer Abteilung verunglückt, Leutnant Winter und Vizefeldwebel Preiß. Über dem Hartmannsweilerkopf abgestürzt. Wahrscheinlich wegen desselben Materialfehlers. Beide sind tot!«

Ein Schatten fällt auf unsere Freude.

Eine Woche später wird im Tagesbefehl bekanntgegeben: Leutnant Justinus hat das E.K. I erhalten, Gefreiter Udet das E.K. II. Weil sie dem Vaterland ein Flugzeug gerettet haben.

*

Wieder ist ein Bombenflug angesetzt. Diesmal soll es gegen eine Reihe befestigter Vogesennester gehen. Der Flug kann länger dauern, die Tanks werden bis obenhin gefüllt, außerdem haben wir zwei Maschinengewehre an Bord. Französische Jagdflieger sollen die Gegend unsicher machen. Man spricht sogar von Pégoud.

Schon beim Start merke ich's: die Maschine hebt sich nur mühsam vom Boden wie ein gefreckter Schwan, dessen vollgefressener Leib zu mächtig für seine Schwingen ist. Die Maschinengewehre, die vollen Tanks, die neue Funkanlage, Bomben – das alles zieht nach unten. In einer großen Kurve schraube ich mich hoch. Unter uns der Flugplatz, das stumpfe Grün des Rasens, das matte Grau der Zelte. Wir steigen langsamer als sonst – hundert Meter – zweihundert –

Gerade über den Zelten lege ich die Maschine in eine Kurve. Sie richtet sich nicht wieder auf, sie hängt mit dem linken Flügel. Ich trete nach rechts, umsonst, das Ruder gehorcht nicht mehr. Fahrtverlust! Im nächsten Augenblick stellt sich das Flugzeug kopf und saust in enger Spirale zur Erde.

»Justinus«, denke ich, »um Gottes willen, Justinus ist verloren. Wenn wir aufschlagen, haut der Motor nach hinten und quetscht ihm die Beine ab.« Ich reiße das Höhensteuer an die Brust, trete nach rechts, trete, trete ... Vor mir langt ein Arm aus dem Beobachtersitz, greift nach oben zum Spannturm. Mit einem Ruck zieht Justinus seinen Körper aus dem Sitz, hockt oben auf der Rückenlehne. »Udet«, schreit er, »Udet – Uuuu ...« ein Gurgeln – ein Krachen – alles schwarz ... im Schädel dröhnt eine mächtige Glocke ...

Und dann nach langer, langer Zeit eine Stimme: »Lähm Se'n noch, Herr Udet?« Und über mir das dicke Antlitz von Behrend, meinem Monteur, voll väterlicher Sorgenfalten. Dann packen mich vier kräftige Arme und zerren mich aus dem Gewirr von Holz und Stahl heraus. Das Knie hängt fest, es schmerzt furchtbar, sie müssen das Stahlgestänge erst zurückbiegen.

»Wo ist Justinus?«

Behrend deutet auf den Rasen. Da liegt er, auf dem Rücken, das Gesicht nach oben, die Augen geschlossen.

»Tot?« schreie ich.

Behrend beruhigt: »Nä, nä, der hat'n zähes Läbn, der hat schon nach Ihn'n gefragt.«

Sie fassen mich an, zwei und zwei, tragen mich und legen mich behutsam auf den Rasen, dicht neben Justinus.

Eine ganze Weile liege ich regungslos. Über mir der blaßblaue Himmel, unter mir das feuchte, kühle Gras und die feste, lebendige Erde. Langsam drehe ich den Kopf zu Justinus hinüber. Er hält die Augen noch immer geschlossen, über sein Kinn läuft vom Mund her ein dünner Blutfaden. Vielleicht ...?

Doch da kommt über den Rasen seine Hand auf mich zu. Wie die Hand eines Kranken sich über die Bettdecke tastet. Vorsichtig strecke ich ihm meine entgegen und spüre seinen Druck, den festen, guten Druck einer Freundeshand. Wir sprechen kein Wort.

»Leutnant Justinus ... Justinus, mein Kamerad!«

Hinter uns, am Flugzeug, arbeiten die Monteure. »Na, die ha'm ein Schwein gehabt, daß die Bomben nicht losgegangen sind«, höre ich Behrends Stimme.

Und dann kommen die Sanitäter, heben uns auf Bahren und schieben uns wie Bäckerbrote in das Auto. In Colmar im Lazarett werden wir getrennt.

Justinus, der beim Aufschlag der Maschine weggeschleudert wurde, hat Prellungen und Schürfungen erlitten, mir ist das Knie im Gelenk geplatzt. Ein dicker Beutel hängt da, und ich soll lange fest im Bett bleiben.

Nach zehn Tagen darf ich zum ersten Male aufstehen und durch die Gänge humpeln. In der ganzen Zwischenzeit habe ich keine Post von zu Hause erhalten, und kein Kamerad von der Abteilung hat mich besucht. Es ist, als ob ich für die andern verschollen wäre. Noch vier Tage halte ich das aus. Dann erkläre ich dem Arzt, daß ich zur Truppe zurück muß. Er zieht erstaunt die Brauen hoch, aber schließlich bin ich kein Infanterist, und es ist nicht sein Bein. So gibt er mir den Entlassungsschein für den nächsten Tag.

Der erste, der mir auf dem Flugplatz begegnet, ist ein Kamerad, mit dem ich oft zusammen nach Colmar auf Urlaub gefahren bin, ein Pilot unserer Abteilung. Ich rufe ihn an, er grüßt verlegen und geht hastig weiter. Es kann ein Zufall sein – aber die drei, die vor dem großen Zelt stehen, wenden sich ganz offensichtlich ab.

Endlich treffe ich Behrend. Er kratzt sich vielsagend den Kopf und zieht mich in einen Winkel zwischen den Zelten. Ja, es ist eine verdammte Geschichte! Sowie wir runtergekommen waren, hat sich der Abteilungsleiter ans Telefon gehängt und den Stabsoffizier der Flieger angerufen. Er hat sich furchtbar aufgeregt: der Gefreite Udet sei infolge wahnsinnigen Kurvendrehens abgestürzt, eben jetzt. Er bitte um sofortige Ablösung und strenge Bestrafung. »Allerstrengste Bestrafung!« hat er geschrien, auf der Schreibstube haben's alle mitgehört. Mein Nachfolger ist schon da, und ich kann mir meine Papiere holen, ich bin zum Flugpark Neubreisach zurückversetzt.

Behrend wiegt bedauernd den dicken Kopf. Ich danke ihm, hole auf der Schreibstube meine Papiere und humple in mein Quartier. Am Nachmittag sitze ich auf dem Sofa, das kranke Bein ausgestreckt. Meine Wirtin kniet vor mir am Boden und packt die Koffer nach meinen Angaben. Ihr Gesicht ist dick verschwollen vom Heulen, und von Zeit zu Zeit seufzt sie tief auf. Ich bin ihr immer ein guter Mieter gewesen, und das Insektenpulver habe ich auch nicht vom Mietpreis abgezogen.

Es klopft. Auf der Schwelle steht Justinus. Er kommt auf mich zu, drückt mich, als ich aufstehen will, in den grünen Plüsch zurück.

»Na, laß man, Kleiner«, sagt er freundlich, »das ist nun mal nicht anders. Es geht rauf und runter. Dafür sind wir bei den Fliegern.«

Er klopft mir auf die Schulter und drückt mir eine große Schachtel Zigaretten in die Hand. Dann geht er. Er muß gleich starten zu einem Beobachtungsflug mit meinem Nachfolger.

Ich habe Justinus nicht mehr wiedergesehen. Er ist Siebzehn als Jagdflieger an der Westfront gefallen.

*

Bei Dunkelheit treffe ich auf dem Flugplatz in Neubreisach ein. »Aha, da haben wir ja den Herrn, der die Kurve gedreht hat«, empfängt mich der Feldwebel. Die Schreiber grinsen. Da es schon spät ist, werde ich auf die Kammer geschickt, um mir Bettzeug zu holen. In dieser Nacht kann ich kein Auge zutun.

Am nächsten Morgen treten die Flugschüler draußen im Hof an, ich muß in der Baracke bleiben. Dann kommt einer und holt mich. Der Hauptmann steht vor der Front, sieht mir finster und drohend entgegen. Ich gehe, als wenn meine Beine aus Gummi wären.

»Kehrt!« kommandiert er, als ich sechs Schritt vor ihm siehe. Hundert Augenpaare starren mich voll kalter Neugier an.

»Seht ihn an!« donnert die Stimme hinter mir. »Das ist der Bursche, der durch sein gewissenloses Fliegen dem Vaterland eine neue, wertvolle Maschine zerstörte und das Leben seines Beobachters aufs schwerste gefährdet hat.«

Die Flugschüler blicken auf mich, als wenn ich eben einen Vatermord begangen hätte.

Ein Papier raschelt, der Hauptmann verliest, kühl und geschäftsmäßig:

»Der Gefreite Udet wird mit sieben Tagen Mittelarrest bestraft, weil er durch leichtfertiges Kurvenfliegen das Leben seines Beobachters gefährdet und eine wertvolle Maschine zerstört hat. Nur in Anbetracht seiner bisherigen guten Führung im Felde fällt die Strafe nicht höher aus.«

»Möge euch das allen zur Warnung dienen!« fügt er donnernd hinzu und zu mir: »Wegtreten!«

Auf der Kammer gebe ich das Bettzeug ab und hole mir ein Kommißbrot. Das soll für die sieben Tage reichen. Dann kommt ein Unteroffizier, Karabiner auf Schulter, und holt mich ab.

Der Weg zum Militärgefängnis führt mitten durch das Städtchen. Wir gehen auf der Fahrstraße, ich vorneweg, hinter mir der Unteroffizier. An den Schuhen der Leute auf dem Bürgersteig kann ich erkennen, daß viele stehenbleiben und uns anstarren.

Das Militärgefängnis ist ein alter Festungsbau, düster und grämlich. Der Gefängnisbeamte, ein vollbärtiger Kauz, begleitet seine Arbeit mit munteren Reden:

»Damit du dich nicht erhängen kannst!« sagt er, als er mir die Hosenträger wegnimmt. »Damit du dich nicht erstechen kannst!«, als ich das Taschenmesser abliefern muß.

»Und nun die Zähne!«

»Wieso Zähne?« frage ich.

»Damit du dir nicht im Schlaf die Gurgel abbeißt!« sagt er. Alle lachen, aber mir ist nicht zum Lachen zumute.

Dann werde ich in meine Zelle gesperrt. Es ist ein kleiner, kahler Raum, eine Holzpritsche drin, ein Schemel und ein Waschgeschirr, sonst nichts. Vor den Fenstern ist eine stählerne Luke angebracht wie die Ladeluke eines Dampfers, nach oben offen. Man kann ein kleines Stückchen Himmel sehen wie aus der Tiefe eines Brunnenschachts.

Der Schlüssel dreht sich, ich bin allein. Allein mit meinen Gedanken. Wie lange, weiß ich nicht. Dann dröhnen Schritte über die steinernen Fliesen des Flurs, die Tür wird aufgerissen: die Ronde.

Ich springe auf und stehe stramm.

Der Führer, ein älterer Feldwebelleutnant, sagt: »Sprechen Sie nach: Gefreiter Udet« ... seine Stimme hallt mächtig in dem kahlen Raum ...

»Gefreiter Udet ...« sage ich. Und Wort für Wort dröhnt er mir vor:

»... verbüßt sieben Tage ... mittleren Arrest ... weil er ... durch leichtsinniges Kurvenfliegen ... das Leben seines Beobachters ... gefährdete ... und eine wertvolle Maschine zerstörte.«

Die Ronde marschiert ab. Doch am Abend kommt sie wieder. Und wieder beginnt der Führer: »Gefreiter Udet ... verbüßt ...«

Am nächsten Tag kann ich den Spruch auswendig und bete ihn ohne Aufforderung her. Während meines Arrests muß ich das vierzehnmal tun, denn die Ronde kommt zweimal jeden Tag vorbei.

Das erste Mittagessen lasse ich stehen. Es sind Graupen ohne alles, »blauer Heinrich« in der Gefängnissprache. Der Rotbart nimmt ganz ungerührt den Blechnapf wieder mit.

»Der Appetit kommt mit dem Sitzen«, sagt er trocken, als er hinausgeht. Am Abend wirft er mir eine Matratze in die Zelle. Sie ist mit Heidekraut gefüllt. Der Himmel im Fensterviereck erlischt, ich lege mich nieder. Da, ein Stich im Oberschenkel, gleich darauf an der linken Schulter ... Wanzen!

Es wird eine lange Nacht. Mal schlafe ich auf der blanken Pritsche, mal am Boden auf der Matratze, zuletzt auf den nackten Steinfliesen.

Die Wanzen sind schlimm, aber die Gedanken sind schlimmer. Die eisernen Fensterluken stehen wie große, gespitzte Ohren an den grauen Wänden des Gefängnisses, Schallfänger, die jedes Geräusch verstärkt in die Zelle dröhnen. Der Flugplatz ist ganz dicht dabei. Und von früh an höre ich das knatternde Geräusch, wenn die Motoren anspringen, und das tiefe orgelnde Summen, wenn der Propeller die Lüfte peitscht. Ich aber werde nie wieder einen Knüppel zwischen den Fäusten haben, nie wieder werde ich die Welt unter mir im blauen Dämmer versinken sehen!

Was habe ich denn getan? Eine Kurve gedreht. Gewiß, Kurvendrehen ist verboten. Vor einem Monat erst haben sie Rieger vor ein Kriegsgericht gestellt und zu einem Jahr Festung verurteilt. Weil er über dem Flugplatz Kurven gedreht hat. »Ungehorsam vor versammelter Mannschaft«, hat das Kriegsgericht entschieden. Ich bin glimpflich davongekommen. Aber ist das ganze Verbot nicht ein papierner Unsinn, am Schreibtisch ausgeklügelt von Leuten, die nie am Steuer saßen?

Ich fühle mich zu Unrecht bestraft. Aber – kann ich mich beschweren?

Hat nicht mein eigener Absturz denen recht gegeben, die das Verbot erließen? Fragen, Fragen – und keine Antwort.

Ich denke an meine Eltern. Mein Vater hat's nie gezeigt, aber ich weiß, wie stolz er darauf ist, daß ich Pilot bin. Und jetzt wird man mich als unbrauchbar wegschicken! Aber das Bitterste ist doch, daß ich nun nicht mehr fliegen soll.

Die sieben Tage schleichen dahin wie sieben Jahre.

Am letzten Morgen kommt der Rotbart und bringt mir den Kaffee.

Ich schüttle den Kopf; ich will nicht trinken.

»Ist im Logis mit einbegriffen«, nötigt er.

Aber ich muß zurück zur Truppe, ich muß wissen, was weiter mit mir geschieht. Sicher werde ich auf der Schreibstube antreten müssen: »Gefreiter Udet, der sieben Tage mittleren Arrest verbüßt hat, weil er –«, das wird von nun an wie eine Kette hinter mir her klirren.

Doch es kommt anders.

Im Flugpark läuft alles aufgestört durcheinander, keiner achtet auf mich. Am Morgen ist ein Bombenangriff auf Belfort befohlen worden mit allen verfügbaren Maschinen. Die letzten sind eben abgebraust, alle sind erregt und erfüllt von der Größe des Ereignisses.

»He, Sie – Gefreiter!« schreit jemand hinter mir. Ich drehe mich um. Es ist ein Leutnant, den ich nicht kenne. Er muß wohl erst in den letzten Tagen zum Flugpark gekommen sein.

»Sind Sie Führer?« fragt er atemlos.

Eine Hoffnung zuckt in mir auf: »Jawohl, Herr Leutnant.«

»Na, Mensch« – vorwurfsvoll-erstauntes Kopfschütteln – und dann: »Los, los, rennen Sie schon, daß wir den Anschluß nicht verpassen!«

Wir laufen nebeneinander her zu den Hallen. Eine alte L. V. G. steht dort, wird getankt. Der Leutnant sprüht vor Eifer, hetzt die Monteure durcheinander. Der Vogel wird aus dem Käfig gezogen, startfertig gemacht und kleine Bomben in dem Beobachtersitz verstaut. Wir klettern hinein.

»Fertig?«

»Fertig!«

»Los!«

Ein paar Hopser über den Rasen, dann löst sich der Apparat langsam von der Erde los. Wir fliegen.

Es ist eine ganz alte, zerrupfte Krähe, die sie uns da aufgehängt haben. Ausrangierte Schulmaschine wahrscheinlich. Aber noch nie zuvor habe ich das Wunder des Fliegens so stark und tief empfunden wie in diesen Augenblicken. Unter uns die Berge, von tiefen Schluchten zerschnitten, die mageren Flanken von dunklen Nadelwäldern überzogen oder mit der bunten Schabracke des Herbstlaubes bedeckt.

Es ist ein warmer Spätherbsttag. Der Wind singt leise in den Spanndrähten, vor uns wachsen stille, weiße Wolken in den blauen Himmel.

Der Feind ist durch den Angriff der anderen bereits alarmiert. Von Belfort her kommen uns zwei Farmans und ein Morane-Eindecker entgegen. Ein Kampf wäre aussichtslos. Wir haben kein Maschinengewehr an Bord, und unser alter Vogel krebst nur mühsam auf tausendachthundert Meter.

Der Beobachter wendet sich um, weist nach Süden. Wir biegen ab. Es ist Mittag jetzt, wir fliegen gerade in die Sonne hinein.

Über Montreux wird mein »Franz« unruhig, unten liegen Depots und Kasernen, die letzte Gelegenheit, unsere Bomben günstig anzubringen. Wie ein Raubvogel ziehe ich große Kreise über der Stadt. Mein Beobachter scheint eine eigene Technik des Bombenwerfens zu haben. Er wirft sie nicht über Bord, er öffnet die kleine Luke am Boden seines Sitzes und läßt sie von dort lotrecht nach unten fallen. Der Erfolg gibt ihm recht. Über Bord gebeugt sehe ich, wie unten die Ziegel eines Daches auseinanderspritzen. Eine Rauchwolke steigt auf.

Plötzlich dreht er sich um, deutet mit allen Zeichen des Entsetzens nach unten. Langsam verstehe ich: eine Bombe ist ihm entglitten und im Fahrgestell hängengeblieben. Eine leise Erschütterung genügt, um sie zur Entzündung zu bringen, die Sprengladung reicht aus für uns beide und den Apparat.

Vorsichtig lege ich die Maschine in eine Linkskurve. »Kurvenfliegen verboten!« geht's mir durch den Kopf. Ich wünschte, daß jetzt der Kommandeur unseres Flugparks hier am Steuer säße!

Die Bombe folgt der Bewegung des Flugzeugs, rutscht nach links und bleibt liegen. Ich kurve rechts. Wie auf einer Gardinenstange gleitet die Bombe nach rechts hinüber.

Der Beobachter verschwindet von seinem Sitz. Er hat sich auf den Boden gekniet, das eine Bein durch die Luke geschoben und angelt verzweifelt nach der Achse. Aber sein Bein ist zu kurz, er kann die Bombe nicht erreichen.

Ein letztes Mittel: ich setze zu einem steilen Turn an, dem ersten Turn meines Lebens. Die alte Kiste gehorcht nur schwerfällig, wir stoßen fast senkrecht in den Himmel hinein.

Ein leichtes Klacken, die Bombe hat sich gelöst, sie stürzt nach unten. Ich bringe den Apparat wieder in die Waagerechte und sehe ihr nach. Sie fällt mitten auf einen Acker, die Erdschollen spritzen wie Fontänen empor.

Wir drehen bei und fliegen geradenwegs zum Park zurück. Mein »Franz« angelt noch immer mit dem Fuß in der Luft herum, er macht eine verzweifelte Gebärde. Sein Bein ist in der engen Luke eingeklemmt, und erst nach der Landung kann er sich befreien. Vor dem blauen Höhenrücken taucht der Festungsstern von Neubreisach auf, der Flugplatz.

Die Monteure kommen, auch ein paar Flugschüler sind dabei. Wir sind die letzten, die vom Flug nach Belfort zurückkehren. Wir klettern heraus, mein Beobachter schüttelt mir die Hand: »Es freut mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben«, sagt er.

Eine Ordonnanz läuft quer übers Feld auf uns zu, ich soll sofort zur Schreibstube kommen.

Auf der Schreibstube sitzt der Hauptmann, derselbe, der mich vor versammelter Mannschaft so heruntergeputzt hat. Ich reiße die Hacken zusammen und melde: »Gefreiter Udet aus dem Arrest zurück!«

Er sieht mich lange an, dann sagt er: »Sie sind zum Kampfeinsitzer-Kommando nach Habsheim versetzt. Ihre Maschine kommt in zwei Tagen, dann können Sie losfliegen!«

Er greift zu den Akten und blättert darin herum, als wenn ich nicht vorhanden wäre. Ich stehe noch eine Weile regungslos, so sehr hat mich die Nachricht überrascht und erschüttert. Der Hauptmann blickt von seinen Akten auf: »Wegtreten!« Ich gehe hinaus.

Über dem Flugplatz draußen liegt Nachmittagssonnenschein. Es ist gerade die Zeit der Bettruhe, alles ist still und friedlich wie an einem Sonntag. Ich stehe da und hole ein paarmal tief Luft.

Einsitzerflieger? Jagdflieger? Das, was jeder von uns erträumt? Es ist nicht zu fassen, es ist einfach nicht zu fassen ...

Die Schreibstubenordonnanz kommt mit zwei Kaffeekannen vorbei. »Na, Herr Jagdflieger«, schmunzelt er und stellt die Kannen hin.

Schreibstubenleute sind allwissend, und wenn sie rauchen, werden sie mitteilsam. Ich halte ihm die offene Zigarettenschachtel hin. Er hat sofort verstanden. Mit einem kleinen schlauen Seitenblick nimmt er drei, zündet sich eine umständlich an und erzählt, heute morgen habe der Stabsoffizier der Flieger aus Mülhausen am gerufen, ob der Gefreite Udet schon aus dem Arrest zurück sei. Man hat mich überall gesucht, und die Monteure haben berichtet, daß ich mit Leutnant Hartmann zum Bombenflug nach Belfort aufgestiegen bin. Das ist nach Mülhausen gemeldet worden. »Direkt aus dem Arrest?« hat der Stabsoffizier gefragt. »Direkt aus dem Arrest«, hat der Hauptmann geantwortet. Dann hat Mülhausen angehängt. Zwei Stunden später ist der Befehl gekommen, der Gefreite Udet wird zum Kampfeinsitzerkommando Habsheim versetzt. »Mehr Glück als Verstand!« hat der Hauptmann gebrummelt, als er den Hörer hinlegte.

Die Ordonnanz greift wieder nach den Kannen. »Na, denn Glück ab, Herr Jagdflieger!« sagt er und trottet davon.

Wenn die Sonne oben aufgeht, wird es in den Tälern warm. Die Flugschüler, die mich zuerst wie einen Aussätzigen betrachtet hatten, kommen jetzt an mich heran: »Einsitzerflieger in Habsheim? Alle Achtung!« Sie wollen wissen, wo ich mein E.K. gekriegt habe. Ich gebe ein bißchen von oben herab Auskunft.

Zwei Tage danach trifft meine Maschine ein, ein nagelneuer Fokker. Wunderbar graziös sieht er aus, schnittig wie ein Falke. Die alte Aviatik-Maschine B, die ich bei 206 flog, wirkt plump wie eine Gans daneben.

Als ich abfliege, steht die Hälfte der Flugschüler um mich herum. »Immer fleißig üben, Jungens!« schreie ich ihnen zu und winke. Die Bremsklötze werden weggerissen, brrrr, brrrr, schnurrpst der Gnom, ich haue ab. Die Maschine dreht nach rechts, ich bin kaum einen Meter über dem Boden. Ich reiße den Knüppel nach links, Ausschlag unmöglich. Mit ganzer Kraft stemme ich mich gegen den Knüppel, es geschieht nichts, gar nichts. Die Flugzeughalle kommt mit rasender Geschwindigkeit auf mich zu, ein Krach ... Splitter spritzen um mich her ... ich bin gegen die Flugzeughalle gerannt.

Eine Weile sitze ich regungslos, wie gelähmt vor Schrecken. Dann stehe ich auf mit zitternden Knien und klettere aus dem Apparat. Mir ist nichts passiert, aber die Maschine ist in Trümmern.

Über das Feld kommen die Flugschüler gerannt, die Monteure. Alle haben meinen Unfall gesehen, sogar aus den Baracken und aus der Schreibstube kommen sie gelaufen. Sie umstehen mich im Halbkreis, treten an die Maschine heran, betrachten sie neugierig. Ein paar fallen mit Fragen über mich her, ich kann nicht antworten. Ich stehe stumm, alles in mir zittert.

Der Hauptmann kommt, sieht mich an: »Na ja«, sagt er bloß, als wenn er nichts anderes erwartet hätte. Ich stammle etwas: »Knüppel blockiert, Verwindung unmöglich!«

»Werden wir untersuchen lassen«, sagt er und gibt dem Werkmeister einen Wink.

Ich gehe auf meine Stube und setze mich ans Fenster, blicke hinaus, aber sehe nichts von dem, was draußen vorgeht. Ich möchte allein sein. Die anderen fühlen das und lassen mich in Ruhe.

siehe Bildunterschrift

Die vom Bowdenzug blockierte Steuerung, die Ursache des Mißgeschicks mit dem Fokker

Am Abend wird das Ergebnis der Untersuchung bekannt ... Der Bowdenzug zum Maschinengewehr hat sich an der Schalttafel der Benzinzufuhr verhängt und so die Steuerung blockiert. Der Werkmeister hat den Führersitz fotografiert. Ich bin gerechtfertigt, ich war unschuldig an dem Unfall. Der Park stellt mir einen anderen Apparat, aber diesmal ist's ein alter Fokker.

Am nächsten Morgen fliege ich ab nach Habsheim. Nur die Monteure sind auf dem Flugplatz, sonst niemand. Es ist ein grauer, nebeliger Morgen.

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