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Mein Fliegerleben

Ernst Udet: Mein Fliegerleben - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorErnst Udet
titleMein Fliegerleben
publisherIm Deutschen Verlag - Berlin
printrun301.-350. Tausend
year1942
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140331
projectid7be51fde
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Am Rande der Welt

David hat einen Seehund geschossen. Er hat ihn auf den Sand hinaufgezogen und ausgeweidet. Es ist ein mageres Tier. Denn wir sind im Frühsommer, und die Brunstzeit hat ihm seinen Speck genommen.

Wir sitzen auf der Bank vor der kleinen Hütte, die aus Rasenstücken zusammengefügt ist, und sehen David zu. Hinter ihm treibt das Meer vorbei, graugrün in leichter Dünung. Mächtige Eisberge schwimmen auf den Wellen, gleiten wie große, stille Schwäne vorüber. Nur manchmal reißt einer plötzlich entzwei, dann dröhnt ein Krachen durch den Fjord wie Batteriefeuer, wird drüben von den lotrechten Basaltfelsen des Festlandes donnernd zu uns zurückgeworfen, schwebt in verirrten Tönen noch lange in der Luft. Der Berg »kalbt«, wälzt sich im Wasser herum. Fünf Meter hohe Flutwellen springen vor ihm auf, verenden rauschend am Strand.

David hat seine Arbeit beendet, er wischt das blutige Messer an der Bärenfellhose ab. Er geht voran, seine Frau folgt ihm. Sie trägt das Kajak. Dann kommen die Kinder. Jedes schleppt ein Fleischpaket auf dem Rücken, so viel wie es mit den dünnen Ärmchen gerade umspannen kann. Als David an uns vorübergeht, grüßt er gemessen und feierlich. Er ist ein großer Jäger. Seine Frau aber lacht uns zu, daß die Zähne im rotbraunen Gesicht blitzen.

siehe Bildunterschrift

Unser Expeditionsschiff in Nugaitsiak

Auf dem Sande ist nur das Gerippe des Seehunds zurückgeblieben und die Kaldaunen. Schon sind die Hunde darüber her, eine zuckende Masse von haarigen Körpern, den einzelnen kann man nicht mehr unterscheiden.

Plötzlich springen sie aufjaulend auseinander. Eine Gasse entsteht. Hindurch schreitet Nanunsiarssuit, der »Bärenjäger«, der größte und stärkste Hund des ganzen Dorfes, der Hundekönig von Igdlorsuit.

Die andern haben von der Beute abgelassen, sitzen hechelnd im Kreis herum. So, als ob ein Mensch in der Mitte stünde, die lange Seehundspeitsche schwänge, die Haut und Haar in großen Fetzen aus dem Fell reißt. Der »Bärenjäger« aber beachtet die andern nicht. Er beschnüffelt das Gerippe, das bißchen Darm, das noch herumliegt, hebt sein Hinterbein, spritzt einen dicken Strahl auf die Reste. Dann geht er langsam und gravitätisch durch die Reihen der andern davon. Und wieder öffnet sich eine Gasse vor ihm.

Schneeberger springt auf: »Den Hund muß ich haben!« sagt er. Schriek und ich sehen uns über seinen Kopf hinweg an. Wir lächeln. Wir sind schon sechs Wochen in Igdlorsuit. Lange genug, um zu wissen: der Jäger David würde sich eher die rechte Hand abhacken, als seinen Nanunsiarssuit verkaufen.

Im Norden über den Wassern steigt eine rote Leuchtkugel auf, dann zwei grüne. Wie flammende Lerchen stehen sie zitternd einen Augenblick auf dem Scheitelpunkt, stürzen ins Meer. Fancks Signal: die Aufnahmen beginnen, Schriek und Schneeberger sollen kommen. Schon stapfen die beiden Eskimos in ihren Gummihosen wichtig und eilig durchs Dorf zum Strand hinunter, um Schrieks Maschine zu wassern. Schneeberger und Schriek sind ins Haus gegangen, haben sich Pelze für den Flug übergezogen. Sie kommen heraus, verabschieden sich von mir. Dann sehe ich ihre kleine »Klemm« nach Norden verschwinden. Wie eine Seeschwalbe taucht sie an den Wänden der Basaltfelsen hin.

Sechzig Kilometer sind's über die Wasser des Fjords bis hinauf nach Nugaitsiak. Dort oben ist das Lager der Expedition, dort sind Fanck und die anderen Teilnehmer der Expedition. Der Film » SOS! Eisberg« wird gedreht.

Sie brauchen festes Packeis dazu, um an die treibenden Eisberge heranzukommen.

Nur Schriek, die Mechaniker und ich sind in Igdlorsuit geblieben. Denn hier ist der einzige Flachstrand im ganzen Fjord, und wir haben Sandstrand zur Landung nötig.

Manchmal kommt Schneeberger herunter zu Besuch. Wir haben zusammen die Hochgebirgsfilme gedreht, den »Piz Palü« und »Stürme über dem Mont Blanc«. Wir sind zusammen in Afrika gewesen. Solche Arbeitskameradschaft bindet wie der Schützengraben.

siehe Bildunterschrift

In Grönland

siehe Bildunterschrift

In der ersten Zeit war die Zusammenarbeit schwer. Aber allmählich haben wir eine Verständigung zwischen Flugzeug und Erde geschaffen. Leuchtkugeln rufen uns aus der Ferne, bunte Stäbe auf Doktor Fancks weißem Zelt geben uns Signale während der Filmaufnahmen.

Jetzt besteht sogar eine Postverbindung. Die Briefsäcke werden in Nugaitsiak zwischen zwei hohen Stangen aufgehängt, wir fangen sie im Fluge und werfen unsere Briefe ins Lager ab. Auch Marken haben wir schon. Der Amerikaner Rockwell Kent hat sie entworfen und handgedruckt. Er lebt drei Viertel des Jahres hier oben in Grönland in Igdlorsuit. Die Eskimos lieben ihn wie einen älteren Bruder, denn er besitzt die Weisheit des Enttäuschten: die Liebe zur Natur und das Herz für einfache Menschen.

Auch das Fliegen ist uns im Anfang nicht leicht geworden. Dicht unter der Oberfläche des Meeres schwimmt Blaueis. Glashell, glasklar, von oben nicht zu sehen. Aber wenn man bei der Landung mit den Schwimmern daraufschlägt, ist der Boden hin. Über vierzig Löcher haben Baier und Buchholz schon reparieren müssen, obwohl wir erst wenige Wochen hier sind.

Einmal blieb mein Motor stehen, ich mußte zwischen zwei Eisbergen aufs Wasser niedergehen. Die Berge trieben mit großer Geschwindigkeit aufeinander zu, hätten mich leicht zermalmen können. Ich kletterte aus der Kabine heraus auf die Schwimmer, warf den Propeller an, konnte den Knüppel gerade noch packen und zwischen den siebzig Meter hohen, blauschimmernden Wänden der Eiskolosse hinausfliegen in die freie Luft.

Auch Schriek hat einen Unfall gehabt. Erst gestern war das. Benzinrohrbruch. Er mußte auf offenem Wasser niedergehen. Vier Stunden hat es gedauert, bis ich ihn mit einer Stahltrosse nach Igdlorsuit eingeschleppt habe. Der Wind stand quer zu uns, es war schwere Dünung.

Abends sitzen wir auf der Bank vor der kleinen Holzkirche, in deren Oberstock wir wohnen. Manchmal spielen wir Ziehharmonika. Dann stehen die Mädchen um uns herum in ihren bunten, fellbesetzten Festtagskleidern. Meist aber schweigen wir und rauchen. Dann kommt der alte Daniel, der Vater von David, der in seinen Jahren selbst ein großer Jäger war.

Er setzt sich neben uns, streckt die runzligen Hände in die blasse Sonne und kaut Matak. Es ist der Bauchspeck vom Walfisch, in kleine Würfel geschnitten. Wie Walnußkern schmeckt er.

Daniel schielt begehrlich nach unserem Tabak, aber er bettelt nie. Dazu ist er zu stolz.

Manchmal geben wir ihm einen Schluck Korn. Dann lacht er, fängt an zu schwatzen. Rockwell Kent, der mit uns auf der Bank sitzt, dolmetscht. Der Alte erzählt Geschichten von der großen Jagd.

Er steht auf, reckt sich: so kam der Bär auf ihn zu.

Sie waren allein oben, ganz oben an der Grenze vom Inlandeis. Die Hunde saßen im Halbkreis um den Bären herum und verbellten ihn. Einer schnellte hoch, sprang den weißen Feind an. Mit gebrochenem Rückgrat wälzte er sich im Schnee. Ein zweiter stürzte, von der Bärenpranke getroffen, zu Boden. Ein dritter.

Da nahm Daniel selbst den Bären an. Mit der Harpune, denn Feuerwaffen gab's noch nicht.

Mit seinen alten, zitternden Händen ergreift er ein Paddel, das neben uns an der Wand lehnt, fuchtelt damit in der Luft herum. Es sieht rührend aus, und doch ist es nicht lächerlich. Denn hier erzählt ein Mann von seinen vergangenen Taten.

Der Bär packte die Harpune mit den Zähnen und mit der Pranke. Sie zersplitterte wie ein Eiszapfen, den ein Kind zerschlägt.

Da riß Daniel das lange Messer aus dem Stiefel, stürzte auf den Bären. Er unterlief die tödliche Umarmung, rannte von unten her dem Bären das Messer ins Herz. Blut spritzte heraus in hohem Bogen, spritzte über ihn hinweg ... das Blut seines Todfeindes. Und der Bär sank hin ... und die Hunde waren über ihm ...

Der alte Daniel muß husten. Er hustet so stark, daß er sich an die Holzplanken der Kirche lehnen muß. Dann spuckt er aus. In den Sand. Er spuckt Blut.

Er schüttelt den Kopf, grinst ein bißchen, schleicht in seine Hütte zurück. Ohne Abschied. Er ist schwindsüchtig und wird's nicht lange mehr machen.

siehe Bildunterschrift

In Grönland

Viele sind schwindsüchtig hier oben. In dem einen Nordlandsommer, den wir in Igdlorsuit bleiben, sterben sieben aus dem Dorf. Sieben von siebzig.

*

Drei Leuchtkugeln steigen auf aus dem Lager von Nugaitsiak. Das heißt, ich soll landen. Es ist nicht leicht am hohen Steinstrand. Zwei Mann helfen mir dabei, dann laufe ich hinauf zu den Zelten.

Dort sind alle in Aufregung. Doktor Sorge ist verschwunden, der wissenschaftliche Begleiter der Expedition. Vor acht Tagen ist er abgefahren im Faltboot nach Norden hinauf zum Rink-Gletscher.

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Eskimomädel

»Sieben Tage kannst du ohne Sorge sein«, hat er lachend zu seiner Frau gesagt, als er abfuhr. »Aber wenn ich am achten nicht zurückkomme, benachrichtige Fanck und die andern.«

Dann ist er abgefahren mit seinem kleinen Klepper-Boot, in den schmalen Wasserrinnen zwischen dem Packeis verschwunden. Er ist ganz allein gefahren. Die Eskimos, die ihn begleiten wollten, hat er zurückgewiesen.

Heute ist der achte Tag. Und heute morgen ist ein Jäger ins Lager gekommen, der im Kangerdluk-Fjord auf Seehunde aus war. Er hat dicht hinter den großen Wasserfällen die Trümmer eines Faltboots auf dem Packeis gefunden. Den Steven hat er mitgebracht. Kein Zweifel, es ist ein Stück von Sorges Boot.

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Knud Rasmussen, Grönlands ungekrönter König

Wir starten sofort, Schneeberger und ich. Wir fliegen den Kangerdluk hinauf über dem Packeis zwischen den schwarzen, fast tausend Meter hohen Felsen entlang, die das gewaltige Becken des Inlandeises säumen.

Am Wasserfall, der wie eine weiße Marmorsäule im dunklen Basalt steht, kreisen wir auf und nieder.

siehe Bildunterschrift

Über den Schneefeldern Grönlands

Aus den Rissen im Eise dampft die Kälte des Meeres zu uns herauf. Manchmal sehen wir schwarze Schatten auf der blauschimmernden Fläche. Aber wenn wir hinabstoßen, dann ist's nur eine Scholle, die der erdige Grund des Festlandes schwarz gefärbt hat.

Unser Benzin wird knapp, wir müssen zurück. Als wir landen, läuft uns das ganze Lager entgegen.

Ich gehe hinauf in Sorges Zelt. Dort wartet seine Frau. Sie sitzt auf dem schmalen Feldbett. Leni Riefenstahl ist bei ihr, hat ihr den Arm schwesterlich um die Schulter gelegt.

siehe Bildunterschrift

Mit Leni Riefenstahl

Gerda Sorge weint nicht. Sie sitzt stumm da mit versteintem Gesicht, ringt die Hände, daß die Knöchel weiß hervortreten.

Diese verzweifelten Frauenhände sind schlimmer als Tränen.

Ich lasse tanken zum zweiten Start, diesmal allein. Aber Schneeberger klettert schon in die Kiste: »Vier Augen sehen mehr als zwei!« erklärt er.

Wir fliegen.

Jetzt will ich weiter nach Norden hinauf. Es ist ein Gedanke von mir: vielleicht ist Sorge viel weiter nördlich verunglückt, und das Packeis hat die Bootstrümmer mit nach Süden geführt.

Wir fliegen in halber Höhe der Felsen. Manchmal müssen wir den ragenden Zacken hoher Eisberge ausbiegen, der Fjord wird immer enger, immer düsterer.

siehe Bildunterschrift

Winzig, gleich einer Mücke, erscheint die »Klemm« an der schillernden Wand des mächtigen Eisbergs

Der Rink-Gletscher – Sorges Ziel. Ein Dom aus schimmerndem Eis. Hundertzwölf Meter hoch und fünfzehnhundert Meter breit ragt die glasgrüne Mauer aus dem Meer auf. Hier schiebt sich das Inlandeis in seiner ganzen Mächtigkeit in die Wellen.

Wir jagen an der Gletscherwand entlang ... keine Spur von Sorge.

Ein Blick nach oben. Da – vom dunklen Gestein am Südrande des Gletschers steigt pfeilgerade eine dünne Rauchsäule in den Himmel.

Wir kurven, fliegen darauf zu. Schneeberger deutet mit ausgestreckter Hand nach unten. Ein paar überlebensgroße Männer stehen wie Schildwachen auf dem Fels. Ich halte auf sie zu. Es sind Felssteine, denen Sorge Kleider von sich übergezogen hat. Seinen bunten Sweater, seine Mütze. Sie sollen uns auf den Weg zu ihm führen.

Dann sehen wir ihn selbst. Der dürre, vollbärtige Mann hopst um das Feuer herum wie ein Baalspriester, wirft seine Arme zum Himmel.

Wir umkreisen ihn, winken. Den Knüppel zwischen den Knien, kritzle ich schnell ein paar Zeilen: »In zwei Stunden ist Boot bei Ihnen«, schiebe das Papier in eine leere Patronenhülse, werfe es ab. Wir sehen noch, wie er es aufhebt. Dann fliegen wir zurück.

siehe Bildunterschrift

Im Kajak

Unterwegs treffen wir unser Motorboot. Langsam schiebt es sich durch das Packeis nach Norden. Wieder werfen wir einen Zettel ab mit der Positionsmeldung von Sorges Standort. Winken ... Tücherschwenken ...

Im Lager freudige Aufregung. Aus allen verfügbaren Gefäßen wird das letzte Benzin zusammengekratzt für den dritten Flug. Denn es ist nicht sicher, daß das Motorboot Sorge heute noch erreicht.

Diesmal kann Schneeberger nicht mit. Auf dem Beobachtersitz steht, mit einem Strick zusammengebunden, ein großer Sack mit Lebensmitteln, Brennstoff, Decken.

Sorge hat mich schon von weitem gehört. Er steht auf einer Felszinne und winkt mir. Dicht über ihm ziehe ich meine Kreise. Ich packe den Sack, hebe ihn aus dem Beobachtersitz. Da spüre ich einen scharfen Ruck am Hals, mein Kopf wird nach hinten gerissen, schlägt gegen die Rückwand des Sitzes. Der Strick des Proviantsacks hat sich um meinen Hals geschlungen, würgt mich.

Das Flugzeug flattert dicht über dem Felsgrund. Mein Griffmesser – ein rascher Schnitt – ich bin frei!

Ich fasse den Knüppel wieder, sehe nach unten.

Der Sack ist Sorge gerade vor die Füße geplumpst. Er hat nichts von allem bemerkt, winkt und schüttelt die gefalteten Hände zu mir herauf.

Sechs Tage später ist Sorge wieder in Nugaitsiak. Er hat das gewaltigste Schauspiel erlebt, das je ein Mensch gesehen hat. Eine Kalbung des Rink-Gletschers. Eismassen, so groß wie alle Häuser Berlins zusammen, sind ins Meer gestürzt, dreihundert Meter hoch spritzten die Wasserfontänen. Und eine Flutwelle hat sein Boot, das vier Meter über dem Strand an dem Felsen lag, zertrümmert und die Reste nach Süden entführt.

*

Am Nachmittag haben wir geschossen. Ich habe ein Preisschießen veranstaltet, der Beste soll meine Winchesterbüchse haben. Alle Männer von Igdlorsuit sind eingeladen.

Und alle sind gekommen, haben ihre Büchsen mitgebracht. Ganz alte Flinten, sogar ein Vorderlader war darunter.

siehe Bildunterschrift

Preisschießen in Jgdlorsuit

Ich bin kein schlechter Schütze. Bei den Wettkämpfen im Geschwader Richthofen habe ich immer meinen Mann gestanden. Aber gegen die Grönländer kann ich nicht aufkommen.

Sie laden schwerfällig und bedächtig, zielen lange. Aber sie stehen wie Basaltblöcke, und ihre Hand ist ruhig, wie aus Stein gemeißelt. Fast jeder Schuß sitzt in den inneren drei Ringen, jeder zweite trifft das Zentrum.

Den Sieg und die Büchse erringt Imerarsuk, der »kleine Wassersack«.

Er preßt sie an sich, streichelt sie, läuft lachend mit ihr davon in seine Hütte.

Am Abend kommt David zu mir. Sein Vater liegt im Sterben, der alte Daniel. Er hat noch einen Wunsch: er möchte mit dem Menschenvogel über den Fjord fliegen und über Igdlorsuit.

siehe Bildunterschrift

Der alte Daniel

»Es ist gut«, sage ich. »Rufe die Gummihosen, daß sie die Maschine fertig machen, und bringe deinen Vater zum Strand.«

Zwei tragen den alten Mann, heben ihn in das Flugzeug. Ich stülpe ihm die Fliegerhaube über, setze ihm die Brille auf. Er lacht wie ein Kind.

Wir starten. Schwerfällig hebt sich der Vogel in die Luft, schraubt sich in Kurven höher und höher.

Das Meer liegt unter uns, gelb im Schein der scheidenden Sonne. Weiße Eisberge segeln darüber hin.

Es ist schon hoch im Jahr, der Winter schirrt im Norden seine schwarzen Pferde.

Dann kommt die Nacht, die lange Nacht.

Höher ... immer höher ... Die Erdhütten von Igdlorsuit sind klein wie Maulwurfshügel, die Kirche streckt schüchtern ihren hölzernen Finger in die Luft.

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Nikinak hört meinen Argusmotor

Die Berge bleiben unter uns, der Blick öffnet sich nach Norden, wo wie ein stählerner Schild die weite Fläche des Inlandeises in der Sonne funkelt, endlos bis zum Horizont.

Wunderbar, wie der alte Mann da vor mir jede Bewegung des Flugzeugs mitlebt, wie sein Körper in jeder Kurve mitschwingt. Der Jäger, der im Kajak den Gang der Wellen spürte, kennt das Gesetz des Elements.

Der Motor rauscht dröhnend. Schweigend versinken unter uns Land und Meer.

Da klingt eine Menschenstimme auf, aus tiefster Brust aufsteigend, in langgezogenen, mächtig hallenden Tönen.

Der alte Daniel singt.

Er singt noch immer, als wir landen, als sie ihn aus dem Boot heben und in seine Hütte tragen. Er singt, bis er in der dunklen Höhlung verschwindet.

Am nächsten Morgen steht David vor meiner Tür: »Mein Vater ist diese Nacht gestorben.«

Ich gebe ihm die Hand.

»Du bist mein Freund«, sagt er, »du kannst immer bei mir bleiben.«

Aber ich muß weiter. Bald beginnt die große Nacht, und dann versinkt alles Leben.

siehe Bildunterschrift

Arktische Nacht

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