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Mein Fliegerleben

Ernst Udet: Mein Fliegerleben - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorErnst Udet
titleMein Fliegerleben
publisherIm Deutschen Verlag - Berlin
printrun301.-350. Tausend
year1942
firstpub1935
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140331
projectid7be51fde
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Amerika im Fluge

Die Luft zittert vom Dröhnen der Motoren. Wenigstens fünfzehn Apparate sind über dem Flugplatz von Cleveland. Rollen, trudeln, loopen, trainieren für das Meeting, das in drei Tagen beginnen soll.

Ich lande. Die Startmannschaften kommen, gleich hinter ihnen ein Mann mit Hornbrille und Starterliste.

» Colonel Udet from Germany?« fragt er.

»Jawohl, Oberleutnant Udet.«

»Bei uns sind Sie als Colonel gemeldet.« Er steht mich streng an.

»Tut mir leid, bin bloß Oberleutnant.«

»Na, einigen wir uns auf Major«, meint er, tippt mit dem Bleistift an den Mützenrand.

Ein paar Herren in großkarierten Anzügen, Reporter von der Clevelander Lokalpresse. Sie wollen den »Flamingo« sehen, das berühmte Kunstflugzeug.

Ich zeige auf den Apparat: »Hier ist er.« Sie sehen die Maschine an, sehen mich an. Der »Flamingo« ist jetzt acht Jahre alt, war der erste Vogel seines Typs. In seiner Jugend sah er stattlich aus.

»Ach, wie interessant«, sagen die Herren von der Presse. Sie sind höfliche Leute, sie wollen den ausländischen Gast der National Air Races nicht beleidigen.

Ich bleibe noch eine Weile auf dem Flugplatz, sehe dem Training der anderen zu. Schneidige Burschen! Mit ihren schweren, starkpferdigen Maschinen sausen sie wie Granaten in der Luft herum. Wird schwer sein, sich gegen diese Konkurrenz zu behaupten, denke ich. Mein Spatz mit seinen hundert PS muß gegen Falken fliegen.

Über mir das Sausen einer Rennmaschine. Sie umrundet den Pylon. Im gleichen Moment zischt eine weiße Benzinfahne auf, dunkler Rauch quillt hinterher. Der Apparat brennt.

Blitzschnell reagiert der Flieger, wirft die Maschine auf den Rücken, zieht nach oben, läßt sich herausfallen. In Kirchturmshöhe öffnet sich sein Fallschirm, kaum fünfzig Meter von mir entfernt kommt er zu Boden.

Ich laufe hin. Er steht da, klopft sich seine braune Manchesterhose ab. Mechaniker kommen übers Feld.

»Unglück geschehen?« fragt er.

Ein Mann im Monteuranzug antwortet: »Gott sei Dank auf freiem Feld.«

»O. K.«, sagt der Flieger, holt seine Camel heraus, zündet sie an. Ich beobachte ihn genau. Seine Hand, die das Streichholz hält, zittert keinen Augenblick.

Im Hotel sehe ich die Meldeliste ein.

Die besten Männer ihrer Länder, stärkste Maschinen.

Und ich soll Deutschland vertreten mit einem Hundert- PS-Flamingo? Mehr Pferdekräfte erlaubt der Friedensvertrag unseren Motoren nicht.

Ich schlafe schlecht die nächsten Nächte. Als einzelner zu verlieren, ist leicht. Man kämpft, gibt sein Bestes. Sieg oder Niederlage stehen nicht in der eigenen Hand. Aber für das Vaterland zu verlieren, ist bitter.

Mein »Flamingo« wird eine Art Berühmtheit in Cleveland. So wie ein Mann, der in Cut und gelben Schuhen zu einem Festbankett geht.

Und dann sind die National Air Races da. Es ist ein strahlender Tag. Wir Flieger des ausländischen Teams werden in Wagen abgeholt, jeder für sich, und begleitet vom Sirenengeheul der polizeilichen Motorradeskorte hinausgefahren.

siehe Bildunterschrift

»National Air Raves«
Großflugtag in Los Angeles

Himmel und Menschen. Aus Cleveland, aus Chikago, aus New York, überallher gekommen. Mit Bahn, mit Auto, mit Flugzeugen. Nationalfeiertag in der Luft, das sind die Air Races.

Um neun Uhr früh beginnt's, dauert bis in die sinkende Nacht. Dann Feuerwerk. Am nächsten Tag geht's weiter. Eine Woche lang, jeden Tag.

»Hunderttausend Besucher«, sagt einer vom Komitee, zieht die Weste über dem Bauch stramm.

Die Kämpfe beginnen. Eine Programmnummer nach der anderen, in lückenloser Folge.

Aufheulend sausen die schweren Maschinen im Sturzflug aus der Luft herunter. Ein Looping über den Köpfen der Menge, senkrecht schrauben sie sich wieder in den Himmel hinauf.

Die Armeeflieger. Wie ein Hornissenschwarm brausen sie heran. Die Menge schreit auf. Dreißig Körper lösen sich von dreißig Maschinen. Dreißig Fallschirme öffnen sich, schweben wie eine große, weiße Wolke zur Erde herab.

» Major Udet Germany!« dröhnt der Lautsprecher übers Feld, während ich in die Kiste klettre.

Dann beginne ich zu arbeiten. Mein Programm habe ich mir vorher genau zurechtgelegt. Es ist klar, ich kann mit den starken Maschinen der anderen nicht konkurrieren. Sie steigen schneller, rollen wendiger, drehen ihre Loopings und Turns in einem Tempo, bei dem der »Flamingo« den Atem verlieren würde.

So habe ich mich auf langsames Fliegen eingestellt, dicht am Boden des Rollfeldes – Parterreakrobatik des Flugsports.

Ich fliege auf dem Rücken, dicht an der Erde. Ich schleife mit der linken Fläche über die Startbahn, daß der Staub aufwirbelt. Ich drehe Loopings mit stehendem Propeller, reiße wenige Meter vor den Tribünen die Maschine wieder hoch. Schließlich ende ich mit einer Tellerlandung genau an dem Platz, von dem ich gestartet bin. Vielleicht hätten die anderen es ebenso gut gemacht, wenn sie in meinem leichten »Flamingo« gesessen hätten. So aber hatten sie ihre schweren Maschinen und ich den Erfolg.

siehe Bildunterschrift

Eddie Rickenbacker, der erfolgreichste überlebende Kampfflieger Amerikas

Als ich lande, springen die Leute von ihren Sitzen auf, schreien, schwenken Hüte, Arme, Tücher.

Ein Funkreporter packt mich, schiebt mich vors Mikrofon. Dort steht schon Colonel Rickenbacker, mit vierundzwanzig Abschüssen Amerikas erfolgreichster Kriegsflieger. Ein großer Mann mit einem hageren, scharfgeschnittenen Gesicht. Wie ein weißer Indianer. Wir stehen erhöht, hoch über den Köpfen der Menge.

»Zum erstenmal sind wir uns bei Soissons begegnet«, sagt Rickenbacker. Seine Stimme rollt hallend über den Platz hin. »Damals flogen wir zu siebzig aus. Und als der Abend sank, kehrten nur zweiundfünfzig in unseren Kamp zurück. Wir haben noch manche Schlacht geschlagen, und noch mancher Mann ist gefallen. Wir beide aber sind am Leben geblieben.«

Rickenbacker reicht mir die Hand. Die Menge bricht in Beifallsgeschrei aus. Wir stehen wie auf unserem eigenen Denkmalssockel, Hand in Hand, mit ehernen Gesichtern.

Plötzlich beugt sich der lange Rickenbacker zu mir herunter, ein Grinsen auf dem hageren Gesicht, klopft vielsagend auf die Gesäßtasche: » Have a drink with me«, raunt er. Es ist drüben noch die Zeit der großen Trockenheit. Ich nicke zurück. Und dann stehen wir wieder wie zwei Bildsäulen, nehmen mit steinernen Gesichtern den Beifall der Menge entgegen.

Bei den Air Races hat jede Nation ihren Ehrentag. Für den »Deutschen Tag« ist eine besondere Überraschung vorgesehen. Nach meinen Schauflügen soll ich Leutnant Wanamaker gegenübertreten. Ich habe ihn im Juli 1918 abgeschossen.

Wanamaker kommt, von seiner Frau begleitet, auf mich zu. Er hat sich offenbar vorbereitet.

» Hallo, Ernest!« tönt er ins Mikrofon, »Sie sind aber dick geworden!« Das klingt burschikos, salopp, wie eben aus dem Handgelenk geschüttelt.

Ich bringe ein Stück Leinwand zum Vorschein, ich habe es hinter dem Rücken verborgen gehalten. Es ist die Nummer seines Flugzeuges, in dem ich ihn damals abschoß.

Und plötzlich ist sein ganzer, wohlpräparierter Humor dahin.

»Das ist aber nett«, stammelt er – »wirklich fein, daß Sie daran gedacht haben.«

Er hat ganz vergessen, daß wir vor dem Mikrofon stehen. »Wissen Sie was«, sagt er, »wenn der ganze Klimbim hier vorbei ist, kommen Sie zu uns nach Acron. Meine Frau würde sich auch freuen. Nicht, Mildred?«

Frau Wanamaker nickt, ein bißchen verlegen. »Ja«, haucht sie. Das Volk unten aber bricht in Jubelgeschrei aus. Wanamakers haben Erfolg. Mehr Erfolg wahrscheinlich, als wenn er seinen munteren Wildwestspeech zu Ende gebracht hätte.

Nach Abschluß der Air Races fahre ich nach Acron hinüber. Wanamakers wohnen mitten im Grünen draußen vor der Stadt. Warmes Nest voll bürgerlicher Behaglichkeit.

Am Abend sitzen wir um den runden Tisch. Wanamaker hat mir zu Ehren deutschen Wein besorgt. Rheinwein. Er schenkt mir ein Glas nach dem anderen ein. Wir plaudern von seiner Stellung, er ist Staatsanwalt geworden. Wir sprechen vom Krieg. Aber die Bilder jener Tage wollen nicht wieder lebendig werden. Erst als ich in meinem Zimmer liege, wird alles wach.

*

Am zweiten Juli 1918 war's, in aller Morgenfrühe. Flakfeuer weckte mich, es klang ganz nah.

Ich lief zum Fenster. »Behrend«, schrie ich, »Apparat fertig machen!« Er galoppierte schon über den Platz zur Halle.

Im Schlafanzug rannte ich hinunter. Noch im Laufen schlüpfte ich in die Pelzkombination. Startete. Stieg auf dreitausend Meter Höhe. Es war eisig kalt. Die Flakwölkchen zeigten den Weg. Zwei Staffeln hatten sich ineinander verbissen. Acht Nieuports gegen sieben Deutsche.

Ich erkannte Löwenhardts gelben Fokker, der einen Gegner verfolgte. Ein anderer setzte sich ihm in den Nacken. Ich mußte ihn abdrängen, Löwenhardt befreien. In die Verfolgung seines Opfers verbissen, schien Löwenhardt die drohende Gefahr nicht zu bemerken.

Aber der Amerikaner vor mir war gleichfalls ahnungslos. Langsam ließ ich ihn in das Visier hineinrutschen. Im nächsten Augenblick hatte der Nieuport vor mir eine Schußgarbe im Motor. Benzinfahne. Er stürzte, fing sich, stürzte wieder und schlug schwer unten auf. Ich landete in der Nähe.

Der Pilot kroch aus den Trümmern heraus. Ich ging an ihn heran, bot ihm eine Zigarette. Er dankte, stellte sich vor, Leutnant Wanamaker. Deutete mit zusammengepreßten Zähnen auf seinen Oberschenkel. »Bruch.«

Die Sanitäter kamen, hoben ihn auf die Bahre. Ein Feldgrauer lief vorbei. »Drei Amerikaner sind eben runtergekommen!« schrie er. Wanamaker fragte, ich dolmetschte. » O, a very good morning for us!« Das war das letzte, was ich von ihm hörte.

An den Wänden des Zimmers hängen Familienbilder. Gruppenaufnahmen und Einzelporträts. Manche ganz altertümlich, Daguerreotypien.

Wenn er gestorben wäre, würde er nie in dieses warme Nest zurückgekommen sein. Dann hätte mich die Frau mit den blonden Haaren gehaßt. Mich, der ihren Mann getötet hat.

*

Als ich in Hollywood ankomme, bin ich ein unbekannter Mann. Zum mindesten am Ruhm der Filmstars gemessen.

Drei Tage später kennt mich jeder vom Bau. Ich werde eingeladen, herumgereicht, interviewt.

Ein großer Mann vom Film hat nach meinem ersten Flugtag gesagt: »Mit diesem Major Udet werde ich bald etwas zu reden haben.« Das genügt vollauf zum Ruhm – für Hollywood.

Mary Pickford interessiert sich für Flugakrobatik. Wir wetten, ich gewinne. Mit der Tragfläche meines »Flamingo« hebe ich ihr Taschentuch vom Boden auf.

Am nächsten Vormittag kommt ein Herr zu mir ins Hotel.

Ob ich hier schon ein Auto besitze? – Nein.

Ob ich eins haben will?

Vielleicht. Wenn es nicht zu teuer ist.

Es kostet gar nichts. Draußen vor dem Hotel steht der Wagen. Eine viersitzige Limousine. Wenn ich mit der Tragfläche ein Taschentuch von seinem Verdeck herunterhole, wie gestern bei Mary Pickford, gehört der Wagen mir.

Einen Fotografen hat der Propagandachef der Fabrik auch gleich mitgebracht. Fünf Minuten später bin ich Autobesitzer.

Drei Wochen bin ich in Hollywood, dann endlich höre ich »das Wörtchen« des Filmmannes. Der Generalmanager läßt mich um eine Unterredung bitten. Er springt gleich mit beiden Beinen in die Sache hinein. »Wir wollen einen Richthofen-Film drehen, brauchen einen fliegerischen Berater.«

Er nennt eine Summe, sie ist phantastisch. Einen Augenblick überlege ich. Richthofen? Nein! Zu groß für Hollywood.

»Kommt nicht in Frage!« sage ich.

Der Agent zuckt die Achseln. »Schade!« sagt er. Aber er drängt nicht, fragt nicht nach den Gründen. Sachlich. Unsentimental. Amerikanisch.

*

Der Vorsitzende erhebt die Stimme. Er hat einen würdigen, zweigeteilten weißen Bart.

»... und nun haben wir noch eine große Freude für unseren Fliegerhelden. Unter uns weilt ein Mann, ein schlichter Mann, der im Jahre 1918 den Leutnant Udet aus dem feindlichen Kugelregen gerettet hat. Herr Mueller, bitte!«

Tosender Beifall der Versammlung.

Ein Mann steigt aufs Podium hinauf. Ein wenig zögernd, verlegen. Er ist kaum mittelgroß, blaß, sehr mager. Hat schütteres blondes Haar. Ich könnte darauf schwören, ich habe ihn noch nie in meinem Leben gesehen. »Nun, Herr Mueller«, ermuntert der Vorsitzende, »begrüßen Sie Herrn Udet.«

Mueller beginnt zu reden, in dumpfen Kehllauten, seine Stimme zittert. »Es freut mich«, sagt er, »Sie noch einmal im Leben wiedergesehen zu haben, Herr Major.«

Ich sehe ihn an von oben bis unten. Seine Manschetten sind zerstoßen, seine Schuhe geflickt. In seinen hervorquellenden blauen Augen aber steht Angst. Die Angst des Getretenen, vom Leben Zerbeulten. Der um seine letzte Hoffnung kämpft. » Give him a chance!« denke ich, trete auf Mueller zu.

»Ich danke Ihnen, Herr Mueller«, sage ich laut, gebe ihm die Hand. Donnernder Applaus im Saal. Mueller errötet. Plötzlich beginnt er mit volltönender Stimme zu erzählen. Wie er mich gefunden hat, halb ohnmächtig im Stacheldraht. Wie er mich aufgehoben und nach Hause getragen durch den Kugelregen. Wie eine Mutter ihr Kind. Als er geendet, muß ein Tusch geblasen werden, um dem Vorsitzenden Ruhe zu verschaffen. So laut tönt Jubel und Geschrei. Unten im Parkett wird Mueller von Reportern umdrängt. Zuweilen schickt er einen Blick zu mir herauf, verschämt lächelnd. Dann beantwortet er weiter die Fragen.

Ein paar Tage später höre ich von Bekannten, Mueller hat eine Anstellung bekommen. In einer deutschen Großschlächterei. Vorher war er arbeitslos. Seit langem.

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