Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Gangl >

Mein Berg

Josef Gangl: Mein Berg - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJosef Gangl
titleMein Berg
publisherErich Hecht'sche Verlagsbuchhandlung
year1912
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180425
Schließen

Navigation:

Heute bin ich mit der Aussaat meines Sommerkornes fertig geworden. Seit Langem habe ich mich nicht so geplagt. Ich musste ja diesmal die Egge selber ziehen. Meine gute Kuh kann ich jetzt nicht einspannen. Sie ist schwer trächtig und braucht mehr Schonung, als sie will. Es war ihr nicht recht, dass ich die Egge selber schleppte. Sie kam immer wieder von ihrem Weidegrund zu mir auf das Feld und brummte. Meinen großen Stier aber mag ich nicht plagen. Er lässt sich von mir willig lenken. Nur wird er so traurig und stumpf, wenn er arbeiten muss. In der Freiheit, die ich ihm gewähre, ist er lustig. Seiner Frische tut das ärgste Herumtollen nimmer so viel als die geringste Arbeit, zu der ich ihn zwinge. Ich zog die Egge wirklich lieber selbst, als dass ich das junge Tier quälte. Dabei fühle ich, dass einen gerade die niedrigste Arbeit, die man aus rechter Güte und Demut tut, am reinsten befriedigen kann.

Am oberen Ende meines nun richtig bestellten Saatgefildes setzte ich mich nach vollbrachtem Werke auf einen Stein der hier beginnenden öden Halde. Von hier ist mein Besitztum zu übersehen. Die ganze hundertwinkelige Hochfläche des mächtigen Böhmerwaldberges gehört mir. Es ist ein von der Natur mit Mauern, Türmen, Wällen und Gräben wohlbefestigtes Stück Land. An allen Seiten steht das sollgebleichte, weiße Gestein als hohe, schroffe Küste vor dem schwarzen, auf hohen Bodenwellen hinziehenden Waldmeere. Wo ich jetzt saß, hörte ich das Rauschen des Tannes, aber ich sah ihn nicht; die vielgestalteten Uferrisse meiner lichten Insel überragen ihn zu hoch. nirgends fand da mein Blick eine Spur der außerhalb meines Eigentums liegenden Erde. Ein am fernsten Himmelsrande hinziehender silberner Wolkenstrom ahmte mit seinem Gewoge die Formen eines Riesengletschers nach und ließ sie dann versinken. Elf alte Nebelkrähen plädderten aus der Tiefe empor und schossen lärmend auf mich zu. Immerfort schreiend, kreisten sie dann nahe über meinem Kopfe. Damit zeigten sie mir an, dass ihr Nebenbeuter, der alte Fuchs, aus dem Walde heraufgestiegen war, um durch die Felsenscharten nachzusehen, wie meine vielen jungen Hühner heran gediehen. Der ledige Neid macht die Krähen zu meinen Warnern. Sie hatten es nicht nötig, über den roten Räuber so empört zu tun. Selber stahlen sie mir auch schon manches liebe Küchlein. Meine Hühner trieben jetzt unten auf dem junggrünen Grasboden ahnungslos ihr Wesen. Was so recht für das Haus liegt in einer schüsselförmigen Vertiefung der Bergfläche. Mit seinem dicken, sonngebackenen Wandholze sieht es wie Lebkuchen aus und mit dem grausilbern schillernden Schindeldache wie mit Zucker übereist. Ein bisschen zartes Laubgrün ist jetzt rund herum. Viel Laubwuchs kommt hier in der rauen Bergluft bei aller Menschen mühe nicht auf. Etliche Vogelkirschen- und Holzäpfelbäume habe ich wohl, aber die fühlen sich da bei all meiner Liebe nicht heimisch, wo zu ihrer Blüh keine Hummel kommt und zu ihrer Frucht kein Sperling. Auf einem ziemlich breiten, hohen Wiesensockel steht mein kleiner Bau; um grünen Grund spiegelte jetzt wie blaues, silbern geripptes Glas der Weiher. Die breiten, allmählich ansteigenden Ränder meiner Mulde hatte jetzt der Frühling mit seinen Farben gemalt. Über Brachland, Ackergrund und Weide war er mit seinem wunderfeinen Pinsel gefahren. Ein schmaler Steinriegel, der einem erstarrten Wasserschwalle gleicht, berührt meinen urbaren Grund an der Nordseite. Der wüste Streifen hängt mit der Masse der von dem höchsten Felsenturme meiner Waldinsel abgestürzten Trümmer zusammen und ist von dem tiefen Rinnsal eines ganz oben an dem jähen Gewände entspringenden Baches durchzogen. Das Wasser stürzt sich kindesübermütig in den Weiher. Hier tanzt und wirbelt es, ohne nur ein wenig zur Ruhe zu kommen, herum und fällt dann an der Südseite meiner Mulde durch einen schmalen Durchriss in das schwarze Waldmeer hinab. Es lärmt bis zu seinem tiefen Sturze hin, dann zerstäubt es fast lautlos in der Luft. Meine Rodung und das Steintrümmerfeld nehmen nur den kleinsten Teil der Hochfläche ein. Es ist viel dürres Heideland hier oben, in dem die Erdkrumme zumeist recht dünn über den Felsen liegt, aber auch viel windverkrüppeltes Föhrenholz, das meinen Waldbesitz ausmacht. Auf der Morgenseite meines Landes dehnt sich auch ein fast undurchdringlich dichtes Gewucher von Birken, Erlen und Haselstauden aus. Der Wind hatte den Samen dieses Holzes zu weit hergebracht, es vernörgelt hier, und fast kein einziger Stamm davon wird glatt und gerade.

Ich wollte jetzt nach kurzer Rast über das steil abfallende Feld dem Hause zu. Aber da sah ich einen Menschen. Er kam auf dem einzigen Pfade, der zu mir führte. Am Ende der tiefen Felsengasse blieb er stehen. Seine lichtgekleidete, schlanke Gestalt hob sich scharf von dem hinter ihm liegenden Dunkel ab. Ich hatte ihn gleich an seiner frischen, stolzen Gangart erkannt. Es war der junge Dürrsenger von Roglatz, der Mensch, von dem weitum in allen Tälern mehr als von jedem anderen geredet wurde. Er hatte vor drei Jahren seine ererbte große Bauernwirtschaft verkauft und lebte nun von dem Gelde wie ein Herr. Ich begegnete ihm einmal im Wirtshaus zu Hellfrein und musste seither oft an ihn denken. er verhöhnte mich damals so unvermittelt und keck wie noch niemand zuvor. Mein Gesicht und mein von mir selbst geschneiderter, rupfener Anzug erregten den Spott dieses Übermütigen.

»Ich habe noch keinen so Ernsten gesehen, der so lustig angezogen war«, sagt er gleich zu mir.

»Und ich noch keinen so Dummen, der so grob darüber geredet hat«, antwortete ich.

Darauf verlangte er nicht weniger, als dass ich mit ihm raufen solle. Ich schlug mich bis dahin noch mit keinem Menschen und wollte meinem der Roheit abholden Wesen auch jetzt keine unnatürliche Gewalt antun. Aber der Dürrsenger blieb bei seinem wilden Begehren.

»Und wenn du nicht raufen willst«, sagte er, »so musst du dich von mir hauen lassen!«

Gehauen wollte ich nun auch nicht werden. Ich hatte erst einmal in meinem Leben Schläge bekommen, und wenn ich daran denke, beutelt es mich noch heute vor Ekel und Empörung. Diese Schläge gab mir mein gottseliger Vater nach damals herrschenden Rechtlichkeitsbegriffen durchaus nicht unverschuldeterweise. Aber er hätte das nicht tun sollen.

Nach kurzem Überlegen nahm ich nun den Dürrsenger plötzlich recht fest und dabei doch so behutsam als möglich in meine Arme und hielt ihn dann ein Weilchen unter mir auf dem Erdboden fest. Er staunte über meine Kraft. Dass ich stark war, hatte er mir ja angesehen. Aber in seinem allzu bedenklosen Selbstbewusstsein hatte er sich selbst für noch stärker gehalten. Ich stellte ihn wieder vorsichtig auf die Füße. Trotz meines Achtgebens fürchtete ich nun aber doch, dass ich den Burschen zu viel gedrückt haben könnte. Deshalb fragte ich gleich: »Habe ich dir weh' getan?«

In meiner Frage musste sich nun eine gar zu kindische, lächerliche Angst ausgedrückt haben. Mein Wesen belustigte und erstaunte den Burschen ganz unglaublich. Er sah mich ungefähr so an wie einen, den er bisher in der Welt nicht gesucht und trotzdem gerne gefunden hätte. Dann packte er mich jählings um den Hals und wollte mich küssen, wie man ein Kind küsst, dessen Gemüt und Herzenseinfalt einen entzückt.

Ich entzog mich der vorschnellen, von ihm gewiss noch unverdienten Zärtlichkeit recht entschieden und flink. Da wurde er wie aus Scham über eine erlittene Demütigung feuerrot.

»Küssen kannst du deine Bräut'«, sagte ich scherzhaft. Ich hatte schon von dem außergewöhnlich vielen Unheil gehört, das der mit seinen heißen, schwarzen Augen unter den Weibern anrichtete.

»Ich versteh' dich schon«, sagte er, nachdem er mich forschen angesehen hatte. »Du magst keinen Freund und keinen Feind. Du hast dich ganz außerhalb der Menschheit gestellt. Sie soll dir nimmer wohl und nimmer weh tun können. Gelt, so fein und gescheit und grauslich bist du?«

Ich nickte. »Ich möchte wenigstens so fein und gescheit werden.«

»Und darum hast du dich in der rauen, herzgefrierenden Eingart oben angesiedelt, gelt'. Bei uns herunten würde es dir zu heiß?«

»Ja, ich glaube wohl.«

»Sie soll dir unter den Füßen brennend werden, deine Eingart«, wünschte er mir und ging zornig fort.

Meine Eingart hatte dereinst gewiss Feuer gespien. Sie sah mit dem Felsenkranze und der trichterförmigen Mulde kraterartig aus. Aber ich fürchtete mich auf ihrem Boden nicht.

Und jetzt besuchte mich der Dürrsenger hier. Mehr aus Neugier als aus Höflichkeit ging ich ihm entgegen.

Sein schönes Gesicht blühte und glühte jetzt nicht wie damals in Hellfrein, obwohl ihm mein Berg recht heiß gemacht hatte. Und in seinen Augen war eine fromm bittende Demut, durch welche sie mir ganz neu und fremd wurden. Meine ihm dargereichte Hand ließ er vorderhand gar nicht aus.

»Ich komme mit einer Bitte zu dir«, sagte er dann förmlich gewaltsam.«

»Das wird dir freilich schwer sein«, meinte ich.

»Ja«, gestand er. »Das ist ein rechter Strafgang für mich. Ich muss jetzt um das Gegenteil von dem beten, was ich damals wünschte. Jetzt will ich wieder, dass dir dein Berg nicht die Sohlen brennen soll. So wohlig soll es dir hier werden, dass du um keinen Preis von da weggehen magst.«

Meinem Scharfsinne war es unmöglich, auch nur nach einem Wege zu raten, auf welchem der Bursche zu diesem neuen, braven Wunsche gekommen sein mochte.

»Gelt«, fuhr er nun sehr erregt fort, »gelt, dir gefällt es da?«

»Ja, gewiss«, sagte ich wahrheitsgemäß. »Und dir nicht auch?«

Er sah in dem Felsenkreise herum und gab sich merklich Mühe, etwas Schwärmerisches in sein Gesicht zu bringen. Aber unter meinen ihn beobachtenden Augen ließ er dann von dem geplanten Heuchel ab und lächelte ein bisschen verlegen.

»Für mich wäre es da nichts«, sagte er. »Aber du passt in die Gegend wie eigens dafür geschaffen.«

Er wollt nun wirklich nicht lügen, und als er mein Lächeln sah, nickte er ernsthaft zur Bekräftigung dessen, was er sagte.

»Ja, ja, ich glaub', dass du jetzt schon da herauf passt und gar nimmer zurück in die Tief'. Deine Augen gehören jetzt schon völlig in das viele, helle Licht, das da über deinem Landl ist.«

»Und?« fragte ich, begierig, ob er noch einen Vergleich finden würde.

»Und? Ja -- dein Leib ist auch schon wie mit den Felsen aus einem Stück und…«, er unterbrach sich mit seinem Lachen, »und dein Blut so, wie der eiskalte Bach da, und wenn du schon sonst nicht dableiben möchtest -- meinetwillen müsstest du es jetzt…«

»Nein«, sagte ich, »deinetwillen bleib' und geh ich nicht. Wir zwei sind noch gar nicht so gut, als du vielleicht meinst. Da heroben ist die Freundschaft nicht so wohlfeil wie unten bei den Talleuten. Was willst du denn eigentlich von mir?«

»Nichts Minderes, als dass du bleiben sollst…«

Ich begriff ihn nicht. »Bist du nicht ein wenig närrisch?« fragte ich.

Er lächelte. »Glaubst du, dass ich nicht weiß, was ich will?«

»Ja, es ist mir schier so«, sagte ich.

»Also hör du: Mein junges Leben will ich genießen.«

»Doch nicht da heroben bei mir? Übrigens habe ich gehört, dass du dein junges Leben eine schöne Zeitlang genießest.«

»Ich möchte das aber noch weiter tun«, sagte er. Könnte es aber nicht, wenn du jetzt nicht dabliebest.«

Ungestüm drang er jetzt in mich: »Sag, dass du dableibst -- schwöre es mir!« Er wollte plötzlich vor mir auf die Knie fallen. Das ließ ich nicht zu. Ich hielt ihn mit meinen Armen aufrecht. Da sank er wild aufschluchzend an meine Brust. Ich verstand ihn immer weniger. Durch meinen Kopf gingen die seltsamsten Vermutungen.

Verwirrt und geängstigt bat ich ihn, er möchte sich doch endlich recht erklären.

»Dein Landl will einer haben!« schluchzte er. --

»Abkaufen will er es dir um einen jeden Preis.«

»Wer?«

»Der Glengler Lippl. Der reich aus der Welt heimgekommen ist.«

»Wozu will den der mein Land?« fragte ich verwundert. »Will er auch Einsiedel werden? Ich glaube, dazu war der zu viel in der Welt.«

»Er will jetzt daheim eine Waldherrschaft anlegen und einen großen Herren hier machen«, schluchzte der Bursche.« Ich musste lächeln. »Dass dir das so zu Herzen geht? Der höchste Herr in der Gegend würde er ja, wenn er sich da herauf setzen tät, das ist wahr. Aber ein großer Herr? Wenn man das sein will, fängt man anders an.«

»Er hat schon anders angefangen! Mit allen Bauern im oberen Säusental hat er schon geredet. Sie alle wollen ihm Haus und Grund verkaufen. Ihren ganzen großen Gemeindewald will er auch. Und weil ein Landl mitten in ihrem Gemeindewald liegt -- so will er das auch haben. Er muss deinen Berg haben, sagte er. Mitten im Grund einen fremden Besitz, das möcht' er nicht. Wenn du ihm deinen Berg verkaufst, dann wird der Kauf mit den Säusentalern gemacht -- anders aber nicht. Und mit den anderen Säusentalern verkauft dann auch meine Schwiegermutter ihren Hof.«

»Deine Schwiegermutter? Ich glaub', du bist noch ledig.«

Er nickte. »Das bin ich auch. Und bleib's auch noch recht lang, wenn mir Gott hilft. Aber weißt, zwischen mir und der Maridl ist es schon so gewiss, dass ich zu der alten Buritscherin nimmer anders als Mutter sag'. Wenn sie jetzt aber den Hof verkauft, dann war das lange Muttersagen eine Voreiligkeit, dann kann ich die Maridl nicht heiraten.«

»Warum denn nicht?«

»Weil sie dann mit der Alten in die Stadt muss. Und in die Stadt kann ich nicht mit. Wer wär' denn ich in der Stadt? Und was tät ich denn dort? Ein Herrengeschäft kann ich doch nicht, wenigstens kein anderes als Essen, Trinken und Lieben. Und ein Bauerngeschäft gibt es dort nicht. Wenn sie in die Stadt ziehen, ist es aus zwischen uns. Bleibt sie, so bin ich mit meinem Geld gerade der rechte Mann für den Buritscherhof.«

»Ich begreif' dich nicht«, sagte ich. »Da gehe halt gleich hin und heirate sie.«

Er sah mich nun so eigentümlich vorwurfsvoll und schmollend an, als ob ich da etwas noch so Grausames gesagt hätte.

»Heirat sie«, wiederholte er fast schaudernd. Und leidenschaftlich setzte er hinzu: »Ich will doch mein junges Leben genießen.«

»Ach ja? Und die Maridl soll warten, bis du es ausgenossen hast?«

Jetzt sah er mich wieder an, als ob er um eine mildere, menschlichere Gesinnung bitten möchte.

»Schau«, sagte er weich, »sie ist ja so brav und gut und hat mich so lieb. Darum hat sie gern so lang gewartet und tät auch noch länger warten, bis ich hat gehörig zum Heiraten werd' -- der Tag wird schon kommen, und dass mir die Maridl über alle anderen mein Lebtag die Liebste bleibt, das weiß sie ja. Jetzt brenn' ich doch noch so sündhaft wild, dass es förmlich himmelschreiend wär', wenn ich in dem Zustand schon in den heiligen Ehestand möcht'.«

»Du denkst ja recht brav.«

»Ja. So wie es bei meiner ganzen Anlag' recht und vernünftig ist.«

»Die arme Maridl«, sagte ich.

»Die ist gar nicht arm.«

»Nicht? Genießt die vielleicht ihr junges Leben auch?«

Er war über meine Frage ganz entsetzt. »Das ist doch ein Mädel«, sagte er. »Ein ehrenhaftes Mädel, sonst könnt' ich sie doch nicht so gern haben und achten. Die hab' ich mich ja nicht einmal recht zu küssen getraut.«

»Ach so? Einen solchen Unterschied machst du zwischen den Weibern?«

»Der macht sich schon von selber«, sagte er. »Was da reingehalten werden will, das zwingt einen schon dazu, und das andere zwingt einen eben auch…«

»Und achtet dich den die Maridl auch?«

Er lachte fröhlich. »Gewiss. Wie nur eine so einen richtigen, schlimmen, wilden Buben, den sie gern hat, achten kann. Sie hofft so fest wie ich selber, dass noch ein braver Mann aus mir wird.«

»Wie leichtsinnig du bist!«

»Geh' lass' mich doch glücklich sein«, bat er gemütlich. »Und verkauf' deinen Berg nicht, sonst ist es aus mit meinem Glück, denn die Alte verkauft den Hof, wenn ihr der Glenger kommt. Sie hat viel verlangt für den Besitz. Aber der Glenger gibt ihr, was sie will. Da ist ihr denn die Heimat feil. Arbeiten mag sie auch nimmer. Sie ist schon zu fett.«

»Und wohl auch zu gescheit, um warten zu wollen, bis du nach einer eigenen Erkenntnis zum Übernehmen des Hofes und zum Heiraten abgelebt genug bist. Heirate nur. Oder genieße weiter.«

Es machte mir ein reizvolles Vergnügen, den wildübermütigen, lustglühenden Burschen recht grausem erschrecken zu könne. »Ich begreife den Zweck deines Kommens nicht«, sagte ich. »Wenn ich dem Glenger meinen Besitz verkaufen will, so werde ich das doch nicht deinetwegen unterlassen. Mir scheint, du hast eine zu große Meinung von dir und von der Macht deiner Bitt'. Wie käme ich denn dazu, wegen deiner Herzenssachen einen großen Gewinn zu verschmähen, den mir der Glenger vielleicht bietet? Ich kaufte den Berg von den Säusentalern so teuer, dass es hieß, ich sei ein Narr. Darum möchte ich jetzt lachen, wenn einer käme, der für den Berg noch mehr gäbe als ich. Und wenn ich den guten Handel mit dem zweiten Narren ausschlüge, was würden da die Säusentaler von mir erst sagen…«

»Dir liegt doch nichts an dem Gerede der Leute«, sagte er. Dann fuhr er nach kurzem Nachdenken fort:

»Wenn ich nur wüsst', was dich der Glenger gewinnen lassen will. So viel gäbe ich dir dann vielleicht auch…«

Ich staunte. »Wie? Du möchtest mir den Berg abkaufen?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, das kann ich nicht. So reich bin ich jetzt nimmer. Ich habe jetzt schon zu viel Geld verlebt. Und hätt' ich auch das Geld, so dürft' ich doch den Berg nicht kaufen, weil es meiner Schwiegermutter nicht recht wär'. Aber eine Hälfte von meinem noch übrigen Gelde schenk' ich dir, wenn du mir den Glenger, sobald der zu dir kommt, so fortweist, wie es sich gehört.«

Ich staunte nun noch mehr über den Burschen. So einen Leichtsinn hatte ich noch kaum kennen gelernt.

»Zu solchen Opfern wärest du bereit?!« rief ich.

»Ja«, sagte er. »Mein Geld halbiere ich mit dir, wenn du dableiben willst.«

»Wie viel hast du denn noch?« forschte ich.

»Elftausend Gulden.«

»So. Dann blieben dir fünf und ein halbes Tausend. Davon willst du noch eine Zeitlang deine Jugend genießen. Wie viel möchtest du denn nachher auf den Buritscherhof mitbringen?«

Er zuckte die Achseln. »Was mir noch bliebe, müsste der Alten recht sein. Die Hauptsache ist, dass sie jetzt nicht verkauft und das mir die Maridl nicht davon zieht. Glaube mir, ich habe sonst keinen mir freundlichen Menschen auf der Welt.«

»Wie? Du? Bei deinen vielen Liebschaften?«

Er lächelte. »Di in mich verliebten Weiber, das sind ja eben meine ärgsten Feinde.« Dann setzte er hastig hinzu: »Ich will jetzt handelseins werden mit dir.«

»Ich mit dir noch nicht«, entgegnete ich. »Vielleicht zahlt mir der Glenger mehr, als du mir schenken kannst.« Bei diesen Worten lächelte ich nur so, als ich vom Glenger schon etwas Sicheres wüsste. Jetzt hatte ich den Burschen mit meinem erheuchelten Wesen ratlos gemacht. Er wusste mir nichts mehr zu sagen. Ich merkte, dass er mich nun verachtete. Es machte ihm Schmerzen, mich verachten zu müssen. Und das schmeichelte mir. Er war mit einem guten Glauben an mich auf den Berg gekommen. Zorn und Leid über seine Täuschung verflorten ihm die Augen. Ein Weilchen wusste ich nicht, ob er in Wut gegen mich losbrechen oder ob er weinen würde. Dann tat er das letztere. Aber ich konnte nur die ersten seiner Tränen flüchtig sehen. Er kehrte sich rasch von mir ab und dies in einer sehr stolzen Weise, die es mir zeigte, dass er sich nun dessen, was er besser war als ich, gehörig bewusst wurde. Jetzt tat er mir aber auch schon leid. Meine Quälsucht war gestillt. Sie war nicht so groß als jetzt meine Lust, ihn glücklich zu machen. Er stürzte förmlich fort. Aber nach seinem zehnten Schritte rief ich ihn schon so mild, als es mir nur gleich gelingen wollte. Er wandte sich nicht um, sondern fing erst recht zu laufen an, als ich ihn rief. Zuerst hatte ich noch das Gefühl, dass ich mir etwas vergeben würde, wenn ich ihm nachliefe. Aber dann, als ich ihn nicht mehr hätte einholen können, ward ich entsetzt und zornig über mich und bereute es, ihn nicht eingefangen zu haben. Da musste ich wieder einmal büßen, weil ich mich nach meinen Launen auf einen Verkehr eingelassen hatte. So ging es mir fast immer, wenn ich einem Menschen begegnete. Ich konnte mir nicht helfen und blieb den Leuten gegenüber immer der alte. Mit jedem rechten Schulungsversuche wurde ich an mir immer wieder zuschanden. Ich konnte mich kaum an eine Begegnung erinnern, nach der ich nicht gelitten hätte. Und ich wollte nicht mehr leiden. Mir tat der Frieden so wohl, der mich hier gesund und stark gemacht hatte. Es war schon lange mein frömmstes Gebet: »Wenn nur niemand mehr zu mir käme.« Ich brauchte wirklich längst keinen Menschen mehr, außer den alten Flößermoz, der mein geringes Tauschgeschäft mir der Welt vermittelte. Und durch den geschah meiner überzarten Gefühligkeit nichts. Der stand so über dem Glück und dem Schmerze, wie ich gerne darüber gestanden hätte. Mein Berg was sonst ganz der richtige Ort für mich, nur noch ungefähr drei Wegstunden weiter von der nächsten menschliche Ansiedlung hätte er sein sollen. Ich hatte hier zu viele Besuche. Aber deswegen sollte der Dürrsenger doch nicht heiraten müssen. Ich verkaufe meinen Berg nicht. Mit neuen, guten Vorsätzen ging ich jetzt in meine Mulde hinab. So leicht wollte ich mir nun keinen Menschen mehr nahe kommen lassen. Vor einem jeden wollte ich gleich in das Haus flüchten. Dahin kam mir keiner gerne nach. Es führte keine Brücke über den Weiher. Ehedem war eine da gewesen. Die hatte ich der Leute und auch der Füchse und der Marder wegen längst abgerissen. Ich brauche keine. Meinem abgehärteten Leibe schadete das kalte Wasser niemals. Wenn ich Hemd und Hose nicht nass haben wollte, drehte ich sie zu einem Knäuel und warf sie von einem Ufer zum anderen. Heute schwerte ich diese Kleidungsstücke mit einem Stein im Weiher ein, weil ich sie morgen wieder gehörig durchwaschen wollte. Dann zog ich im Hause einen sauberen Leinenkittel an.

Meine Haustiere waren auch den Wasserweg gewohnt, nur die alte Sau und ihre elf Jungen nicht, die war jetzt mit ihrem ganzen hell lebendigen, kleinen Gezüchte immer am ersten zur Begrüßung da, wenn ich auf meine Insel stieg. Als ich jetzt all mein Vieh gesättigt und richtig betreut hatte, ging ich in meine schöne Küche und richtete mir ein Stück Pökelfleisch zum Braten her. Während dem vernahm ich draußen ein lautes Menschengeschrei. Ich lief in die große Eckstube, um durch die Fenster verstohlen nach den Lärmmachern auszublicken. Durch die Blumenstöcke des Erkerfensters erspähte ich drüben am Uferrande zwei Männer und ein junges Weib. Einen erkannte ich gleich, ohne ihn je zuvor gesehen zu haben; das war der Glenger. Es stand ihm nicht viel in dem feisten, roten Gesichte geschrieben, wohl aber das, was er war und das, was er hier wollte, auch. Er sah wie ein Fuhrmann aus, der sein Lebtag nur auf schönen, breiten Straßen durch ebenes Land fuhr und auf diesen Straßen immer alles fand, was er wollte, ohne nur einmal viel herum sehen oder fragen zu müssen: die rechten Aufsitzer und die rechten Wirtshäuser. Der große, starke Mensch brannte von Lebensgeist und von Wein, dass man gleich für ihn bangen konnte. Aber ihm selbst war nicht bange, und er fühlte sich merklich in jeder Faser seiner übergroßen Üppigkeit ganz unbegreiflich wohl. Ich bildete mir ein, dass mich bei einem solchen überernährten, hitzenden Leibe schon der Ekel von selbst hätte umbringen müssen. Bei dem Manne stand seine Tochter. Die tat recht, wenn sie sich immer neben ihn stellte. Wo sie sich allein sehen ließ, konnte sie zu leicht auf jemanden einen ganz falschen Eindruck machen. Ich war recht froh, dass ich sie und den Alten gleichzeitig sah. Ihre blühende Schönheit hätte mir sonst sicherlich mehr gefallen, als mir lieb gewesen wäre. Aber neben dem Alten verlor ihr Äußeres alles, was mich hätte verblenden können. Ihres Vaters Gegenwart entkleidete sie förmlich des Reizes, der ihr wahres Wesen verflorte. Man ward durch den Alten augenfällig an alles gemahnt, was von seiner Art an ihr war. Dann machte sich mir das junge Weib auch durch seine Kleidung verächtlich. So wie sie behing man sich jetzt wahrscheinlich draußen in der Welt allgemein. Aber zu mir auf meinen Berg durfte man so nicht kommen. Bei mir war man so nicht möglich. Ein Mensch, der einigen Anspruch erhebt, für vernünftig angesehen zu werden, durfte sich überhaupt nicht putzen wie dieses Weib. Ihr Federnhut war mindestens ein ganz vernunftwidriges Schmuckstück. Wer sich einiger rechten Menschenwürde bewusst ist, schmückt sich nicht mit dem Schmucke toten Viehes.

Aber ich hätte wirklich diesen mich jetzt empörenden Federnhut kaum bemerkt, wenn das Weib mit jenem Reize auf mich gewirkt hätte, den ihr die Gegenwart ihres Vaters nahm. An der anderen Seite des Mannes stand sein Sohn. Der sah dem Vater fast noch mehr ähnlich als das Mädchen, aber so seelenverwandt wie dieses, schien er ihm nicht zu sein. Er hatte nicht das Aufschlussgebende der beiden. Sein Gesicht drückte sonst gar nichts als einen sonderbar kalten, ruhigen Stolz aus. Worauf sich dieser Stolz gründen mochte, das verriet hier keine Miene. Mit der großen, kräftigen Gestalt wäre der Junge dem Alten recht besonders nachgeraten. Aber man sah, dass er nicht wie jener verplumpen wollte. Seine Bewegungen waren von der bekannten vollendeten Natürlichkeit, zu der es einer erst nach angewöhnter Verleugnung der eigenen Natürlichkeit bringen kann. Der Alte und seine Tochter schrien mit immer größerer Kraftanstrengung nach mir. Sie sahen schon beide recht rot und heiß aus. Der junge Mann schrie nicht mit. Er belächelte die Plage der beide ein wenig und sagte dann etwas. Ich verstand ihn nicht. Anfangs meinte ich, dass es ihm ziemlich arg an seinen Sprachwerkzeugen mangele, weil ihm schier alle Laute den Mund übervoll machten und weil er sie so viel am Gaumen herum knödelte. Da tat mir auch gleich der schöne Mensch des vermeintlichen schlimmen Schadens wegen recht gehörig leid. Aber als ich noch schärfer hinhorchte, um an dem Fehler vielleicht auch gleich eine Möglichkeit seiner Heilung zu erkennen, entdeckte ich, dass der junge Mensch nicht schöner reden konnte weil er ja ebendas schulgerechteste -- Englisch sprach.

Da war ich so froh, dass ich mir für den Augenblick einen Gehörfehler hätte vorwerfen lassen. Der junge Glenger sagte den Seinen eine Lüge. Er behauptete, dass sie mir mit ihrem Geschrei ein Vergnügen machten.

»Der sitzt drinnen und belustigt sich an eurer Plage«, sagte er. Der hässlich klingende Lärm der beiden war mir jedoch durchaus unangenehm und ihre Gegenwart lästig.

Nun zog der junge Mensch drüben seinen Rock aus. Ich merkte, dass er sich plötzlich entschlossen hatte, durch das Wasser zu mir zu kommen. Jetzt tat es mir zum ersten Mal leid, dass an meinen Türen keine Schlösser und Riegeln waren. Nur mein großer, eiserner Geldschrank war versperrbar, hatte aber keine Abteilung, die mich fassen konnte.

Ehe ich mich von dem jungen Glenger suchen und finden ließ, trat ich lieber, zum Redestreiten bereit, vor die Haustüre.

»Wer schreit hier so?« fragte ich wie in völliger Unkenntnis des Besuches und seiner Ursache.

»Ich bin Gabriel Glenger, dies ist meine Tochter Maud, dies mein Sohn William. Von mir werden Sie ja schon gehört haben.«

Weil es ihm so selbstverständlich schien, dass ich von ihm schon gehört haben musste, schüttelte ich den Kopf.

»Nein. Sie gehören zu den Menschen nicht, von welchen ich hörte. Das überflüssige Geschrei, welches Sie da machten, hörte ich allerdings.« Anstatt des über meine Grobheit vorderhand stumm staunenden Alten, antwortete mir sein stolzer Sohn William in seltsam einfacher Ruhe: »Das Geschrei war nicht überflüssig. Es veranlasste Sie, sich uns zu zeigen.«

»Das wohl«, sagte ich, »und zu noch etwas anderem veranlasst es mich. Zu der Bitte: Behelligen Sie mich nicht weiter.« Ich wollte in mein Haus zurück. Aber da schrie nun der Alte: »Wir haben ja Wichtiges mit Ihnen zu reden!«

Ich wandte mich nach ihm um und schüttelte den Kopf. »Das ist nicht wahr. Wir können niemals Wichtiges miteinander zu reden haben.«

Der Alte und seine Tochter starrten mich an, als ob ich ihnen ganz unverständlich wäre. Dafür zieh mich der Junge mit einem verweisenden, hochmütigen Blicke förmlich einer Vermessenheit. »Sie wissen nicht, mit wem Sie noch zu tun kriegen«, sagte er dann ruhig. Mich empörte diese Ruhe. Ich sah, dass er dieselbe mit seinem Englisch gelernt hatte. Gewiss fand man jetzt draußen in der Welt diese Ruhe vornehm. Aber an ihr lag eine empörende, aufreizende, grundsätzliche Rohheit, die einen gleich ärger als ein Schlag oder Tritt erniedrigte. Ich dankte meinem Gott, dass ich nicht dort lebte, wo die Menschen mit solcher beleidigenden, missachtungsvollen Ruhe herumgehen dürfen. Weit wäre ich dort mit meiner gewiss beträchtlichen Sanftmut und Duldsamkeit nicht gekommen, ohne hauen und toben zu müssen.

»Was verlangen Sie für Ihren sämtlichen Grund da?« rief nun der Alte. Über diese unvermittelte Frage musste ich trotz meines jetzigen Ärgers lächeln.

»Die ewige Seligkeit verlange ich dafür«, antwortete ich. »Die ewige Seligkeit, die mir Gott geben wird, wenn es mir das nimmt, was ich hier habe. Sonst verlange ich nichts für mein Land.«

»Ich will es Ihnen abkaufen!« schrie Glenger.

»Das können Sie nicht«, entgegnete ich.

Er wurde recht erregt. »Sie müssen doch einen Preis dafür zu nennen verstehen?!«

»Den habe ich Ihnen schon gesagt.«

»Einen Geldpreis!« schrie er, »für alles gibt es doch einen Geldpreis!«

Ich musste wieder lächeln. »So? Ist es richtig schon so weit in Ihrer Welt? Ich bin noch nicht so entsetzlich arm. Ich habe noch verschiedenes, was mir mit Geld gar nicht zu bezahlen ist.«

»Ich gebe Ihnen dreißigtausend Gulden für den Grund«, sagte er. »Und Sie haben ihn um zweiundzwanzigtausend viel zu teuer gekauft.«

»Und Sie wollen ihn mir noch teurer abkaufen?«

»Ich darf mit das leisten«, entgegnete er stolz. »Für mich spielt so ein Geld keine Rolle, wenn ich etwas durchsetzen will.«

»Für mich spielt Geld überhaupt keine Rolle«, entgegnete ich.

»Haben Sie so viel?« fragte er voll zornigen Hohnes.

»Müssen Sie wissen, wie viel ich habe?« fragte ich.

Er blieb nun vor Wut einen Augenblick stille.

William hatte sich wie zur Betrachtung der Landschaft von mir abgewandt. Sicherlich wollte er mich nicht sein Gesicht sehen lassen, weil es ihm jetzt ruhig genug schien.

Maud sah mich an, als ob sie mich für verrückt hielte und als ob ihr um mich fast ein wenig leid geschähe.

»Also, Sie wollen nicht verkaufen«, fuhr nun der Alte fort.

»Nein.«

»Sie werden es bereuen.«

»Ich glaube nicht.«

»So. Wollen Sie denn nicht hier Ihre Ruhe haben?«

»Die werde ich hier haben.«

»Glauben Sie? Wenn rund herum alles mir gehört? Wissen Sie denn, was ich hier machen will?«

»Doch keine Türme, die über meine Felsen hinaussehen?« fragte ich.

Er machte ein boshaftes Gesicht. »Muss ich Ihnen sagen, was ich hier machen will?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin nicht neugierig.«

»Gut«, sagte er. »Sie werden ja sehen, wie zuwider ich Ihnen als Nachbar werden kann. Der Weg zu Ihrem Berg geht durch meinen Grund.«

»Ja. Und ich habe das unveräußerliche Fahrrecht auf diesem Wege. Aber Ihnen kann ich es verbieten, einen Fuß auf meinen Grund zu setzen. Wasser und Luft können Sie mir nicht absperren, die Sonne nicht verbauen. Mich nach englischem Besiedlungsmuster vertreiben, zur Dienstbarkeit zwingen oder umbringen, das geht hier in Europa auch nicht gut, also…«

Da kehrte sich mir William zu. Sein Gesicht war wohl ein wenig röter, aber um nichts bewegter als vorher. Ohne in die Betonung irgendeinen Eifer zu legen, sagte er: »Ihre Ansichten, Formen und Einrichtungen könnten es einem vergessen machen, dass man hier in Europa ist.« Und ein bisschen drohend setzte er hinzu: »Vielleicht vergesse ich es auch.«

Ich sah ihn voll und furchtlos an. »Damit haben Sie viel gesagt.« Er machte mit den Lippen eine leise Bewegung, die seinen Gleichmut für einen Augenblick zu einem besonders frechen, spottvollen stempelte. Dem Alten war das unangenehm und auch dem jungen Weibe. »Du wirst missverstanden, gute William«, sagte er zu seinem Sohne, als ob er ihn meiner Meinung wegen bedauerte. Und Maud sagte lachend: »Der Herr hält dich für ein Ungeheuer. Du bist zu deinem Vergnügen und zu deiner Ausbildung lange von Europa fort gewesen, aber umgebracht hast du noch niemanden.«

Er lächelte ein wenig. »Weißt du das so gewiss?«

»Prahle nicht«, lachte sie. Dann wandte sie sich zum Gehen. William folgt ihr. Und der Alte fragte mich zum letzten Mal: »Also, Sie denken nicht an das Geschäft? Ich mache Ihnen so ein Angebot. Und Sie lassen mich gehen.«

Ich nickte. »Ja gerne.«

Da schritt er, ohne noch zu grüßen, den andern nach.

Ich ging in die große, lichte Eckstube zurück. Durch ein Fenster blickte ich ihm dann noch einmal nach.

Dass ich sie fortwies, war ja gewiss recht. Aber der Ton, in dem ich es tat, befriedigte mich nun nicht. Ich war zu grob gewesen. Man muss sehr hart sein, um sich an Grobheit zu der man aufgereizt wurde, nachträglich freuen zu können. Immer wieder erkannte ich meine Unfähigkeit, mit Menschen zu verkehren, und immer wieder dankte ich meinem Gott, dass er mich wenigstens so weit allein sein ließ. Während die drei vom Muldenrand über die Halde zur Steinwand gingen, sah ich sie nicht. aber oben an dem schmalen Passeinschnitte, durch den der einzige zu mir führende Weg lief, tauchten sie wieder vor meinem Blicke auf. Und dann bemerkte ich plötzlich etwa Erschreckliches, das mir den Atem verschlug und mich starr machte. Ganz oben auf der Passwand stand ein Mann. Es war der Grömerfestl. An seiner mächtigen Gestalt erkannte ich ihn. Vor ihm sah ich eine übermannshohe Steinmauer aufgeschichtet. Die war nie dort gewesen, auch vor einer Stunde noch nicht. Er musste sie eben fertiggestellt haben. Seine Hände hielten einen den Steinen unterlegten Hebebaum. Da erriet ich gleich, was er vorhatte. Aber auf den Grund seines Vorhabens verfiel ich nicht so bald. Er wollte auf die unten ahnungslos Dahingehenden den ganzen Steinhaufen niedersausen lassen. Sie waren der Passwand schon zu nahe, um die ihnen aufgestellte Falle jetzt noch bemerken zu können. Ich tummelte mich nun recht gehörig durch das Fenster und den Weiher und rannte die Mulde hinauf. Dann fing ich gleich aus Leibeskräften zu schreien an: »Halt! Um Gotteswillen halt!«

Der Glenger, welcher hintennach ging, blieb zuerst stehen. Er meinte gewiss, dass ich nun erst über sein Angebot richtig nachgedacht hätte. Auch das junge Mädchen blieb stehen. William aber nicht. Deshalb schrie ich noch weiter: »Halt! Halt!«

Da kehrte sich der junge Mann endlich auch um, und ich glaubte ein belustigtes, spöttisches Lachen von ihm zu hören. Dort, wo er jetzt stand, hätte ihn der Grömerfestl schon vernichten können. aber er tat es nicht. Ich hatte ihm gleich vom Muldenrande hin mit der Faust gedroht. Darauf duckte er sich so viel als möglich, aber ich wusste nicht, ob er hinter der Steinmauer blieb oder auf der Höhe fortschlich, weil ich ja vorwärts stürmte. Wenn ich etwas später gekommen wäre, hätte es den dreien wahrscheinlich nicht mehr geholfen. Sie gingen mir nun hintereinander entgegen, der Alte sehr schnell, das Mädchen gemächlich und der Bursche am langsamsten.

»Also Sie wollen nun doch ein vernünftiges Wort hören lassen.«

»Ja, ich will Ihnen sagen, warten Sie hier, bis ich da droben auf der Steinwand bin, dann können Sie ruhig durch den Pass gehen. Ich halte mit Ihnen oben ungefähr gleichen Schritt. Und am Passende treffen wir uns wieder. Dann gehe ich mit Ihnen durch Ihren Wald.«

»Warum?« fragten der Alte und das Mädchen nicht wenig verdutzt. Und sogar der Bursche sah mich ein wenig erstaunt an. Ich antwortete ihnen nichts. Sollte ich den Grömerfestl angeben? Das wollte ich mir erst überlegen. Ein vorschnelles Ausreden hätte ich ja zu leicht bereuen können. Mit dem Aufwande meiner ganzen Behändigkeit klomm ich geradewegs die Steinwand empor. William stieg mir nach. Ich wandte mich über seine Waghalsigkeit auf das Höchste entsetzt um und bat: »Bleiben Sie um Himmelswillen unten.« Er belächelte meine Angst um ihn nur spöttisch.

»So viel als Sie kann ich auch wagen«, sagte er.

»Nein. Ich kenne hier jeden Stein. Sie sind fremd.«

Es geschah uns beiden nichts bei dem Aufstiege. Ich seufzte förmlich beglückt auf, als ich den Menschen neben mir oben sah. Und er verhöhnte mich dafür mit seinem Lächeln. Dann bemerkte er plötzlich die aufgeschichtete Steinmauer und die unter ihr liegenden Erdstämme. Den Hebebaum hatte der Grömerfestl mitgenommen. Aber William erkannte die Vorrichtung hier dennoch sofort. Der Schreck über die Falle machte ihn bleich. Dann sah er mich mit dem beleidigensten Blicke an, der mir bisher in meinem Leben zuteilwurde. Dieser Blick bereitete mir einen so unerträglichen Seele und Leib lähmenden Schmerz, dass ich zunächst umfallen zu müssen glaubte.

Dann begann mich aber gleich ein heißer Zorn über die entsetzlich schlechte Meinung zu beleben, welche mir der junge Mensch kühn und rücksichtslos mit seinen Augen offenbarte. Um meine Erregung ganz unbekümmert, hielt er auch mit der Rede nicht lange an sich. Ehe er aber noch redete, griff er in eine rückwärts an seinem Beinkleide befindliche Tasche. Dann ließ er nach einigem Herumnesteln die Hand hinten an der Hüfte. Das war der erste Mensch, der sich vor mir einer Schusswaffe versichern zu müssen glaubte. Und gerade dem hatte ich just das Leben gerettet. In meine traurigen Gefühle mischte sich ein lustiger Hohn. Jetzt sprach der junge Mann ganz ruhig zu mir, obwohl seine Augen dabei ihren Ausdruck nicht veränderten.

»Da haben Sie sich auf eine recht wirkungsvolle Verabschiedung unangenehmer Besuche vorbereitet«, sagte er auf die Steinfalle deutend. »Aber Sie haben sich mit einer etwas merkwürdigen Umständlichkeit zu dieser Gefühlsbezeugung entschlossen.«

Er lächelte, wie man das ungefähr über eine rechte Dummheit eines Tölpels tut und fuhr dann fort: »Sie taten so, als ob uns von hier oben Gefahr drohte. Hielten Sie es denn nicht für wahrscheinlich, dass ich Lust verspüren dürfte, dieser Gefahr selbst nachzusehen, anstatt mich blindlings in Ihren Schutz zu begeben. Dass Sie uns eine so blöde Abfuhr zugedacht haben könnten, hätte ich nicht geglaubt.«

Mir war William durch sein erbärmlich misstrauisches Denken schon zu schlecht geworden, als dass ich seinetwegen noch länger im gleichen Maße aufgeregt bleiben konnte. Es schien mir am vernünftigsten, seiner Ruhe, die doch nur einer gegen alles Rechte aufgestellten Glaubenslosigkeit entsprang, eine andere Ruhe entgegenzusetzen, die sich auf das Gefühl meiner Würde gründete. Damit war das Brave, um was ich mich diesem Menschen überlegen hielt, gewiss noch überzeugender hervorzubringen, als wenn ich meinem anfänglichen Zorne gemäß eiferte und tollte.

»Sie sind ein Narr«, sagte ich und übertraf mich dabei selbst, denn es gelang mir, meiner Ruhe ein sanftes, barmherziges Gepräge zu geben, wodurch sie mehr als einfach stolz ausfiel und mir über den kalten Hochmut des jungen Menschen unendlich erhaben dünkte. Er fing nun zu meiner Befriedigung wirklich gleich vor Wut zu glühen an.

Ich fuhr nun zu reden fort: »Ihre draußen angelernte, unbedingt schlechte Meinung von jedem Ihnen Unbekannten, Ihr Misstrauen, dass Sie für so klug halten und Ihre, wie Sie glauben so schlaue und nötige Vorsicht, haben Sie zu einem Narren gemacht. Es gibt kein schlechteres und dümmeres Selbstvertrauen als ein durch Misstrauen angelerntes. Also sind Sie ein Narr. Sie leiden an dem schrecklichen Eigendünkel des Volkes, bei dem Sie lernten und das auf den Irrwegen dieses Dünkels fallen wird. Aber Sie sind durchaus nicht nur ein Narr. Wenn Sie nur das wären, würde ich noch mehr für Sie hoffen, als mir möglich ist. Wahnsinn ist heilbar, Dummheit nicht. Und Sie sind…«

Hier musste ich verstummen. William hatte mir plötzlich einen fürchterlichen, wuchtigen Faustschlag gegen den Leib gegeben. Ich war auf so etwas nicht vorbereitet, sonst hätte ich mich dessen gewiss erwehrt. Ich schnappte förmlich vor Schmerz zusammen und fiel dann rücklings hin. Dass ich mit dem Hinterhaupte schwer gegen einen Stein aufschlug, fühlte ich noch, dann vergingen mir die Sinne.

*

Es kam nicht selten vor, dass mich meine Rinder aus dem Schlafe weckten. Gewöhnlich waren sie in ihrem Stalle, wenn ich schlief, und ich hörte ihr Gebrüll bis in meine Schlafstube. Aber diesmal vernahm ich sie in meiner Nähe. Ein ganz seltsames Gefühl an meinen Fußsohlen wirkte jetzt nebenbei auch an meiner Erweckung mit. Das Fußende meines Bettes befand sich hart neben dem großen, weit offenen Fenster der Schlafstube. Im Lichte des Fensterrahmens sah ich zunächst das ganze heiße Gesicht der Vormittagssonne und darunter die nahe zusammengesteckten, mich mit bekümmerter Frage anglotzenden Körper der alten trächtigen Kuh und ihre mächtigen Sohne, des Stieres. Mit ihren Hörnern konnten sie nicht so weit zum Fenster herein, als sie gerne gewollt hätten. Aber sie streckten ihre langen, rauen Zungen so weit als möglich vor und leckten mir damit die nackten Fußsohlen. Das mochten sie schon lange getan haben, denn ich besaß jetzt fast keine Haut mehr an den geliebkosten Stellen. Jedenfalls empfand ich zunächst an den Sohlen mehr, als an dem Kopfe, auf dessen neueste Schäden mich erst seine dicke Vermummung denken machte. Ein tiefes, sorgenvolles Grunzen und vielstimmiges, jämmerliches Gequicke überzeugte mich, dass hinter den Rindern die alte Sau mit den elf Jungen versammelt war. Neben dem Bette aber stand leise gackernd meiner ganze Hühnerschar. Aber von der konnte ich mich nicht recht geehrt fühlen. Sie hatte meiner blankgescheuerten Diele zu wenig Achtung bezeugt. Der Hahn stand sogar auf meinem schönsten Polsterstuhle und hatte dort auch schon einiges hinterlassen, was gar nicht zu dem dort mit Seide eingestickten Stillleben passte. Ich sprach mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette und trieb die Hühner zum Fenster hinaus, durch das sie jedenfalls gekommen waren. Als ich mich dann umwandte, stand der Grömerfestl vor mir. Er machte ein glückliches Gesicht. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Sonst zeigte er mir immer eine recht mordbrennermäßig finstere Miene. Dieses freudvolle, verschönende Lächeln machte ihn mir jetzt förmlich neu. Deswegen behielten aber seine Züge doch den Ausdruck ihrer wüsten Leidenschaftlichkeit. Das Rauwilde lag da schon in der Form wie bei Adler und Wolf. So hätte er auch mit noch so gut versuchen weicheren Bewegungen die schier unheimliche Kraft und kühne Gelenkigkeit seines muskelharten, prächtigen Leibes nicht verbergen können. aber mit seiner mannesganzen körperlichen und seelischen Raubgewalt stand er nun doch wie ein Kind vor mir, welches sich vor Glück und Dankbarkeit über ein Geschenk gar nicht zu fassen weiß und in dem ihm neuen, holden Empfindungen seiner selbst unmächtig wird. Ich wusste nun jedoch nicht, wo ich mit meinen nackten Füßen auf der von den Hühnern kleinfältig behäufelten Diele hinsteigen sollte. Endlich setzte ich mich auf den nahestehenden Schreibtisch. Festl wartete fromm geduldig, was ich jetzt sagen und fragen würde. Er selbst war noch weit entfernt, ein rechtes Wort zu finden. Ich sah, dass er sich nun von mir viel gefallen lassen würde, weil ich nur wieder so lebendig war. Etwas Gutes wollt ich ihm nicht sagen, das hatte er, wie ich meinte, um mich nicht verdient. Ihn zu verdammen, fiel mir vorderhand auch nicht ein.

»Hast du die Hühner hineingelassen?« fragte ich ihn zunächst strenge. Er schüttelte den Kopf und sah mich mit den hellen, blauen Augen an, wie einer, der bitten will, dass man ihn nicht schelten oder schlagen solle.

»Sie sind selber herein gepflogen. Und ich hab' sie nicht hinausjagen mögen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich gekannt hab', dass ihnen bang' ist um dich und dass sie bei dir bleiben wollen.«

»Ja freilich«, sagte ich wegwerfend, »ums Futter ist ihnen bang. Und du hast sie Hunger leiden lassen.«

»Nein, nein«, verteidigte er sich. »Ich hab' dein ganzes Vieh gehörig betreut. Aber es wollt in seinem Kummer um dich immer zu dir. Und jetzt -- nicht wahr, du erlaubst, dass ich den Fußboden frisch aufreibe?« Er sah mich wie um eine noch so große Gnade bittend an. Ich nickte auf seine Bitte herrisch kühl gewährend und fragte ihn dann: » Du hast mich vom Felsen heimgebracht?«

»Ja. Vom Mittag bis zum Abend musstest du dort liegen.« Dann fragte er mich erregt: »Gelt, der junge Glenger hat dich dort niedergeschmissen?«

»Ja.«

Jetzt fletschte er die Zähne wie ein wildes Tier. Er sehnte sich danach, den jungen Glenger unter die Hände zu kriegen. Aber dann kam meinem Anblicke wieder das Kindsfromme von vorhin in sein Gesicht.

»Wie hast du mich denn hergeschafft?« fragte ich.

»So leicht und so schwer wie in meinem Leben nichts«, antwortete er. »In meinen Sorgen hätte ich kaum ein Wehtun in Arm und Bein spüren können. Ich habe deine Kopfwunde für gefährlich gehalten. Sie ist es nicht. Ausgereinigt und verbunden habe ich sie wie der beste Bader, darauf kannst du dich verlassen. In der Nacht hast du gefiebert, da war meine Angst nicht klein. Aber seit dem Morgen hast du geschlafen wie ein Gesundes. Und jetzt bin ich glücklich. Weil nur dir weiter nichts geschehen ist.« --

»Mir ist das gerade genug«, sagte ich, »jetzt stehe ich für die in dem Mordsverdachte.«

Er hielt die Augen gesenkt. »Ich hab' mir's gedacht, dass er dich für mich niederschlägt«, sagte er. Dann lag er plötzlich vor mir und presste sein heißes Gesicht an meine Füße. Ich zog die Beine jäh an mich auf den Tisch empor. Da faltete der vor mir Kniende die Hände. Sein Gesicht war jetzt von Tränen überströmt. Einige davon hatte ich gleich auf meiner Haut gefühlt. Sie waren heißer als sein Gesicht. »Verziehe mir!« bat er.

»An meiner Verzeihung liegt nicht viel«, entgegnete ich.

»Mir liegt alles an ihr«, sagte er. »Und an sonst keiner nur das Mindeste. Die Verzeihung der Schuldigen will ich nicht. Die sollen selber knien und bitten, anstatt andere zu verurteilen. Nur du sollst mir verzeihen, du, der Unschuldige. Mir hat noch nichts so wehe getan, als dass du für mich leiden musst.«

Mich zwang es nun, ihn ein wenig zu beruhigen.

»Am ärgsten fühle ich meine Sohlen hergenommen, weil du den Stier nicht vertriebst«, sagte ich lächelnd. »Die Kopfwunde tut mir weniger. Und die Leute, die mich eines Mordes fähig halten, schmerzen mich nun, aufrichtig gesagt, noch weniger als die Kopfwunde. Nun und den Hühnerdreck hier wirst du ja wegräumen.«

»Du scherzest aus Barmherzigkeit so, ich kenne dich schon«, sagte er leise und senkte die Augen wie bei dem Empfange von Gnaden, deren er sich nicht würdig fühlen könne.

»Nein, nein«, sagte ich, meine Milde nun wieder verleugnend, »du kommst als Mensch für mich zu wenig in Betracht, dass ich so menschlich für dich empfinden könnte. Du hast einen Mord versucht.«

»Und möchte doch für eine Menschen gehalten werden«, sagte er. »Ich glaube, dass ich teilweise recht menschlich fühle und denke.«

»Man sollte nicht teilweise, sonder ganz menschlich sein«, sagte ich.

»Wer ist so?« fragte er.

»Ein jeder, der nur das seiner Bedeutung entsprechende Maß von Güte hat.«

Er schüttelte ungläubig den Kopf und meinte: »Wir bleiben doch alle viehisch, solange wir essen, schlafen und lieben müssen.«

»Nein, nein«, sagte ich, »das alles ist nicht tierisch, wenn man es menschlich macht. Aber Morden ist tierisch, wenn es auch wie immer im Namen einer sogenannten Gerechtigkeit geschieht und sich nicht Mord, sonder Strafe oder Vergeltung nennen will.« Ich wusste, wohin ich mit dieser Wendung hinaus wollte.

Wenn ich den Festl recht durchsah, glaubte er gestern auch mit Recht morden zu sollen. Er sah mich jetzt sinnend und erwartungsvoll an.

»Also, du sprichst uns allen das Strafrecht ab.«

»Ja, unbedingt. Zum Strafen ist einer da, dessen Macht und Umsicht dafür vollauf ausreicht. Unsere Bestimmung ist dulden.«

»Ja, wenn das alle möchten«, seufzte er.

»Glaubst du, weil nicht alle dulden mögen, so sollen es die guten unterlassen?«, fragte ich ihn. Da sah er mich nun staunend an. Ich hatte ihn plötzlich überzeugt. »Nein«, antwortete er mir, »das wäre doch schad'. Du hast recht. Die Guten sollen nicht aufhören. Ja, du hast recht. Und jetzt bereu' ich meinen gestrigen Anschlag auch erst gehörig. Ich hab' geglaubt, die drei mit allem Rechte wie Giftkröten erwerfen zu dürfen. Nun zeigst du mir, dass ich wahnsinnig war. Du hättest schon früher so mit mir reden sollen. Aber freilich brauchte es so eine Gelegenheit, bei der ich deinen Verstand noch vor deiner Lehr' erkennen musste, sonst hätt' ich dir ja nicht getraut. Gegen mich war nie jemand so vernünftig und gut wie jetzt du. All'weil, solang' ich denk', haben mich nur immer alle strafen wollen, für Recht und Unrecht strafen, strafen, strafen. Damit haben sie mich auch richtig bald zu einem Sträflich gemacht. Recht viel Gutes ist, soweit ich denk', freilich nie ich mir gewesen. Aber woher denn auch? Meine Eltern waren zwar ihr Lebtag ehrlich. Aber zuletzt haben sie sich alle gute Nachred' verdorben. Es wird im Säusental niemandem so viel nachgeflucht als ihnen. Solang' ich leb', könnt' der Fluch noch all'weil ärger werden als er schon ist. Dass sie mich den Säusentalern hinterlassen haben, das war ihr ganzes Verbrechen. Weil sie arm gestorben sind, bin ich ein Säusentaler Gemeindekind geworden. Die geizige Ortsrichterin, der ich als Dreijähriger in das Haus gebracht worden bin, hat gemeint, sie muss mich mit Hunger und Schlägen der Gemein' von der Sorg' bringen. Aber in mir war zu viel Leben, und ich hab' mich keck darum gewehrt, als hätt' ich noch viel mehr darauf. Je mehr ich geschrien hab: Hunger!, desto besser bin ich auf das Maul gehaut worden. Aber ich hab doch wieder geschrien und ist mir nichts gegeben worden, so hab' ich gestohlen. Ein raubviehisch listiger und verwegener Dieb bin ich zuwegen meines Hungers worden. Und die gestohlene Kost, für die sie mich hölltief verflucht haben, hat mir so gut wie die fromm besegnetste angeschlagen. Aller Gall' zu Trotz bin ich besser gewachsen als die viel liebsten Dorfkinder. Die Leut haben wollen, ich soll mich doch wenigstens meiner erraubten Leibespracht schämen. Aber ich hab' mich an ihr erfreut, so boshaft und ehrgefühllos war ich. Sogar stolz bin ich auf mich worden. Gar nicht viel ankommen haben sie dürfen an meinem Stolz, so bin ich heiß und wild worden und hab' Ehrgefühl genug gezeigt. Ein verkehrtes, ein unrechtes Ehrgefühl haben sie das geheißen. Aber mir ist es natürlich vorgekommen. Weil ich ja Beweis genug hatte, dass ich es mit mir besser meinte als sie alle, glaubte ich mir selbst und ihnen nicht. gerade ihr ernsthaftestes Meinen hielt ich für ihr schlechtestes. Ihr ernsthaftestes Meinen richtet sich ja gegen die Berechtigung meines Daseins, das ich so viel liebte und achtete. Ich musste sie schon als Kind für ihren Hass wieder hassen, und die Träume von grausamer Vergeltung wurden mir die liebsten. Als ich größer wurde, suchten sie meiner wachsenden Kraft so viel als möglich abzugewinnen. Sie sagten: ‚Deine Kraft ist von unserm Mehl und Schmalz. Darum gehört sie uns.' Ich aber sage: ‚Meine Kraft gehört mir', und wollte ihr nicht mehr nehmen lassen, als ihr gut tat. Tüchtige Arbeit tat mir recht wohl, aber die Bauern wollten mich ärger schinden als ihr Zugvieh, denn von diesem wünschen sie, dass es nicht von seinem Fleische falle. Arbeitsscheu war ich nie, aber einen wilden Drang zum Freiwerden hatte ich, und der machte mich auch aller wirklichen Pflicht abgeneigt, die mir ungut aufgetragen wurde. Mit ein wenig Lieb' wäre ich wohl leicht zu lenken gewesen. Die harte Zucht macht mich immer unzähmbarer. Ich raufte bald wie ein wildes Tier um meine Freiheit. Wie ein Fuchs biss ich nach allen Händen, die sich an mich legen wollten. Ein nach dem anderen Male musste ich in den Kotter, weil ich die Dienstherren schlug, die mich schlagen wollten. Ehe ich es recht wusste, war ich wegen meiner Kampfeslust als der gewalttätigste Verbrecher angeschrieben. Der Dorfkotter genügte ihnen bald nicht mehr für mich. Schon in meinem achtzehnten Jahre war ich zum ersten Male draußen in der Stadt im Gefängnisse und was ich dort von anderen Verbrechern hörte, machte mich har und schlecht. Bis dahin hatte ich niemanden kennen gelernt, der meinesgleichen sein wollte. Im Arreste fand ich dann zum ersten Male meinesgleichen. Und ich wurde ihnen gut, besser als ich es je den rechtlichen Dorfleuten hätte werden können. Ich wollte dann auch zu meinen neuen Freunden und aus dem Dorfe fort. aber das litt man nun nicht. Gleich auf meiner ersten Weltreise wurde ich abgefangen und in mein Dorf zurück schubiert. So bleib' ich halt und führ da weiter Krieg um mich. Seit ich älter bin, hat es schon manchen Friedenstag gegeben. Besonders, wenn ich beim Säusentaler Pfarrer in der Arbeit war. Das ist der erste, der es verstanden hat, wie ich ins Joch gespannt werden muss und siehst -- der dürft' auch mit mir machen, was er wollt', gegen den schlag' und beiß' ich nicht. In seinem Haus bin ich nicht das alte Raubvieh, sonder ein zahmer Hund, der noch den Fuß lecken möchte', der ihn tritt. Aber dort werde ich nicht getreten. Siehst, so viel kann einer mit ein bissel Lieb machen. Nur schad', dass es dem Säusentaler Pfarrer keinen Knecht tragt, sonst wär' ich dort eingestanden. Gar oft kann mich der arme Pfarrer mit bestem Willen nicht brauchen, sein Wieserl ist zu bald gemäht, und das Erdäpfelackerl zu bald geharkt. Er ist nicht gar viel reicher als ich, weil er schier ganz nach seinem Evangeli tut. Ja, bei dem hab' ich meinen ersten guten Tag gehabt. Völlig mein Freund ist er, obwohl ihm das die Leut' verübeln. Mit dem Richter hat er schon manchen Verdruss gehabt wegen meiner. Wie ich das letzte Mal im Kotter war, hat er mich von dort abgeholt. Ich war angebunden wie ein frisch gefangter Bär und zerhauen nicht weniger. Mit eigener Hand hat mich der Pfarrer losgemacht, und wie er meinen zerschlagenen Rücken gesehen hat, da hab' ich gemeint, jetzt kriegt der Richter und der ganze Ortsrat Hieb'. Seither sind sie dem guten Herren feind. Und siehst du, jetzt soll der fort! Jetzt soll ich den einzigen verlieren, den ich hab'. Die ganze nichtsnutzige Welt möchte' ich dafür zertrümmern können. Und selber leben mag ich dann auch nimmer, wenn der fort muss. Du weißt es ja schon: Sie verkaufen jetzt das ganze ober Säusental. Die elf Großbauern sind schon einwillig zum Verkauf, und die Häuselleut müssen es sein, für die hört sich das Dableiben sowieso auf, wenn der Verdienst bei den Bauern gar ist. Das obere Säusental soll wieder werden, was es einmal war: ein großer Wald. Zum Feldbau ist es da heroben zu kalt, sagen sie jetzt. Und die Alten, die den Grund mit Müh und Not urbar gemacht haben, werden jetzt Narren genannt. Sie haben damit nichts als eine unvernünftige Plagerei gestiftet, heißt es jetzt. Der Feldbau gehört mehr in die Ebene, da heroben verlohnt er sich nicht. Aber ihr Brot haben die Leut da heroben doch durch etliche hundert Jahre gefunden. Freilich reich ist keiner worden. Schier auf einem jeden Hof haftet eine Schuldenlast. Der Glenger überzahlt den Grundwert, heißt es. Da nimmt man jetzt mehr für seinen Besitz ein, als man sich je zu hoffen getraut hätt'. Für die verschuldete, elende Bergbauernwirtschaft kann man jetzt im fruchtbarsten Land einen schönen Hof kriegen. Denen da noch was Besonderes an der Heimat liegt, die werden ausgelacht, bis sie nichts mehr sagen. kommt der allgemeine Auszug zustand, dann ist das Säusentaler Kirchlein unnötig geworden. Die Leut vom untern Tal werden dann der Wendecker Pfarr' zugeteilt, die ihnen ja eh näher ist. Und der Pfarrer kann halt gehen. Ich aber nicht. ich fall' der Wendecker Gemein' zu und dem Wendecker Richter. Und das ist von allen meinen Feinden der ärgste und grausamste. Der erwart's schon mit Freuden, dass ich ihm kommen muss. Weißt du -- dem hab' ich nämlich sein Dirndl genommen. Es war das einzige Weibsbild, zu dem es mich gezogen hat. Sie war bettelarm wie ich, eine Kuhdirn im Säusental. Keinen guten Kittel hat sie auf ihr gehabt, aber schöner war's wie manche im Putz, und der Wendecker hätt' sie geheiratet. Ich bin ihr mit meiner Lieb nie viel nachgerennt, aber gewusst hat sie es, dass sie die Meine würd', wenn ich eine erhalten könnt'. Das werd' ich nie können. Ich hab' schon mein Lebtag mit mir selber Kreuz genug. Weil ich ihr aber nicht zugegangen bin, ist sie zu mir gekommen. Sie mag ohne mich nicht leben, hat sie gesagt, und wenn sie mich nicht haben kann, so verzicht' sie auf ihr Leben. Ich hab' ihr die narrisch' Lieb zu mir auf alle Art ausreden wollen. Das ist mir nicht gelungen. Sie hat nicht aufgeben. So ist es halt dazu gekommen, dass wir zusammengestanden sind. Das hat einen Sturm geben im Säusental! Und ich hab' nicht einmal recht was dafür können. Ich hab' mich gewehrt genug gegen sie. Aber sie war nicht abzubringen. Ich hätt' förmlich grob werden müssen. Und dazu hab' ich sie doch zu gern gehabt. Auf der G'sottkammer im Gemeinhäusel war unser Hausstand. Und wir haben doch allem Lärm zu Trotz ein friedliches Glück dort genossen. Fünf Monate waren wir beieinander. Und vor acht Tagen haben sie uns getrennt. Sie haben das Gemeinhäusel dem Glenger verkauft. Da haben alle Ortsarmen aus müssen. In dem Häusel sind für den Glenger alle Stuben auf das Prächtigste hergericht't worden, weil er mit den Seinen den Sommer da verbringt. Wir waren ohne Unterstand. Und niemand hat uns zwei aufnehmen wollen. Schand und Spott war um uns, wo wir uns gezeigt haben. So haben die Säusentaler nie gegen mich gewütet. Freilich haben sie es meiner Liebsten schon angekannt, dass wir eine Nachkommenschaft kriegen wollen. Was sie dem armen Weib alles gesagt haben, das ist kaum wieder zu erzählen. Sie ist mir völlig närrisch darüber worden und ich natürlich wieder wildzornig. Einer giftzüngigen Alten hab' ich mit einem Batzen Mist das Maul gestopft, und einem sittenlehrenden Bauern hätt' ich seinen keuschen Leib auf lange zuckend gemacht, wenn dann nicht gleich ihrer zwanzig gegen mich zusammengeholfen hätten. So haben sie mich halt wieder in den Kotter gehängt. Im zweiten Tag hab' ich die Strick durchgebissen und bin ausgebrochen. Meine Liebste hab' ich nimmer gefunden, die haben sie unterdessen so weit gebracht, dass sie sich mit dem keimenden Leben in ihr erhängt hat. Auf dem Glenger seinem G'sottboden hat sie es getan, wo wir so glücklich waren. Und dann hab' ich den Glenger fluchen gehört über uns Bettelleut, viel ärger und grausamer als je einen Bauern. Wegen dem seinen sündhaften Reichtum hat mein armes bissel Glück vernichtet werden müssen. Er hat eh so viel Platz auf der Welt, und weil er noch mehr will, hat uns nicht einmal ein Eckerl auf dem G'sottboden bleiben dürfen. Z'wegen dem hat meine Liebste mit dem Kind aus der Welt flüchten müssen. Und dann hat er ihr noch nachgeflucht. Und z'wegen dem muss der einzige, den ich noch hab', der Pfarrer in die Welt hinaus. Und das Kirchlein, in dem mich der Pfarrer hat wollen beten und hoffen lehren, das wird weggeräumt. Und die Felder, auf denen ich noch mein Brot verdient hab', die werden ein Wald. einen großen Wildgarten will der Glenger da anlegen, und mitten drin will er hausen in einem neuen Schloss. Und ich soll jetzt zu meinem Todfeind, den Wendecker kommen, und für den Fall, dass ich seinen Hohn nicht ertrag', hat er schon die Strick bereit. Seit dem Begräbnis meiner Liebsten bin ich jetzt in den Wäldern herum gestreift, und es war kein Willen zu etwas Gutem mehr in mir, nur eitel Rachsucht und Mordgier. Hunger und Durst hab' ich vergessen. Nur morden hab ich wollen, als ob ich davon allein noch satt werden könnt'. Wie ich die Glengerleut' durch den Wald zu dir hab kommen sehen, da war mir wie der Marder, wenn er die Hennen aufsitzen sieht. Ich hab schier daran geglaubt, dass sie dich zum Verkauf überreden und mit dir handeleins werden könnten. Und wenn sie dann voller Freud über ihren erreichten Wunsch durch die Schlucht zurückgingen, da wollt ich sie erpracken wie die Frösch'. Das wär' so viel schön und recht gewesen, hab' ich gemeint. Da bist du mir dazwischen gefallen. Und jetzt sagst du mir gar, dass ich nicht recht getan hätt'. Ich glaub' sonst niemandem leicht als mir und meinem Gefühl, aber dir glaub' ich jetzt doch…«

Ich sprang vom Tischer herab und legte meine Arme um die Schultern dieses Menschen.

»Ja, glaub' mir«, bat ich ihn. »Lass deinen Hass. Um meinetwillen. Schau, es haben schon viel Wütendere als du eines Menschen wegen allen verziehen. Ich trag' dir mein ganzes Herz dafür an, wenn du ihnen verzeihst. Du suchst deinesgleichen, hast du früher gesagt. Vollbring', was ich dich bitt', dann bist du ganz meinesgleichen und mein nächster Freund. Ich bin auch von der Herde ausgebissen worden wie du. Zuerst hab' ich abseits geflennt und geflucht und hätt' ein Löwe werden mögen, um mich rächen zu können. Aber da in der Ruh bin ich ruhig worden und hab' besser denken gelernt, als es unten in dem Weltlärm möglich ist. Und da hab' ich erkannt: Wer das Rechte will, kann es mit nichts Schlechtem erreichen. Mit der Rache ist nie was abgetan. Sie macht was Böses tot und dabei immer wieder Böses lebendig. Willst du Tinte mit Tinte auswaschen, wird dir die Wäsch' allweil schwärzer.« Er lächelte: »Du redest mit das, was in mir so laut und vielfach tobte, so still und einfach aus -- schläferst das Wildnärrische in mir förmlich in der Weis' ein, wie eine Mutter ein plärrendes Kind.«

»Du bist auch noch ein Kind!«, sagte ich. »Plärrend schläfst du ein und lachend wirst du munter werden. Weil du halt noch nie mit der rechten Lieb in den rechten Schlaf gesungen worden bist, darum hast du wie alle schlecht betreuten Kinder das Greinende. Du musst mehr lustig werden!«

*

Er hatte eben die Schlafstube blank gescheuert und ich im Weiher mein Morgenbad genommen, da kam schon wieder ein Mensch durch den Pass daher, ein schlankes, leichtfüßiges Weib in feinen, lichten Kleidern und mit offenem, weit leuchtenden Blondhaar. In der Hand trug sie an breiten, roten Bändern etwas Großes, Krauses, Unförmliches. Das hatte die Ungestalt eines Krähennestes, nur war es von hellerer Farbe. Erst später erfuhr ich, dass das eine menschliche Kopfbedeckung war. Ich sprang in das Haus und zog Hemd und Hosen an. Festl hatte die Kommende schon bemerkt. »Das ist die zweite Tochter des Glenger«, sagte er. »Die Schönere von den beiden. Und die Schlechtere, wie ich schon weiß. Ihr ist es eingefallen, dass ihr Vater das Dorf kaufen soll. Camela sagen sie zu ihr.«

Je mehr sie sich nun näherte, desto mehr Schönes sah ich an ihr. Meine Bewunderung gelangte da einmal an gar kein Ziel. Ich hatte mich noch selten mit solcher Lust und Neugier in das Anschauen eines Weibes vertieft. Sie sah den Ihrigen kaum ein wenig ähnlich. Die hatten alle so viel Starres in ihren Gesichtern. Und das Ihre war voller Lebe. Ihre großen, sommerhimmelblauen Augen waren wie zum freiesten, vollempfindlichsten Empfangen jedes Eindruckes offen. Der kleine Mund atmete blumengleich Erquickung und durstete nach solcher. Zwischen zwei Monatsrosenstöcken guckte ich ein Weilchen nach ihr hinaus, bis sie hart an den Weiherrand gekommen war. Da stieß mich Festl leise an. Seiner hatte ich jetzt ganz vergessen. Ich erschrak, wie ein bei etwas Sündigem Ertappter. In dem braunen Gesichte des Burschen malte sich jedoch völliges Entsetzen. Er hatte mich wohl zu genau beobachtet.

»Du…«, sagte er angstvoll -- »mir scheint…«

»Fürcht' dich nicht«, flüsterte ich lächelnd und drückte drei seiner starken, zu meiner Verwunderung ganz merklich zitternden Finger fest und innig in meiner Hand. Aber dabei musste ich die da draußen doch wieder heimlich anstaunen, ich konnte mir nicht helfen. Festl verbarg sich nun nicht so bedachtsam an der Fensterwand, wie ich das zunächst haben wollte. Camilla musste etwas von seinen Schultern erspäht haben, denn sie rief nun frisch und scharf herüber: »Bitte könnte ich nicht etwas mehr von Ihnen sehen?«

Festl entzog sich nun erst vollständig ihrem Blicke und sah dann auf mich, als ob er Schelte fürchtete. Aber ich war nicht ärgerlich gestimmt, sondern so lustig, dass ich auf den Boden hinfiel und mich auskicherte.

»O weh!« rief sie nun draußen. »Sie finden mich Ihrer Anschauung nicht wert. Aber Sie sehen mich jetzt heimlich an, nicht wahr? Ich möchte wetten, dass sich vor Ihnen in der Wand ein mir unsichtbares Guckloch befindet. Hätten Sie das nicht eine Spanne weiter wandeinwärts anbringen sollen. Oder ließen Sie sich jetzt so wenig sehen, um gerad dadurch -- erkannt zu werden? Nicht wahr, erschießen werden Sie mich nicht durch das Guckloch? Das wäre gemein. Was war das übrigens für ein lichtgeschopfter Vogel, der vorhin zwischen den Blumenstöcken herüber sah? Er hatte Augen wie ein Kalb.«

Ich sprang nun auf und zeigte mich ihr. »Bitte«, sagte ich lachend, »sehen Sie meine Augen genauer an. Dann hüpfte ich gleich völlig aus dem Fenster hinaus. Ich ließ mich jetzt gerne sehen. Es lag mir etwas daran zu gefallen. Dass ich einen üblen Eindruck machen könnte, glaubte ich jetzt noch weniger denn je. Sie staunte mich noch größer an, als ich erwartet hatte, und machte mir dann eine allerdings etwas spöttisch huldigende Verbeugung. Aber in ihren scherzenden Worten lag dann doch wieder ein Ton ernster Abbitte.

»Ja, ich täuschte mich«, sagte sie. »Verzeihen Sie mir. Die weißen Monatsröschen haben einen falschen Unschuldwiderschein in Ihre Augen geworfen, den ich jetzt dort nicht mehr finde.«

»Einen kalbartigen Unschuldsschein wollten Sie sagen? Einen echten möchte' ich in meinen Augen nicht missen, denn ich habe mein Lebelang um seine Erhaltung gelitten.«

Da sah sie mich an, als ob sie ihr Lebelang keine solche Rede gehört hätte. Die suchende Sehnsucht in ihrem Blicke schien aufzuhören, als hätte sie ein Ziel gefunden, und anzufangen, als sähe sie plötzlich ein neues Ziel. Sie verhehlte nichts in dem von neuer, glückvoller Schauenslust leuchtendem Blicke, mit dem sie mein ganzes Bild in sich aufnahm. Ich fühlte mich geschmeichelt und ward unter ihren Augen dennoch ganz knabenhaft verlegen. Dann verübelte ich es ihr, dass sie später errötete als ich. Sie wurde wirklich erst auf mein Erröten hin rot. Was sie freier fühlte als ich, wollte ich ihr nicht verzeihen, um aller ihrer Reize willen nicht. Als ob sie vorderhand, wenn auch wider ihren Willen über mich hinwegkommen müsste, tat sie die Frage: »Könnten Sie nicht den Herren dieses lichten Landes bewegen, sich mir zu zeigen?«

Ich lächelte. »Warum sind Sie so weit davon entfernt, mich für diesen Herren zu halten?« Sie gab mir mit ihren Augen einen vorwurfsvollen Verweis.

»Solche Scherze, die einem ein Leids tun könnten, stehen Ihnen schlecht an«, sagte sie. Wenn ich mir denken müsste, dass Sie imstande wären…« Sie scheute vor dem Aussprechen des Satzes zurück.

»Mordsfallen aufzurichten«, ergänzte ich den Satz.

Sie sah mich schreckensvoll an. »Das täte mir weh«, gestand sie leise. Dann schüttelte sie den Kopf. »Aber das ist ja nicht möglich.«

»Und von einem anderen täte es Ihnen minder weh?« kam ich auf ihre vorige Rede zurück.

Sie nickte. »Von dem Bergbewohner, den ich mir vorstellte, gar nicht. Und der ist ja auch da drinnen im Hause. Ich sah doch schon eine Schulterecke von ihm. dass er sich versteckt, stimmt zu dem, was ich von ihm halte.«

»Ich habe Besuch da drinnen«, sagte ich. »Einen Freund, für den es keinen Sinn hätte, sich Ihnen vorzustellen. Glauben Sie mir nur…«

»Also wirklich?« rief sie aus. »Sie sind…«

»Der hier hausende, grausame, mordgierige Verbrecher…«

»Wenn man das ist, nennt man sich nicht so«, sagte sie mit einem merklichen Hoffnungsschimmer. »Verzeihen Sie, aber ich kann und mag von Ihnen nichts Schlechtes denken. Wenn Sie die Meinen mit Grobheiten überhäuften, wie kämen Sie da zu diesem umso viel anderem Benehmen gegen mich?«

»Das weiß ich selbst nicht«, gestand ich. »Wie durch ein Wunder.«

Ich kehrte ihr jetzt mein Hinterhaupt zu und zeigte mit einem Finger auf die dort befindliche, große Beule. »Da sehen Sie her!« rief ich. »Hat Ihnen Ihr Bruder denn nicht erzählt…«

Sie schrie nun völlig erschreckt auf: »Richtig! Es ist doch wahr! Sie sind's!«

»Weshalb sind Sie nun gekommen?« fragte ich sie nun.

»Ich will es Ihnen sagen«, entgegnete sie, »aber…« Sie bemaß die Entfernung zwischen ihr und mit den Augen. Es sprach sich nicht ganz ohne Mühe über das ziemlich laut durch den Weiher wirbelnde Wasser.

»Ich komme zu Ihnen«, sagte ich. Und fragte dann lediglich, um sie noch näher kennen zu lernen: »Oder darf ich Sie in mein Haus bitten?«

Sie zuckte die Achseln und lächelte. »Tun Sie, was Ihnen passender erscheint.«

»Sie überlassen die Entscheidung in einer solchen Schicklichkeitssache mir?« fragte ich. »Das kann Ihr Ernst nicht sein.« Dabei dachte ich mir: Weil sie jetzt, in dich verliebt ist, will sie nur genug Gutes in dich hineinlegen und alles andere übersehen. Sie aber antwortete mir: »Ein Mann, der früher als eine Dame errötet, kann vielleicht für diese noch passender als sie selbst wählen.«

»Verzeihen Sie«, sagte ich darauf, »der Begriff ‚Dame' stammt mir zu sehr aus dem Fremden, als dass ich Ihren Schmeichel ganz richtig zu würdigen wüsste. Reden Sie mit mir immer deutsch, ja? Wenn Sie aber für etwas kein deutsches Wort finden sollten, so reden Sie, wie es dem deutschen Fühlen am verständlichsten ist. Und nun komme ich hinüber. Mir ist es eingefallen, dass ich kein Ihrer Herüberbeförderung würdiges Fahrzeug besitze. Entschuldigen Sie.«

Nun lief ich hinter das Haus, riss meine beiden Kleidungsstücke von mir, war sie über das Wasser und schwamm nach. Drüben schüttelte ich mich ab, schlüpfte wieder in meine Leinensäcke und eilte zu dem Weibe.

Sie hatte sich unterdessen auf einen Stein niedergelassen.

Ich setzte mich drei Schritte weit von ihr auf den Erdboden.

»Ich bin gekommen, um Ihnen sozusagen das Messer anzusetzen«, begann sie.

»Ah?! Sie glauben mich zu dem Verkaufe zwingen zu können?«

»Ja. aber ich will es nun nicht.«

»Was hat Sie davon abgebracht?«

»Sie. Ich bin nun Ihnen gegenüber des geplanten Vorgehens nicht fähig. Es ist mir unmöglich, Sie für so grausam und erbärmlich zu halten und Sie danach zu behandeln.«

»Also der Eindruck meines Wesens betäubt Ihr Rechtlichkeitsgefühl?«

»Nein«, sagte sie. »Ihr Wesen straft jeden Lügen, der sie eines gemeinen Verbrechens zeiht.«

»Trauen Sie Äußerem nicht«, warnte ich sie.

»Ich habe bei Ihnen schon tiefer gesehen«, war ihr Antwort. »Sie müssen sich zu dem Mordversuch irgendwie sittlich höher berechtigt gefühlt haben. Sie meinten vielleicht auf Grund Ihrer Erkenntnis Menschen vernichten zu sollen, die in ihrem Reichtum gefährliche Schädlinge anderer sind?«

Ich lächelte: »Nun meinetwegen. Halten Sie mich immerhin für so einen Gesinnungshelden, wenn Ihnen das eine Beruhigung verschafft.«

Sie forschte in meinem Gesichte. »Haben Sie vielleicht noch einen höheren Rechtfertigungsgrund?«

»Sie dürfen auch das glauben«, sagte ich.

»Ich will es glauben!« rief sie beinahe begeistert.

Mit meinem ganzen Benehmen hatte ich ihr nun schon gesagt: »Nur weil dir mein Äußeres gefällt, wirfst du deine Überzeugung, dass ich ein schlechter und toller Kerl bin, weg. Wie schlecht und toll ist das von dir.«

Aber sie wollte mich nicht verstehen. Und doch schien sie mir mit einer für eine Frau durchaus nicht zu geringen Vernunft begabt.

»Wie kam es, dass Sie sich so allein zu mir wagten?« fragte ich sie nun.

»Ich tat schon ganz andere Gänge«, sagte sie lächelnd. »Ich war mit meinem Bruder William und sogar auch allein bei Menschenfressern. Auch bin ich gewohnt, in besonders vertrackten Fällen mehr als Vater und Bruder auszurichten. Wenn wir uns jetzt hier ankaufen, geschieht das auch teilweise auf meine Veranlassung. Meine selige Mutter hat mir immer so viel von ihrer Heimat erzählt, dass es mein Lieblingswusch wurde, hier so einen Besitz zu haben.«

»Meinen Berg kriegen Sie nicht«, sagte ich.

Sie lächelte. »Ich mache auch keinen Versuch mehr, Sie fortzubringen.«

»Wenn Sie einen machten, er würde nichts nützen«, sagte ich.

»Wer weiß«, meinte sie in halb launiger Streitlust.

»Auf einige Jahre könnten Sie mich allerdings fortbringen«, sagte ich. »Und Sie sind auch gekommen, um mir das anzudrohen, nicht wahr?«

Sie errötete. »Ja«, gestand sie. »Ich wollte es allerdings nicht plump machen und etwa sagen: ‚Wenn du nicht verkaufst, lassen wir dich einsperren.' Ganz fein wollte ich es Ihnen an die Hand geben, sich durch den Verkauf des Berges die Freiheit, die Sie ja jedenfalls ganz besonders lieben, zu erhalten. Aber nun stehe ich, wie gesagt, von dem ursprünglichen Zwecke meines Ganges an…«

»Weil Sie…« Ich wollte ihr nun schon in das Gesicht sagen: »Weil Sie sich in mich verliebten…«, aber ich brachte das doch nicht zuwege und wurde dann rot -- diesmal ganz zugleich mit ihr, denn sie erriet nun doch, was ich nicht aussprach.

»Weil es mir nun einmal nicht passt, etwas Schlechtes von Ihnen zu glauben«, ergänzte sie hastig meine Rede. »Behalten Sie Ihren Berg«, setzte sie dann hinzu, während sie sich erhob.

»Wollen Sie nun überhaupt von dem Grundankaufe absehen?« fragte ich nun sehr neugierig. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein, ich nicht. Aber die Meinen wollen den Besitz nicht ohne den Berg.«

»Da werden sie mich einsperren lassen«, sagte ich.

Ihre Augen fragten mich, ob ich den keine Furcht vor dem Gefängnisse hätte. Und ich verstellte mich nun nicht länger. Sie mochte es jetzt sehen, wie ich mich fürchtete. Mir hätte kaum viel übler sein können, wenn ich selbst der Verbrecher gewesen wäre, dessen Sache ja nun auch die Meinige geworden war. Ich wollte den um keinen Preis bestrafen lassen, an dem höchstens noch mit Liebe etwas gut zu machen und zu sühnen war. Er hätte schwerlich noch jemals solche Furcht empfinden können, wie ich jetzt empfand. Und ich legte auch den Ausdruck jener Bitte in mein Gesicht, welche ich mich wenigstens vorderhand mit Worten auszudrücken geschämt hätte.

Sie war tief gerührt. Ich missbilligte diese Rührung, und sie musste mir doch recht sein. Es war beinahe so, als ob ich zu einem gesagt hätte: »Bete für mich, sehe zu, dass du erhört wirst, bete aber ohne Andacht.«

Wohl selten hatte ich zu gleicher Zeit von einem Menschen so Grundverschiedenes verlangt. Sie sollte für mich ihr Möglichstes tun und doch kein Mitleid mit mir haben. Ich wollte, dass sie mich verabscheue, solange ich in ihren Augen der unberechenbare Verbrecher war. Mit aller möglichen Scheu des Reinen sollte sie sich jetzt von mir fern halten. Erst für meine Reinheit sollte sie mich lieben dürfen. Jetzt liebte sie einen in mir, der ich nicht war. So glaubte ich wenigsten. Deshalb meinte ich mich ihrer Neigung weder erfreuen noch die meinige zu ihr fördern zu dürfen.

Fast getraute ich ihr einen Zug zum Schlechten zu, der vom Schlechten kam.

Das Gute hat für sie vielleicht weniger Reiz als das Schlechte, sagte ich mir. Wenn ich mich ihr als das offenbare, was ich wirklich bin, verliere ich in ihren Augen vielleicht den ihr zusagenden Gehalt. Hätte ihre Neigung meinem wirklichen Menschen und nicht den von ihr in mir vermeinten, mir fremden gegolten, so wär ich jetzt recht beglückt gewesen. Ihr jetziges, großes Mitleid für den, der ich nicht war, konnte mit nicht wohl tun. Und doch musste ich dieses Mitleid wünschen. Wenn es ihr fehlte, dann konnte sie doch nicht das Rechte tun, um die Ihren von meiner Verfolgung abzuhalten.

Ich hatte eine schier wahnsinnige Furcht und grauenvolle Scheu vor dem irdischen Gerichte. Mein Lebelang hatte ich in demselben das Allerschrecklichste gesehen. In der Stadt flüchtete ich an seinen Stätten immer vorüber wie ein Fink am Eulenneste. Und wenn ich jetzt Festl nicht verriet, würde ich vielleicht gar bald von meinem Berge in ein finsteres Gefängnis gebracht werden. Ich wollte ihn nicht verraten. Das stand bei mir fest. Und auch er dürfte seine letzte Schuld nicht eingestehen. Die anderen sollten ihn nie mehr in ihre Gewalt bekommen. Ich sah ja, was ihre Gewalt aus ihm gemacht hatte. Jetzt wollte ich das Meine mit ihm versuchen, um dann zu sehen, wer da recht hatte -- alle oder ich. Nach allem, was ich da durchführte, kam mir dann noch ein Gedanke. Es war einer von denen, die immer erst spät kommen, einer der Selbsterkenntnis.

Du regst dich auf, weil sie einem Verbrecher gut sein kann, sagte mir der. Sie ist dem Vermeintlichen gut und du dem wirklichen. Du bist auf deine eigene Güte und Vorurteilslosigkeit stolz und an dem Weibe missfallen dir die gleichen Eigenschaften.

Ich wollte nun freilich die Beschämung mit allerlei Rechtfertigendem niederschlagen, brachte aber nichts genug Kräftiges gegen sie auf.

»Ihnen liegt viel an Ihrer Freiheit, ich sehe es«, sagte nun Camilla. »Ich will für Sie tun, was in meiner Macht steht, ob das nun recht ist oder nicht.«

Da hörte ich es nun kurz und klar, worin wir uns in unserer Güte unterschieden. Dem Weibe lag in ihrer Verliebtheit nichts am Rechten. Ich aber war überzeugt, dass ich recht tat, wenn ich Festl schützte. Sie reichte mir die Hand zum Abschiede, aber ich ergriff dieselbe nicht und sagte: »Reichen Sie mir die Hand, bis Sie sicher wissen, dass ich dessen wert bin.« Damit meinte ich ihr einen Verweis zu erteilen. Sie aber lächelte und sprach: »Es freut mich, dass Sie von mir doch näher erkannt werden wollen. Und nicht wahr, Sie kommen mir nächstens auf dem rechten, geraden, deutschen Wege, welchen Sie ja anderen gerne vorzuschlagen scheinen, so weit nach, als Sie mir heute darauf zurückgeblieben sind?« Ich konnte ihr nicht gleich so viel versprechen. Und »nein« mochte ich auch nicht sagen. In einer ziemlich kläglichen Hilflosigkeit musste ich vor ihren lachenden Augen die meinen senken. Da fühlte ich plötzlich ihre zarte, linde Hand flüchtig über meine nun wohl sehr ernst gefurchte Stirne streichen. Hernach hatte ich wirklich die Empfindung, als ob nun dort die Furchen fort wären, ohne dass ich es recht wollte. Als ich die Augen erhob, flog sie schon wie ein weißer Sommervogel den grünen Rain hinauf.

*

Festl hatte gehorcht. Ich sah ihm das gleich an, als ich in die Stube kam. Der ganze starke Mensch zitterte vor Aufregung. Er schien vor mir niederfallen zu wollen. Ich zog ihn zur Ofenbank. Dort musste er sich dann neben mich setzen.

»Was ist dir denn?« fragte ich.

»Du nimmst die Tat auf dich«, keuchte er. »Das ist das Meiste, was mir mein Lebtag ein Mensch zu fühlen gegeben hat.«

»Nun, nun«, sagte ich. »Das wirst du doch ertragen können.«

»Ich weiß es nicht«, antwortete er. »Ich hab noch nie bei einem Menschen in solcher Schuld gestanden.«

»Mach' es nicht so groß«, entgegnete ich.

»Nein, nein«, sagte er. »Es ist so groß, dass ich gar nicht die rechte Red' dafür fänd'. Alle meine Dankschuld und Sündenschuld miteinander wiegt nicht so viel wie jetzt die eine. Für alles, was ich mein Lebtag willig oder unwillig angenommen hab' und auch gegeben, hab' ich doch wieder was zu geben oder zu nehmen gewusst. Für mein Brot hab' ich meist im Voraus und für die Schläg' nachhinein bezahlt. Aber einen solchen Vorschuss wie jetzt, hab' ich noch nie gekriegt -- so viel Freundschaft, die ich nie abzahlen kann.«

»Du wirst sie schon zahlen«, sagte ich zuversichtlich.

»Und leicht, pass auf.«

Er schüttelte den Kopf. »Mir ist ja dein guter Wille allein zu viel. Und dann erst das Unerhörte. Dass du für mich so viel Schand' und Gefahr tragen sollst. Annehmen kann ich das selbstverständlich nicht.«

»Du musst es«, sagte ich. »Das Werk für dich ist schon im Gang. Es soll mir nicht aufgehalten werden. ich glaub', Camilla wird es bei den Ihren durchsetzen, dass sie mich nicht einklagen. Sie werden schweigen. Dir täten die Leute das Verbrechen nicht verzeihen. So lasse ich mir es verzeihen für dich. Siehst du, damit treibe ich dir von den Menschen, deinen Gläubigern, eine Schuld ein, die mir vorenthalten geblieben wäre.«

»Aber du? Was hast du davon?« fragte er.

»Einen Freund, so glaube ich. Dich.« Und lächelnd setzte ich hinzu: »Oder willst du lieber eingesperrt als mein Freund sein?«

Da wollte er wieder von der Bank hinunter zu meinen Füßen. Aber ich hielt ihn an meiner Seite fest.

»Ich kenne nichts so Trauriges, als eingesperrt sein«, sagte er dann leise. »Gleich als ich das erste Mal im Kotter war, hätte ich mich so gerne umgebracht. Aber sie hatten mich zu fest angehängt. Ich lasse mich auch nimmer einsperren -- nie wieder. Sie sollen mir nimmer zu listig werden bei meinem Fang.«

»Sie sollten dich nicht mehr verfolgen«, sagte ich.

»Dich aber?« fragte er.

»Sie wollen jetzt nur meinen Berg, und wenn es gar nicht anders geht -- nun gut, so sollen sie ihn haben.«

Da sprang er auf. »Nein!« rief er leidenschaftlich. »Nein! Nie!«

»Freilich«, sagte ich. »Für meinen Berg ließ ich mich vielleicht selbst einsperren und unschuldig eingesperrt zu sein für einen anderen, den darüber ein verhärtetes, verbittertes Herz weich und gut wird, das meine ich, sollte man als Christ erleiden mögen.«

»Nein!« rief er ungebärdiger. »Das wär' dann erst mein allerärgstes Leid, dich für mich leiden zu sehen!« Ich zog ihn wieder neben mich auf die Bank. »Sei still«, sagte ich. »Es wird nicht nach deinem Willen gehen, sondern nach dem meinen. Verstehst du? Wer was gewinnen will, wird zumeist auch etwas einsetzen müssen. Und ich will auch so lange dein Herr werden, bis ich sagen kann: »Jetzt sind wir gleich.« Er dachte nun ein Weilchen nach. Dabei begann ihm das helle Wasser aus den Augen zu stürzen. »Wenn du willst, so soll es sein«, sagte er. »Mach' mit mir, was du willst. Was du dabei herausschlägst, soll dein gehören. Ja. Ich will dein Knecht sein.« Einen Augenblick dauerte es, dann fand er wieder ein leises angstvolles: »Aber…«

»Nun?« fragte ich lächelnd.

»Das Weib«, sagte er, schon wieder von neuen Sorgen erfüllt. Dieses Weib. Sie will ja mehr als deinen Berg und mehr selbst als deine zeitliche Freiheit, die will ja dich…«

Jetzt drückte er völlig schluchzend das Gesicht an meinen Arm.

Ich musste nun hellauf lachen. »Sei ohne Furcht. Sie kriegt mich nicht…«

»Ja doch«, sagte er angstvolle. »Ich habe es dir doch früher angesehen. Sie will dich fangen. Und du -- du…«

»Und ich? Sag ehrlich, was du gesehen hast!«

»Du sahest fast nicht aus, als ob du ihr noch so leicht entgegenkommen könntest…«

»Oho!«

»Ja, ja! Du willst doch, ich soll ehrlich sein. -- Nun, du siehst sie an und weißt nicht, ob sie dir gefallen oder ob dir vor ihr grausen soll, und ehe du schlüssig wirst, hat sie dich schon wie die Natter den Wiesenvogel.«

Ich lachte. »So dumm bin ich nicht. Ich flieg' schon auf, ehe sie mich umschlingt.«

»Gott soll's so geben«, wünschte er und setzte dann hinzu: »Glaube mir, es ist mir nicht nur darum, dass ich mich an dir nicht mehr halten kann, wenn du ihr verfällst. Es ist mir um dich, um deine jetzige schöne Mannesfreiheit.«

»Sei unbesorgt«, sagte ich. »Sie kriegt mich nicht.«

*

Wir wollten einen wüsten Teil des Berges urbar machen. Das gab schwere Arbeit genug für ein ganzes Menschenleben, und Festl fing gleich am nächsten Tag voll heiligen Eifers damit an. Vor allem galt es, ein wildes Gestrüpp abzuräumen. Dieses erste Geschäft konnte gleich einen hübschen Erlös geben: Schönes Knüppelholz, reichlich für manchen langen Winter und eine Riesenmasse grüner und dürrer Nadel- und Blätterstreu.

Festl war in aller Morgenfrühe ausgerückt. Er wartete nicht, bis ich das Frühstück gekocht hatte. »Bis mich hungert, komm' ich schon«, sagte er. Aber dann kam er mir zu lange nicht. So trug ich ihm das Frühstück nach: einen Mohnsterz von dem guten, der außer mir gar niemand zu kochen versteht, und einen Krug voll frischer Sauermilch, in die ich ihren Rahm eingequirlt hatte, anstatt ihn abzuschöpfen, wie das bei nötigeren Wirtschaften als dem meinen geschieht. Ich traute beim Anblicke dessen, was Festl schon niedergehauen hatte, meinen Augen kaum. Er wütete schier übermenschlich gegen den blühenden Busch. Und trotzdem machte er die Arbeit sauber. Das Leinengewand, welches ich ihm am Morgen schenkte, hatte er sorgsam an eine Staude gehängt. Bei seinem Fleiße hätte in dem wirren Gezweige freilich Hemd und Hosen zu Fetzen werden können. Um seine Haut war ihm minder leid. Ihr geschah auch nicht viel. Sie sah so glatt und hart aus wie fein gearbeitetes Erz, nur nicht so leblos. Er blühte wie der menschgewordene, rosengoldene Sommer hier mitten in der zartfarbenen, keuschen Frühlingsblüh. Freilich war er auch ihr Tod. Ich sah ihn bewundernd an. Das war einer, den die anderen fallen ließen. Taten sie das, weil sie ihn nicht mehr erkennen konnten, nachdem sie seiner Schönheit ekle Lumpen umgehängt hatten? Oder verfolgten sie ihn aus Neid und wolllüstiger Grausamkeit oder aus Hass, weil er sich nicht hingab wie sie vielleicht wollten? Ich fand an ihm nicht viel zu verbessern trotz allem nicht, was sie ihm getan hatten. Er sah mich nicht kommen. Unter meinen Füßen brechendes Astwerk macht ihn aufschrecken. Er schoss zu seinen Kleidern und warf sie hurtig über sich. Dann kam er mit glühendem Gesicht auf mich zu.

»Mir scheint, du bildest dir ein, hier im Kriege gegen deine lieben Freunde, die Menschen, zu stehen?« fragte ich ihn.

Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, nein, heute bin ich nicht zornig und wild.« Mit meinem nächsten Blicke sah ich nun, dass er wirklich nicht wild war. Er hatte alle die kleinen, eiervollen Vogelnester, die er im Busche fand, mit Liebe geschont. Jeder Strauch, auf dem er solch ein kleines Lebensglück fand, war ihm heilig geblieben; nicht genug, dass er ihn stehen ließ, umstellte er ihn noch mit vielen schützenden Ästen. Der geborene Mörder tut das nicht, dachte ich mir.

Mein Mohnsterz schmeckte ihm, wie es sich gebührte. Er sah mich mit dankbaren, fast entzückten Augen an. »Wem du das einmal gekocht hast, der kann dir nimmer untreu werden«, schmeichelte er. Aber gleich darauf zuckte er zusammen, als ob ein Blitz vor ihm hingefahren wäre.

Ich folgte der Richtung seiner Augen und sah Camilla wieder kommen. Sie hatte uns schon bemerkt und eilte auf uns zu. In der Hand schleppte sie ein großes Bündel mit.

»Soll ich sie bisher kommen lassen?« fragte ich Festl, denn ich wusste mir schon seinen bittenden Blick zu erklären.

»Mir tut ihre Nähe nicht gut«, sagte er kopfschüttelnd. »Dir freilich auch nicht. Aber ich…«, er errötete geschämig zu dem nun folgenden Geständnisse -- ich will für dich beten.«

»Das ist brav«, sagte ich. »Wenn du glaubst, so bete.«

Er nickte. »Jetzt glaube ich«, sagte er.

Und ich sah es ihm an, was er noch verschwieg -- er betete zum ersten Mal für einen Menschen. Mich hatte noch kaum etwas so rein glücklich gemacht wie dieses erste Gebet. Aber nun musste ich eilen, damit sie ihm nicht zu nahe kam. Vor dem letzten büchsenschussweiten Wegrest ließ sie sich förmlich wie zerhauen auf dem Rasen nieder und sah mir dann ruhig lächelnd entgegen. Noch im Gehen fing ich schon erwartungsvoll zu fragen an: »Nun, wie steht es um mich? Werde ich eingesperrt? Oder können Sie mich retten?«

»Ich hoffe es zu können«, antwortete sie. In der Nähe sah ich sie nun scharf prüfend an. Ihre lächelnde Ruhe war nicht echt. Sie schien mir wie nach einem heißen Streite erregt und erschöpft. Mich durchfuhr ein rechter Schrecken.

»O weh«, sagte ich. »Sie hoffen nur. Oder wollen mir nur nicht gleich die Hoffnung nehmen.«

»Nein, nein«, entgegnete sie. »Ihr Freibleiben hängt nun von Ihnen ab.«

»Von mir? Das heißt, ich brauche nur den Berg zu verkaufen, nicht wahr?« fragte ich bitter. Damit hatte ich sie verletzt. Und ich bereute es auch gleich.

»Sie können so schwer etwas Gutes von mir glauben«, sagte sie traurig. »Was haben Sie für einen Grund dazu? Nur den einzigen, dass ich gar so leicht und gerne von Ihnen Gutes glauben möchte?«

Ich fühlte mich beschämt. »Es ist fast so«, gestand ich ehrlich. »Das zu Gute macht und Schlechten so leicht misstrauisch. Aber ich will Ihnen nun glauben.«

Da streckte sie mir schnell beglückt die Hand hin, und ich ergriff dieselbe auch.

»Das ist schön«, sagte sie. »Jetzt sagten Sie mir eigentlich das erste gute Wort.«

Ihre Freude ließ mich nicht kalt. Und ich hielt nun wirklich ihr Werben um mich nicht mehr für so unstatthaft wie vorher.

Was ich gestern beinahe Zudringlichkeit nennen wollte, erkannte ich heute als festen, ehrlichen, freien Mut. Ich wollte nun klar zusehen, was mir bei ihrem Werben geschah. Wenn ihr Liebe echt war, glaubte ich es für sie auch gar leicht zu einer rechten bringen zu können. vielleicht erbetete jetzt Festl für mich und ihn etwas Schöneres, als er dachte, und lernte damit erkennen, dass Gott für uns besser rechnet als wir selbst.

Wie ich so an die Möglichkeit neuen Glückes dachte, vergaß ich doch keinen Augenblick des gegenwärtigen großen Kummers.

»Also Sie wissen mir nun doch einen Rat?« fragte ich.

»Ja, aber es ist mir nicht leicht, ihn zu sagen.«

»So? Trotz Ihrer ehrlichen Offenheit? Ist er denn so schwer zu befolgen?«

Sie zuckte die Achseln. »Wenn Sie wie ich empfinden, dann befolgen Sie ihn gerne. Ich trau' mich kaum mit ihm heraus. Bliebe noch lieber in Ungewissheit darüber, wie Sie zu mir stehen, als ich jetzt gleich eine traurige Gewissheit erfahren mag. Sage ich Ihnen nun den Rat, den ich da weiß, so muss sich darauf sofort etwas gar Großes für mich entscheiden…«

Ich ahnte, was sie mir raten wollte. Mein Erschrecken darüber musste ich verbergen, es hätte ihr zu wehe getan. Als ob ich sie noch nicht durchschaute, durfte ich auch nicht tun, denn für so blöd sollte sie mich nicht halten müssen. Zeigte ich ihr aber, dass ich sie verstand, dann schienen die Verlogenheit und Unvorsichtigkeit beinahe geboten, dass ich mich überglücklich stellte und ihr zu dem, was mir da viel zu bald kam, auf halbem Wege entgegeneilte. Weil kein langes Überlegen möglich war, nahm ich der Sache gegenüber jene Haltung ein, die mir zunächst geschickt vorkam. Ich heuchelte in aller Schnelligkeit ein starkes Gemisch von Rührung und bewunderungsvollem Staunen und sagte möglichst hastig und erregt: »Jetzt weiß ich schon, was Sie wollen. Um mich retten zu können, wollen Sie tun, als ob Sie mich schon liebten. -- Sie wären vielleicht aus lauter Menschlichkeit des heldenhaften Opfermutes fähig, die Meine zu werden, ehe Sie mich kennen. Nicht wahr, das wollen Sie? Gestehen Sie es nur. Oder irre ich mich? Sprechen Sie doch!«

Sie hielt meinen Eifer für heilig ernst, und er beseelte sie.

Vollglühend gab sie ihre Antwort: »Ja, Sie irren sich.«

Ich erschrak nun ganz außergewöhnlich. Und gleichzeitig wunderte ich mich großmächtig über diesen Schrecken -- weil nun bei dem nicht die mindeste Freude war. Ich musste einen Augenblick ungeheuer verblüfft ausgesehen haben. Und das gefiel ihr. Was war das doch für ein Glück, in dem sie mich betrachtete -- war es dasjenige eines bodenlos hämischen Schalks?«

Aus dem, was ich sagte, klang wohl auch meine ganze Enttäuschung und der nun beginnende große Schmerz: »So? Ich irre mich?«

Sie nickte lächelnd. »Ja. Ich besitze den heldenhaften Opfermut nicht, den Sie mir zumuten.«

»Nicht?«

»Nein. Und ich will durchaus nicht so tun, als ob ich Sie schon liebte.«

»Ah?!«

»Ja, ja. Ich liebe Sie doch schon wahrhaftig.«

Jetzt erschrak ich wieder. Und bei diesem Schrecken war mir nun wieder zu viele Freude, so vieler glaubte ich noch nicht Raum geben zu dürfen. Aber sie sah mir doch die ganze an.

Das Weiterreden schien mir vorderhand nicht schwer.

»Nun irren Sie sich«, sagte ich, und sie erschrak.

»An Ihnen?«

»Ja, freilich auch an mir. Aber zuvörderst an Ihnen. Es ist nicht möglich, dass Sie mich schon lieben können.«

»So? Sie glauben nicht an das Wunder einer so schnell einschlagenden Liebe.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nicht gerne, denn das weiß ich schon, hernach wundert man sich gewöhnlich, dass man sich über das Wunder verwundern konnte. Und auf das Einschlagen halte ich überhaupt nicht viel. Es macht meistens ein Feuer, bei dem viel Gutes schnell verbrennt. Und dann ist es kein Wunder, sondern ein Jammer. Da bleibt einem zumeist so eine Flamme ein größeres, lieberes Wunder, die einem der liebe Herrgott noch auf einer letzten Glut aufschlagen lässt, ihr kann man mit Freude zusehen und sich gehörig warm halten an ihr, wenn man sie richtig nährt und behütet. Und so eine Flamme, die sehe ich seit gestern auf meiner Glut.«

Damit hatte sie nun das ganze Gegengeständnis, auf das ich mich mit gutem Gewissen einlassen durfte. Sie war zufrieden damit. Aber nicht mit dem, was ich von ihrer Liebe sagte.

»Ein Feuer, das der Himmel entzündet, wird er doch wohl auch speisen können«, meinte sie.

»Warum ist Ihr Glauben nur ein so teilweiser?«

Ich lächelte. »Wenn er ein vollkommener wäre, könnte ich dann morden wollen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nicht. Manchmal stellen Sie sich so hoch und so fröhlich über sich selbst…«

Da konnte ich ihr meine Meinung mit ein Worten sagen: »Jawohl, Sie verstehen mich noch nicht. und lieben mich schon.«

»Und Sie?« fragte sie dawider. »Sie geben doch auch vor, mich schon zu lieben oder wenigstens am Anfange einer Liebe zu mir zu stehen? Um was verstehen Sie mich mehr als ich Sie?«

Wie leicht war da die Antwort. Es erstaunte mich, dass sie mir dieselbe so in den Mund legte. »Um was das Rechte verständlicher als das Schlechte ist«, sagte ich einfach. Da zeigte sie mir aber ein Lächeln der Überlegenheit und sprach: »Es gibt eben Menschen, die auch das Schlechte begreifen.« Ich lächelte auch. Sie meinte schon den Verbrecher n mir zu begreifen und ihn vollauf entschuldigen zu können. Und ich war keiner, wenigstens in dem fraglichen Falle nicht. Aber das Bewusstsein ihres vollkommenen, richtigen Empfindens musste ich ihr vorderhand lassen. Sie fuhr nun in ganz einfachem, fast ein wenig lustig mitteilenden Tone fort: »Also ich komme von einem schweren Streite zu Ihnen. Meine Familie lief mir gestern voller Neugierde entgegen. Als ich den Dreien sagte, dass wir den Berg nicht kriegen, wollte mein Bruder William gleich hingehen und Sie festnehmen lassen. Ich sagte: »Halt? Vom Strafen sehen wir ab.

Da lachte er mir in das Gesicht. Sonst gibt er gewöhnlich mehr auf meine Willensmeinung. Aber in dieser Sache sind nun alle drei sehr leidenschaftlich und er am meisten. Weshalb ich sie schonen möchte, begehrten sie zu wissen. Von Gründen der Menschlichkeit kann ich in solchen Fällen zu den Meinen nicht reden. Damit würde ich mich nur lächerlich machen. Und mit sonstigen Rechtfertigungen meines Wunsches kam ich gegen die Verbündeten nicht auf. Erlassen Sie es mir, Ihnen von dem Streite viel zu erzählen. Er war nicht fein. Wir sind Emporkömmlinge und vergessen im Eifer leicht der angelernten, gemäßigten Verkehrsarten. Diesmal wurden wir alle ganz besonders zornig. Es dauert nicht lange, da schrie ich die Wahrheit heraus: »Ich stehe zu ihm, weil es mir so gefällt, oder besser gesagt, weil er mir gefällt, und schont ihr ihn nicht, so schone ich Euch nicht, alle Eure schön überhangenen heiklichen Fleckchen kenne ich ja -- kurzum, wir zerkriegten uns schlimmer, als man es mit Anstand nacherzählen kann. Ich sagte mich von ihnen los und sie von mir. Anhaben werden sie Ihnen nun nichts, so viel ist gewiss. Aber ich stellte mich an Ihre Seite, ehe ich wusste, ob Ihnen das auch recht sein würde. Das war wohl viel gewagt. Aber es musste zu Ihrer Rettung sein. Und es ich Ihnen ja recht, nicht wahr?«

Das Antworten erlitt nun keine Überlegung, und ich nickte bejahend. Mir schien das viel zu viel, was da meinetwillen geschehen war, aber ablehnen konnte ich doch nichts davon. Bange genug mochte nun meine Frage geklungen haben: »Also meinetwillen haben Sie der Heimat entsagt?«

Sie lächelte fast lustig, als sie auf das neben ihr liegende Bündel und dann wieder auf mich sah. »Ja, so ist es. Freilich, ich gehe nicht ganz so arm, wie man es hier diesem Bilde nach meinen könnte. Mein von mütterlicher Seite ererbtes Geld und meine Großjährigkeit, deren ich mich, aufrichtig gesagt, jetzt zum ersten Male freue, nehmen der Sache viel Bedenkliches. Übrigens will ich mich Ihnen mit der Erwähnung jenes Geldes nicht vielleicht lieber machen.«

Ich machte die geziemliche wegwerfende Bewegung und sprach dann mit dem mir zustehenden Stolze: »Mit Geld macht man hier oben nichts.« Darauf stellte ich gleich die Frage, welche mich zunächst am ernstesten beschäftigen musste: »Wo sollen Sie jetzt hingehen?«

Sie hatte wahrscheinlich nicht erwartet, dass ich so fragen würde, und bekämpfte sichtlich eine schreckhafte Enttäuschung. Dabei schien ihr ein guter Glauben an mich zu helfen, denn sie sah mich bald wieder erwartungsvoll an. Wenn ich ihren Blick recht verstand, so hoffte sie, dass ich sagen würde: »Bleib' bei mir!«

Durfte ich das schon sagen? War sie mir denn schon so viel? Hatte ich schon beschlossen, ein Ehemann zu werden; ich, der Einsiedler, der Weltflüchtige? War ich denn nicht fast gerade deshalb aus der Welt, in der, des eingebildeten Herrenbewusstseins der Männer offen und heimlich spottend, nur die Weiber herrschen, geflohen, um nicht auch dem Weibe zu verfallen? Ereilte mich nun hier doch dieses Ende? Nein. So weit war es noch nicht. Bei aller meiner Güte und Schwäche ließ ich mich auf meinem Berge nicht so überrumpeln. Bisher liebte ich mich gottlob noch um ein Beträchtliches mehr als sie. Aus Angst, mich zu verlieren -- nämlich mich als den Menschen, den ich bisher an mir hochschätzte, hätte ich jetzt sogleich tausend heiße, ehrliche Tränen vergießen mögen.

Ob ich nun sie schon weinen konnte, wenn ich sie verlor, das war mir noch ungewiss.

Übrigens war es niemals meine Ansicht, dass auf das Lieben gleich ein Zusammenleben oder gar ein Heiraten folgen muss. Je besser eine Liebe, desto weniger passt ein Heiraten darauf. Und was ist mir die Welt mit ihren Meinungen? Bin ich aus der Welt fort, um ihre Meinungen zu achten? Ich glaube mir und meinem Herrgott. Es ist mir wirklich sonst niemand maßgebend -- wenn ich nämlich meine Ruhe habe. Camilla erriet gewiss nicht, was mir da durch den Kopf jagte. Und in unserem Gespräche kamen wir nun nicht weiter. Als es mir eben wieder schicklich schien, etwas zu sagen, bemerkte ich in der Passschlucht einen Menschen. Er war noch zu weit drinnen im Schattenbereiche der Steinwände, als dass ich ihn recht erkennen konnte, obwohl meine Augen an Schärfe denen eines Falken nichts nachgaben.

Aber es mochte der Bruder des Mädchens sein.

Sie bemerkte mein angestrengtes Hinsehen gleich und stand auf.

»Wer ist es?«

»Vielleicht Ihr Bruder.«

Sie hob das Bündel auf. »Mein Bruder? Dann rasch! In das Haus! Kommen Sie!«

Mir schien so eine Fluch weder recht notwendig noch passend.

»Warum in das Haus?« fragte ich.

Dabei musst ich etwas begriffsstutzig ausgesehen haben, denn sie sah mich so sonderbar staunend an. Aber ich konnte mir wirklich nicht denken, warum sie in das Haus wollte.

»Fürchten Sie denn Ihren Bruder?« fragte ich.

»Ich fürchte niemanden«, antwortete sie. »Ich meinte nur, es würde einen wirksameren Eindruck auf ihn machen, wenn er uns schon im Hause sähe. Begreifen Sie das?«

Ich musste wahrheitsgemäß verneinen. Da sah sie mich gerührt, glückselig, ja fast entzückt an, wie man ein geliebtes Kind ansieht, dessen heilige Unschuld einem gerade recht offenbar wird. Und nun erst dämmerte mir eine Ahnung auf, die mich, wie ich glaubte, auch gleich sehr schamrot machte. Aber ich wollte dieser weiter keinen Raum geben und sagte ernst und fest: »Wir erwarten ihn hier mutig, Seite an Seite. Sie haben gesagt, dass Sie zu mir stehen. Gleich hier soll er das sehen. Mit so einer berechneten Flucht würden wir uns erniedrigen.«

Nun war wieder sie errötet. Aber sie sagte nichts, stellte sich an meine Seite und blickte dem Kommenden entgegen. Es war wirklich ihr Bruder. Er stürmte daher, als wenn er uns gleich niederrennen wollte. Dann machte er doch vor uns Halt. Das kostete ihn aber eine sichtliche Selbstüberwindung. Er zitterte nur darauf, sich zwischen uns werfen zu können.

»Komm' mit, Camilla«, sagte er finster befehlend, drohend zu seiner Schwester.

Sie deutete nur einfach verneinend. Eine Furcht war ihr wirklich nicht anzumerken. Ich musste sie deswegen bewundern, denn selbst fürchtete ich mich nun vor dem wild entschlossenen Menschen.

»Komm' mit!« brüllte er nun förmlich wie ein wütender Tiger.

»Nein«, sagte sie und ergriff dabei fest meine Hand. »Ich bleibe bei ihm. Ich liebe ihn.«

Nun erschrak ich über sie. Bei mir bleiben wollte sie? Konnte das ihr Ernst sein?

William musste sich mit aller Gewalt mäßigen, um nur sprechen zu können. Ich glaube, er hätte hier nur brüllend morden mögen.

»Gut«, sagte er, »du bleibst bei ihm. Dann muss ich nur noch auf eines bestehen, ehe ich dir auf immer den Rücken kehre. Wenn du bei ihm bleibst, wirst du ihn heiraten. Und zwar gleich. Anders bleibt ihr keinen Tag lang beisammen. Verstehst du? Eher erschieße ich euch wie tolle Hunde.«

Sie blieb fast ganz ruhig, und ich zitterte vor ihm und vor dem, was er da verlangte. Während sie meine Hand noch fester drückte, gab sie ihm die Antwort: »Es ist mir recht. Wir heiraten.«

Mir gab es einen Riss, den auch sie deutlich fühlte, denn sie sah mich plötzlich fragend an. William achtete nicht auf das zwischen ihr und mir Vorgehende.

»Ich hole den Pfarrer«, sagte er und machte sich gleich wieder auf den Weg. Da schrie ich: »Halt!« Er fuhr herum: »Was wollen Sie?«

»Ich heirate nicht.«

Er lachte grell auf. »So?!«

Und Camilla stieß einen Schrei aus. Dass sie nicht darauf gefasst war, so etwas von mir zu hören, begriff ich ja.

William trat nun mit einem wutentstellten Gesicht näher. »Also Sie heiraten nicht? Wiederholen Sie mir das noch einmal!«

Hier war meiner Ansicht nach kein weiteres Besinnen am Platze. Es galt mir der Wahrheit für mich einzutreten. Weil er es so verlangte, wiederholt ich es ihm: »Ich heirate nicht.«

Und da spürte ich auch schon einen jähen, dumpfen Schmerz unterhalb der linken Schulter in der Brust.

William hatte geschossen. Ganz kurz empfand ich noch ein unbeschreibliches Schwerwerden in meinem ganzen Leibe, und durch den lichten Tag sah ich einen ungeheuren, gewitterwolkenähnlichen schwarzen Schatten auf mich zufliegen. Die Finsternis fiel mit erdrückender Last über mich. Ich wollte die Augen aufreißen, um noch Licht zu sehen. Aber die Augenlider bewegten sich nicht mehr, um sie aufzumachen, wollte ich die Hände erheben. Aber auch die Hände gehorchten nicht. Ein kurzes, unbeschreiblich banges Entsetzen noch, und dann griff es wie eine kalte und doch seltsam milde Hand nach meinem brennenden Herzen und nahm dort den Schmerz weg -- ich wusste nichts mehr von mir.

*

Durch das Fenster schien ein blasses Morgenrot. Draußen vor den Scheiben nickten im Wipfel der Hollerstaude zwei junge Blütendolden. Die waren noch nicht dagewesen, als mir das Sehen verging. Und ein junger Fink saß auf der Staude. Der hatte noch nicht aus dem Neste gekonnt, als ich ihn zuletzt sah. Lange genug musste ich geschlafen haben.

Und trotzdem war ich noch nicht zum Aufstehen gelaunt. Elend müde lag ich nach diesem Erwachen da und scheute jede Bewegung, aus Furcht, ich könnte eine ärgere Lenklosigkeit an mir entdecken. Aus der Tiefe des Stubenraumes fiel der Schein eines Nachtlichtes auf die Fensterwand. Bald hörte ich von dort, wo die Polsterbank stand, Camillas Stimme leise reden: »Tag wird es wieder, Festl.«

»Ja, ja«, seufzte Festl nahe hinter mir. »Wenn es doch einmal ein besserer Tag würde.«

»Heute war es die siebente Nacht«, sagte sie.

»Und du hast wieder nichts geschlafen, Festl.«

»Ich kann nicht, ehe er nicht wach wird«, sagte er.

»Du willst nicht, so viel ich dir auch zurede. Wenn du mich lieber hättest, würdest du mir gehorchen.« Ich glaubte nun nicht recht zu hören. Sie verlangte von Festl mehr Liebe? Da waren ja die beiden, während ich lag, hübsch weit miteinander gekommen. Bei ihrem Wesen fand ich das recht begreiflich, bei dem seinen minder. Dass sie für solche Eigenart, wie die seine, besonders empfänglich sei, wusste ich schon. Ich hätte sie gewiss mit solchem Benehmen, das man in der Welt der gebräuchlichen Gewöhnlichkeit wergen fein nennt, auch nicht angezogen.

Sie redete nun weiter, und ich wollte lauschen.

»Schau, Festl, schlaf' einmal.«

»Bis er wach wird«, sagte er. »Heut dürft' er schon einmal ganz zu sich kommen, hat der Baderwastl gesagt. Und wird das nicht bald und bringen wir nichts recht Ausgiebiges in ihn hinein -- dann…« Hier versagte die Stimme. Aber nach einem Weilchen kam ein leidenschaftlicher Zusatz: »Dann pfeif' ich auf mein Leben.«

»Das dürftest du noch nicht.«

»Es könnte mich niemand zurückhalten«, sagte er.

»Niemand?« fragte sie.

»Nein. Oder meinst du vielleicht -- du? Nein. So viel darfst du mir nie werden. es ist eh schon zu weit gekommen zwischen uns. Das muss wieder seinen Weg zurückgehen bis auf die richtige Grenz', verstehst?«

»Wo ist denn die?« wollte sie wissen.

»Dort, wo die Freundschaft zwischen Mann und Weib aufhört -- vor dem Anfang der Lieb'.«

»Sind wir den schon so weit von dort?« fragte sie.

»Tu' nur nicht, als ob du es nicht wüsstest«, verwarnte er sie. »Du hast es selber ganz genau gespürt, wie uns da beieinander zu warm geworden ist.«

»Nein, nein«, sagte sie. »Ich hab' mich nie recht verwusst in den vielen, langen Nächten, ich hab' schier so viel gefiebert wie der da. seit dem Schusse bin ich nicht mehr recht bei mir selbst. Ja, ja, ich weiß weniger von mir, als du meinst, kann in dem schlaflosen Taumel dieser langen, bangen Nacht keine Rechenschaft über mein Fühlen geben. Dass ich mich in der Angst dieser schrecklichen Zeit an dich schloss, den einzigen, den es hier gibt, ist so natürlich. Mein Bruder war so selten da und wenn -- ich hasse ihn jetzt -- er graut mir vor ihm wie vor einem rechten Mörder. Es konnte gar nicht anders sein, ich und du mussten uns hier so nahe kommen.«

»Nein, nein«, sagte er. »Dir in deiner Furcht ist es noch zu verzeihen, dass du dich an mich gedrückt hast. Aber mein gar zu vieles Mitleid mit dir, das war nicht recht. Und ich glaub' halt, du hast dich auch gar ein Bissl zu ängstlich gestellt, damit du meine Hand nehmen darfst. Ich kenn' euch Weibsleut' schon. Ihr seid unsereinem immer falsche Kameraden. Ihr wollt einem meist immer zu heiß machen, niemals zu wohl. Dass uns wir zwei auf der harten Wacht über alles ausgeredet und uns gegenseitig soweit ohne Vorenthalt Herz und Hirn gezeigt haben, das ist recht; Zeit, Gelegenheit und Ursach' war dazu genug vorhanden. Freilich deinerseits auch gleich vom Anfang her ein Bissl zu viel Neugierde. Aber eine von der gewöhnlichen Weiberneugier war es doch nicht. Und mir ist ja auch eine Wohltat geschehen, dass ich mich anvertrauen konnt'. Bis auf die eine Wahrheit, dass ich die Steinfalle gestellt hab', war mir ja auch keine verboten und die eine musste jetzt auch an den Tag. Ich hätt's nicht erlitten, dass der Verdacht noch länger auf dem Armen das bleibt. Hätt' ich es nur nicht zugegeben, dass er das für mich auf sich nimmt! Jetzt will ihm das das Leben kosten. Und ich halt' das aus! Und nicht nur das -- ich werd' jetzt sogar noch übermütig, wo ich mich vor lauter Leid und Qual nur noch immerfort auf dem Boden wälzen sollt' -- ich werd' noch übermütig und -- und …«

»Sei doch still«, sagte sie.

Es entstand eine kleine Stille. Dann hob er wieder an: »Heut' Mitternacht ist dein Bruder wieder aus dem Tal heraufgekommen. Du hast grad' einmal ein wenig geschlummert. Er schläft jetzt da in der großen Stube drinnen. Wir haben lang' geredet miteinander. Im Tal hat er bisher noch alles glücklich vertuscht. Dein Vater hilft ihm redlich. Den Baderwastl haben sie bestochen. Von dir sagen sie unten den Leuten, du wärest auf einer langen Fußreis' im Gebirg'. Eine Menge gute Sachen hat er auch wieder mitgebracht. Und er hat gemeint, ich müsst' davon was annehmen. Wir gerne der feine Herr mit mir gut werden möchte. Aus seiner Tat macht er sich noch all'weil nichts, nur um das Vertuschen ist es ihm.«

»Ich rede nichts mit ihm«, sagte Camilla. »Weiß er schon, dass du der Steinfallensteller bist?«

»Ja. Das war dir ein rechter Schrecken für ihn. Er hätt' den Einsiedel so gern all'weil einen Verbrecher schimpfen mögen. Mir verzeiht er meine Tat gern, wenn ich nur schweig'. Er möchte völlig mein bester Freund werden, der stolze Herr. Aber ich bleib' grob.«

»Hast recht«, sagte sie. »Nur mit mir solltest du ein wenig anders werden und mich nicht gar so verdammen, weil ich dir gut bin.«

»Du bist mir eben nicht gut«, sagte er. »So eine Lieb' ist all'weil voller Falschheit. Siehst du, dem, der da liegt, bin ich gut. Ich hab' ihn zum Fressen gern, und es ist mir doch alles heilig an ihm. So was ist zwischen dir und mir nicht möglich. Wir sind immer falsch, wenn wir sagen, wir sind und gut -- denn wir möchten uns fressen. Aber du hast die Schuld, dass es vorgestern gar schon bis zu dem Bussl gekommen ist, ja du. Ich kann mir's freilich auch nie verzeihen -- mein Lebtag hab' ich nie etwas so bereut. Dass ich die deinen hab' verwerfen wollen, das ist dagegen gar nichts, dazu hat alles in mir getrieben. Aber das Bussl war so recht wie das heimliche Laster, man hat das Schändliche gefühlt dabei -- da, wo der in Ohnmacht liegt und wo die ernste Not jeden lästigen Gedanken so viel verbietet. Er mag dich freilich nimmer, hast du gesagt und ich glaub's auch. Wenn er wach wird, sag' ich es ihm auch gleich, wie schlecht wir waren…«

»Was?« sagte sie, »du willst…«

»Ja. Beichten will ich ihm.«

»Wenn dich nichts mehr bedrückt, als die Reue über diesen Kuss, zu dem uns in der vorgestrigen schrecklichen Fiebernacht mehr die gemeinsame Bangigkeit…«

»Hör' auf«, unterbrach er sie. »Du möchtest es jetzt anders machen, als es ist. Du hast keine Reu'. Aber ich fühle es, dass ich in meinem ganzen Leben nie so schwer gesündigt habe. ich fühle es ganz genau: das Bussl ist von allen meinen Untaten weitaus die sündhafteste. So wie es die anderen von mir wollen, fühle ich nie oder selten…«

»Ich auch nicht«, sage sie. »Und ich verzeihe mir den Kuss. Es ist der erste und vielleicht auch der letzte, zu dem ich einen Mann versuchte. Doch nein, du verführtest mich. Du ahnst nicht, wie du vorgestern warst -- es ging eine Macht von dir aus, die vielleicht stärkere Frauen schwach gemacht hätte. Aber mich fröstelt es jetzt -- ich will uns ein Frühstück kochen gehen und meinem Bruder in der Stube eine Stoß geben. Der schläft wie ein Gerechter, und das soll er nicht.« Sie ging leise hinaus. Und noch leiser erhob sich Festl hinter mir. Ich fühlte es förmlich, dass er mich ansah, schloss die Augen und stellte mich schlafend.

Dann spürte ich, wie er sein Gesicht an den Bettaufsatz legte und leise zu schluchzen anfing. Und ich hörte ihn beten: »Lieber Herrgott, mach ihn wach. Ich will an dich glauben, wenn du ihn erweckst. Du hast mir viel Unrecht getan, lieber Herr. Aber ich will dir verzeihen, wenn du ihn erweckst. Nur den einen gib mir, sonst nichts, nur den, und ich will dich anbeten.«

Ich hätte ihm nun gleich gerne einen rechten Verweis über den sündigen Teil seines Gebetes gegeben. Und hätte auch ihm zur Freude gleich gerne die Augen aufgetan. Aber vielleicht konnte ich noch erlauschen, wenn sie wiederkam. Jetzt kam jemand anderer. Ich erkannte seine Stimme. Es war William.

»Guten Morgen, Festl.« Ich wunderte mich, dass er so freundlich grüßen konnte. Ein Weilchen beugte er sich lauschen dicht über mich. Dann sagte er: »Der Atem geht leiser, leichter. Was bedeutet das?«

»Vielleicht, dass er bald gar zu leise werden wird.«

»Glauben Sie schon daran, Festl.«

Es kam keine Antwort.

»Also, sagen wir, er stirbt«, fuhr der andere fort. »Wie stellen Sie sich das Weitere vor?«

»Das ist wieder eine Frage, die Ihnen gleichsieht«, sagte Festl. »Sie meinen, alle Leute müssen sich früher etwas vorstellen als Sie. Wahr ist es freilich, dass Sie sich am allerschwersten etwas vorstellen können. Wenn Sie mich noch einmal so blöd und unklar fragen, kriegen Sie überhaupt keine Antwort mehr.«

»Sie nützen Ihre Macht über mich stark aus«, sagte William. »Nicht wahr, es ist süß für Sie, mit einem von uns so roh sein zu dürfen.«

»Ich habe und will keine Macht über Sie«, entgegnete Festl. »Geredet aber hätte ich mit Ihnen nie höflicher als jetzt.«

Ein Weilchen blieb es ganz still. »Sie wissen ganz gut, dass ich in Ihrer Macht bin«, fing William wieder an. »Sie könnten mich ja anzeigen, wenn er stirbt, obwohl das nicht klug von Ihnen wäre.«

»Weshalb nicht?«

»Weil Sie dann für das Fallenstellen auch bestraft würden.«

»Geben Sie mich nur an«, sagte Fest.

»Nein, ich tue es nicht«, sagte William. »Und Sie werden auch schweigen, nicht wahr?«

»Ich weiß noch nicht, was ich tue, wenn er stirbt«, antwortete Festl. »Vielleicht erschlage ich Sie dann auch.« Ich versage mir nichts, wozu mich mein Gefühl treibt. Das wissen Sie schon.«

»Ja«, sagte der andere. »Das haben Sie schon bewiesen. Aber an mein Recht, ihn zu schießen, das mir meine Ehre gab, glauben Sie nicht.«

»Nein«, antwortete Festl. »Gar nicht, noch weniger als Sie daran glauben, dass ich ein Recht habe, meinen Gefühlen zu folgen.«

»Aber Sie scheinen doch zu denken, dass jeder sein eigenes Recht hat, das man ihm lassen soll?«

»Nein«, sagte Festl. »Sie haben zum Beispiel gleich kein eigenes. Sie sind zu dumm, um ein eigenes zu haben. Das Ihre haben Sie sich nicht selbst gelehrt. Sie haben überhaupt Ihre ganze Einsicht von Menschen, welche dieselbe wieder von anderen haben, von einer Gesellschaft, in der eine eigene Einsicht verboten ist. Ihr könnt wenigstens mit Eurem erborgten Denken vor Euch selbst nicht zu schanden werden, weil Ihr kein eigenes Selbst habt. Für Euch sind auch Eure Gesetze gut. Und man soll Euch danach richten. Dann verklag' ich Sie vielleicht auch, wenn er stirbt…«

»Nein, das dürfen Sie nicht«, sagte William. »Ich weiß, Sie wollen es auch nicht. Es gefällt Ihnen jetzt nur, mich quälen zu können. Ich lass' mir ja auch alles von Ihnen gefallen. Nur verklagen dürfen Sie mich nicht. Sie machen ja auch Ihr Glück, wenn Sie schweigen.

Ich werde Sie dafür aus Ihrer Armut emporheben. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen gleich…«

»Behalten Sie Ihr Geld«, sagte Festl. »Und anders emporheben als mit dem können Sie mich nicht. Sie stehen nicht höher als ich. Es ist nun ein falsches Licht da auf der Welt, das die Menschenunterschiede verkehrt zeigt und den Besseren als den Schlechteren erscheinen lässt. Aber die Sehenden blendet dieses Licht nicht.

Dann redete wieder William: »Sie werden gewiss noch in eine Lage kommen, in der Sie von mir etwas brauchen. Jetzt nehmen Sie nichts und verachten mich. Vielleicht doch ein wenig zu Unrecht. Ich will mich nicht in Ihre Gunst einschmeicheln, Festl, aber ein wenig Mitleid könnten Sie doch mit mir haben.«

»Ihr Stolz lässt ja gewaltig nach«, sagte der andere.

»Ich glaube, Sie wollen es. Und Sie sollen es haben. Ja. Erbarmen Sie sich meiner, Festl. Sie wissen nicht, wie mir ist…«

Ich hörte ihn plötzlich schluchzen. Eine Weile blieb es auf das Schluchzen still. Dann glaubte ich es zu hören, wie er vor Festl niederfiel und wie ihn Festl aufhob. So ein plötzliches Weichwerden sah meinem rauen Freunde nun wieder recht gleich.

»Ich will Sie nicht verklagen«, sagte er. »Und auch erschlagen will ich Sie nicht. Wer bittet, der soll erhört werden. Bitten ist hart und umsonst bitten himmelschreiend.«

Der andere schluchzte noch immer. Dann hörte ich Camilla kommen und auch gleich reden. »Oho«, sagte sie. »Ihr seid gut geworden? Ihr? Du hast ihm verziehen, Festl…?«

»Ja.«

»Diesem wilden Tiere? Das du, wie mir schien, noch bis jetzt hättest vernichten mögen…«

»Dann wäre ich ja auch wieder eines«, sagte Festl. Und ich will keines mehr sein. Ich glaube, ich tu' auch in dem Sinne dessen, der da liegt, wenn ich keines mehr werde.«

»Das ist ja schön von dir«, sagte sie. »Ich kann ihm nicht verzeihen. Ohne seine Tollheit wäre alles gut geworden, alles…«

»Sei still«, sagte ihr William. »Ohne mich hättest du dir noch weiß Gott wie lange eingebildet, dass er dich mag. Übrigens bist du immer für die Sünder eingetreten. Die Unberechenbaren brachten sich dir durch ihre Fehler menschlich näher als jemals ein Gewöhnlicher. Du warst ja immer ganz groß im Begreifen und Verzeihen fremder Sünden. Ich glaube, gerade durch den Trieb zur Betätigung deiner Menschlichkeit bist du dazu gekommen, dich in den Einsiedel zu verlieben. Und deine, wie ich sah, schon ganz nahe Freundschaft zu Festl hat wohl auch so einen Grund. Also, du schwärmst für Gewaltmenschen. Nur mir nimmst du die ehrenrechtlich so gut begründete Gewalttat für übel.«

»Ja«, sagte sie einfach. »Ich helfe denen, welchen jene öffentliche Meinung, nach deren Begriffen du schießest, nicht helfen kann. Daher kommt es, dass ich ein sogenanntes gemeines Verbrechen minder verdamme als dein letztes…«

»Ich lasst mich von dir willig schmähen«, sagte er nach einer Weile. »Wenn du nur, im Falle er noch aufwacht, so viel von ihm erbittest, dass er verschweigt, was da geschah…«

»Du bitte dann nur selber«, sagte sie. Dann hörte ich sie hinausgehen.

»Über das eine kann ich Sie beruhigen«, sagt nun Festl zu William. »Er wird Ihnen verzeihen. Er wird sie nicht einsperren lassen, wie Sie ihn einsperren lassen wollten. Ich bin es ihm wohl schuldig, dass ich Ihnen diese gute Wahrheit sage. Er ist nicht für das Strafen. Aber bitten werden Sie ihn doch müssen…«

»Das wird schwer gehen«, sagte William.

»Wäre es Ihnen vielleicht lieber gar, wenn er nimmer erwachte?« fragte Festl.

Darauf kam keine Antwort.

»Ich sehe, es wäre Ihnen lieber«, sagte dann Festl. »Leugnen Sie es nicht mehr.«

»Und wenn ich es Ihnen zugestehe?« fragte William. »Was dann? Würden Sie mich ihm dann verraten?«

»Das Verraten ist nicht gerade meine Weise. Aber ich habe jetzt mein Bild von Ihnen.«

»Und sind empört über mich.«

»Empörung steht mir auch nicht recht zu…«

»Also geben Sie mir recht? Können Sie sich in meine Lage denken?«

»Das, glaub' ich, ist nicht schwer.«

Es entstand wieder eine kurze Stille. Dann fing William wieder an. »Ich verstehe Sie nicht recht. Aber, es scheint mir fast, als ob Sie nun doch mein Freund werden möchten…«

»Könnte ich denn das werden?« Die Frage klang verwunderungsvoll. Und so mochte sie auch William erscheinen. Aber ich glaubte trotzdem viel Spott in ihr zu hören.

»Wenn Sie wollen«, antwortete William in einem sehr bewegten Tone. Ich hätte nicht geglaubt, dass er imstande war, so viel Weichheit zu heucheln. Wo er mit Festl hinaus wollte, dachte ich mir ungefähr. Wo aber dieser mit ihm hinaus wollte, das durchsah ich weniger.

»Aber Sie wollen ja doch nicht mein Freund werden«, fuhr William fort. »Sie rächen sich nun trotz Ihrer Güte -- für meinen Stolz mit einem noch ärgeren -- ich weiß es.«

»Tun Sie nur nicht gekränkt darüber«, sagte Festl. »Lassen Sie uns ganz ehrlich sein.«

»Gut. So fangen Sie damit an…«

»Es wäre Ihnen am liebsten, wenn er nicht mehr erwacht«, sagte Festl. »Sie wollen nicht bitten. Er ist einer der Menschen, vor denen Sie Ihren ganzen Stolz bewahren möchten, nicht wahr?«

»Ja«, sagte William. Das Letztere will ich eingestehen. Ich hasse ihn.«

»Das dachte ich mir«, sagte Festl. »Und nicht wahr, wenn es ginge, möchten Sie mich nun zu etwas überreden? Wenn Sie wüssten, dass ich mit einem Lohn zu etwas Gewissem zu locken wäre.« Festl redete in einem Tone, als ob er doch gerne an irgendeinen Lohn dächte.

»Ich weiß es, Sie wären mit keinem Lohne zu jenem Gewissen zu verlocken«, sagte William.

»Nun, vielleicht doch!« hörte ich Festl.

»Wäre es möglich? Was möchten Sie? Ich will fragen: ‚Was verlangen Sie?'«

»Viel und wenig«, entgegnete Festl. »Diesen Berg möchte ich dafür. Da gefiele es mir. Aber das geht nicht. Was meinen Sie?«

»Was geht nicht?« fragte William. »Ihm das Leiden…«, er sprach nicht weiter.

»Abzukürzen«, ergänzte Festl… »Ja, das ginge wohl.«

»Wie meinen Sie?«

»Wie Sie…?«

»Lassen Sie uns davon später reden.«

»Gut«, sagte Festl. »Ich wollte also sagen, dass sich dann doch nach seinem Tode ein Testament finden müsste, das mich -- nicht wahr?«

»Allerdings«, sagte William.

»Aber wer würde so ein Testament verfertigen?« fragte Festl. »Ich bin ein zu ungeübter Schreiber.«

»Nun, ich würde das machen«, sagte William beruhigend.

»Wirklich? Könnten Sie das?«

»Das wäre doch keine Kunst«, entgegnete William.

»Und möchte man an die Echtheit des Testaments glauben?« fragte Festl.

»Warum nicht? Der Einsiedel hatte keinen Freund. Sie konnten zuletzt gar leicht sein einziger Mensch gewesen sein…«

»Das freilich. Aber das Testament müsste doch wie von seiner Hand geschrieben aussehen.«

»Kennt jemand meine Handschrift? Ich glaube kaum, dass er hier jemals an einen Menschen schrieb«, meinte William. »Und alles von seiner Hand Geschriebene, das hier im Hause auffindbar ist, müsste vernichtet werden.«

»Wären Sie denn das wirklich alles für Ihren Stolz imstande?« fragte Festl.

»Und Sie?« fragte William dagegen. »Wären Sie das für den Berg imstande?«

»Sagen Sie zuerst ja«, forderte Festl.

»Nein, das müssten Sie zuerst sagen«, entgegnete William.

»Ich muss vor allem noch eines wissen«, sprach Festl. »Wie möchten Sie das mit ihm machen, ohne dass jemand -- auch ihre Schwester -- eine Ahnung kriegen könnte…?«

»Das ist doch so leicht«, sagte William. »Ich habe da eine lange Nadel…«

»Ah, Sie haben sich schon vorgesehen…?!«

»Nein, nein, ich habe das Ding zufällig bei mir -- aber…«

»Aber…«

»Sie müssten das machen…«

»Müsste ich…?« hörte ich nun Festl in einem fast ganz lauten, grimmig lachenden Tone sagen. »Müsste ich? Da, du stolzer Herr -- nimm das für deine Meinung von mir…«

»Ich hörte einen dumpfen, schweren Schlag. Festl hatte den anderen mit der Faust auf den Kopf geschlagen. Das konnte schlimm ausgehen. Die Faust meines Freundes war gar stark. Ich fuhr im Bette auf.

William lag längelang besinnungslos auf dem Fußboden.

»Du bist aber grob«, sagte ich zunächst zu Festl.

Aber der hatte nun auch schon vergessen, was er tat. wie vor einem plötzlichen Gotteswunder fiel er zunächst auf die Knie. Dann raffte er sich auf und fiel jubelnd und weinend über mich her.

»Ich hab' geglaubt, du willst mich nicht fressen?« fragte ich, auf das zurückkommend, was er früher zu Camilla gesagt hatte.

Jetzt lief er aber auch schon zu ihr hinaus: »Er ist wach! Er ist wach!«

Sie kam. »Und der?« sagte sie. »Was ist mit dem geschehen?«

Festl gab ihr keine Antwort. Er lief in die Küche, um für mich die schon vorgesehene Kräftigung zu holen.

Camilla blieb nun zunächst vor ihrem Bruder stehen. Dann kniete sie vor ihm nieder und begann ihn nach dem zu untersuchen, was ihm geschehen war. Sie hatte in dem Schrecken über ihn mein Erwachen vergessen. Und ich fand das recht. So gehörte es sich. Festl kam mit der Suppe.

Eine Hand legte er unter meine Kissen und hob mich mit unendlich zarter Behutsamkeit ein wenig hoch. Mit der anderen Hand gab er mir löffelweise die Kraftbrühe ein. Und seine Augen beteten dabei heiß und innig.

»Ist er denn aus Freude ohnmächtig geworden?« fragte Camilla nach einem Weilchen. Sie hatte ja keine Verletzung an ihrem Bruder gefunden.

Festl wollte ihr über die Achsel hin etwas, wie mir schien, Ungutes antworten. Aber ich sah ihn an, und da verstand er mich auch gleich.

»Ja, auf Freude«, sagte ich seinerstatt. Dann kam Camilla auch zu mir. Es blieb ihr neben Festl nicht viel Platz an meinem Bette…

Sie sagte zunächst nichts. Wir sahen uns nur stumm an. Es war ihr von Herzen recht, dass ich aufwachte. So viel erkannte ich. Aber von dem himmelaufjauchzenden Glücke meines Freundes war nichts in ihrem Gesichte.

»Jetzt werden Sie gesund werden«, sagte sie dann.

»Ja. Ich fühle es.«

»Und verzeihen«, fuhr sie fort.

»Das ist schon geschehen…«

»Auch ihm verzeihen…«

»Haben Sie denn sonst jemand gemeint?« fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf und sah dann flüchtig Festl an.

Der wollte lächeln und ihr etwas sagen. Ich glaube gar, er wollte es ihr verraten, dass ich gehorcht hatte…

Aber ich verbot ihm das mit einem Blicke. Er verstand mich gleich wieder und schwieg.

»Kann ich jetzt helfen?« fragte sie mich nach einer Weile ruhig und ernst.

»Wissen Sie denn, wohin Sie jetzt gehen sollen?« fragte ich.

Sie nickte. »Ja. Ich gehe wieder zu den Meinen.«

Damit war ich einverstanden.

»Den Dank für Ihre schwere Wacht muss ich ihnen schuldig bleiben«, sagte ich.

»Sie zahlen dafür genug, wenn Sie nur schweigen«, sagte sie.

»O nein. Das kostet mich keine Mühe. Was mir Schlimmes geschah, verschweige ich gerne. Aber für das Gute möchte ich danken können.«

Sie deutete nach Festl. »An dem sollen Sie Gutes tun.«

Und ich nickte.

Dann befahl ich ihm aber, William aufzuheben. Er tat es. Dann labten ihn die beiden nach meiner Anweisung.

Und er erwachte nach einer Stunde aus seiner Ohnmacht.

Aber es war ihm etwas Böses geschehen. Ich erkannte es gleich. Festl hatte ihn -- blöd geschlagen. Gleich nach seinem Erwachen redete er irre. Und er kam nicht mehr zu seinem früheren Verstande.

Aus dem hübschen, volllebendigen jungen Manne ward ein erbärmlicher, seiner Sinne vergessener Tölpel. Ich hatte recht mit mir zu tun, um Festl das verzeihen zu können. Aber man muss immer verzeihen können und alles. Erst, wenn man das kann, fängt man ein wenig an, Mensch zu sein.

Ich wurde gesund. William nimmer. Es tat mir wirklich ehrlich leid um ihn.

Meinem Freunde Festl aber nie. Der behauptete, dass niemals etwas Gutes an William war und dass auch niemals etwas solches in sein Herz kommen konnte.

Aber darf ein Mensch so viel behaupten? Vielleicht wäre William unter Guten auch gut geworden.

Im Übrigen brachten es Festl und ich zu einer ziemlich gleichen Erkenntnis und zu dem Glücke, das wir wollten. Um Ruhe auf unserem Berge war uns am meisten zu tun.

Und die fanden wir.

Wir fanden diese Ruhe aber nicht vielleicht deshalb, weil wir alle abwiesen, die da zu uns kamen und etwas wollten. Auf diese Art wäre uns zwei kein Frieden gekommen. Er kam zu uns, weil wir uns bestrebten, allen gerecht zu werden, die uns suchten.

Der Mensch kann durch sich allein nicht zu sich selbst kommen.

Er kann das nur durch seine Mitmenschen. Und wohl dem, der durch die anderen zu sich selbst gekommen ist…

Ende.

 << Kapitel 1 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.